Einleitung
Hochbahnsteige sind ein zentraler Bestandteil moderner öffentlicher Verkehrssysteme, insbesondere im Bereich der Stadtbahnen. Sie ermöglichen einen barrierefreien Einstieg in die Fahrzeuge und erhöhen die Effizienz des Fahrgastwechsels. In Deutschland wird jedoch ein erheblicher Teil der Hochbahnsteige sanierungsbedürftig, was auf verschiedene Faktoren wie Alter, Materialverschleiß und Konstruktionsmängel zurückzuführen ist. Der vorliegende Artikel untersucht die technischen Anforderungen, Vergabeverfahren und spezifischen Herausforderungen bei der Sanierung von Hochbahnsteigen anhand aktueller Ausschreibungsprojekte in Deutschland.
Technische Anforderungen an Hochbahnsteige
Die Sanierung und der Neubau von Hochbahnsteigen unterliegen strengen technischen Spezifikationen, die Sicherheit, Barrierefreiheit und Langlebigkeit gewährleisten sollen. Aus den vorliegenden Ausschreibungsunterlagen lassen sich wesentliche technische Anforderungen ableiten.
Konstruktive Merkmale
Moderne Hochbahnsteige werden typischerweise aus Betonfertigteilen errichtet. Ein Beispiel aus der Ausschreibung für den Hochbahnsteig Meerbusch Hoterheide spezifiziert eine Länge von 70 Metern und eine Höhe von 95 Zentimetern über Schienenoberkante. Diese Abmessungen entsprechen den gängigen Standards für einen barrierefreien Zugang zu den Fahrzeugen der Stadtbahn.
Entwässerungssysteme
Ein wesentliches Merkmal moderner Hochbahnsteige ist die integrierte Entwässerung. Ein entscheidender Mangel bestehender Anlagen ist die fehlende geführte Entwässerung und der fehlende Anschluss an das öffentliche Entwässerungssystem. Zukünftige Projekte sehen vor, Niederschlagswasser auf dem Bahnsteig zu fassen und über eine Sammelleitung sowie einen Stauraumkanal an die städtische Kanalisation anzuschließen. Diese Maßnahme ist sowohl für den Betrieb als auch für den Schutz der Bausubstanz von entscheidender Bedeutung.
Materialanforderungen
Die verwendeten Materialien müssen hohe Anforderungen an Haltbarkeit und Widerstandsfähigkeit erfüllen. In den Ausschreibungen werden konkret Betonfertigteile nach ZTV-Ing (Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen für Ingenieurbauten) als Baumaterial vorgegeben. Diese Vorschriften gewährleisten eine einheitliche und qualitativ hochwertige Ausführung.
Vergabeverfahren für Hochbahnsteig-Sanierungen
Die Ausschreibungen für Hochbahnsteig-Sanierungen folgen in der Regel festgelegten Vergabeverfahren, die Transparenz und Chancengleichheit für alle Bieter sicherstellen sollen.
Verfahrensarten
Die analysierten Ausschreibungen nutzen ausschließlich offene Verfahren nach VOL/A (Verordnung über die Vergabe öffentlicher Liefer- und Aufträge) bzw. VOB/A (Verordnung über die Vergabe öffentlicher Bauaufträge). Diese Verfahren sind für öffentliche Auftraggeber verpflichtend und gewährleisten eine transparente und diskriminierungsfreie Vergabe.
Bewertungskriterien
Die Auswahl der Auftragnehmer erfolgt anhand klar definierter Kriterien. Ein wesentliches Kriterium ist die Nachweis vergleichbarer Referenzprojekte. Für die Ausschreibung Meerbusch Hoterheide wird beispielsweise gefordert, dass die Mindestbedingungen innerhalb der letzten fünf Jahre nachgewiesen wurden, wobei das Abnahmedatum als Referenzzeitpunkt dient. Die Bewerber müssen Angaben über die Ausführung von Leistungen in den letzten drei abgeschlossenen Geschäftsjahren machen, die mit der zu vergebenden Leistung vergleichbar sind.
Losaufteilung
In einigen Fällen werden die Ausschreibungen in Lose unterteilt. Bei der Ausschreibung für den Neubau einer Rampe und die Sanierung der Bahnsteige in Großburgwedel wurde beispielsweise ein Hauptlos für die gesamte Bauleistung ausgeschrieben. Diese Aufteilung ermöglicht eine gezielte Vergabe an spezialisierte Unternehmen für bestimmte Gewerke.
Fallstudien: Hochbahnsteig-Sanierungen in Deutschland
Ausschreibung Großburgwedel
Das Projekt in Großburgwedel umfasst den Neubau einer Rampe an Gleis 1 sowie die Sanierung der Bahnsteige an Gleis 1 und 2 am Flugplatz Großburgwedel (FABB). Die Maßnahmen beinhalten die Erneuerung der Bahnsteigbeläge und die Ausstattung der Bahnsteige. Die Ausschreibung wurde als offenes Verfahren nach VOB/A durchgeführt. Der Zeitplan für dieses Projekt sieht einen Bekanntmachungszeitraum vom 18. November 2025 bis zum 8. Januar 2026 vor, mit einer Abgabefrist für Angebote am 8. Januar 2026.
Projekt Stuttgart
In Stuttgart wurde die Sanierung eines Hochbahnsteigs an die Firma RAILBETON HAAS KG vergeben. Das Projekt wurde als offenes Verfahren nach VOL/A ausgeschrieben. Die Ausführungszeitraum erstreckte sich vom 1. Mai 2022 bis zum 1. August 2022. Auftraggeber war die Stüttgarter Straßenbahnen AG, Zentrale kaufmännische Services, Einkauf Bau. Die genaue Auftragssumme wurde in den Dokumenten nicht angegeben.
Projekt Hannover Kabelkamp
In Hannover wird die Haltestelle "Kabelkamp" bis Ende 2026 barrierefrei ausgebaut und mit Hochbahnsteigen ausgestattet. Die Ausschreibung (Kennung: f8da8d52-d8d6-4d52-b8ba-1154d504e48a, interne Kennung: 120600-02) umfasst die Leistungen für Gleis-, Straßen-, Kabelschutzrohr- und Fahrleitungsbau, die im Zuge des barrierefreien Ausbaus notwendig sind. Der Erdbau für die Hochbahnsteige ist ebenfalls Bestandteil der Ausschreibung. Allerdings sind der Bau der Hochbahnsteige und die betriebstechnische Ausstattung nicht Teil dieser Ausschreibung. Das Projekt wird von Oktober 2025 bis März 2027 durchgeführt.
Projekt Meerbusch Hoterheide
Das Projekt in Meerbusch Hoterheide stellt eine der umfassendsten Sanierungsmaßnahmen dar. Der vorhandene Mittelbahnsteig aus dem Jahr 1998 weist gravierende Bauteilschäden in der tragenden Konstruktion auf, wodurch die Tragfähigkeit erheblich beeinträchtigt ist. Die Schäden sind so weit verbreitet, dass eine Teilsanierung nicht wirtschaftlich ist. Zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit wurden die einzelnen Bahnsteigplatten bereits durch eine temporäre Hilfskonstruktion aus Stahl unterbaut.
Die Sanierung umfasst folgende wesentliche Gewerke: - Hochbahnsteig mit einer Nutzlänge von 70 Metern und einer Höhe von 95 cm über Schienenoberkante aus Betonfertigteilen - Entwässerungskanalarbeiten - Asphaltbauarbeiten - Pflasterarbeiten - Gleisbauarbeiten - Kabeltiefbauarbeiten
Ein wesentlicher Aspekt des Projekts ist die Neugestaltung der Zugänge. Zukünftig erfolgt der Zugang nicht mehr aus der Mitte zwischen den Gleisen, sondern auf der Nordseite von der Straße "Am Schiefelberg" und auf der Südseite von der P+R-Anlage. Der Gleisbau erfolgt wie im Bestand auf der Strecke mit offenem Oberbau. Im Bereich der Fußgängerquerungen wird der Gleisbereich mit einem Bahnübergangssystem ausgeführt, wobei der Bereich des Bahnübergangs "Strümper Straße" als Dresdner Oberbau ausgeführt wird.
Besondere Herausforderungen ergeben sich aus der Zeitplanung. Ein großer Teil der Arbeiten muss in den NRW-Schulferien im Sommer 2026 ausgeführt werden. Zu diesem Zeitpunkt ist die Stadtbahnstrecke vollständig gesperrt und der Bahnübergang geschlossen. Zusätzlich zu dieser Sperrzeit sind zwei weitere Sperrwochenenden sowie die Einrichtung eines zeitweiligen eingleisigen Betriebs vorgesehen.
Bauabläufe und Zeitplanung
Die Sanierung von Hochbahnsteigen stellt aufgrund der notwendigen Sperrzeiten und der komplexen Logistik besondere Herausforderungen an die Planung und Durchführung.
Phasen der Bauausführung
Die Bauabläufe bei Hochbahnsteig-Sanierungen folgen in der Regel einem standardisierten Schema:
Vorbereitungsphase: In dieser Phase werden die Baustelle eingerichtet, die notwendigen Sperrzeiten koordiniert und die Materialien beschafft.
Rückbau: Der bestehende Bahnsteig einschließlich der provisorischen Hilfskonstruktion und der Aufbauten der Haltestellenausstattung wird zurückgebaut.
Grundbau: Es folgen die Erdarbeiten und die Herstellung der Entwässerungssysteme.
Tragwerksbau: Die Tragkonstruktion des Bahnsteigs wird errichtet, in der Regel aus Betonfertigteilen.
Oberbau: Die Gleisbauarbeiten und die Herstellung der Oberbauschichten aus Asphalt erfolgen.
Ausstattung: Die Installation der Haltestellenausstattung wie Beleuchtung, Beschilderung und Wetterschutz erfolgt.
Fertigstellung: Die Bauabnahme und die Freigabe für den Betrieb schließen die Arbeiten ab.
Zeitliche Koordination
Die zeitliche Planung muss verschiedene Faktoren berücksichtigen:
Verkehrsaufrechterhaltung: Die Minimierung der Beeinträchtigungen des öffentlichen Nahverkehrs ist ein wesentliches Ziel. In Meerbusch Hoterheide wird dies durch eine konzentrierte Bauausführung während der Schulferien erreicht.
Wetterabhängige Arbeiten: Arbeiten im Freien wie Asphalt- und Pflasterarbeiten sind wetterabhängig und müssen entsprechend geplant werden.
Lieferzeiten für Spezialmaterialien: Die Fertigung und Lieferung von Betonfertigteilen kann längere Vorlaufzeiten erfordern.
Koordinierung mit anderen Baumaßnahmen: In vielen Fällen finden parallel andere Arbeiten im Verkehrsraum statt, die koordiniert werden müssen.
Wirtschaftliche Aspekte
Die Sanierung von Hochbahnsteigen stellt erhebliche finanzielle Herausforderungen dar, die durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden.
Kostenstruktur
Die Kosten für Hochbahnsteig-Sanierungen setzen sich aus mehreren Komponenten zusammen:
Planungskosten: Die Kosten für Ingenieurleistungen, Ausschreibungen und Genehmigungen können bis zu 10-15 % der Gesamtkosten ausmachen.
Baukosten: Die Hauptkosten entfallen auf die Bauausführung, insbesondere auf:
- Betonfertigteile (ca. 30-40 % der Baukosten)
- Entwässerungssysteme
- Oberbauarbeiten
- Haltestellenausstattung
Kosten für die Verkehrssicherung: Die Einrichtung von Umleitungen und die Sicherung der Baustelle verursachen zusätzliche Kosten.
Kosten für die Betriebsunterbrechung: Die Einnahmeausfälle durch die Sperrung der Strecke sind indirekte Kosten, die in die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung einfließen.
Vergleich zwischen Sanierung und Neubau
Die Entscheidung zwischen Sanierung und Neubau hängt von verschiedenen Faktoren ab:
Zustand der Bausubstanz: Bei gravierenden Schäden in der tragenden Konstruktion, wie in Meerbusch Hoterheide, ist ein Neubau wirtschaftlicher.
Normenänderungen: Wenn sich die technischen Anforderungen geändert haben, kann ein Neubau notwendig sein, um die neuen Standards zu erfüllen.
Änderungsbedarf: Wenn Änderungen in der Anordnung oder Ausstattung erforderlich sind, ist ein Neubau oft sinnvoller.
Restnutzungsdauer: Die Restnutzungsdauer des Bestands ist ein wesentlicher Faktor in der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung.
Fazit
Die Sanierung von Hochbahnsteigen in Deutschland ist ein komplexes Vorhaben, das technisches Know-how, sorgfältige Planung und effiziente Durchführung erfordert. Die analysierten Ausschreibungen zeigen, dass die Projekte hohen Qualitätsstandards unterliegen und strenge Anforderungen an Materialien, Ausführung und Sicherheit erfüllen müssen.
Ein wesentlicher Aspekt ist die barrierefreie Gestaltung der Hochbahnsteige, die nicht nur den Zugang für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen verbessert, sondern auch die Effizienz des Fahrgastwechsels erhöht. Die Verwendung von Betonfertigteilen nach ZTV-Ing stellt sicher, dass hohe Qualitätsstandards eingehalten werden.
Die Vergabeverfahren folgen den gesetzlichen Vorgaben für öffentliche Aufträge und gewährleisten eine transparente und diskriminierungsfreie Vergabe. Die Bewertungskriterien legen besonderen Wert auf die Referenzen der Bieter und deren Erfahrung in der Ausführung vergleichbarer Projekte.
Die Bauausführung stellt besondere Herausforderungen dar, da in der Regel Verkehrseinschränkungen notwendig sind. Die Konzentration der Arbeiten in Schulferien oder an Wochenenden minimiert die Beeinträchtigungen für die Fahrgäste, erfordert jedoch eine präzise Planung und Koordination.
Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zeigt, dass bei gravierenden Schäden ein Neubau oft wirtschaftlicher ist als eine Teilsanierung. Die Entscheidung hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab und muss im Einzelfall sorgfältig geprüft werden.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Sanierung von Hochbahnsteigen eine wichtige Investition in die Infrastruktur des öffentlichen Nahverkehrs darstellt, die nicht nur die Sicherheit und Barrierefreiheit verbessert, sondern auch die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs erhöht.