Die Sanierung städtischer Wohngebiete ist ein komplexes und vielschichtiges Thema, das nicht nur architektonische und bautechnische Herausforderungen beinhaltet, sondern auch gesellschaftliche, soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt. Eine besondere Rolle in diesem Kontext spielt die Architektin Barbara Brakenhoff, insbesondere durch ihr Engagement in Berlin-Kreuzberg. In diesem Artikel wird das Werk von Brakenhoff im Kontext der Sanierung in Kreuzberg analysiert, mit einem Fokus auf das Projekt Beginenhof, das sich als herausragendes Beispiel sozialer Architektur in der Stadt etabliert hat.
Barbara Brakenhoff: Architektin im Fokus der sozialen Stadtplanung
Barbara Brakenhoff ist eine in Leipzig ansässige Architektin, die sich in ihrer Arbeit auf das Konzept der sozialen Architektur konzentriert. Sie studierte Architektur und Stadtplanung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und war zwischen 1997 und 2006 als Architektin und Geschäftsführerin in der Hamburger Planungsgruppe Prof. Laage (PPL) tätig. Seit 2006 leitet sie ihr eigenes Büro unter dem Namen PPL – Barbara Brakenhoff. Brakenhoff ist Mitglied in verschiedenen Verbänden und hat ehrenamtliche Tätigkeiten in Planungsbeiräten übernommen, unter anderem im Rahmen der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn und der IBA-Projekte in Sindelfingen.
Ihr Arbeitsfokus liegt auf Projekten, die soziale und architektonische Aspekte miteinander verbinden. So bezeichnet sie selbst ihre Arbeit als „Soziale Architektur“, bei der das Zusammenspiel zwischen individueller Freiheit und sozialer Verantwortung im Vordergrund steht. Ihre Projekte sind oft in städtischen Kontexten angesiedelt, wo sie nach Lösungen suchen, die sowohl funktionale als auch emotionale Bedürfnisse der Bewohner*innen adressieren.
Beginenhof – ein Modell für soziales Wohnen in Berlin
Eines der bekanntesten Projekte von Barbara Brakenhoff ist der Beginenhof in Berlin-Kreuzberg, ein Wohnprojekt, das sich speziell für Frauen richten sollte und 2007 bezugsfertig wurde. Das Projekt war Teil eines breiteren Diskurses über alternative Wohnformen, insbesondere in städtischen Umgebungen, und wurde von der Politikerin und Aktivistin Jutta Kämper initiiert. Kämper sah in dem Projekt eine Möglichkeit, nicht nur eine neue Form des Wohneigentums zu schaffen, sondern auch soziale Beziehungen neu zu denken.
Konzeptionelle Grundlagen des Beginenhofs
Der Beginenhof entstand nach einem Wettbewerbsentwurf von Brakenhoff, der 2002 gegen vier weitere eingeladene Büros gewonnen wurde. Brakenhoff stellte in ihrem Konzept den Gedanken des „Wohnens im 21. Jahrhundert“ in den Mittelpunkt. Der Fokus lag auf der Vermittlung zwischen Individuum und Gemeinschaft. Ein zentraler Aspekt war die frühzeitige Beteiligung der zukünftigen Bewohnerinnen, was Brakenhoff als unverzichtbare Voraussetzung für das Projekt ansah.
Ein weiterer Punkt, den sie besonders betonte, war, dass die besondere Nutzung des Gebäudes in der Form und Gestaltung sichtbar sein sollte. Dies spiegelt sich auch in der Architektur wider, die sowohl individuelle Freiheit als auch soziale Beziehungen unterstützt.
Architektur und Funktion
Der Beginenhof ist ein siebenstöckiges Gebäude, das im Erkelenzdamm in Berlin-Kreuzberg errichtet wurde. Es bietet insgesamt 53 Eigentumswohnungen in verschiedenen Größen, zwei Gästewohnungen und eine Vielzahl von Gemeinschaftsräumen. Die Wohnungen sind so gestaltet, dass jede Einheit individuelle Anpassungen möglich macht. Bewohnerinnen konnten beispielsweise die Grundrisse nach ihren Wünschen verändern, was die individuelle Gestaltungsfreiheit stärkte.
Die Fassade des Beginenhofs ist ein weiteres charakteristisches Merkmal. Sie weist eine geschwungene Form auf, wobei jede Wohnung über eine Terrasse oder Loggia verfügt. Diese Formgebung verleiht dem Gebäude einen leichten und dynamischen Charakter, der sich von der eher sachlichen Architektur vieler Berliner Wohnbauten unterscheidet. Im Gegensatz dazu ist die Rückseite des Gebäudes schlichter und funktionaler gestaltet, was als Anpassung an die lokalen städtebaulichen Kontexte interpretiert werden kann.
Gemeinschaft und soziale Struktur
Ein zentraler Aspekt des Beginenhofs ist die Schaffung von Gemeinschaftsraum. Im Erdgeschoss und auf dem Dach befinden sich Räume, die für gemeinschaftliche Aktivitäten genutzt werden können. Dazu zählen beispielsweise Tanzkurse, monatliche Treffen („Jour fixe“), ein Gemeinschaftsraum und eine große holzgedeckte Terrasse, die als Treffpunkt für die Bewohnerinnen dient. Zudem gibt es ein Gästezimmer, das für Besucher zur Verfügung steht.
Die Wohngruppen im Beginenhof bestehen jeweils aus vier Frauen, die sich einen Laubengang teilen. Dies schafft eine Balance zwischen individueller Privatsphäre und sozialem Zusammenhalt. Die Wohnform ist daher sowohl als eine Alternative zum traditionellen Wohneigentum als auch als Modell für alternativen, sozialen Wohnraum zu verstehen.
Sanierung in Kreuzberg: Kontext und Herausforderungen
Der Beginenhof ist Teil eines größeren Diskurses über die Sanierung in Berlin-Kreuzberg, der in den späten 1970er- und 1980er-Jahren begonnen hatte. In dieser Zeit wurde in Kreuzberg ein Programm der „behutsamen Stadterneuerung“ umgesetzt, das darauf abzielte, soziale Ungleichheit zu reduzieren und gleichzeitig den städtebaulichen Zustand der Wohngebiete zu verbessern.
Barbara Brakenhoff selbst hat sich in diesem Kontext mit Fragen der Sanierung beschäftigt. In einem Text, der im Kontext der Kreuzberger Hefte IX erschienen ist, thematisiert sie die „Sanierung in Kreuzberg“ und formuliert 12 Grundsätze für eine behutsame Stadterneuerung. Diese Grundsätze beziehen sich auf Aspekte wie die Beteiligung der Bewohner*innen, die Erhaltung sozialer Strukturen und die Integration von kultureller und sozialer Vielfalt in die städtebauliche Planung.
Ein weiterer Fokus ihrer Arbeit in diesem Bereich war die Betrachtung des Verhältnisses zwischen Sozialplanung und Stadtplanung. Brakenhoff kritisiert in ihren Texten, dass Sozialplanung oft in Form von „Sozialromantik“ verstanden wird, anstatt als eine systematische Planung, die soziale Nutzung und soziale Sicherheit im urbanen Raum gewährleistet.
Kritische Perspektiven und Herausforderungen
Trotz der positiven Resonanz, die der Beginenhof in der Öffentlichkeit und in der Fachwelt gefunden hat, gab es auch kritische Diskussionen. So berichten einige Berichte, dass es in den Anfangsjahren des Projekts zwischen den Bewohnerinnen zu Konflikten kam. Dies unterstreicht die Komplexität sozialer Wohnprojekte, in denen individuelle Vorstellungen und kollektive Strukturen oft nicht leicht miteinander zu vereinbaren sind.
Zudem ist die rechtliche Struktur des Projekts bemerkenswert. Statt einer Genossenschaft, wie ursprünglich geplant, wurde der Verein Beginenwerk e.V. gegründet, um die besonderen Anforderungen des Wohneigentums zu berücksichtigen. Diese Lösung war für die Umsetzung des Projekts von zentraler Bedeutung.
Ausblick: Soziale Architektur und städtische Zukunft
Barbara Brakenhoff hat mit dem Beginenhof und anderen Projekten gezeigt, wie Architektur einen Beitrag zur Entwicklung sozialer, flexibler und nachhaltiger Wohnformen leisten kann. Ihre Arbeit ist Teil eines breiteren Trends, der in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewonnen hat: die Suche nach Alternativen zum klassischen Wohnmodell, insbesondere in städtischen Umgebungen, in denen die soziale und ökologische Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle spielt.
Doch auch die Zukunft der sozialen Architektur und alternativen Wohnformen ist nicht ohne Herausforderungen. Die steigenden Miet- und Kaufpreise, die zunehmende Spekulation mit städtischem Raum und die damit verbundenen sozialen Konflikte machen es notwendig, neue Modelle zu entwickeln, die sowohl wirtschaftlich als auch sozial tragfähig sind.
Fazit
Barbara Brakenhoff hat sich in ihrer Arbeit als Architektin und Stadtplanerin auf die Verbindung zwischen sozialer und architektonischer Planung konzentriert. Ihr Projekt Beginenhof in Berlin-Kreuzberg ist ein Beispiel dafür, wie Architektur nicht nur funktional, sondern auch sozial verantwortlich gestaltet werden kann. Es ist ein Modell für eine Form des Wohneigentums, die individuelle Freiheit und soziale Verbindungen miteinander verbindet.
Die Sanierung in Kreuzberg, in der das Projekt angesiedelt ist, war und ist ein spannendes Labor für alternative Wohnformen. Brakenhoffs Arbeit zeigt, dass Architektur nicht nur eine ästhetische oder funktionale Aufgabe hat, sondern auch gesellschaftliche, politische und ökologische Dimensionen beinhaltet. In einer Zeit, in der Städte immer mehr zu Räumen der Konkurrenz und Exklusion werden, bietet die soziale Architektur, wie sie Brakenhoff vertritt, eine wichtige Alternative.
Quellen
- Barbara Brakenhoff und Jutta Kämper, Vom Umgang mit einem Ärgernis. Frauenblicke auf Stadtveränderung
- Berliner Beginenhof fertig – Architekturmeldung
- Beginenhof – Frauenwohnprojekt in Berlin-Kreuzberg
- Beginenhof-Kreuzberg – Impressum und weitere Projektinformationen
- Nach-eigener-Fasson – Frauenwohnen in Berlin
- Barbara Brakenhoff – Profil bei planerinnen-in-sachsen.de
- Beginenhof (Neubau) – Architektur und Planung