Herausforderungen und Handlungsempfehlungen für die energetische Sanierung in Deutschland – Ausblick auf den Sanierungsfahrplan 2023

Einleitung

Die energetische Sanierung von Wohngebäuden in Deutschland hat sich in den letzten Jahren als entscheidender Hebel zur Erreichung der Klimaschutzziele erwiesen. Allerdings stagniert die Sanierungsrate weit unter dem erforderlichen Niveau. Laut einer Studie der Deutschen Immobilien-Akademie (DIA) und des CRES (Center for Real Estate Studies) bleibt sie mit jährlich etwa einem Prozent weit hinter dem erforderlichen Tempo zurück, das für die mittel- und langfristigen Energieeinsparziele nötig wäre. Gleichzeitig hat die Politik mit dem Koalitionsvertrag und dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) erste Weichen gestellt, um den Weg zur klimaneutralen Gebäudebestandsmodernisierung zu beschleunigen.

Diese Herausforderungen und Lösungsansätze sind Gegenstand der vorliegenden Analyse, wobei ein Fokus auf die aktuelle Studie des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) liegt. Der BEE hat Ende Januar 2023 eine aktualisierte Version seines Papieres „Maßnahmenvorschläge zur Beschleunigung der Wärmewende und des Klimaschutzes“ vorgelegt. In diesem Dokument werden konkrete Handlungsempfehlungen formuliert, um die Sanierungsspitze anzuschieben und den Weg zu einer klimaneutralen Gebäudehülle zu ebnen. Zudem sind Ergebnisse von Studien der Prognos AG, des ifu (Institut für urbansche Forschung und Umlandplanung) und der Agora Energiewende einfließend, um einen umfassenden Überblick über den Stand der Sanierungsfrage in Deutschland zu geben.

Aktuelle Herausforderungen im Sanierungssektor

Stagnierende Sanierungsrate

Laut der DIA-Studie stagniert die energetische Sanierung im Gebäudebestand Deutschlands. Der jährliche Sanierungsaufkommen liegt bei ca. einem Prozent der Gesamtfläche, was weit unter den Anforderungen zur Erreichung der Klimaschutzziele bleibt. Die Studie betont, dass dieser Mangel an Fortschritt auf mehrere Faktoren zurückzuführen ist: mangelnde Transparenz, unzureichende Förderprogramme, bürokratische Hürden und fehlende Wissensvermittlung an die Eigentümer.

Ein weiteres Problem ist, dass viele Eigentümer die Kosten der Sanierung nicht transparent genug erfassen. Die Prognos-Studie zeigt, dass die Wirtschaftlichkeit von Sanierungsmaßnahmen an Einfamilienhäusern meist schneller amortisiert als bei Mehrfamilienhäusern. Dies legt den Verdacht nahe, dass die Anreize für die Sanierung von Altbauten insbesondere im Bereich der Mietwohnungen noch unzureichend ausgebaut sind.

Fehlende Transparenz im Sanierungsprozess

Ein zentraler Kritikpunkt aus der Studie des BEE ist, dass die Kosten der Energetischen Treibhausgasminderung (ETS) in der Heizkostenabrechnung oft nicht transparent ausgewiesen werden. Dies erschwert den Eigentümern, die langfristigen Vorteile einer Sanierung zu erkennen. Der BEE fordert daher eine klare und gesetzlich geregelte Transparenz der ETS-Kosten in Heizkostenabrechnungen. Dies gilt insbesondere für Gebäude, die mit fossiler Fernwärme beheizt werden.

Komplexität der Sanierungsprojekte

Sanierungsmaßnahmen sind in der Praxis oft aufwendig und langwierig. Laut der ifu-Studie zu den Einflussfaktoren auf die Sanierung im deutschen Wohngebäudebestand sind neben ökonomischen auch nicht-ökonomische Faktoren entscheidend. Dazu zählen beispielsweise die persönliche Lebenssituation des Eigentümers, der Grad der Wohnqualität oder der Mangel an Planungskompetenz. Der Entscheidungsprozess wird zudem durch die Komplexität des Sanierungsprozesses erschwert, der oft mit Planung, Förderantrag, Bauausführung und Abrechnung verbunden ist.

Handlungsempfehlungen zur Beschleunigung der Sanierung

Stärkung der Förderprogramme

Der BEE betont, dass die Förderprogramme zur energetischen Sanierung einen entscheidenden Stellenwert einnehmen. Aktuelle Förderinstrumente wie die KfW-Förderprogramme zur Gebäudehülle sind zwar vorhanden, aber weisen in der Praxis Defizite auf. Insbesondere die unregelmäßige Finanzierung der Förderprogramme – sogenannte „Stop-and-Go“-Phasen – behindert den Ausbau der Sanierungsindustrie. Der BEE fordert daher, Förderstopps zu vermeiden und stattdessen klare, langfristige Planungshorizonte für die Sanierungsbranche zu schaffen.

Ein weiterer Vorschlag ist die Erweiterung des Zugangs zu Förderkrediten der KfW. Viele Eigentümer, insbesondere von Einfamilienhäusern, haben nicht ausreichend Eigenkapital, um Sanierungsmaßnahmen ohne externe Finanzierung zu realisieren. Der BEE empfiehlt daher, den Zugang zu KfW-Förderkrediten für alle Gebäudeeigentümer zu gewährleisten, unabhängig von ihrer finanziellen Ausgangssituation.

Politische Unterstützung durch einen Sanierungsfahrplan

Laut der DIA-Studie wird in diesem Jahr ein Sanierungsfahrplan vorgestellt, der die strategischen Schritte zur Modernisierung des Gebäudebestands konkretisiert. Dieser Fahrplan soll sowohl politische als auch wirtschaftliche Maßnahmen enthalten, um die Sanierungsrate zu steigern. Dazu gehören beispielsweise präzise Vorgaben für die Einführung effizienter Wärmeerzeuger oder die Erhöhung der Neubauanforderungen auf den Effizienzhausstandard EH-40.

Der BEE unterstützt diese Vorschläge und betont, dass es bereits vor 2025 sinnvoll wäre, Zwischenschritte wie die Absenkung des Neubaustandards auf 55 % des Energieverbrauchs des Referenzgebäudes zu implementieren. Dies würde den Übergang zu einer klimaneutralen Gebäudehülle beschleunigen und gleichzeitig die Marktentwicklung im Sanierungssektor stimulieren.

Skaleneffekte durch Serienanreize

Die Agora Energiewende-Studie „Der Sanierungssprint“ betont, dass Serienanreize eine entscheidende Rolle spielen können, um die Sanierungsrate zu erhöhen. Durch wiederholt durchgeführte Sanierungsvorhaben können Effizienzsteigerungen entstehen – etwa durch optimierte Lieferketten, den Mehrfacheinsatz von Ausrüstung oder die Standardisierung von Bauverfahren. Diese Skaleneffekte würden nicht nur die Kosten senken, sondern auch die Arbeitsplätze im Handwerk sichern und ausbauen.

Die Studie empfiehlt daher, politisch flankierte Sanierungssprints zu fördern. Dazu zählen beispielsweise vereinfachte Planungs- und Genehmigungsverfahren, transparente Sanierungsangebote und eine bessere Beratung durch qualifizierte Sanierungscoaches. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, den Sanierungsprozess attraktiver und effizienter zu gestalten.

Qualifizierung der Handwerker

Ein weiterer zentraler Faktor für den Erfolg der Sanierungsbranche ist die Qualifikation der Handwerker. Der BEE betont, dass Ausbildungsordnungen energiewendekompatibel ausgestaltet werden müssen. Dies betrifft insbesondere den Bereich der Heizungsmodernisierung und Installation erneuerbarer Wärmeerzeuger. Zudem fordert der BEE, dass Schulungen für Handwerker staatlich entschädigt werden, um den Wandel in der Branche zu erleichtern.

Ein weiterer Vorschlag ist die Einführung eines sogenannten „Handwerkerbonus“ für qualifizierte SHK-Unternehmen. Dieser Bonus soll Unternehmen mit speziellen Kenntnissen in der Installation erneuerbarer Wärmeerzeuger finanziell unterstützen und so die Nachfrage nach solchen Leistungen steigern.

Transparenz und Beratung

Die ifu-Studie betont, dass ein Mangel an Wissen und Transparenz oft als Hemmnis bei der Sanierungsentscheidung wirkt. Der BEE fordert daher, dass die ETS-Kosten transparent ausgewiesen werden und dass Heizkostenabrechnungen klar und verständlich formuliert werden. Zudem ist die Einrichtung von Sanierungscoaches vorgeschlagen, die die Eigentümer bei der Planung und Durchführung der Sanierungsmaßnahmen begleiten.

Diese sogenannten „Kümmerer“ können helfen, die Komplexität des Sanierungsprozesses abzubauen und die Entscheidungsbereitschaft der Eigentümer zu steigern. Zudem ist es wichtig, die Vorteile der Sanierung – etwa die langfristige Kostenreduzierung, die Steigerung der Wohnqualität oder die Reduktion des CO2-Fußabdrucks – klar und verständlich zu kommunizieren.

Fazit

Die energetische Sanierung von Wohngebäuden in Deutschland steht vor einer entscheidenden Phase. Der aktuelle Sanierungsstand ist noch weit von den Klimaschutzzieles entfernt, aber mit den richtigen Maßnahmen kann dieser Prozess beschleunigt werden. Die Studien des BEE, der DIA, der Prognos AG, des ifu und der Agora Energiewende zeigen, dass eine Kombination aus politischen Maßnahmen, finanzieller Unterstützung, technologischem Fortschritt und besseren Beratungsangeboten den entscheidenden Unterschied ausmachen kann.

Zentrale Handlungsempfehlungen sind:

  • Die Erhöhung der Sanierungsrate durch verstärkte Förderprogramme und langfristige Finanzplanung.
  • Die Schaffung von Skaleneffekten durch Serienanreize und Serienfertigung.
  • Die Qualifizierung und Unterstützung der Handwerker durch Schulungen und staatliche Entlastungen.
  • Die Transparenz der ETS-Kosten und der Heizkostenabrechnungen.
  • Die Einrichtung von Sanierungscoaches, die Eigentümer durch den Sanierungsprozess begleiten.

Diese Maßnahmen tragen dazu bei, die energetische Sanierung attraktiver, effizienter und zugänglicher zu machen. Damit wird nicht nur der Klimaschutz unterstützt, sondern auch der Aufbau eines nachhaltigen und wettbewerbsfähigen Sanierungssektors in Deutschland ermöglicht.

Quellen

  1. Studie Energetische Sanierung
  2. Einflussfaktoren auf die Sanierung im deutschen Wohngebäudebestand
  3. BEE-Maßnahmenvorschläge zur Beschleunigung der Wärmewende und des Klimaschutzes
  4. Wirtschaftlichkeit energetischer Sanierungen
  5. Der Sanierungssprint

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