Sanierung und Erweiterung des Berliner Museums für Naturkunde – Ein Modellprojekt für Forschung, Architektur und Museumsbau

Einführung

Das Berliner Museum für Naturkunde, das größte seiner Art in Deutschland, befindet sich aktuell in einer umfassenden Sanierungs- und Erweiterungsphase. Mit über 30 Millionen Sammlungsobjekten und einer internationalen Forschungsreputation ist das Museum ein bedeutendes Kultur- und Forschungszentrum. Aufgrund der historischen Schäden des Zweiten Weltkrieges und der begrenzten Ressourcen in den darauffolgenden Jahrzehnten hat sich ein erheblicher Sanierungsrückstand angesammelt, der nun systematisch abgebaut wird. Mit einer Investition von insgesamt 660 Millionen Euro, getragen zu gleichen Teilen vom Bund und vom Land Berlin, wird das Museum in den nächsten Jahren zu einem offenen, integrierten Forschungsmuseum weiterentwickelt.

Die Sanierungsarbeiten umfassen nicht nur die Wiederherstellung des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes, sondern auch die Erstellung neuer Flächen für Ausstellung, Sammlung und Forschung. Ein zentraler Meilenstein war der Architekturwettbewerb, den das Büro gmp – Gerkan, Marg und Partner – gewann. Sein Entwurf sieht unter anderem die Überdachung der Innenhöfe, die Schaffung barrierefreier Zugänge und die Erweiterung des Nordflügels vor. Diese Maßnahmen sind Teil eines dreiphasigen Gesamtkonzepts, das den Museumsstandort an der Invalidenstraße in Berlin-Mitte sowie einen neuen Campus in Berlin-Adlershof vorsieht.

Im Folgenden wird detailliert auf die Hintergründe, Planungen, architektonische Konzepte und die organisatorischen Aspekte der Sanierung und Erweiterung des Museums für Naturkunde eingegangen. Dabei werden auch die Herausforderungen, die sich aus der Kombination von Denkmalschutz, Forschung und Besucherbewegung ergeben, betrachtet.

Historischer Hintergrund und Bedarf

Das Museum für Naturkunde in Berlin wurde erstmals im 19. Jahrhundert als Teil der Humboldt-Universität gegründet und ist seit 2009 eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Das ursprünglich von August Tiede entworfene Hauptgebäude, das im Jahre 1883–1889 errichtet wurde, war Teil einer umfassenden musealen Entwicklung in Berlin. In den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts wurden Erweiterungsbauten, wie der Nordflügel und der Nordbau, errichtet, die bis heute zum Gebäudekomplex gehören.

Die Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges und der darauffolgende Mangel an Ressourcen für Sanierungsarbeiten führten zu einem erheblichen baulichen Rückstand. Einige Teile des Museums, insbesondere die Kellerräume, blieben in schlechten Zuständen und waren nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Zudem stellten sich Probleme im Zusammenhang mit Brandschutz, Klimaanlagen und Energieeffizienz heraus. Diese Aspekte erforderten umfassende Maßnahmen, um das Museum fit für die Zukunft zu machen.

Gesamtkonzept und Finanzierung

Das Sanierungs- und Erweiterungsprojekt des Museums für Naturkunde wird in drei Bauabschnitten durchgeführt. Jeder dieser Abschnitte beinhaltet sowohl Sanierungs- als auch Neubaumaßnahmen. Die Finanzierung stammt aus einem Budget von 660 Millionen Euro, das zu gleichen Teilen vom Bund und vom Land Berlin bereitgestellt wird. Diese Investition ist ein Ausdruck der Wichtigkeit, die dem Museum als Forschungs- und Bildungseinrichtung zugeschrieben wird.

Der erste Bauabschnitt, der sich aktuell in der Umsetzung befindet, umfasst die Sanierung des Nordflügels und des Nordbaus. Insgesamt werden 18.100 Quadratmeter Nutzfläche erneuert und neu geschaffen. Diese Maßnahmen sind Teil eines Gesamtkonzepts, das das Museum zu einem Campus für Forschung, Bildung und Sammlung entwickeln soll.

Der zweite Bauabschnitt beinhaltet die Integration des angrenzenden Thaer-Baus der Humboldt-Universität. Der dritte Bauabschnitt beinhaltet die Errichtung eines neuen Magazin- und Sammlungsgebäudes, das den Sammlungsbestand besser schützen und zugänglich machen soll. Diese Planung unterstreicht den Fokus auf langfristige Lösungen, die sowohl die Forschung als auch die Öffentlichkeit bedienen.

Architektonische Konzeption

Wettbewerb und Entwurf

Im Jahr 2023 fand ein Realisierungswettbewerb statt, der von gmp · Architekten von Gerkan, Marg und Partner gewonnen wurde. Das Team bestand aus gmp in Zusammenarbeit mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten. Der Wettbewerb hatte zum Ziel, den denkmalgeschützten Gebäudekomplex und die Außenanlagen inklusiv und barrierefrei zu sanieren und gleichzeitig neue Flächen für Ausstellung, Sammlung und Forschung zu schaffen.

Der Entwurf von gmp sieht die Überdachung der beiden Innenhöfe des Museums vor, was die Neustrukturierung der Besucherinfrastruktur ermöglicht. Diese Maßnahme dient dazu, mehr Ausstellungsfläche zu schaffen und gleichzeitig den Zugang zu den Räumen zu optimieren. Zudem ist vorgesehen, den Sauriersaal zu einer „Welcome Zone“ zu entwickeln, die als Eingangsbereich für Besucher dienen wird. Von dort aus sollen die Besucher in die überdeckten Höfe geleitet werden, die durch Lichthöfe und barrierefreie Zugänge charakterisiert sind.

Barrierefreiheit und Zugänglichkeit

Ein zentrales Element des Entwurfs ist die Schaffung barrierefreier Zugänge. Der Vorplatz des Museums wird durch eine leichte Anrampung und beiderseitige Rampen umgestaltet, sodass ein einfacher Zugang zur Haupttreppe ermöglicht wird. Diese Maßnahmen sind Teil eines umfassenden Konzepts, das die Zugänglichkeit für alle Besuchergruppen gewährleisten soll.

Die barrierefreie Erschließung setzt sich auch im Inneren des Museums fort. Die überdachten Innenhöfe sollen als Verbindungselemente dienen, die den Zugang zum Nordflügel und anderen Bereichen erleichtern. Dieses Konzept ist darauf ausgerichtet, das Museum als ein offenes und integriertes Forschungsmuseum zu positionieren, das nicht nur Forschern, sondern auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich ist.

Technische und organisatorische Aspekte

Projektmanagement und Partner

Die Sanierung und Erweiterung des Museums für Naturkunde wird von verschiedenen Partnern koordiniert. Kaiser Baucontrol ist seit 2019 mit der Projektsteuerung beauftragt. Darüber hinaus ist das Museum für Naturkunde eine rechtlich selbstständige Stiftung des Landes Berlin, die durch den Bund und die Gemeinschaft der Länder finanziell unterstützt wird. Die Senatskanzlei für Wissenschaft und Forschung ist der Zuwendungsgeber des Projekts.

Die Projektplanung berücksichtigt nicht nur die baulichen Maßnahmen, sondern auch die organisatorischen Herausforderungen, die sich aus der gleichzeitigen Sanierung und Forschungstätigkeit ergeben. Die Sanierungsmaßnahmen werden in mehreren Phasen durchgeführt, um den Betrieb des Museums weiterhin gewährleisten zu können. Dies ist besonders wichtig, da das Museum in der Zeit der Sanierungsarbeiten weiterhin als Forschungseinrichtung und Ausstellungsort genutzt wird.

Technische Aspekte

Die Sanierungsarbeiten umfassen eine Vielzahl technischer Maßnahmen, die auf Energieeffizienz, Brandschutz, Klimaanlagen und Konservierung abzielen. Die alten Anlagen, die in den letzten Jahrzehnten nur unzureichend gewartet wurden, werden durch moderne Systeme ersetzt. Zudem sind Maßnahmen zur besseren Klimatisierung und Schädlingsbekämpfung geplant, um die Sammlungen langfristig zu schützen.

Ein besonderer Fokus liegt auf der Schaffung neuer Labor- und Archivräume, die die Forschungsaktivitäten des Museums unterstützen. Die Errichtung eines neuen Archiv- und Laborgebäudes in Berlin-Adlershof ist Teil des Gesamtkonzepts und soll den Forschungsbedarf decken, der durch die Erweiterung der Sammlungen entsteht.

Forschung, Sammlungen und Wissensvermittlung

Die Sammlung des Museums

Die Sammlung des Museums für Naturkunde ist eine der umfassendsten naturhistorischen Sammlungen weltweit und umfasst über 30 Millionen Objekte. Diese Sammlung ist die Grundlage für die Forschungsaktivitäten des Museums und umfasst Objekte aus verschiedenen Bereichen, darunter Geologie, Zoologie, Botanik und Paläontologie.

Bis vor Kurzem waren weite Teile der Sammlung in schlechten klimatischen Bedingungen gelagert und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit der Sanierung und Erweiterung des Museums wird die Sammlung in neuen Räumen untergebracht und für Forschung und Bildung zugänglich gemacht. Dies ist ein zentraler Aspekt des Projekts, der sicherstellt, dass die Sammlung nicht nur als Forschungsressource, sondern auch als Bildungsmedium genutzt wird.

Forschung und Wissenschaft

Als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft ist das Museum für Naturkunde ein Forschungsinstitut mit internationaler Ausstrahlung. Die Forschungsaktivitäten umfassen Themen wie Biodiversität, Evolution und Wissenschaft und Gesellschaft. Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen nutzen die Sammlungen, um Erkenntnisse über die Entwicklung des Lebens und der Erde zu gewinnen.

Die Sanierungsarbeiten ermöglichen es, die Forschungsbedingungen zu verbessern und neue Labore sowie Archivflächen zu schaffen. Darüber hinaus wird ein neues Campus in Berlin-Adlershof errichtet, der als Forschungszentrum für Evolutions- und Biodiversitätsforschung dienen wird. Dieser Campus wird nicht nur die Forschungsbasis des Museums erweitern, sondern auch neue Kooperationen mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen ermöglichen.

Wissensvermittlung und Öffentlichkeit

Ein weiterer Schwerpunkt des Sanierungsprojekts ist die Wissensvermittlung. Das Museum will nicht nur eine Forschungseinrichtung bleiben, sondern auch eine Plattform für Bildung und öffentliche Diskussion sein. Dazu gehören neue Ausstellungsräume, interaktive Ausstellungen und Veranstaltungsflächen.

Der Sauriersaal, der aktuelle Mittelpunkt des Museums, wird nach der Sanierung zur „Welcome Zone“ ausgebaut. Von dort aus sollen Besucher in neue Ausstellungsräume geleitet werden, die sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch kulturelle Aspekte der Naturwissenschaften vermitteln. Die Ausstellungsräume sind so konzipiert, dass sie für alle Besuchergruppen zugänglich sind und barrierefrei nutzbar sind.

Fazit

Die Sanierung und Erweiterung des Berliner Museums für Naturkunde ist ein komplexes und herausforderndes Projekt, das nicht nur bauliche, sondern auch wissenschaftliche und pädagogische Aspekte umfasst. Mit einer Investition von 660 Millionen Euro wird das Museum zu einem modernen Forschungs- und Bildungscampus weiterentwickelt, der sowohl für Forscher als auch für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Der Gewinn des Architekturwettbewerbs durch gmp hat einen klaren Meilenstein markiert. Der Entwurf, der die Überdachung der Innenhöfe, die Schaffung barrierefreier Zugänge und die Erweiterung der Ausstellungsfläche vorsieht, ist ein Schritt in Richtung eines integrierten Forschungsmuseums. Darüber hinaus wird der neue Campus in Berlin-Adlershof eine zentrale Rolle in der Forschung spielen und die Sammlungsnutzung und Digitalisierung weiterentwickeln.

Die Sanierungsarbeiten, die in drei Bauabschnitten durchgeführt werden, sind ein Beleg für die langfristige Planung und die Bedeutung, die dem Museum für Naturkunde zukommt. Es handelt sich hierbei nicht nur um ein Projekt zur baulichen Erneuerung, sondern auch um eine Investition in die Zukunft der Naturwissenschaften in Deutschland.

Quellen

  1. Entwicklungsstadt: Umbau des Naturkundemuseums
  2. Museum für Naturkunde Berlin: Bau und Entwicklung
  3. Baunetz.de: Wettbewerb in Berlin entschieden
  4. Kaiser Baucontrol: Sanierung des Museums
  5. Berliner Zeitung: Zukunftsplan in drei Bauphasen
  6. gmp.de: Museum für Naturkunde Berlin – Gewinnerentwurf
  7. Baumeister.de: Museum für Naturkunde Berlin
  8. AGN: Zuschlag für Neubau in Berlin-Adlershof

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