Biogene Schwefelsäurekorrosion – Ursachen, Schäden und Sanierungsmöglichkeiten

Einführung

Biogene Schwefelsäurekorrosion (BSK) ist ein weit verbreitetes Problem in Abwassersystemen, das sich durch den biologischen Stoffwechsel bestimmter Bakterien ergibt. Diese Mikroorganismen, insbesondere Thiobakterien, oxidieren Schwefelwasserstoff (H2S) zu Schwefelsäure (H2SO4), wodurch chemisch-biologische Angriffe auf Baustoffe entstehen. In diesem Artikel wird ein Überblick über die Ursachen, Auswirkungen und Sanierungsstrategien der biogenen Schwefelsäurekorrosion gegeben. Dabei wird auf die technischen Prozesse, die Materialauswahl und die praktischen Sanierungsverfahren eingegangen, um Planern, Bauherren und Kommunen eine fundierte Grundlage zur Planung, Bewertung und Sanierung von betroffenen Systemen zu bieten.


Ursachen der biogenen Schwefelsäurekorrosion

Die biogene Schwefelsäurekorrosion entsteht durch eine Kette von mikrobiellen Prozessen, die in Abwasserkanälen, Schächten und anderen Abwasseranlagen ablaufen. Zentrale Vorgänge dabei sind die Sulfatreduktion und die anschließende Rückoxidation des entstandenen Schwefelwasserstoffs (H2S).

Sulfatreduktion

Unter anaeroben (sauerstofffreien) Bedingungen reduzieren sulfatreduzierende Bakterien (SRB) Sulfat-Ionen (SO₄²⁻) zu Schwefelwasserstoff (H2S). Dieser Prozess erfolgt in Druckrohren oder stehenden Abwässern und ist ein zentraler Schritt in der Entstehung von biogener Schwefelsäurekorrosion.

Rückoxidation von H2S

Der entstandene H2S entweicht in die Kanalatmosphäre und diffundiert in die Wände von Betonrohren und Schächten. Dort wird er durch autotrophe Thiobakterien wieder oxidiert, was zur Bildung von Schwefelsäure (H2SO4) führt. Diese Säure greift die Betonoberflächen an und führt zu einer intensiven Biofilmbildung, einer Absenkung des pH-Werts auf unter 2 und der Entstehung expansiver Gipsneubildungen.

Diese chemisch-biologischen Prozesse können innerhalb kürzester Zeit – oft weniger als zehn Jahren – massive Schäden an Betonkonstruktionen verursachen, wodurch die Bausubstanz deutlich geschwächt wird und Sanierungen notwendig werden.


Arten der biogenen Schwefelsäurekorrosion

Die BSK kann in mehrere Arten unterteilt werden, abhängig von den Ursachen und den Einflussfaktoren innerhalb des Abwassersystems:

1. Autogene BSK

Autogene BSK entsteht durch die internen Betriebsbedingungen des Abwassersystems. Dazu zählen:

  • Abwasserzusammensetzung
  • Ablagerungen in den Rohren
  • Fließgeschwindigkeit
  • Sauerstoffgehalt

Wenn diese Faktoren so sind, dass H2S gebildet wird, kommt es zur biogenen Schwefelsäurekorrosion. Dieser Typ ist besonders in Systemen zu finden, in denen sich die Voraussetzungen für die Sulfatreduktion gegeben haben.

2. Allogene BSK

Allogene BSK entsteht, wenn keine korrosionsfördernden Bedingungen im betroffenen Kanalabschnitt vorliegen, aber Abwässer aus anderen Bereichen, in denen H2S entstanden ist, in diesen Abschnitt eingeleitet werden. Dies ist oft ein Problem in Systemen, in denen sich mehrere Abschnitte mit unterschiedlichen chemischen Bedingungen verbinden.

3. Exogene BSK

Exogene BSK entsteht durch eine externe Einleitung von H2S-haltigen Abwässern in das System. Dies kann z. B. durch Industrieabwässer, die reich an Schwefelverbindungen sind, oder durch Fäulnisprozesse in außergewöhnlichen Anlagen wie Biogasanlagen geschehen.

Um eine sinnvolle Sanierung vorzunehmen, ist es entscheidend, zu klären, welche Art der BSK vorliegt. Dies erfordert eine detaillierte Untersuchung der Schacht- und Rohrverhältnisse, einschließlich der mikrobiellen Aktivitäten und der chemischen Zusammensetzung.


Schadensbilder und Diagnose der BSK

Die Diagnose der BSK setzt voraus, dass der Zustand der betroffenen Bauteile gründlich untersucht wird. Dazu zählen:

  • Haftzugversuche, um die Haftung von Beschichtungen oder Mörtelsystemen zu prüfen
  • Rückprallhammer-Tests, um die Druckfestigkeit des Betons zu beurteilen
  • Untersuchung der korrosiven Atmosphäre, z. B. durch Messung von pH-Werten, H2S-Gehalt und Feuchtigkeit
  • Betrachtung der Einflüsse durch Grundwasser, das den Schadensverlauf verstärken kann

Ein weiterer Indikator für BSK ist der Geruch nach faulen Eiern, der auf H2S hindeutet. Auch das Vorhandensein von Gipsneubildungen an den Wänden und die Schäden an Steigeisen sind typische Anzeichen.

Diese Diagnosemethoden liefern wertvolle Informationen über die Ausmaße des Schadens, den Zustand der Bausubstanz und die Effektivität möglicher Sanierungsmaßnahmen.


Sanierungsverfahren bei BSK

Die Sanierung von Anlagen, die durch BSK beschädigt sind, erfordert sorgfältige Planung, da die BSK-Bakterien oft weiterhin aktiv sind und sich erneut ansiedeln können. Je nach Ausmaß der Schäden und der Konstruktion des Systems stehen mehrere Sanierungsverfahren zur Verfügung:

1. Montageverfahren

Bei diesem Verfahren werden vorgefertigte Bauteile, wie z. B. Rohre oder Platten aus Kunststoff (PP, PE), montiert. Diese Materialien sind gegenüber BSK weitgehend unempfindlich, da sie weder H2S aufnehmen noch von Schwefelsäure angegriffen werden. Vorteilhaft ist auch die lange Lebensdauer solcher Materialien, die unter günstigen Bedingungen 100 Jahre und mehr erreichen kann.

2. Beschichtungsverfahren

Beschichtungen aus Kunststoffen oder Mörtelsystemen können aufgebracht werden, um den Beton vor weiteren Angriffen zu schützen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Thiobakterien sich in solchen Systemen oft weiter ansiedeln können, es sei denn, die Beschichtung ist vollständig und dicht. Alternativ können auch Kunststoffbeschichtungen verwendet werden, die den biogenen Angriff verhindern.

3. Schachtlining

Ein weiteres Verfahren ist das Einbringen eines vorgefertigten Schlauchliners, der den ursprünglichen Schacht vollständig umschließt. Dieser Liner wird in der Regel aus kunststoffbasierten Materialien hergestellt und bietet einen dauerhaften Schutz gegen BSK.

4. Ortlaminatierung

Bei der Ortlaminatierung wird eine schichtweise Verstärkung durch Aufbringen von Fasermatten und Kunststoffharzen erfolgen. Dieses Verfahren ist besonders in Fällen sinnvoll, in denen die Bausubstanz noch weitgehend intakt ist, aber zusätzliche Stabilität und Korrosionsschutz benötigt wird.

5. Kombinationen der genannten Verfahren

Je nach Systemzustand und Schadensausmaß werden oft auch Kombinationen aus mehreren Sanierungsverfahren angewandt. So kann z. B. ein Schachtlining kombiniert werden mit Ortlaminatierung oder Beschichtung, um die Schutzwirkung zu maximieren.


Materialauswahl und Innovationen

Die Wahl des richtigen Materials ist entscheidend für die Dauerhaftigkeit und die Wirtschaftlichkeit von Abwassersystemen. Die traditionellen Betonrohre und Schächte sind oft nicht resistent genug gegen BSK und erfordern daher häufige Sanierungen, was zu hohen Kosten führt.

Vorteile von Kunststoffmaterialien

Kunststoffe wie Polypropylen (PP) haben sich in Tests als äußerst beständig gegen biogene Schwefelsäurekorrosion erwiesen. Sie sind wasserdicht, chemisch inert und bieten eine lange Lebensdauer. Die Grazer Forschungsgruppe der TU Graz hat in Studien nachgewiesen, dass PP-Rohre und -Schächte eine Lebensdauer von 100 Jahren und mehr erreichen können. Dies reduziert die Anzahl notwendiger Sanierungen erheblich und mindert langfristig die finanzielle Belastung für Kommunen und Abwasserverbände.

Neuentwicklungen und Materialtests

Im Rahmen von Forschungsprojekten an der TU Graz und der Uni Graz wurden neue Strategien zur Verhinderung der BSK entwickelt. Dazu gehören:

  • Neue Rezepturen von Mörtel und Beton, die sich gegen BSK behaupten können
  • Anti-Biofilm-Beschichtungen, die den Anhaftungspotenzial von Mikroorganismen verringern
  • Desinfektionsmaßnahmen, die die mikrobielle Aktivität reduzieren

Diese Materialentwicklungen werden begleitet durch detaillierte Prüfungen, z. B. durch 3D-Scans, Fluoreszenzmikroskopie und mikrokalorimetrische Tests, um die Werkstoffeignung unter BSK-Bedingungen zu bewerten.


Vorsorge und Monitoring

Da die BSK oft erst spät oder gar nicht bemerkt wird, ist es wichtig, vorsorgliche Maßnahmen einzuleiten, um Schäden frühzeitig zu erkennen oder gar zu verhindern.

Vorsorgliche Maßnahmen

  • Sanierung der Ablagerungen in Rohren, um Sulfatreduktion zu vermindern
  • Anpassung der Fließgeschwindigkeit, um H2S-Bildung zu reduzieren
  • Verwendung von dichtem Beton, um H2S-Ausbreitung zu minimieren
  • Schließung von Schachtdeckeln, um H2S in der Atmosphäre zu vermindern

Monitoring-Strategien

  • Regelmäßige pH-Messungen an Betonoberflächen
  • Bestimmung des H2S-Gehalts in der Kanalluft
  • Visuelle Inspektionen nach typischen Schadensmerkmalen
  • Sampling und Analyse von Korrosionsprodukten

Diese Maßnahmen tragen dazu bei, Korrosionsprozesse frühzeitig zu erkennen und gezielt Gegenmaßnahmen einzuleiten.


Fazit

Die biogene Schwefelsäurekorrosion ist ein ernstes Problem für Abwassersysteme, das auf mikrobiellen Prozessen basiert und zu erheblichen Schäden an Betonkonstruktionen führt. Durch die Verwendung von widerstandsfähigeren Materialien wie Polypropylen und durch gezielte Sanierungsverfahren lässt sich diese Korrosion jedoch effektiv bekämpfen.

Es ist entscheidend, dass Planer, Betreiber und Kommunen die Risiken der BSK kennen und vorsorgliche Maßnahmen ergreifen. Nur so kann die Langlebigkeit und Wirtschaftlichkeit von Abwassersystemen langfristig gesichert werden.


Quellen

  1. biogene Schwefelsäure-Korrosion – wenn Schicht im Schacht ist
  2. Biogene Schwefelsäurekorrosion in Kläranlagen bekämpfen
  3. Biogene Schwefelsäurekorrosion
  4. Biokorrosion
  5. Materialien gegen biogene Schwefelsäure-Korrosion entwickelt

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