Einführung
Das Hamburger Bismarck-Denkmal ist nicht nur ein architektonisches Wahrzeichen der Stadt, sondern auch ein historisches Monument, das in der öffentlichen Debatte um Erinnerungskultur, kritische Historiografie und Denkmalschutz eine zentrale Rolle spielt. Im Jahr 2020 begann die umfangreiche Sanierung des 34 Meter hohen Granitdenkmals im Alten Elbpark, das seit 1960 unter Denkmalschutz steht. Die Arbeiten umfassten die Stabilisierung der Statue, die Beseitigung von Feuchtigkeitsschäden, die Politur der Granitfigur und die Anbringung eines Graffitischutzes. Allerdings blieb eine künstlerische Ergänzung, die den kritischen Kontext von Bismarcks Politik verdeutlichen sollte, aus – ein Wettbewerb für eine solche „Kontextualisierung“ endete ohne Sieger.
Der Artikel beleuchtet die historische und konstruktionstechnische Entwicklung des Denkmals, die Sanierungsarbeiten in technischer und finanzierender Hinsicht sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur um Otto von Bismarck. Dabei wird auch auf die Rolle staatlicher und kommunaler Behörden, der Stiftungen und künstlerischer Initiativen eingegangen.
Das Bismarck-Denkmal: Geschichte und Funktion
Das Hamburger Bismarck-Denkmal, das 1906 eingeweiht wurde, ist mit 34,3 Metern Höhe das größte Bismarck-Denkmal weltweit. Die Statue selbst misst 14,8 Meter und zeigt den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck in Form einer mittelalterlichen Rolandsfigur mit Schwert. Diese ikonografische Darstellung spiegelt den konservativen Geist der Epoche wider, in der das Denkmal errichtet wurde.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Unterbau des Denkmals durch einen Bombeneinschlag beschädigt. Nach der Kriegszerstörung erfolgte 1949/1950 eine provisorische Sanierung. Während des Krieges war der Sockel der Statue sogar für den öffentlichen Gebrauch als Luftschutzraum genutzt worden – 1939/40 entstand ein Schutzbunker, in dem bis zu 900 Menschen Schutz finden konnten. Innenwände, Gewölbedecken und Hakenkreuze, Adler und andere NS-Embleme blieben im Inneren erhalten, auch wenn ihre genaue Entstehungsgeschichte nicht mehr vollständig nachvollziehbar ist.
Seit 1960 ist das Denkmal unter Denkmalschutz. Eine geplante Abrissmaßnahme im Vorfeld der Internationalen Gartenschau 1963 führte dazu, dass das Denkmal unter Denkmalschutz gestellt wurde. Um es den Blicken zu entziehen, pflanzte die Stadt Bäume in der Umgebung, doch die Größe des Denkmals machte eine vollständige Verdeckung unmöglich. Ab den 1970er-Jahren begann die Statue sich leicht zur Seite zu neigen, wodurch der Sanierungsbedarf immer dringlicher wurde.
Sanierung des Bismarck-Denkmals: Technische und finanzierende Aspekte
Die Sanierung des Bismarck-Denkmals begann im Februar 2020 und endete im Juli 2023. Die Arbeiten umfassten die Stabilisierung der Statue, die Beseitigung von Feuchtigkeitsschäden, das Sandstrahlen der Granitfigur sowie die Anbringung eines Graffitischutzes. Der Bauzaun wurde im Juli 2023 abgebaut, und das Denkmal ist seitdem wieder zugänglich.
Die Kosten für die Sanierung waren mit rund neun Millionen Euro veranschlagt. Den größten Teil der Kosten trägt der Bund. Zudem sind 6,5 Millionen Euro für die Sanierung des Alten Elbparks eingeplant, was zeigt, dass die Maßnahmen nicht isoliert, sondern in einen umfassenden Kontext gesetzt wurden. Für den künstlerischen Wettbewerb und die damit verbundenen Veranstaltungen gab Hamburg 250.000 Euro aus.
Die Sanierung betraf nicht nur die Statue selbst, sondern auch die umliegende Parkanlage. Nach Abschluss der Arbeiten wird geprüft, ob weitere Maßnahmen erforderlich sind, etwa zur Sicherung des Fundaments oder zur Anpassung an klimatische Veränderungen. Zudem wird geprüft, ob die Statue durch künstlerische Ergänzungen ergänzt werden kann, um den kritischen Kontext von Bismarcks Politik sichtbar zu machen.
Kritik an der Sanierung und das Scheitern des Wettbewerbs zur „Kontextualisierung“
Die Sanierung des Bismarck-Denkmals war von Beginn an umstritten. Kritiker aus dem linken Spektrum fragten nach dem Sinn einer Erneuerung des Denkmals, das sie als Symbol einer konservativen, kolonialen und nationalistischen Politik ansahen. Die Stiftung Historische Museen Hamburg schrieb daher einen internationalen Wettbewerb für eine künstlerische Ergänzung aus, die das Denkmal kritisch einordnen sollte. Ziel war es, die ambivalenten Aspekte von Bismarcks Wirken sichtbar zu machen, insbesondere im Kontext der Kolonialpolitik und der nationalsozialistischen Verwerfungen.
Die Jury konnte sich jedoch für keinen der eingereichten Vorschläge entscheiden. Der Preisgeld von insgesamt 27.000 Euro sollte als Aufwandsentschädigung an die acht Teilnehmer vergeben werden. Die Wettbewerbsbeiträge waren bis zum 14. August 2023 im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen.
Die Kulturbehörde betonte, dass es weiterhin geplant sei, das Denkmal nicht ohne kritische Einordnung zu präsentieren. „Perspektivisch wird es ein Informationsangebot geben, das das Wirken Bismarcks kritisch einordnet“, erklärte eine Sprecherin. Die Federführung bei diesem Projekt liege bei der Kulturbehörde und der städtischen Museumsstiftung.
Kritische Auseinandersetzung mit Bismarck und Kolonialismus
Die Sanierung des Denkmals war nicht nur eine bautechnische Aufgabe, sondern auch ein Ausdruck der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte. Insbesondere die Rolle Bismarcks bei der Afrika-Konferenz von 1884/85, die als Beginn der europäischen Kolonialpolitik im 19. Jahrhundert gilt, spielte eine zentrale Rolle in der Debatte. Diese Konferenz, auf der Bismarck europäische Mächte, die USA und das Osmanische Reich zusammenbrachte, legte den Grundstein für die Aufteilung Afrikas unter europäischen Kolonialmächten.
Im Zuge der Sanierung planten die Stiftung Historische Museen Hamburg und das Museum für Hamburgische Geschichte eine wissenschaftliche Tagung zu diesem Thema. Die Veranstaltung sollte sich auf das eurozentristische Ordnungsdenken der Kolonialmächte und die Perspektiven der betroffenen Afrikaner konzentrieren. Zudem wurde ein Beirat zur Dekolonisierung Hamburgs berufen, der aus Experten mit migrantisch-diasporischen Hintergründen bestand. Der Beirat sollte die Entscheidungsprozesse in der Erinnerungskultur begleiten und sicherstellen, dass die Perspektiven ehemals kolonialisierter Völker berücksichtigt werden.
Kultursenator Carsten Brosda (SPD) stellte klar, dass die Auseinandersetzung mit dem Denkmal in die demokratischen Strukturen der Stadt eingebunden sein müsse. „Ob diese Auseinandersetzung in eine dauerhafte Kommentierung der heute befremdlich wirkenden ikonografischen Heldenaussage oder in zeitweise Einhegungen mittels historisch-kritischer oder künstlerischer Bildungsangebote mündet, sollte den demokratisch gewählten Körperschaften überlassen bleiben“, erklärte eine Sprecherin der Otto-von-Bismarck-Stiftung.
Zukunft des Bismarck-Denkmals: Informationsangebote und Ausstellungsvorhaben
Trotz des Scheiterns des künstlerischen Wettbewerbs verfolgt die Kulturbehörde weiterhin Pläne zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Denkmal. So sind beispielsweise ein koloniales Erinnerungskonzept, Bildungsarbeit an Schulen, eine Dauerausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte sowie weiterführende Informationen am Denkmal selbst in Planung. Auch die Idee einer Ausstellung im Sockel des Denkmals wird erwogen.
Die Kulturbehörde betont, dass die Auseinandersetzung mit Bismarck und seiner Rolle in der Geschichte nicht im Vakuum stattfinden sollte. Stattdessen müsse sie in einen breiteren kulturellen und historischen Kontext eingebettet werden. Dieser Ansatz spiegelt sich auch in der Planung von Veranstaltungen, Ausstellungen und wissenschaftlichen Tagungen wider.
Ein weiteres Vorhaben ist die Planung eines Open-Air-Festivals im September 2023, das sich auf die koloniale Geschichte Hamburgs konzentrieren wird. Diese Veranstaltung ist als Teil einer Reihe von Initiativen zur Dekolonisierung der Erinnerungskultur in der Stadt gedacht.
Fazit
Die Sanierung des Hamburger Bismarck-Denkmals ist ein komplexes Projekt, das sowohl konstruktive als auch kritische Aspekte umfasst. Die technischen Arbeiten zur Stabilisierung, Politur und Schutzmaßnahmen wurden erfolgreich abgeschlossen. Allerdings blieb die geplante künstlerische Ergänzung, die das Denkmal in einen kritischen Kontext setzen sollte, aus. Der Wettbewerb zur „Kontextualisierung“ endete ohne Sieger, was die Debatte über die Rolle künstlerischer Interventionen in der Erinnerungskultur weiter führte.
Die Kulturbehörde hat dennoch Pläne zur kritischen Auseinandersetzung mit Bismarck und seiner Politik in Gang gesetzt. Diese reichen von wissenschaftlichen Tagungen und Ausstellungen bis hin zu Bildungsmaßnahmen an Schulen. Zudem ist ein koloniales Erinnerungskonzept in Entwicklung, das die Perspektiven ehemals kolonialisierter Völker berücksichtigt.
Die Sanierung des Denkmals zeigt, wie schwierig es ist, historische Erinnerung mit der Gegenwart in Einklang zu bringen. Dennoch bleibt das Bismarck-Denkmal ein zentrales Wahrzeichen Hamburgs, das in der Debatte um Erinnerungskultur, kritische Historiografie und Denkmalschutz eine zentrale Rolle spielt.
Quellen
- n-tv.de – Hamburgs Bismarck-Denkmal saniert: Kontext soll folgen
- 24hamburg.de – Hamburgs saniertes Bismarck-Denkmal wieder mit Graffiti beschmiert
- steg-hamburg.de – Bismarck-Denkmal
- radiohamburg.de – Restaurierung des Otto-von-Bismarck-Denkmal fast abgeschlossen
- ndr.de – Hamburgs umstrittener Koloss: Das Bismarck-Denkmal an der Elbe