Einführung
Der Bismarckplatz im Westen Stuttgarts ist ein zentraler öffentlicher Raum inmitten des Sanierungsgebiets Stuttgart 28 – Bismarckstraße. Mit einer Fläche von ca. 1,2 Hektar und einer langen Planungsgeschichte, die sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckt, ist die Neugestaltung des Platzes ein zentrales Projekt der städtischen Stadterneuerung. Ziel der Sanierung ist es, den Bismarckplatz in eine multifunktionale Grün- und Erholungsfläche zu verwandeln, die sowohl die Lebensqualität der Anwohner:innen verbessert als auch die städtebaulichen Defizite des Quartiers abbaut.
Die Kosten für die Sanierung des Bismarckplatzes belaufen sich auf rund 4,5 Millionen Euro, wobei die Bauzeit geschätzt einen Jahr dauern wird. Der Umbau ist Teil eines umfassenderen Sanierungsprogramms, das im Jahr 2013 mit der Ausweisung des Gebiets als Sanierungsgebiet begonnen hat. In den Planungen spielen Aspekte wie Grünflächen, Verkehrsintegration, barrierefreier Zugang, Klimaanpassung und Bürgerbeteiligung eine zentrale Rolle.
In diesem Artikel werden die Hintergründe, der aktuelle Stand der Planung, die städtebaulichen Herausforderungen und die Rolle der Bürgerbeteiligung detailliert vorgestellt.
Historische Entwicklung und Planungsgeschichte
Ausweisung als Sanierungsgebiet
Die Ausweisung des Bismarckplatzes als Teil des Sanierungsgebiets Stuttgart 28 – Bismarckstraße erfolgte 2013. Mit dieser Maßnahme wurde das Gebiet in das Bund-Länder-Programm Aktive Stadt- und Ortsteilzentren aufgenommen. Ziel der Sanierungssatzung, die im August 2013 in Kraft trat, ist die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen im Quartier durch eine umfassende Stadterneuerung.
Die Sanierungssatzung definiert klare Zielsetzungen, darunter:
- Erhaltung und Stärkung der Wohnfunktion, insbesondere durch den Erhalt bestehenden Mietwohnraums und die Bereitstellung von familien- und seniorengerechten Wohnangeboten.
- Städtebauliche Verbesserung durch partielle Entkernung, Entsiegelung und Neuordnung der Blockinnenbereiche.
- Schaffung attraktiver Aufenthaltsbereiche durch die Entsiegelung von Flächen im öffentlichen Raum.
- Förderung von Einzelhandel, Dienstleistungen, wohnverträglichem Gewerbe und kulturellen Einrichtungen.
- Verbesserung der Kinderbetreuung.
- Anpassung der Parkierungssituation, insbesondere für Quartiersbewohner:innen und ansässige Betriebe.
- Verbesserung von Grünflächen und begrünten Freiflächen.
- Funktionsverbesserung und Gestaltung von Straßen- und Platzräumen.
Vorhaben und Beteiligungsprozesse
Die Sanierung des Bismarckplatzes ist Teil eines Gesamtkonzepts, das auch andere öffentliche Flächen wie die Elisabethenanlage und den Park am Gesundheitsamt umfasst. Die Planung wird eng mit der Bürgerstiftung Stuttgart und dem ehrenamtlichen Forum Lebendiger Westen (FLW) durchgeführt. Die Bürgerbeteiligung ist ein entscheidender Bestandteil des Projekts, da die Anwohner:innen, Anlieger und Interessierte direkt in die Planung einbezogen werden.
Umsetzung und Verzögerungen
Im Jahr 2014 war ursprünglich ein städtebaulicher Wettbewerb für den Bismarckplatz geplant, der jedoch bislang nicht stattgefunden hat. Zudem gab es einen Verkehrsversuch, der aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Mobilitätsverhalten nicht in der ursprünglich geplanten Form durchgeführt werden konnte. Die Planung musste angepasst werden, und die Erhebung von repräsentativen Verkehrsdaten wurde bis Herbst 2021 verschoben.
Der aktuelle Stand ist, dass die Sanierung des Bismarckplatzes im Jahr 2027 beginnen soll, vorausgesetzt, dass keine weiteren finanziellen Einschnitte durch die Sparmaßnahmen der Stadt eintreten. Dies würde die Planung erneut um mehrere Jahre verzögern und die Erwartungen vieler Beteiligter enttäuschen.
Städtebauliche Herausforderungen und Planungskonzepte
Strukturelle und funktionale Defizite
Die vorbereitenden Untersuchungen haben mehrere städtebauliche Mängel identifiziert, die im Rahmen der Sanierung behoben werden sollen:
- Höher Versiegelungsgrad der Freiflächen, was negative Auswirkungen auf die Grünflächen, die Biodiversität und das Klima hat.
- Fehlende öffentliche Grün-, Spiel- und Erholungsflächen, was die Nutzung des Platzes als Alltagsort für die Quartiersbewohner:innen einschränkt.
- Uneinheitliche Gestaltung des Platzes, was zu einer mangelhaften Aufenthaltsqualität führt.
- Unzureichende Parkierungssituation, die sowohl für Anwohner:innen als auch für Betriebe problematisch ist.
- Trennende Wirkung der Schwabstraße, die den Bismarckplatz in zwei Bereiche aufspaltet und die Integration in das städtische Raumgefüge erschwert.
Die Planung muss diese Defizite adressieren, ohne die bestehenden Strukturen und Funktionen vollständig zu verdrängen. Vielmehr geht es darum, den Platz multifunktional und zugänglich zu gestalten, wobei die Erhaltung der bestehenden Funktionen wie der Anbindung an den Nahverkehr und die Beziehung zur Elisabethenkirche im Vordergrund stehen.
Konzeptentwicklung
Ein zentrales Element der Neugestaltung ist die Umlagerung der Nutzung des Platzes. Die heutige Ausrichtung, die parallel zur Schwabstraße verläuft, soll um 90 Grad gedreht werden, sodass der Platz eine klare Orientierung auf das Hauptgebäude – die Elisabethenkirche – bekommt. Dies soll die architektonische Präsenz der Kirche stärken und den Platz als zentrales Quartierzentrum neu definieren.
Die Planung sieht großzügige Freitreppen vor, die die topografischen Unterschiede zwischen dem Platz und der Kirche ausgleichen. Alleenartige Baumreihen sollen den Platz strukturieren und gleichzeitig zur Klimaanpassung beitragen. Die offene und weite Mitte des Platzes soll durch kräftige Raumkanten begrenzt werden, um eine klare Gestaltung zu ermöglichen.
Ein weiteres wichtiges Element ist die Einführung von „Stadtbeeten“, die multifunktional genutzt werden können – beispielsweise für Sitzen, Gärtnern und Spielen. Der Platz soll nicht nur ein Grün- und Erholungsraum sein, sondern auch ein Ort für soziale Interaktion und kulturelle Aktivitäten.
Klimaanpassung und Regenwassermanagement
Ein besonderer Fokus liegt auf der Klimaanpassung, insbesondere im Kontext der städtischen Hitzebelastung und der Regenwasserverwaltung. Im Rahmen eines Schwammstadtkonzepts sollen Maßnahmen ergriffen werden, die den Hitzestress reduzieren und gleichzeitig die Regenwasserverläufe optimieren.
Ziel ist es, möglichst viel Regenwasser an Ort und Stelle zu nutzen, um die Verdunstung zu erhöhen und die lokale Kühleffekte zu verstärken. Dazu gehören beispielsweise begrünte Flächen, Permeable Beläge und Regenwasserspeicher. Diese Maßnahmen sollen auch den Mischwasserkanal entlasten und die Belastung durch Starkregen reduzieren.
Bürgerbeteiligung und Wünsche der Anwohner:innen
Umfrage und Wünsche
Im Jahr 2015 führte das Forum lebendiger Westen in Kooperation mit der Stadt Stuttgart und der Bürgerstiftung Stuttgart eine Umfrage zur Sanierung des Bismarckplatzes durch. Die Beteiligung betrug 172 Personen, darunter Anwohner:innen, Anlieger und interessierte Bürger:innen.
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen klare Präferenzen:
- Parkmöglichkeiten: 34 Prozent der Befragten halten eine Tiefgarage unter dem Bismarckplatz für sinnvoll, um die Parksituation zu verbessern. 29 Prozent befürworten hingegen keine Parkplätze auf dem Platz, während 14 Prozent zumindest Kurzzeit-Parkplätze wünschen.
- Verkehrsintegration: Ein wichtiges Thema war die Frage, ob die Haltestelle der Buslinie 42 auf dem Platz bleiben soll. 62 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass die Haltestelle unverändert bleibt.
- Radverkehr: 19 Prozent wünschen sich, dass der Bereich vor dem Café Fragola für Radfahrer gesperrt wird.
Diese Wünsche wurden in die Planung einbezogen, wobei die Planer:innen versuchen, eine ausgewogene Balance zwischen den verschiedenen Nutzer:inneninteressen zu finden.
Beteiligungsverfahren
Die Bürgerbeteiligung ist ein zentraler Bestandteil des Projekts. Sie wird durch das Forum lebendiger Westen begleitet und koordiniert. Ziel ist es, die Anwohner:innen aktiv in die Planung einzubeziehen und ihre Wünsche und Bedenken zu berücksichtigen.
Die Beteiligung erfolgt über verschiedene Formate, darunter Workshops, Online-Umfragen und Informationsveranstaltungen. Die Termine und Informationen sind über das Portal Stuttgart - meine Stadt abrufbar.
Finanzierung und Förderung
Die Sanierung des Bismarckplatzes ist Teil des Sanierungsgebiets Stuttgart 28 – Bismarckstraße, das in das Bund-Länder-Programm Aktive Stadt- und Ortsteilzentren eingebunden ist. Die Finanzierung erfolgt daher aus Bundes- und Landesmitteln, wobei die Stadt Stuttgart zusätzliche Mittel bereitstellt.
Die Kosten für die Neugestaltung des Platzes belaufen sich auf ca. 4,5 Millionen Euro. Die Finanzierung ist jedoch nicht abschließend gesichert, da die Stadt aktuelle Sparmaßnahmen beschlossen hat. Sollten diese Maßnahmen die Finanzierung beeinträchtigen, könnte der Beginn der Sanierung weiter verzögert werden.
Ausblick und Fazit
Der Bismarckplatz in Stuttgart-West ist ein zentraler öffentlicher Raum, der sich in einem langen Planungsprozess befindet. Mit der Ausweisung des Gebiets als Sanierungsgebiet im Jahr 2013 begann ein Prozess, der sich über mehr als zehn Jahre erstreckt. Die Planungen beinhalten eine umfassende städtebauliche Neuordnung, die sowohl die Grünflächen als auch die Verkehrsintegration, die Klimaanpassung und die Nutzung durch die Quartiersbewohner:innen berücksichtigt.
Die Bürgerbeteiligung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, da die Anwohner:innen und Interessierte direkt in die Planung einbezogen werden. Gleichzeitig bleiben jedoch auch Herausforderungen bestehen, insbesondere in Bezug auf die Finanzierung und die Umsetzung der Pläne. Der aktuelle Planungshorizont sieht den Beginn der Sanierung für das Jahr 2027 vor, was aber von der Haushaltslage der Stadt abhängt.
Für Bauherren, Architekten und Stadtplaner:innen bietet der Bismarckplatz ein spannendes Beispiel für eine integrierte Sanierung, die sowohl städtebauliche als auch klimatische Herausforderungen adressiert. Die Planung zeigt, wie eine sorgfältige Abstimmung zwischen verschiedenen Interessengruppen, einer langfristigen Vision und der Einbindung der Bürger:innen zu einer nachhaltigen und lebenswerten Stadtentwicklung führen kann.
Quellen
- Bismarckplatz – Sanierung im Sanierungsgebiet Stuttgart 28 - Bismarckstraße
- Sanierungsgebiet Stuttgart 28 - Bismarckstraße
- Bürgerhaushaltsvorschlag zur Sanierung des Bismarckplatzes
- Stuttgarter Nachrichten: Sanierung des Bismarckplatzes erneut verschoben
- Schwammstadtkonzept für den Bismarckplatz in Stuttgart