Sanierung und Erneuerung der Christuskirche Bochum – Ein Beispiel sakraler Baukunst im Wandel der Zeit

Die Christuskirche in Bochum ist nicht nur ein architektonisch bedeutendes Bauwerk, sondern auch ein historisches und kulturelles Wahrzeichen der Region. Im Laufe mehrerer Jahrzehnte unterzog sich das Gebäude mehreren Sanierungsmaßnahmen, die sowohl technisch anspruchsvoll als auch kulturhistorisch relevant waren. Diese Sanierungen spiegeln nicht nur die Herausforderungen im Umgang mit altem Mauerwerk wider, sondern auch die Entwicklungen in der Denkmalschutzplanung und den gesellschaftlichen Werten.

Im Folgenden wird die Geschichte der Christuskirche Bochum vorgestellt, mit Schwerpunkt auf den Sanierungsmaßnahmen, insbesondere jener des Turms und seiner Gedenkkapelle. Zudem werden die technischen und organisatorischen Hintergründe der Renovierungsarbeiten beschrieben, sowie deren Auswirkungen auf die Nutzung des Gebäudes im 21. Jahrhundert.

Historischer Überblick und Baugeschichte

Die Christuskirche Bochum wurde ursprünglich im Jahr 1879 nach Entwürfen der Architekten August Hartel und Theodor Quester als neogotische Basilika errichtet. In dieser Zeit der Industrialisierung lag das Gebäude in unmittelbarer Nähe zum Bochumer Verein, einem der größten Stahlwerke Deutschlands. Der 72 Meter hohe Turm war damals das höchste Bauwerk der Stadt und zentraler Bestandteil des städtischen Stadtbildes.

Im Jahr 1925 wurde die Eingangshalle des Turms in eine Gedenkhalle umgebaut, in der ein mosaikartiges Werk errichtet wurde. In diesem Mosaik sind die Namen gefallener Gemeindemitglieder des Ersten Weltkriegs eingearbeitet, zusammen mit den Namen angeblicher Feindstaaten und Darstellungen des Heldentods. Diese Gedenkhalle diente als wichtiges historisches Dokument der Zeit und war bis zu den Sanierungsarbeiten der 1950er Jahre ein markanter Bestandteil der Kirche.

Der Zweite Weltkrieg brachte erhebliche Schäden mit sich, wobei das Kirchengebäude durch Bombenangriffe schwer beschädigt wurde. Der Turm blieb zwar weitgehend erhalten, doch die strukturelle Stabilität war gefährdet. In den 1950er Jahren begannen umfassende Sanierungsarbeiten unter der Leitung des Architekten Dieter Oesterlen. In dieser Phase entstand das heutige Kirchenschiff, das sich stark von der neogotischen Form des 19. Jahrhunderts unterschied. Das neue Langhaus stand symbolisch für den Neuanfang nach NS-Regime und Krieg.

Die Sanierungsarbeiten an Turm und Gedenkkapelle

Die größte Herausforderung der Sanierung trat in den 1990er Jahren ein, als der Turm erhebliche Schäden erlitt. Bruchstücke lösten sich von der Sandsteinschale, und das Mauerwerk war aufgrund von Frost- und Feuchtigkeitsschäden stark geschädigt. Eine Bürgerinitiative verhinderte damals den geplanten Abriss des Turms und sorgte durch Spenden und kulturelle Benefizveranstaltungen für die finanzielle Unterstützung der Sanierung.

Die Sanierungsarbeiten an Turm und Gedenkkapelle wurden in drei Bauabschnitten durchgeführt:

  1. Bauabschnitt 1 – Gefahrenabwehr:
    In diesem ersten Schritt wurden Maßnahmen zur Sicherung des Turms durchgeführt. Die gefährdeten Sandsteinoberflächen wurden gesichert, und strukturell instabile Bereiche wurden stabilisiert. Ziel war es, die unmittelbare Einsturzgefahr zu beseitigen und den Zustand des Turms stabil zu halten.

  2. Bauabschnitt 2 – Wiederherstellung der Standsicherheit:
    In diesem Schritt wurden Versteifungsringe eingebracht, um die Stabilität des Turms langfristig zu gewährleisten. Die Planung dieser Versteifungsmaßnahmen erfolgte durch ein Architekturbüro, das die statischen Bedingungen des alten Mauerwerks neu berechnete. Die Versteifungsschritte waren entscheidend, um die historische Substanz des Turms zu erhalten, ohne die ursprüngliche Architektur zu zerstören.

  3. Bauabschnitt 3 – Restaurierung der Gedenkkapelle:
    Der letzte Bauabschnitt konzentrierte sich auf die Renovierung der Gedenkkapelle im Turm. Hierbei wurden die verwitterten Mosaikteile restauriert, und die historische Ausstattung des Raumes wiederhergestellt. Die Gedenkkapelle blieb erhalten und dient bis heute als historisches Dokument der Zeit des Ersten Weltkriegs.

Die Sanierungsarbeiten wurden durch SiGe-Koordinatoren begleitet, die die Arbeiten in der beengten Situation des Turms koordinierten. Die Arbeiten waren aufwendig, da das Mauerwerk durch die Jahre stark gealtert war und die Arbeiten unter enger zeitlicher und räumlicher Vorgaben stattfanden.

Technische Herausforderungen und Materialien

Die Sanierungsarbeiten stellten sowohl architektonische als auch technische Herausforderungen. Der Turmhelm war aus Sandstein, der durch Witterung und Feuchtigkeit stark geschädigt war. Ein besonderes Problem war das Fugenmaterial, das in früheren Sanierungen verwendet worden war. Es war zu hart und führte dazu, dass sich das Wasser nicht aus den Steinen ableiten ließ. Dies führte zu Frostschäden, die die Sandsteinoberfläche abplatzen ließen.

Um dieses Problem zu beheben, wurde bei der Sanierung ein flexibleres Fugenmaterial verwendet, das die Ablenkung von Feuchtigkeit ermöglichte und so die Schäden an den Steinoberflächen verringerte. Zudem wurden die Mauerteile, die stark beschädigt waren, ersetzt, wobei besonderer Wert auf die historische Genauigkeit gelegt wurde. Die Steinoberflächen wurden sorgfältig restauriert, um den ursprünglichen Charakter des Turms zu bewahren.

Bei den Dachsanierungen wurde auf traditionelle Materialien zurückgegriffen. So entschied man sich beispielsweise bei der Lindener Christuskirche dafür, anstelle der altdeutschen Schiefereindeckung eine spanische Deckung zu verwenden. Dies hatte den Vorteil, dass die Kosten im Rahmen blieben, und gleichzeitig eine dauerhafte und witterungsbeständige Lösung gewährleistet wurde.

Die „Kirche der Kulturen“ und ihre kulturelle Bedeutung

Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten im Jahr 2005 wurde die Christuskirche Bochum unter dem Namen „Kirche der Kulturen“ erneut in den städtischen Kulturleben integriert. Das Konzept dieser Kirche ist es, Kultur als Mittel der Verständigung zu nutzen. Veranstaltungen reichen von klassischen Konzerten über Rockkonzerte bis hin zu Poetry Slams und Diskussionen. Die Liturgie bleibt im Mittelpunkt, doch alle Veranstaltungen können sich in irgendeiner Form mit Aussagen der Heiligen Schrift in Verbindung bringen.

Die neue Nutzung der Christuskirche spiegelt die Entwicklungen in der städtischen Kulturpolitik wider. Während die Gedenkkapelle im Turm weiterhin als historisches Denkmal steht, dient das Kirchenschiff als Veranstaltungsraum für interkulturelle Begegnungen. Dieser Nutzungswechsel war nur möglich, weil die Sanierung den historischen Charakter des Gebäudes bewahrte, ohne den Raum für neue kulturelle Formen zu verengen.

Die Rolle der Bürgerinitiative und Finanzierung

Die Sanierung der Christuskirche wäre ohne die Unterstützung einer Bürgerinitiative nicht möglich gewesen. In den 1990er Jahren war der Abriss des Turms geplant, doch durch das Engagement der Initiatoren konnten Spendengelder gesammelt werden. Besonders hervorzuheben ist das Konzept der „Bochumer Kuxe“, bei dem Bürger Anteilscheine erwarben und somit einen symbolischen Besitzanteil an der Kirche erhielten. Dieser Ansatz verband die Sanierung mit der Bevölkerung und stellte sicher, dass die finanzielle Unterstützung für die Renovierung gesichert war.

Zudem spielte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz eine wichtige Rolle bei der Finanzierung. Insgesamt kamen über 1,85 Millionen Euro zusammen, die für die Sanierungsarbeiten verwendet wurden. Diese Finanzierung ermöglichte nicht nur die Stabilisierung des Turms, sondern auch die Erneuerung der Gedenkkapelle und die Renovierung der Fassade.

Fazit

Die Sanierung der Christuskirche Bochum ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie historische Bauwerke durch fachgerechte Renovierung und kulturelle Nutzung in den städtischen Kontext integriert werden können. Die Herausforderungen, die sich durch das Alter des Mauerwerks und die witterungsbedingten Schäden ergaben, wurden durch technische Innovationen und sorgfältige Planung gemeistert. Die Arbeit der SiGe-Koordinatoren und der Architekturbüros war entscheidend für den Erfolg der Sanierung.

Die Christuskirche ist heute nicht nur ein kulturelles Zentrum, sondern auch ein Mahnmal gegen Krieg und Gewalt. Der Kontrast zwischen dem bilderlosen Kirchenschiff und der reich bebilderten Gedenkkapelle symbolisiert den Bruch mit der Vergangenheit, ohne diese zu leugnen. Durch die Sanierung wurde nicht nur die Struktur des Gebäudes gewahrt, sondern auch die kulturelle und historische Bedeutung der Christuskirche Bochum bewahrt.

Quellen

  1. KUP-Ing – Christuskirche Bochum
  2. Deutsche Digitale Bibliothek – Sanierung des Glockenturms
  3. Zukunft Kirchen Räume – Christuskirche der Kulturen
  4. Big Beautiful Buildings – Christuskirche Bochum
  5. Christuskirche Bochum – Geschichte der Gedenkkapelle
  6. Westdeutsche Allgemeine Zeitung – Neue Fassade für Christuskirche
  7. Kirchenkreis Bochum – Mauerwerk wird runderneuert

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