Einführung
Die Christuskirche in Bochum ist ein architektonisch bedeutendes Sakralbauwerk mit einer reichen Geschichte. Ursprünglich als neogotische Basilika errichtet und später in der Nachkriegszeit umgestaltet, ist die Kirche heute nicht nur ein Gotteshaus, sondern auch ein kulturell bedeutender Ort der Begegnung, der unter dem Namen „Kirche der Kulturen“ bekannt ist. Im Verlauf der Jahrzehnte wurde das Bauwerk sowohl kulturell als auch baulich weiterentwickelt. Besonders in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren standen Sanierungsarbeiten im Mittelpunkt, um das historische Gebäude zu erhalten und neue Funktionen zu ermöglichen. Die Sanierung des Turms, der Gedenkkapelle und des Kirchenschiffs sowie die Umgestaltung zur Kulturkirche markieren eine entscheidende Phase in der Geschichte des Bauwerks. Dieser Artikel gibt einen detaillierten Überblick über die Sanierungsmaßnahmen an der Christuskirche Bochum, die Herausforderungen, die dabei entstanden und die architektonischen sowie kulturellen Folgen dieser Arbeiten.
Geschichte der Christuskirche Bochum
Ursprüngliche Baustruktur und Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Die Christuskirche Bochum wurde ursprünglich in den Jahren 1877–1879 als neogotische Basilika von den Architekten August Hartel und Theodor Quester errichtet. Der 72 Meter hohe Turm war zu dieser Zeit das höchste Bauwerk der Stadt. Die Kirche lag in unmittelbarer Nähe zum Bochumer Verein, einem der größten Stahlwerke Deutschlands, was sie in die industrielle Dynamik des 19. Jahrhunderts einbettete. Im Jahr 1925 wurde die Eingangshalle des Turms zu einer Gedenkhalle umgestaltet, die an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnerte. Im Zuge dieser Umgestaltung entstand ein aufwendiges Mosaik mit den Namen der Gefallenen sowie symbolischen Elementen, die die Kriegsgeschichte reflektierten.
Im Zweiten Weltkrieg, insbesondere im Jahr 1943, wurde die Kirche durch einen britischen Luftangriff fast vollständig zerstört. Nur der Turm blieb stehen, wodurch ein wichtiges historisches Element erhalten blieb. Der Turm war nicht nur ein architektonisches Wahrzeichen, sondern auch ein starker symbolischer Ausdruck der Geschichte der Stadt Bochum.
Nachkriegsneubau und sakraler Neuanfang
Im Jahr 1957 entwarf Dieter Oesterlen den Neubau der Kirche, der sich deutlich vom alten Turm unterschied. Der neue Kirchenschiffbau war ein architektonischer Neuanfang, der den Bruch mit der NS-Zeit und den Krieg symbolisierte. Oesterlen verfolgte dabei den Ansatz der Nachkriegsmoderne, wodurch die Christuskirche heute als ein wichtiges Zeugnis dieser Epoche gilt. Der Neubau fügte sich harmonisch in das städtebauliche Umfeld ein, wobei die Kombination aus dem alten Turm und dem neuen Langhaus eine starke visuelle wie symbolische Wirkung erzeugte.
Die neue Kirche war bewusst bilderlos gestaltet – ein bewusster Bruch mit der reich ausgestatteten Kirche des 19. Jahrhunderts. Nur ein Kreuz über dem Altar und abstrakte grafische Fenster des Darmstädter Bildhauers Helmut Lander zierten das Gotteshaus. Diese Gestaltung unterstrich die theologische Idee eines bilderlosen Gottes, der nicht durch Symbole, sondern durch die Schrift und das Denken erfahrbar ist.
Sanierung des Turms: Herausforderungen und Konzepte
Einsturzgefahr und kulturelle Rettung
Im späten 20. Jahrhundert, insbesondere in den 1990er Jahren, stellte sich eine ernste Gefährdung des Turms heraus. Bruchstücke fielen herab, das Mauerwerk hatte sich versetzt, und der Turm galt als einsturzgefährdet. In dieser Situation gründete sich das Kuratorium Christuskirche, ein lokales Bündnis aus Bürgern, die den Abriss des Turms verhindern wollten. Unter der Leitung von Alt-Oberbürgermeister Ernst-Otto Stüber wurde die Idee einer „Bochumer Kuxe“ ins Leben gerufen – eine Art Genossenschaftsanteil für das Gotteshaus, verbunden mit dem symbolischen Besitz eines Werksteins aus dem Turmhelm.
Dieses Konzept fand breite Unterstützung und führte zu einer umfangreichen Finanzierung der Sanierungsarbeiten. Insgesamt kamen 1,85 Millionen Euro zusammen, unter anderem durch Spenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Die Sanierung wurde in drei Bauabschnitten durchgeführt:
- Bauabschnitt 1: Gefahrenabwehr – Sicherung und steinäugige Sanierung des Turmhelms.
- Bauabschnitt 2: Wiederherstellung der Standsicherheit – Einbau von Versteifungsringen gemäß einer Neuberechnung.
- Bauabschnitt 3: Restaurierung der Gedenkkapelle im Turmraum.
Die Sanierungsarbeiten begannen 2001 und endeten 2006. Die Arbeiten wurden von einem Architekturbüro geleitet und durch SiGe-Koordinatoren begleitet, die die Arbeiten aufgrund der beengten baulichen Situation koordinierten.
Tragwerksplanung und SiGe-Koordination
Die Tragwerksplanung spielte eine entscheidende Rolle in der Sanierung. Der Turmhelm bestand aus einer selbsttragenden Sandsteinschale, die aufgrund der Witterungseinflüsse und des Alters stark beschädigt war. Um die Standsicherheit wiederherzustellen, wurden Versteifungsringe eingebracht, die auf Grundlage einer Neuberechnung geplant wurden. Diese Ringe dienten dazu, die Sandsteinschale zu stabilisieren und den Einsturz zu verhindern.
Die SiGe-Koordination (Sicherheit und Gesundheitsschutz) war aufgrund der gealterten Bausubstanz und der beengten Arbeitsbedingungen besonders wichtig. Die Koordinatoren überwachten die Arbeiten in den drei Bauabschnitten und sorgten für eine reibungslose Durchführung der Sanierungsmaßnahmen.
Umgestaltung zur „Kirche der Kulturen“
Vom Gotteshaus zum kulturellen Begegnungsort
Im Jahr 2000 wurde die Christuskirche nicht nur baulich, sondern auch in ihrer Funktion verändert. Sie wurde zur „Kirche der Kulturen“, einem kulturellen Begegnungsort, der über den Gottesdienst hinaus auch Konzerte, Lesungen, Diskussionen und andere kulturelle Veranstaltungen anbot. Dieses Konzept war eng mit der Geschichte des Gebäudes verbunden, da es auf die Auseinandersetzung mit der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte zurückging.
Die Liturgie blieb im Mittelpunkt, doch die Veranstaltungen waren so gestaltet, dass sie sich mit Aussagen der Heiligen Schrift in Verbindung bringen ließen. Die Bandbreite reichte von Klassik über Rock, Metal, Poetry Slams bis hin zu Vorträgen. Die Kirche verstand sich nicht als rein kirchlicher Ort, sondern als ein Platz der Verständigung durch Kultur.
Bauliche Anpassungen
Um diese neue Funktion zu ermöglichen, wurden auch bauliche Anpassungen vorgenommen. Ein gläserner Gang verband Kirchenschiff und Turm miteinander und ermöglichte so eine bessere Durchgängigkeit und Sichtverbindung. Die geometrische Form des Raums und die Materialwirkung trugen dazu bei, dass der neue Raum sowohl funktional als auch ästhetisch ansprechend war.
Denkmalschutz und Städtebauliche Integration
Denkmalschutzstatus und städtebauliche Funktion
Das Kirchengebäude selbst steht unter Denkmalschutz, was die Sanierungsmaßnahmen besonders sensibel gestaltete. Die Kirche ist inmitten der Innenstadt gelegen, in unmittelbarer Nähe zum Rathaus, zur Volkshochschule und zum evangelischen Kirchenkreis. Die Städtebaulage ist dicht bebaut, wodurch die Kirche als Kulisse und Wahrzeichen hervorsticht.
Die Kirche liegt weit zurückgesetzt vom Straßenbereich, wodurch sie sich trotz der dichten Bebauung klar abhebt. Der historische Kirchturm blieb am Willy-Brandt-Platz unverbaut und ist damit von allen Seiten sichtbar. Dies unterstreicht die städtebauliche Bedeutung des Bauwerks und seinen Status als kulturelle Landmarke.
Sanierungsarbeiten an der Lindener Christuskirche
Neben der Christuskirche Bochum in der Innenstadt gab es auch Sanierungsarbeiten an der Lindener Christuskirche, die unter ähnlichen Bedingungen durchgeführt wurden. In den Jahren 2016 wurden Dach und Fassade an der Nordwest-Seite der Kirche erneuert. In 2024 folgten die Sanierungsarbeiten an der Südost-Seite entlang der Hattinger Straße.
Die Fassadensanierung umfasste das Abschlagen von losen Sandsteinoberflächen und das Auskratzen der alten Fugen. Es zeigte sich, dass bei früheren Nacharbeiten zu hartes Fugenmaterial verwendet worden war, wodurch das Wasser nicht abfließen konnte und Frostschäden entstanden. Die letzte vollständige Mauersanierung war in den 1970er Jahren erfolgt, was die Notwendigkeit der aktuellen Maßnahmen unterstrich.
Die Dacharbeiten umfassten die Erneuerung der Altdeutschen Schieferdeckung durch eine Spanische Deckung, was im Vorfeld mit den Denkmalbehörden abgesprochen wurde. Die Sanierungsarbeiten an der Lindener Christuskirche unterstreichen die langfristigen Herausforderungen der Denkmalspflege und die Notwendigkeit von kontinuierlichen Wartungsmaßnahmen.
Kulturelle und theologische Bedeutung
Die Kirche als Mahnmal gegen Krieg
Die Christuskirche in Bochum ist nicht nur ein architektonisches Bauwerk, sondern auch ein Mahnmal gegen Krieg und Gewalt. Der Turm, der im Krieg erhalten blieb, ist ein symbolisches Zeichen für die Erinnerung an die Opfer der Kriege. Die Gedenkkapelle im Turm mit dem Mosaik aus den Namen der Gefallenen und den damaligen Feindländern dient als erinnerungspolitischer Raum.
Die neue Kirche, die nach 1957 errichtet wurde, ist bewusst bilderlos gestaltet. Dieser architektonische Ansatz spiegelt die theologische Auseinandersetzung mit der Judenwissenschaft und der Idee eines bilderlosen Gottes wider. Die Kirche löst sich von der reichen Ausstattung der Vorkriegszeit und betont stattdessen die Schlichtheit und die Kraft der Schrift.
Fazit
Die Sanierung der Christuskirche Bochum ist ein Meilenstein in der Geschichte des sakralen Bauwesens und der Denkmalspflege. Sie markiert nicht nur die Wiederherstellung einer baulich gefährdeten Struktur, sondern auch die wandelnde Funktion eines kirchlichen Ortes. Die Kirche ist heute nicht nur ein Gotteshaus, sondern auch ein kultureller Begegnungsort, der durch die „Kirche der Kulturen“ ein Forum für Kunst, Diskussion und theologische Auseinandersetzung bietet.
Die Sanierungsarbeiten an Turm, Gedenkkapelle und Kirchenschiff wurden in enger Zusammenarbeit mit Experten, Behörden und der lokalen Bevölkerung durchgeführt. Sie zeigen, wie Denkmalschutz, kulturelle Entwicklung und theologische Reflexion sich in einem Bauwerk vereinen können.
Die Erfahrungen aus der Sanierung der Christuskirche Bochum sowie der Lindener Christuskirche geben einen wertvollen Einblick in die Herausforderungen und Chancen der Denkmalspflege in der modernen Stadt. Sie zeigen, wie historische Bauwerke nicht nur erhalten, sondern auch in neue Funktionen übernommen werden können – ohne ihre historische und kulturelle Bedeutung zu verlieren.
Quellen
- KUP-Ing: Turmhelmsanierung Christuskirche Bochum
- Deutsche Digitale Bibliothek: Sanierung des Glockenturms der Christuskirche
- Zukunft Kirchenräume: Christuskirche als Kulturkirche
- Big Beautiful Buildings: Christuskirche Bochum
- Christuskirche Bochum: Geschichte und Gedenkkapelle
- Westdeutsche Allgemeine: NRW-Kirche als Sakralneubau
- Westdeutsche Zeitung: Christuskirche erhält neue Fassade
- Kirchenkreis Bochum: Sanierung der Lindener Christuskirche