Sanierung des Ruthsenbachs in Darmstadt: Ökologische und städtebauliche Maßnahmen zur Wasserqualitätsverbesserung

Einleitung

Die Sanierung des Ruthsenbachs in Darmstadt ist ein zentraler Bestandteil der umfassenden Bemühungen der Stadt, ihre ökologische Verantwortung zu stärken und den Anforderungen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie gerecht zu werden. Der Ruthsenbach, ein Fließgewässer im Bereich Kranichstein/Arheilgen, ist Teil eines größeren Gewässersystems, das im Jahr 2016 mit dem Ersten Maßnahmenbündel begonnen wurde und inzwischen auch mit dem Zweiten Maßnahmenbündel fortgeführt wird. Ziel ist es, die ökologische Durchgängigkeit des Flusses wiederherzustellen, die Wasserqualität zu verbessern und die Artenvielfalt zu fördern.

Die Maßnahmen beinhalten die Sanierung von Durchlässen, die Herstellung von Fischtreppen, die Anbindung an Auenlandschaften und die Entschlammung der Hochwasserrückhaltebecken. Der Ruthsenbach ist dabei in das umfassende städtische Klimaschutzprogramm eingebettet, das bis zum Jahr 2035 die Klimaneutralität der Stadt Darmstadt zum Ziel hat.

Die folgenden Abschnitte analysieren die Planung, Durchführung und Ergebnisse der Sanierungsmaßnahmen anhand der verfügbaren Daten. Dabei werden die technischen, ökologischen und finanziellen Aspekte im Detail dargestellt.

Das Ruthsenbach-Gewässer und seine Herausforderungen

Der Ruthsenbach ist ein Fließgewässer, das sich im Stadtgebiet Darmstadt in den Stadtteilen Kranichstein und Arheilgen befindet. Es ist Teil des Schwarzbachgebietes und mündet schließlich in die Silz. Der Flusslauf ist stark durchbauwerklastet. Auf seinem Weg passiert der Ruthsenbach mehrere Hochwasserrückhaltebecken (HRB), Durchlässe, Brücken und Quer- und Entnahmebauwerke. Diese Bauwerke behinderten die natürliche Fließdynamik des Flusses und beeinträchtigten die ökologische Durchgängigkeit.

Die Stadt Darmstadt und der Wasserverband Schwarzbachgebiet-Ried haben sich daher gemeinsam für eine umfassende Sanierung entschieden. Ziel ist es, die Flussdynamik wiederherzustellen und den ökologischen Zustand zu verbessern. Die Sanierungsmaßnahmen orientieren sich dabei an der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL), die einen guten ökologischen Zustand der Gewässer als Ziel definiert.

Sanierungsmaßnahmen: Von der Planung bis zur Umsetzung

1. Maßnahmenbündel: Der Erich-Kästner-See

Im Jahr 2016 wurde das erste Maßnahmenbündel umgesetzt, das den Erich-Kästner-See betraf. Dieser See ist das erste Hochwasserrückhaltebecken im Fließbereich des Ruthsenbachs. Im Vorfeld der Sanierung erfolgte eine gründliche Entschlammung. Die Becken wurden entleert, und die Ablagerungen wurden geortet, vermessen und entsorgt. Die Entschlammungsarbeiten begannen im September 2014 und endeten im Februar 2015.

Die Planung und Ausführung dieser Maßnahme erfolgten durch den Eigenbetrieb Immobilienmanagement (IDA) der Stadt Darmstadt. Die Grundlagenplanung, Ausführungsplanung sowie die Bauüberwachung wurden koordiniert, um die ökologischen und städtebaulichen Anforderungen zu erfüllen.

2. Maßnahmenbündel: Ökologische Durchgängigkeit

Nachdem das erste Maßnahmenbündel abgeschlossen war, folgte das zweite Bündel, das im Jahr 2023 abgeschlossen wurde. Die Arbeiten dauerten neun Monate und fanden hauptsächlich im Bereich des Ruthsenbachs statt. Ziel war es, die Durchgängigkeit für Tiere wiederherzustellen, insbesondere für gefährdete Arten der Roten Liste.

Ein zentraler Aspekt des zweiten Maßnahmenbündels war die Sanierung des Durchlasses in der Bartningstraße. Der alte Durchlass behinderte die Wanderung von Fischen und anderen Tieren. Im Zuge der Sanierung wurde der Durchlass neu gestaltet, und die Straßenbahngleise mussten vorübergehend ausgebaut werden, um die Arbeiten durchzuführen. Anschließend wurden die Gleise wieder an ihre ursprüngliche Position gesetzt.

Zusätzlich wurde der Ruthsenbach über eine etwa 165 Meter lange Verbindung an die Auenlandschaft im Taltief angeschlossen. Der Höhenunterschied zwischen dem Flusslauf und der Aue beträgt drei Meter und wird durch eine Fischtreppe überwunden. Diese Maßnahme hat zur Folge, dass das Wasser in Trockenzeiten nicht mehr in den Hochwasserrückhaltebecken verloren geht, sondern vorbeigeführt und im Bach gehalten wird.

Ökologische Vorteile

Die Sanierungsmaßnahmen tragen dazu bei, die Artenvielfalt im Ruthsenbach-Gebiet zu fördern. Durch die Herstellung der ökologischen Durchgängigkeit können gefährdete Arten wieder ihre natürlichen Lebensräume erreichen. Zudem wird die Wasserqualität durch die Verbesserung der Flussdynamik positiv beeinflusst. Die Sanierung unterstützt zudem das Ziel, die Naturschutzgebiete Silzwiesen und Scheftheimer Wiesen miteinander zu vernetzen, was für die biologische Durchgängigkeit entscheidend ist.

Finanzierung und Kosten

Die Sanierungsmaßnahmen am Ruthsenbach sind mit insgesamt 1,6 Millionen Euro verbunden. Laut Angaben der Stadt Darmstadt werden 85 Prozent der Kosten aus dem Landesprogramm „Gewässerentwicklung und Hochwasserschutz“ gefördert. Der restliche Anteil wird zwischen der Stadt Darmstadt und dem Wasserverband Schwarzbachgebiet-Ried getragen.

Die finanzielle Planung erfolgte auf der Grundlage der Bau-Leitlinien der Stadt Darmstadt, die ambitionierte Vorgaben für Sanierungs- und Neubaumaßnahmen enthalten. Ziel dieser Leitlinien ist es, über den gesamten Lebenszyklus der Gebäude die Gesamtkosten zu minimieren. Die Sanierung des Ruthsenbachs ist somit auch ein Beispiel für nachhaltige städtische Entwicklung, die in Einklang mit den Klimaschutzzielem der Stadt steht.

Klimaschutz und nachhaltige Stadtplanung

Die Sanierungsmaßnahmen am Ruthsenbach sind nicht isoliert betrachtbar, sondern Teil der umfassenden Klimaschutzstrategie der Stadt Darmstadt. Im Jahr 2023 wurden die „Leitlinien für den nachhaltigen Hochbau der Wissenschaftsstadt Darmstadt“ verabschiedet. Diese Leitlinien gelten für alle kommunalen Neubau-, Umbau- und Sanierungsprojekte und dienen als Planungsgrundlage für zukünftige Baumaßnahmen.

Die Stadt hat sich das Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu sein. Die Sanierungsmaßnahmen am Ruthsenbach tragen dazu bei, dieses Ziel in der Praxis umzusetzen. Durch die Verbesserung der Wasserqualität, die Fördung der Artenvielfalt und die nachhaltige Nutzung von Ressourcen wird der ökologische Fußabdruck der Stadt reduziert.

Ein weiterer Vorteil der Sanierungsmaßnahmen ist, dass sie als Vorbild für andere Kommunen dienen können. Die Stadt Darmstadt unterstreicht mit solchen Projekten, dass Sanierungen im Bestand nach dem KfW-55-Standard technisch machbar und ökonomisch sinnvoller als Neubauprojekte sein können.

Technische und planerische Voraussetzungen

Die Sanierungsmaßnahmen am Ruthsenbach basieren auf einer sorgfältigen Planung und präzisen technischen Umsetzung. Vor Beginn der Arbeiten erfolgten umfangreiche Erkundungen und Vermessungen. Insbesondere bei der Entschlammung des Erich-Kästner-Sees wurden digitale Geländemodelle (DGM) erstellt, um das Volumen der Schlammablagerungen zu ermitteln. Diese Modelle basierten auf Tachymetervermessungen, bei denen alle 25 Meter ein Querprofil aufgenommen wurde.

Die Erkundungsergebnisse dienten der Planung der Aushubarbeiten und ermöglichten eine genaue Kalkulation der Ressourcen. Zudem spielte die Klimaanpassung eine Rolle in der Planung: Die Sanierungsmaßnahmen sollten auch unter den Bedingungen der Klimaveränderung – insbesondere Trockenzeiten – funktionieren.

Ein weiterer technischer Aspekt war die Zusammenarbeit mit dem Verkehrsunternehmen Heag Mobilo, das für den Aus- und Wiederausbau der Straßenbahngleise in der Bartningstraße zuständig war. Diese Maßnahme war erforderlich, um den Durchlass dort zu ersetzen und die ökologische Durchgängigkeit wiederherzustellen.

Öffentliche Beteiligung und Transparenz

Die Sanierungsmaßnahmen am Ruthsenbach wurden im Rahmen der städtischen Bauleitplanung durchgeführt. Die Stadt Darmstadt betont die Bedeutung der Transparenz und der Beteiligung der Öffentlichkeit. Auf der Website der Stadt finden sich umfangreiche Informationen zu laufenden Bauleitplanverfahren, zu Planungsunterlagen und zu Möglichkeiten der Stellungnahme. Zudem bietet das Stadtplanungsamt Beratung für Bauinteressierte an, insbesondere bei baurechtlichen Fragen.

Die öffentliche Beteiligung ist ein entscheidender Bestandteil der Planung. Sie ermöglicht es, lokale Bedenken zu berücksichtigen und Synergien zwischen verschiedenen Projekten zu nutzen. In der Vergangenheit gab es zudem Rechtsvorschriften und Satzungen, die die Planung begleiteten. Ein Beispiel ist die Einstellplatzsatzung, die im Bereich des Bau- und Wohnungswesens Anwendung findet.

Fazit

Die Sanierung des Ruthsenbachs in Darmstadt ist ein eindrucksvolles Beispiel für nachhaltige Stadtplanung und ökologische Wasserbaukunst. Mit den beiden Maßnahmenbündeln ist es der Stadt gelungen, die Durchgängigkeit des Flusses wiederherzustellen, die Wasserqualität zu verbessern und die Artenvielfalt zu fördern. Die Maßnahmen sind fachlich fundiert, finanziell nachhaltig und in Einklang mit den Klimaschutzzielem der Stadt.

Durch die Zusammenarbeit mit dem Wasserverband Schwarzbachgebiet-Ried und die Einbindung technischer Expertisen wurden sowohl ökologische als auch städtebauliche Ziele verwirklicht. Die Sanierungsmaßnahmen am Ruthsenbach tragen zur Stärkung der biologischen Vielfalt bei, schützen gefährdete Arten und verbessern die Lebensqualität in den betroffenen Stadtteilen.

Insgesamt zeigt sich, dass die Sanierung nicht nur ökologische Vorteile bietet, sondern auch als Vorbild für andere Städte dienen kann. Die Stadt Darmstadt hat mit diesem Projekt unter Beweis gestellt, dass es möglich ist, städtische Fließgewässer in ihrer ursprünglichen Funktion wiederzubeleben – und das mit wissenschaftlicher Präzision, technischer Kompetenz und politischer Vision.


Quellen

  1. Sanierung Ruthsenbach – BH GmbH
  2. Wasserqualität des Ruthsenbachs verbessert – Fr.de
  3. Sanierung Erich-Kästner-See – BGS Wasser
  4. Bau-Leitlinien der Stadt Darmstadt – Klimaweg
  5. Stadtplanung und Bauleitplanung – Stadt Darmstadt
  6. Rechtsvorschriften und Satzungen – Stadt Darmstadt

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