Einführung
Die kontaminierte Nutzung von Kieselrot in Sportanlagen, insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren, führte in den 1990er Jahren zu einer dringenden Sanierungsnotwendigkeit. Kieselrot ist eine rote, poröse Schlacke, die als Belag auf Tennenplätzen und Sportanlagen verwendet wurde, jedoch in den späten 1980er und 1990er Jahren erkannt wurde, dass sie erhebliche Dioxin-Belastungen aufweist. Dioxine gelten als gesundheitlich schwerwiegend und umweltatisch sehr anhaltend. In den letzten drei Jahrzehnten wurden verschiedene Sanierungsmaßnahmen eingesetzt, um die Risiken zu minimieren und betroffene Sportflächen wieder sicher nutzbar zu machen.
Die vorliegende Analyse basiert ausschließlich auf veröffentlichten Berichten, Gutachten und Pressemitteilungen zu Dioxin-betroffenen Sportanlagen, Sanierungsmaßnahmen und den damit verbundenen Kosten- und Projektplanungen. Ziel ist es, einen umfassenden und sachlichen Überblick über das Thema zu liefern, der für Eigentümer, Verwalter, Bauherren und Verantwortliche in der kommunalen Bauplanung relevant ist.
Was ist Kieselrot und wie entstand die Dioxin-Kontamination?
Kieselrot bezeichnet eine rote Schlacke, die als Nebenprodukt der Kupfergewinnung entstand, insbesondere in der Stadt Marsberg im Jahrzehnt nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. In der damals angewandten chlorierenden Röstverfahren wurde die rote Schlacke als wertvoll erachtet und ab den 1950er-Jahren hauptsächlich als Belag auf Sportanlagen, Spielplätzen und Wegen verwendet. Kieselrot zeichnete sich durch eine gleichförmige Korngröße und Stabilität aus, was technisch gesehen vorteilhaft war, doch erst 1991 wurden die schwerwiegenden Dioxin-Belastungen entdeckt.
Die Schlacke entstand bei der Röstung sulfidischer Erze mit Chlor verfeinerten Verfahren und enthält in konzentrierter Form hochchlorierte Dioxine und Furane. Die dabei entstandenen giftigen Verbindungen, insbesondere Hexachlorbenzol und polychlorierte Biphenyle (PCB), blieben für Jahrzehnte unbekannt. Nach der Entdeckung 1991 mussten in Deutschland fast 1.400 Sportanlagen überprüft und bei Bedarf gesperrt oder saniert werden.
Erkennen der Dioxin-Belastung: Historische Kontaminationen
Die Dioxin-Belastung von Sportanlagen wurde zunächst als lokales Problem erfasst, sich jedoch in den Folgejahren als verbreiteter Skandal herausgestellt. In Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Bremen wurden die meisten Sportflächen untersucht, da die Herkunft der Kieselrotschlacke eng mit regionalen Kupferhütten zusammenhing.
Die Dioxinkonzentrationen im reinen Kieselrot betragen bis zu 80.000 ng I-TE/kg Trockenmasse (TS). Verdünnte Bestandteile können zwar geringere Werte aufweisen – unter 1.000 ng TE/kg TS –, jedoch ist ein gesundheitliches Risiko dennoch gegeben, insbesondere bei langfristigen Expositionen durch Bodendurchwanderung oder kontaminierte Schlammablagerungen.
Auch in angrenzenden Wohngebieten wurden Dioxinwerte im Boden zwischen 1.000 und 290.000 ng I-TE/kg gemessen. Besonders problematisch ist der Zusammenhang mit Flugstaub, der sich aus Bergbaueinrichtungen in Marsberg ableitete und bis in die umliegenden Wohngebiete verfrachtete. Diese Kontaminationsquellen konnten erst mit großem technischen Aufwand entflochten und aufgearbeitet werden.
Auswirkungen der Dioxin-Belastung auf die Nutzung
Die Belastung der Sportanlagen führte zunächst zu einer öffentlichen Aufregung, weil Eltern und Sportvereine weder über die Art der Bestandteile noch deren gesundheitliche Risiken informiert waren. Die Dioxinbelastung in Kieselrot war zum Zeitpunkt der Installation unbekannt.
Dioxine gelten als krebserzeugend und können durch den menschlichen Hautkontakt absorbiert werden. Weiterhin sind sie in der Lage, sich im Fettgewebe anzusammeln und dort über Jahrzehnte verbleiben. Die Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung (BBodSchV) legt hierfür klare Schwelleinwerte fest, die bei Sportanlagen und Spielplätzen nicht überschritten werden dürfen – in der Regel 1.000 ng I-TE/kg.
Trotz der Risiken konnten Experten nachweisen, dass die Dioxine in der Kieselrotschlacke weitgehend gebunden sind. Regenwasser spült sie nicht aus, und intensiver Kontakt über Jahrzehnte hat in Untersuchungen keine nennenswerte Aufnahme durch den menschlichen Körper ergeben. Dies lag unter anderem an der feinen Bindung des Dioxins an Eisenhydroxidreste im Material, die das Gift nicht einfach freisetzen.
Sanierungsmaßnahmen an Dioxin-betroffenen Sportanlagen
Die Sanierung von Dioxin-betroffenen Sportanlagen ist ein komplexer Prozess, der sowohl technischer Präzision, als auch umfassender Planung und Kommunikation bedarf. Nach den ersten Erkennungsinformationen wurden etliche Projektleiteure beauftragt, Gutachten zu erstellen und Sanierungspläne zu entwerfen. Insgesamt wurden in den beschriebenen Bundesländern über 90 Dioxin-Projekte bearbeitet, wobei die größten Aktionen in Darmstadt, Bremen und Bochum stattfanden.
Die Sanierungsphasen lassen sich in mehrere Komponenten einteilen:
Förderung und Planung: Bei einer Sanierung, wie sie in Bremen-Nord durchgeführt wurde, ist eine ausreichende Budgetplanung und Ausschreibung von Spezialfirmen erforderlich. Hierbei ist eine fachliche Begutachtung durch vertrauenswürdige Ingenieure notwendig, da die Arbeitsschutzmaßnahmen von großer Bedeutung sind.
Austausch von Belägen: Veraltete Tennenbeläge mit Kieselrot werden durch moderne Alternativen wie Kunstrasen, Bodenerhaltungssysteme oder auch Neupflanzungen ersetzt. Bei der Entsorgung ist darauf zu achten, dass die kontaminierte Schlacke in zugelassene Sondermülldeponien gebracht wird. In Bremen wurde diese Schlacke beispielsweise in die Deponie Hoheneggelsen transportiert.
Nachsorge und Öffentlichkeitsarbeit: Erfolgsfähige Sanierungen erfordern auch nach der Ausführung eine sorgfältige Nachbetreuung, um unerwünschte Auswirkungen vorzubeugen. Dazu gehören umfangreiche Informationstermine für Vereinsmitglieder, Stadtverwaltungen und Anwohner.
Förderschwerpunkte in der Region: In Nordrhein-Westfalen hat die DTCOM GmbH (ehemals FOCON) projektbegleitend Dioxin-sanierende Arbeiten über einen Zeitraum von elf Jahren geleitet. Hierzu zählen Gutachten, Aufbereitungspläne, Sicherheitskoordination, Öffentlichkeitsarbeit und Baustellenüberwachung.
Beispielprojekte: Wie läuft eine Sanierung im Detail ab?
Ein besonders umfangreiches Sanierungsprojekt war die „Fuchs-Hüttensanierung“ in Marsberg. Die Region war besonders stärk durch die ehemalige Stadtberger Hütte kontaminiert. Hier kamen aufwendige chemische Aufbereitungstechniken zum Einsatz:
Ein kontinuierlich betriebener, zweistufiger Sedimentationsstollen wurde errichtet, mit Prozessleitsteuerung und Schlammentsorgung. Dadurch konnte das Dioxin aus dem Sickerwasser so weit möglich eliminiert werden.
Der ausgebaut Flugstaub in den Anlagen wurde sorgfältig gesammelt und entsorgt. Die Baumeister und Gutachter legten Wert auf den Schutz der angrenzenden Wohngebiete, insbesondere Niedermarsberg, Obermarsberg und dem Wulsenberg-Gelände.
Die finanzielle Planung lag in den meisten Fällen bei mehreren hunderttausend Euro, da zudem moderne Erneuerungsmaßnahmen vorgenommen werden mussten: Anlage von Kunstrasen, Renaturierung der Böden und Umgestaltung von Vereinsräumen.
Eine ähnliche Methodik wurde in Bochum angewandt, wo der Sportplatz Gahlensche Straße aufgrund einer Kieselrot-Belastung umgehend gesperrt wurde. Der Dioxingehalt lag hier bei 1.000 Nanogramm/kg, und der Platz wurde bis zur geplanten Sanierung – initiiert für das Jahr 2024 – weiterhin gesperrt. Um den Betreibervereinen einen Ersatz zu gewähren, wurden alternative Spielplätze bereitgestellt.
Kosten und Finanzierung der Sanierungen
Die erforderlichen Sanierungsarbeiten an Dioxin-betroffenen Sportplätzen sind finanziell aufwendig. Dies liegt einerseits an der Notwendigkeit, die alte, kontaminierte Schlacke vollständig zu entfernen und fachgerecht zu entsorgen. Andererseits fallen Kosten für den Neuanbau an, sei es durch Kunstrasen, Naturrasen oder Tennenanlagen. Die Finanzierung erfolgt meist über kommunale Haushaltsmittel, Förderungen aus Land oder EU-Programmen oder über Ausschreibungen mit regionalen Bauunternehmen.
In Bremen stellte die Stadt mehrere hunderttausend Euro bereit, wobei die genaue Höhe aus rechtlichen Gründen nicht öffentlich bekannt gegeben wurde. In anderen Städten wie Düsseldorf zeigten umfassende Untersuchungen Ende der 1980er Jahre, dass Kieselrot nicht anwesend gewesen war; damit war ein Handlungsbedarf im öffentlichen Bereich nicht gegeben.
Herausforderungen in der Umsetzung
Die Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen stößt auf mehrere praktische und organisatorische Schwierigkeiten:
Planungssicherheit und öffentliche Akzeptanz: Sanierungsmaßnahmen in historisch bedeutenden Sportplätzen erlangten oft nicht die nötige öffentliche Unterstützung, um umfassend und rasch umzusetzen.
Gutachterliche Unklarheit: Die Erkenntnisse, auf welche Dioxin-Belastungen zurückzuführen sind, basierten oft auf regionalen Gutachten, wobei die Anwendung und Auslegung variierte. In Leopoldshöhe blieben beispielsweise mehr als 20 Jahre lang wichtige Dokumente ungeklärt, die sich auf den Status des Sportplatzes Greste bezogen.
Umgang mit fehlenden Archiven: In einigen Städten wie Bad Oeynhausen oder Bochum konnten keine ausreichenden archivierten Dokumente zur Historie der Sportplatzbeläge geprüft werden. Die Verwaltungsstrukturen, die in den 1980er und 1990er Jahren zuständig waren, hatten entweder keine klare Aufstellung der Materialien oder diese wurden nicht sorgfältig dokumentiert.
Ersatznutzung während Sanierungsphasen: Wird ein Sportplatz gesperrt, dann muss die Verwaltung oft Ersatzlösungen anbieten, sonst droht eine Enttäuschung der Nutzergruppen, insbesondere Vereinen und Schulen. In Bremen wurde daraufhin alternativer Spielraum bereitgestellt, auch wenn dieser räumlich begrenzt war.
Aktuelle Projekte und zukünftige Herausforderungen
Auch im Jahr 2024 laufen noch Sanierungen, insbesondere in Bochum, wo der Sportplatz Gahlensche Straße mit Beginn im Frühjahr saniert werden soll. Weitere Projekte in Nordrhein-Westfalen nutzen die Expertise, die sich in den letzten 25 Jahren angesammelt hat, und gehen damit von Spezialfirmen wie der DTCOM GmbH mit aus.
Dr. Dreschmann, einer der führenden Experten in Dioxin-Projekten, wurde nicht nur bei Sanierungen in Marsberg, sondern auch bei Gericht als Gutachter hinzugezogen. Er referiert regelmäßig an Fortbildungsveranstaltungen, die sowohl Anfängern als auch Sachverständigen das Thema Dioxin näherbringen.
Die Entwicklung hin zu schadstoffarmen Belägen in Sportplätzen hat zugenommen. Moderne Materialien wie Kunstrasen oder speziell abgestimmte Kiesgruppen reduzieren die Anfälligkeit für Dioxin-Kontaminationen grundlegend. Zudem werden die Altlastengesetze im Land fortgeschrieben, um zukünftige Bauvorhaben besser auf Umweltfaktoren abzurichten.
Fazit
Die Dioxin-Belastung von Sportanlagen durch Kieselrot war und bleibt eine Herausforderung in der kommunalen Bauplanung und bei der Sanierung öffentlicher Böden. Die historische Nutzung eines fälschlicherweise als sicher erachteten Material kann nach Jahrzehnten durch fortschrittliche Erkenntnisse gefährdet werden. Es ist von größter Wichtigkeit, dass Verantwortliche – seien es Bauunternehmen, Städte oder Bundesbehörden – transparent über Gefährdungen informieren und eine nachhaltige Planung betreiben.
Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass nur durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Gutachtern, Bauausführenden und Bürgern langfristige, sichere und finanziell tragfähige Lösungen ermöglicht werden können. So können auch zukünftige Sportplätze sicher genutzt werden, ohne dass Gesundheitsrisiken im Raum stehen.
Quellen
- Sanierung der Kieselrotbelasteten Sportplätze gesichert – Keine gesundheitliche Gefährdung in der Nachbarschaft
- Dioxin / Kieselrot Sanierungen
- Sportplatz Gahlensche Straße nach Fund von Kieselrot gesperrt
- Dioxinbelastung von Sportplätzen – Anfrage und Antwort der Verwaltung in Düsseldorf
- Die Sanierung zieht sich – Sportplatz Greste
- Kieselrot-Untersuchungen – Informationen und Gutachten