Die Domsanierung in Greifswald – Ein europäisches Kulturerbe auf den Prüfstand

Der Greifswalder Dom St. Nikolai steht nicht nur im Mittelpunkt der städtischen Identität, sondern ist zugleich ein Baudenkmal nationaler Bedeutung in der Region Mecklenburg-Vorpommern und ein prägnanter Halt im Stadtbild einer ehemaligen Hansestadt. Mit seiner beinahe 100 Meter hohen Westempore und der dreischiffigen Backsteingotik zählt das Gotteshaus zu den bedeutenden Kirchenbauten des Nordens. Doch die Geschichte und kulturelle Wichtigkeit dieses Bauwerks standen längere Zeit vor einem gravierenden Problem: Die Substanz des Doms war durch altersbedingte Abnutzungen und strukturelle Mängel in Gefahr. Um diese zu beseitigen und das Denkmal auf Dauer zu erhalten, wurde eine umfassende Domsanierung in mehreren Abschnitten durchgeführt – finanziell stark durch staatliche Fördermittel und Spenden unterstützt.

In diesem Artikel zeigen wir, welche Arbeiten im Rahmen der Domsanierung in Greifswald durchgeführt wurden, wie die Finanzierung gestaltet war, welche aktuelle Projekte im Gange sind und wie sich die Bauausführung auf die Nutzung des Doms durch Gläubige und Touristen ausgewirkt hat.


Der Greifswalder Dom St. Nikolai – Historische und kulturelle Bedeutung

Die Kirchgemeinde Greifswalds schätzt den Dom nicht nur als kirchlichen Mittelpunkt, sondern als zentralen Anziehungspunkt des Stadtbilds, der weit über die Grenzen der Stadt hinaus wirkt. Das um 1262 erstmals urkundlich erwähnte Gotteshaus ist heute eine der größten Kirchen der norddeutschen Backsteingotik. Es verfügt über mehrere hundert Metern Dachfläche, 21 kunstvoll gestaltete Kapellen, wertvolle Altäre, Epitaphe und Fresken, und ist Teil der “Europäischen Route der Backsteingotik”.

Der Dom ist als Universitäts- und Bischofskirche eng mit der 1456 gegründeten Christian-Albrechts-Universität verbunden. Seine architektonische Eleganz, der romanisch-mittelalterliche Wechsel in der Wandmalerei und die überlegene Raumkonzeption machen das Gebäude zu einem unverzichtbaren Element der städtischen Identität Greifswalds. Darüber hinaus zählt die Aussichtsplattform des Westturms mit ihrer Aussicht über die Altstadt zu den sehenswürdigsten Orten in der Region und zieht täglich bis zu 800 Besucher an.


Warum war eine umfassende Sanierung erforderlich?

Die Bausubstanz der Kirche war im Laufe der Jahrhunderte stark beansprucht worden. Besonders kritisch wurde die Situation in den nördlichen und südlichen Seitenschiffen. Im Laufe der Domsanierung stellte sich heraus, dass die tragenden Bauteile des Dach- und Mauerwerks aus der Erstbauphase in einem so maroden Zustand waren, dass ein Einsturz nicht auszuschließen war. Um die Stabilität des Bauwerks langfristig zu gewährleisten, waren umfangreiche werktechnische Maßnahmen erforderlich.

Zentrale Punkte der Sanierung waren:

  • Die Sicherung der Dachkonstruktion und die Grundreparatur des Dachstuhls.
  • Die Stabilisierung des Mauerwerks, insbesondere durch den Einbau und Stärkung von Zugankern.
  • Die Sanierung und Erneuerung der Fenster.
  • Die Wiederherstellung romanischer Farbzustände in den Kapellen.
  • Die Restaurierung von Holzschutzmitteln-belasteten Bauteilen im Holzrahmensystem.
  • Die Sanierung der westlichen Turmaufbauten und Mauerflächen.

Diese Maßnahmen waren aus Sicht des Dompastors Matthias Gürtler nicht einfach für den Erhalt der ästhetischen Eindrücke, sondern eine Voraussetzung dafür, dass der Dom überhaupt weiterbestehen bleibt.


Die Finanzierung – Eine Herausforderung und Gemeinschaftsaufgabe

Die Sanierungstätigkeiten am Greifswalder Dom brachten eine erhebliche finanzielle Belastung mit sich. Die Gesamtkosten bezifferte die Domgemeinde auf fünfmillionen Euro. Damit war es notwendig, auf staatliche Fördermittel und private Spenden zurückzugreifen. Insgesamt trugen verschiedene Institutionen und Einzelpersonen zur Realisierung des Projekts bei.

1. Staatliche Förderung

Am 17. April 2014 hat der damalige Minister für Wirtschaft, Bau und Tourismus Mecklenburg-Vorpommerns, Harry Glawe, Fördermittel in Höhe von 1,5 Millionen Euro für die Domsanierung zugesagt. Dies füllte eine finanzielle Lücke, so dass das Vorhaben von Beginn an gut planbar war.

Weitere staatliche Unterstützung stammt aus dem Städtebauförderungsprogramm des Bundes und des Landes MV. In den Jahren zwischen 1990 und 2024 konnten auf diesem Weg insgesamt rund 4,4 Millionen Euro für Sanierungsvorhaben in den Greifswalder Altstadtkirchen investiert werden, mit besonderer Verknüpfung zu den Projekten am Dom St. Nikolai.

2. Private Spenden und Unterstützer

Unterstützung kam ebenfalls durch den Domförderverein, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die Hermann Reemtsma Stiftung und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, sowie den Bund, den Kirchenkreis und mehrere lokale Akteure. Ein Beispiel für ein kreatives Finanzierungsmodell war die von der Domgemeinde ausgerufene „Aktion 262“, bei der Sponsoren für jede der 262 Treppenstufen, die zur Kuppelaussicht führen, gewonnen wurden. Jeder Sponsor zahlte 500 Euro, was nicht nur die Kosten der Stufenüberlassung sicherte, sondern auch zur Erhaltung der Domausbildung beitrug.

Laut Dompastor Gürtler hat die Spendenaktion „Aktion 262“ bereits 90 der 262 Treppenstufen erfolgreich gesponsert. Interessant ist auch, dass sich nicht nur Greifswalder, sondern Spender aus der ganzen Bundesrepublik an dem Projekt beteiligt haben.


Sanierungsabschnitte und zeitliche Abläufe

Die Domsanierung fand nicht einmalig statt, sondern war in mehrere Bauabschnitte gegliedert, wobei jeder Abschnitt auf andere Problemfelder abzielte und sich zeitlich über mehrere Jahre erstreckte. Die ersten Bauarbeiten begannen im Jahr 2015 und waren ursprünglich für elf Monate angesetzt, doch aufgrund der Komplexität wurden sie bis 2020 verlängert.

Die wichtigsten Sanierungsschwerpunkte in dieser Phase waren:

  • Das nördliche und südliche Seitenschiff
  • Die Stabilisierung des Mittelschiffs durch Zuganker
  • Die Turmwandungen im Westturm
  • Die Dachdeckung

Zwingenden Einfluss auf die Planung hatte besonders die Nutzung der Zuganker, die während der Sanierung Teile des Mittelschiffs und der nördlichen Seitenschifflage sporadisch oder dauerhaft gesperrten. Dies führte dazu, dass Veranstaltungen wie die Greifswalder Bachwoche in anderen Gotteshäusern stattfinden mussten, und Kirchengebäudeteile für religiöse Zwecke nicht mehr voll nutzbar waren. Allerdings blieben Gottesdienste und kirchliche Veranstaltungen weiterhin möglich.

Der letzte große Sanierungsabschnitt betraf das Westturmensemble. Neben erheblichen Mauerwerksarbeiten wurden die Holzkonstruktionen renoviert und schadhafter Baumaterialien beseitigt. Ein besonderes Problem entstand durch Gefährdung durch altes Holzschutzmittel, was eine komplexe Restaurierung der Holzelemente erforderlich machte.

Neuester Sanierungsstand: Kapellensanierung

Im Jahr 2024 wurde ein weiterer Bauabschnitt an den Kapellen gestartet. Ziel ist es, die mittelalterliche und barocke Ausstattung der Kirchenräume zu restaurieren, wodurch der historische Charakter der Domkirche bewahrt wird.

Im Rahmen diese Maßnahme sind insbesondere die folgenden Projekte vorgesehen:

  • Die Essen-Corswandt-Kapelle: Schauwand und Holzschnitzarbeiten werden konserviert.
  • Die Schwedenloge: Reparatur des Wappenschildes der schwedischen Königsfamilie.
  • Die Kinderkapelle: Die Wandflächen, das Gewölbe und die Holzschnitzerei werden in den mittelalterlichen Zustand zurückversetzt.

Die Kapellenumsetzung wird bis Dezember 2025 abgeschlossen sein und ist auf 260.000 Euro Gesamtkosten veranschlagt. Davon übernimmt der Städtebauförderungs-TOP 177.000 Euro. Die finale Übergabe der Förderzusage erfolgte durch den Landesbauminister Christian Pegel an den Oberbürgermeister von Greifswald am 20.09.2024.


Auswirkungen auf Nutzung und Öffentlichkeit

Die Domsanierung führte zwar zu temporären Einschränkungen – insbesondere im Bereich der touristischen und kulturellen Nutzung. Veranstaltungen, von Konzerten bis zu kirchlichen Feiern, mussten in andere Räumlichkeiten verlegt werden.

Ein Festgottesdienst am Ende der Sanierungsarbeiten unterstrich jedoch die soziale Bedeutung des Doms als Orte des Glaubens, der Kultur und der Identität. Bischof Hans-Jürgen Abromeit betonte, dass der Dom nicht nur für Gläubige, sondern auch für die Stadtgesellschaft von Bedeutung sei. Diese Beziehung bezieht sich sowohl auf touristische Aktivitäten als auch auf das kulturelle Leben, das sich um die Kirche rankt.


Technische Herausforderungen und Qualitätssicherung

Die Domsanierung verlangte nach spezialisierter Handwerkskunst in Architektur- und Baufachberufen. Besonders herausfordernd war die Instandsetzung des Westturms, bei dem sich viele traditionelle Handwerksarbeiten im Einklang mit modernen Sicherheitsstandards durchsetzen ließen.

Da der Dom national bedeutsames Kulturerbe ist, mussten die Baumeister sich strengen Vorgaben und Prüfverfahren unterwerfen. So wurden Angebote internationaler und lokaler Bauunternehmen in Ausschreibungen einbezogen. Die Architektur-Praxis Burkhard Eriksson war als zentrales Projektteam betroffen, und Dom-Baukoordinator Stefan Scholz koordinierte den Sanierungsverlauf.

Immer wieder musste bei der Ausführung auf Materialien zurückgegriffen werden, die den ursprünglichen Vorgaben und Ausnutzung entsprechen. So wurden z. B. Holzkonstruktionen nicht einfach ersetzt, sondern sorgfältig restauriert, soweit möglich – und nur bei unumgänglichen Schäden gegen authenitische Nachbildungen ausgetauscht.

Diese Herangehensweise war besonders in den Kapellensanierungen relevant, wo die restaurativen Maßnahmen auf historische Dokumentation und Originalfotos gestützt wurden.


Fazit

Die Domsanierung im Greifswalder Dom St. Nikolai ist ein Meilenstein in der Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommerns. Sie dokumentiert, wie zentral kirchliche Baudenkmäler sind und was es bedeutet, wenn eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen staatlichen Förderern, kirchlichen Organisationen und Handwerksgruppen für solch einen Projektablauf erforderlich ist.

Die Sanierung hat nicht nur auf strukturellen Mängeln aufgebaut, sondern auch kulturrelevante Elemente des Gotteshauses bewahrt. Durch die Dauerarbeiten ist es gelungen, die Domsanierung in mehreren Abschnitten als zukunftsorientierte Investmentmaßnahme zu gestalten, die die wirtschaftliche Attraktivität Greifswalds als universitäres und touristisches Zentrum stärkt.

Die 5 Millionen Euro an Ausgaben, über 4 Millionen an staatlichen und kirchlichen Unterstützung und zahlreiche private Sponsoren zeigen, wie wertvoll der Dom für das gesamtstädtische Leben ist. Dieses Projekt bleibt als Beispiel für die kooperative und nachhaltige Erhaltung sakraler Architektur und als Mahnung für die Stabilität historischer Bauwerke in der Gegenwart.

Mit der aktuellen Sanierung der Kapellen und der bevorstehenden Fertigstellung im Jahr 2025 tritt der Dom St. Nikolai in eine neue, erneuerte Phase seiner Geschichte, in der Erhaltung und Zukunftssicherung in Einklang gebracht sind.


Quellen

  1. Greifswalder Dom wird elf Monate saniert
  2. Bischof Abromeit: Die Nordkirche dankt der Landesregierung für Erhalt des Doms
  3. Greifswald feiert Abschluss der Domsanierung
  4. Presseportal: Förderzusage für Kapellen-Dom Sanierung
  5. Greifswald.de – Kirchen und Denkmäler
  6. Dom-Greifswald.de – Spenden & Kapellen

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