Sanierung und Gestaltung der Nicolaikirche in Dortmund – Herausforderungen moderner Betonbauten im sakralen Kontext

Einführung

Die Nicolaikirche in Dortmund ist ein architektonisch bedeutungsvolles Bauwerk des frühen 20. Jahrhunderts und steht heute nicht zuletzt aufgrund ihres speziellen Materials, Stahlbeton, unter Denkmalschutz. Sie wurde in den Jahren 1929 bis 1930 von den Architekten Karl Pinno und Peter Grund erbaut, was sie zur ersten evangelischen Kirche in Deutschland macht, die in moderner Stahlbetonbauweise errichtet wurde. Der Bau stieß zunächst auf Widerstände, da der schalungsraue, unverputzte Stahlbeton ungewöhnlich und für damalige Sakralbauten untypisch wirkte. Doch durch Initiative der Gemeinde und des Pfarrers wurde das Projekt schließlich realisiert.

Schon in der Vergangenheit war die Nicolaikirche Objekt umfangreicher Sanierungsarbeiten. Besonders im Bereich der Stahlbetonkonstruktion – die anfänglich als revolutionär galt – wurde in diversen Bauwerksuntersuchungen festgestellt, dass Schäden aufgrund von Feuchtigkeit, Abplatzungen und Korrosion beiderseits der Bau- und Altbauteile auftreten konnten. Sanierungsmassnahmen mussten und mussten bis in das 21. Jahrhundert reichen. Dieses Themenfeld, das technischen, konservatorischen und gestalterischen Aspekten unterliegt, bildet den Schwerpunkt des folgenden Artikels.

Baugeschichte und Entwurf der Nicolaikirche

Die Nicolaikirche entstand in einer Zeit, in der sich die Architektur im Zuge des „Neuen Bauens“ und der „Neuen Sachlichkeit“ in Deutschland veränderte. Die Architekten Karl Pinno und Peter Grund entwarfen die Kirche zunächst als Wettbewerbsbeitrag und gewannen den 1927 ausgeschriebenen Wettbewerb. Allerdings zeigte sich die Kirchenleitung in Münster kritisch gegenüber dem Entwurf, der – in stark reduzierter Form – ohne historische Formen und mit unverputztem Stahlbeton konzipiert war. Die Kirchenleitung setzte sogar einen Gegenentwurf an, um den Bau zu verhindern. Trotzdem gelang es den Architekten, den Entwurf nach just inhaltlicher wie ästhetischer Anpassung – u. a. durch den Wechsel vom Satteldach zum Flachdach – umzusetzen.

Das Konzept der Nicolaikirche gründet sich auf einen trapezförmigen Grundriss, der vorne im Chorraum mit Altar hin verjüngt ist und sich im Westen in einen rechteckigen Eingangsbereich und nördlich in einen quadratischen Turm fortsetzt. Die Langseiten des Kirchenraums sind beinahe vollständig verglast, was die Kirche im Inneren offen und hell wirken lässt. Die Stahlbetonrahmenbinder, die im Kontrast zu den farbigen Fenstern stehen, betonen die horizontalen und vertikalen Strukturen und tragen neben der Statik auch zum ästhetischen Charakter des Baus bei.

Die Nicolaikirche ist nicht nur ein sakraler Räumebau, sondern auch ein Symbol der neuen Zeit mit einer klaren Formensprache, minimalistischer Ästhetik und innovativer Materialnutzung. Der unverputzte Stahlbeton war zu dieser Zeit ein radikales Statement, das neue Möglichkeiten im Katholizismus und Protestantismus aufzeigte.

Die Herausforderungen der Sanierung: Schäden an der Stahlbetonkonstruktion

Die Schäden an der Nicolaikirche sind im Wesentlichen auf das Material Sichtbeton zurückzuführen. Stahlbeton, obwohl ein robustes und flexibel einsetzbares Material, ist im Freien und im Wechsel zwischen Frost und Tauwasser nicht unbedingt langlebig, wenn keine Abschirmung oder Schutzmaßnahmen erfolgen. Im Fall der Nicolaikirche ergaben Bauwerksuntersuchungen, dass die Deckenkonstruktion der Pergola erhebliche Abplatzungen aufwies, die auf Schlagregen zurückzuführen waren. Die Abdichtung war durchfeuchtet, und die westliche Dachkante musste daher neu gestaltet werden.

In Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt der Stadt Dortmund wurde in einer ersten Phase die Dachabdichtung erneuert und die Dachkante mit vorbewittertem Zinkblech ersetzt. Als weiteres Maßnahmenpaket wurde die Untersicht der Betondecke – nach Abtragung der hohl liegenden Schichten – einer Betoninstandsetzung unterzogen. Bei einem Teil der Deckenkonstruktion stellten die Bauwerksuntersuchungen außerdem fest, dass der Beton in der Oberfläche und auch im Kern schichtenweise hohl lag. Dies erforderte eine ingenieurmäßige Sonderlösung. Die lockere Betonstruktur wurde zunächst mit Epoxidharz verfestigt.

Ein weiterer Schwerpunkt der Sanierungsarbeiten lag auf der Schutzmaßnahmenplanung für die massiven Sichtbetonflächen. In Korrespondenzen, die während der Sanierungsphase in die Jahre 1960 datieren, wird beispielsweise deutlich, dass auch schon damals der Effekt von Wasser auf Betonfassaden mit Glasfenstern ein zentrales Problem darstellte. Infolge jahrzehntelanger Witterungseinflüsse wurde letztendlich entschieden, den Turm in Teilen mit Verputz zu versehen, um ihn vor weiteren Schäden zu schützen.

Sanierung und Erhalt der Stahlbetonfassade – Materialdauerhaftigkeit und Techniken

Die Sanierung der Nicolaikirche umfasste zahlreiche technisch anspruchsvolle Maßnahmen, um sowohl die statische Sicherheit als auch den konservatorischen Stand zu gewährleisten. Insbesondere bei Sichtbetonfassaden ist die Schutzmaßnahme nach heutigem Kenntnisstand oft eine langfristig bessere Alternative, als die Fassade möglichst lange unverändert zu halten. In Städten mit hoher Schadstoffbelastung oder starker Sonneneinwirkung ist eine ungeschützte Betonfassade häufig nicht dauerhaft tragfähig, ohne die Bauwerke regelmäßig anzugreifen.

In den Sanierungsmaßnahmen an der Nicolaikirche wurde eine Vielzahl von Technologien und Methoden angewandt. Schäden an der Deckenkonstruktion, wie erwähnt, wurden durch den Einsatz von Epoxidharz behoben, wobei die strukturell lockeren Bereiche mit Verfestigungsstoffen nachgekörpert wurden. Dies war insbesondere an der Pergola, die als Verbindungselement zwischen sakralen und profanen Bereichen dient, von zentraler Bedeutung. Die Verfestigung und Nachkörpung half nicht nur dabei, die Stabilität wiederherzustellen, sondern auch die ursprüngliche Form zu erhalten.

Bei der Dachabdichtung und der Veränderung der Dachkanten standen zwei zentrale Ziele im Vordergrund: zum einen die Schadensbegrenzung, zum anderen die Anpassung an moderne Sicherheitsund Funktionserfordernisse. Dabei spielte die Wahl von Materialien eine entscheidende Rolle – vorbewittertes Zinkblech wurde aus Gründen der Langlebigkeit und des optischen Erscheinungsbildes ausgewählt. In der Sanierung der Dächer wird oftmals zwischen Alt- und Neubauteilen unterschieden, weshalb es auch auf die Auswahl und das Zusammenspiel von Materialien ankommt.

Ein weiteres Problem, mit dem Architekten, Denkmalspfleger und Ingenieure konfrontiert waren, bestand in der Verbindung von Alt- und Neubauteilen. Bei der Nicolaikirche mussten beispielsweise Sanierungen in Bereichen erfolgen, in denen historische und neu errichtete Strukturen aufeinandertrafen. Die Herausforderung lag darin, die Übergänge möglichst homogen und authentisch zu gestalten, ohne die Materialien oder Formen der ursprünglichen Konstruktion zu übertünchen.

Gestaltungliche Aspekte im Sanierungsprozess: Licht, Transparenz und Materialidentität

Neben den rein technischen Aspekten war die Ästhetik und der Auftrag, das Erscheinungsbild der Kirche zu wahren, gleichermaßen zentral. Die Nicolaikirche wurde als sakraler Raum nach dem Leitgedanken gestaltet: Licht ist ein entscheidender architektonischer Träger. Die von Hans-Gottfried von Stockhausen in den 1960er Jahren entworfenen farbigen Buntglasfenster sind bis heute eine zentrale architektonische Präsentation und beeinflussen nicht nur das Innenraumerleben, sondern auch das visuelle Auftreten der Kirche nach außen hin. Durch sie wird das Tageslicht in eine mystische Atmosphäre geformt, weshalb auch bei Sanierungen die Bedeutung dieses Aspekts nicht außer Acht gelassen werden durfte.

Die drei breiten, ebenerdigen Eingangstüren erlauben es, in besonderen Fällen – wie beispielsweise bei kirchlichen Festen oder kirchentagebedingten Veranstaltungen –, diese vollständig zu öffnen, um so einen transparenteren und weniger geschnörkelten Eindruck zu erzeugen. Dies entspricht dem Anspruch, Kirche als einen „Raum inmitten der Gemeinde“ zu gestalten, der durch Transparenz verbindend wirkt.

Die Sanierung war daher auch eine ästhetische Herausforderung: es ging nicht nur darum, die Struktur wiederherzustellen, sondern auch sicherzustellen, dass die Materialität identisch oder zumindest optisch und haptisch gut getroffen bleibt. Der Stahlbeton als tragendes und dekoratives Element blieb – soweit möglich – erhalten, wobei in einzelnen, kritischen Bereichen Verputz oder andere Oberflächenschutzmaßnahmen vorgenommen wurden.

Denkmalschutz und moderne Sanierung: Ein Balanceakt

Die Nicolaikirche ist nicht nur ein kirchliches Bauwerk, sondern auch ein bedeutungsvolles städtisches Monument. In Dortmund ist die Nicolaikirche nicht nur als sakrale Stätte von Bedeutung, sondern auch als Kultur- und Tourismusobjekt. Regelmäßige Führungen und Ausstellungen, die zu besonderen Terminen stattfinden, unterstreichen die städtische und kulturelle Identität, die die Kirche repräsentiert. Allerdings bedeutet dieser Status auch, dass Sanierungsmaßnahmen unter strengen konservatorischen Prämissen und im engen Austausch mit dem Denkmalamt und der Kirchengemeinde durchgeführt werden mussten.

Die Sanierung der Nicolaikirche war daher in vielerlei Hinsicht ein Balanceakt. Zum einen war der Erhalt des historischen Materials zentral, zum anderen mussten die Sicherheit und die Funktionalität für zukünftige Nutzung garantieren. Gleichzeitig galt es, die Formensprache und das Erscheinungsbild, wie es ursprünglich entworfen wurde, soweit es möglich ist, zu bewahren.

Der Turm der Nicolaikirche ist dabei eines der besonders herausfordernden Elemente. Schon in den 1960er Jahren wurden erste Schäden festgestellt und Korrespondenzen zu Schäden an der Betonfassade geführt. Die Korrespondenzen zeigten, wie komplex das Zusammenspiel zwischen Witterungseinflüssen, Materialveränderungen und optischen Schäden sein kann. Letztendlich musste man in Teilbereichen den Turm mit Verputz versehen, um die Struktur zu schützen und Erosionsvorgänge zu minimieren.

Die Nicolaikirche als Baupreis und Architekturentwicklung

Die ergebnisreiche Verbindung aus moderner Architektur und theologischem Raumkonzept macht die Nicolaikirche zu einem besonderen architektonischen Denkmalschutzobjekt. Sie verhalf nicht nur der Architektur neuer Materialien und Formen, wie Stahlbeton, zu Anerkennung, sondern trug auch bei, den Sakralbau in dieser Zeit neu zu deuten. Der kritische Umgang mit dem neuen Material, die klare Formgebung und die Reduzierung auf das Notwendige – all dies entsprach im Kern den Grundsätzen des „Neuen Bauens“.

Auch nach der Sanierung spielt die Nicolaikirche im Stadtraum Dortmund eine zentrale Rolle. Das Lichtsymbol auf dem Turm ist bis heute ein Leitbild, das die Kirche ausmacht. Besonders in sonnigen Tagen durch Buntglasfenster hineinfallendes Licht macht den Raum zum religiösen und kulturellen Anziehungspunkt.

Die Nikolaikirche ist somit nicht nur eine Kirche, sondern ein Bauwerk, das die Entwicklungen in der Bauarchitektur und der Kulturgeschichte von Dortmund dokumentiert. Im Stadtbild und durch die Architektur bleibt sie bis heute präsent und ist eine Inspirationsquelle, nicht zuletzt für Sanierungsarchitekten und Städtebauliche Planer, wenn es um die Fusionierung von Erhaltungswillen und neuer Nutzung geht.

Fazit

Die Nicolaikirche in Dortmund ist ein unverzichtbares Beispiel für die Entwicklungen in der architektonischen und sakralen Entwicklung des frühen 20. Jahrhunderts. Die Verwendung des Stahlbetons, die klare Formgebung und das spielerische Verhältnis von Licht und Materie machen das Bauwerk zu einem bedeutenden städtischen Baudenkmal. Gleichzeitig dokumentiert die Kirche die Herausforderungen, die bei der Sanierung von solchen Bauwerken entstehen – nicht zuletzt durch die Unsicherheit hin zu Materialdauerhaftigkeit, Schutzmaßnahmen und Ästhetik.

Die Sanierungsarbeiten an der Nicolaikirche zeigen, wie wichtig es ist, auf jeden Fall die Verbindung zwischen historischen Materialien, technischen Anforderungen und konservativen Wünschen zu bewahren. Architekten, Ingenieure und Denkmalschützer mussten Lösungen finden, die auf Dauer tragfähig und gleichzeitig authentisch bleiben. Die Nicolaikirche ist heute ein Zeugnis dieser Balance – nicht nur in der Architektur, sondern auch in der städtischen Identität Dortmunds.

Quellen

  1. Nicolaikirche Dortmund – bauhauskooperation.de
  2. Sanierungsarbeiten an der Nicolaikirche – casparkoechling.de
  3. Stadt Bauten Ruhr – TU Dortmund – kirchen St. Nicolai und St. Reinoldi
  4. Visit Dortmund – Nicolaikirche als Denkmal

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