Systematische Beurteilung und Sanierung von Kanalsystemen im Lichte des DWA-Regelwerks

Die altersbedingte Verschlechterung von Entwässerungskanalsystemen stellt in vielen Regionen eine wachsende Herausforderung dar. Insbesondere bei Eigentümern, Kommunen und Verantwortlichen für die Unterhaltung von Kanalsystemen stellt sich immer häufiger die Frage, wie Sanierungsmaßnahmen geplant, beurteilt und dokumentiert werden sollen – sowohl aufgrund der baulichen und funktionalen Anforderungen als auch hinsichtlich rechtlicher und wirtschaftlicher Vorgaben. Das DWA-Regelwerk bietet seit Jahrzehnten praxisnahe Leitlinien, die eine systematische und wissensbasierte Herangehensweise möglich machen. In diesem Artikel wird der aktuelle Stand der Sanierungsbeurteilung und Sanierungsplanung von Kanalsystemen, insbesondere im Grundstücksbereich, auf Basis der DWA-Normen, insbesondere der Themenreihe „Entwässerungspass“, detailliert analysiert.


Die Bedeutung von Beurteilung und Belegung im Sanierungskontext

In der heutigen Wasserwirtschaft setzt sich die Sanierung von Abwassersystemen nicht mehr nur aus reinen baulichen und technischen Maßnahmen zusammen. Vielmehr gewinnt die Dokumentation des Zustands und die Beurteilung der Funktionstauglichkeit an Bedeutung – insbesondere im Hinblick auf Einhaltung von Vorschriften sowie der Kommunikation mit Behörden und Eigentümern. Ein zentrales Instrument in diesem Kontext ist der von der DWA vorgesehene Entwässerungspass, der in ihrem Themenband DWA-Themen T1/2025 publiziert wurde.

Der Entwässerungspass ist ein modulbares Qualitätssicherungsinstrument, das die Gesamtbeurteilung von Grundstücksentwässerungssystemen ermöglicht. Er deckt Bereiche wie Sanierung, Versickerung, Rückstau, Abwasserbehandlung und Überflutungsschutz ab. Acht sogenannte Checklisten, die auf der Grundlage der bestehenden DWA-Regeln formuliert wurden, dienen als Beurteilungshilfen. Sie können dabei helfen, beispielsweise Kriterien wie:

  • Anschluss von Dränagen an öffentliche Kanalsysteme
  • Sicherheit gegen Rückstau
  • Zustand und Verlötung von Leitungen
  • Anforderungen an Abscheider oder Kleinkläranlagen
    systematisch abzubilden und entsprechend zu dokumentieren.

Diese Checklisten sind als digitale Formulare über das DWA-direkt-Portal verfügbar, sodass Auftraggeber, Ingenieure und Fachplanende flexibel und effizient arbeiten können. Darüber hinaus ist vorgesehen, dass der Themenband anhand erster Anwendererfahrungen weiterentwickelt wird, wobei Rückmeldungen aus der Planungs- und Sanierungspraxis berücksichtigt werden.

Herausforderungen in der Praxis

Der Band rückt besonders Problematiken in den Fokus, die in der Praxis bei privaten wie öffentlichen Betreibern verbreitet vorkommen. Solche Fragen, wie „Darf die Dränageleitung an den öffentlichen Abwasserkanal angeschlossen werden?“ oder „Muss der Anschluss gegen Rückstau gesichert werden?“, bleiben für viele Betreiber unklar. Diese Themen werden durch den Entwässerungspass strukturiert adressiert, wobei einheitliche Standards festgelegt werden – unabhängig von der individuellen Rechtslage in den einzelnen Bundesländern.

Da die Vorgaben in den Landeswassergesetzen, Vorschriften und kommunalen Abwassersatzungen variieren, ist eine einheitliche Beurteilung bislang nur schwer möglich. Gleichzeitig steigt der Druck, Nachweise zu führen in Bezug auf den ordnungsgemäßen Zustand der Anlage – eine Anforderung, die sich beispielsweise in den Vorgaben zur Selbstüberwachung und Eigenkontrolle (DWA-Regelungen) niederschlägt.


Sanierungskonzeption nach DWA – Vorgaben und Bewertung

Die Planung und Durchführung einer Sanierung erfordert nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch eine systematische Vorgehensweise, die in der Regel unter Einbeziehung von DWA-Regeln erfolgt. Das Anwendungsfeld deckt eine breite Palette an Sanierungsmaßnahmen ab. Entscheidend ist dabei, dass die Planung nicht nur auf den technischen Aspekt ausgerichtet ist, sondern ebenfalls rechtliche, betriebliche und ökonomische Aspekte einbezieht. Die DWA gibt hier mit ihrer Reihe DWA-A 143 eine umfassende Grundlage, die sowohl bei der Planung als auch bei der Ausführung von Sanierungsmaßnahmen hilfreich ist.

DWA-A 143-1: Planung und Überwachung

Der erste Teil der DWA-A 143-Richtlinien konkretisiert die grundlegenden Planungsvorgaben. Dabei sind Aspekte wie Dichtheit, Standsicherheit, Betriebssicherheit, Einschränkungen durch bauliche Randbedingungen und Verkehrssituationen (z. B. Straßenkategorie) von Bedeutung. Zudem ist die Dauer der Baumaßnahmen, die Erstellungskosten sowie der mögliche Zeitgewinn durch Verlängerung der Nutzungsdauer einzubeziehen. Eine Kostenkalkulation und eine detaillierte Risikobeurteilung sind nicht nur Vorteil, sondern erforderlich, um alternative Sanierungsverfahren richtig einsetzen zu können.

DWA-A 143-2 bis 143-21: Anwendung bei baulich sanierbaren Leitungen

Diese Teile enthalten statische Berechnungen und Anweisungen zum Lining- und Montageverfahren, wobei sie spezifisch für einzelne Sanierungsmaßnahmen sind. Sie liefern Leitlinien beispielsweise für Reparaturarbeiten im begehbaren und nicht begehbaren Bereich von Kanälen, Leitungsbau, Sanierung von Schächten sowie zur Erneuerung und Renovierung von Systemen. Die Einordnung der Baumaßnahmen erfolgt dabei nach Art, Umfang und Material.


Inspektion, Bewertung und Code als Grundlage für Sanierung

Die Planung einer Sanierung setzt in der Praxis nahezu immer eine Inspektion voraus. In der DWA betreffen die Themen der Kanalinspektion, insbesondere die Schadensanalyse, die Bewertung des Gefüges sowie die Dokumentation, zunehmend die Sanierungsplanung im Allgemeinen. Besonders relevant sind hier Themen wie Schadensklassifizierung mit der Sanierungsbedarfszahl, die Priorisierung von Maßnahmen (Prioritätenliste), und die damit verbundene Beurteilung der Dichtheit des Systems.

Sanierungsbedarfszahl und Prioritäten

Das BBSoft®-System, ein im Bauwesen häufig verwendetes Planungs- und Vorsorgeinstrument, erlaubt eine detaillierte Bewertung von Kanalsystemen – basierend auf den DWA-Regeln und z. T. auch auf ISYBAU-Normen. Unter Berücksichtigung unterschiedlicher Parameter (Dichtheit, Standsicherheit, Betriebssicherheit u. a.) generiert BBSoft® eine Sanierungsbedarfszahl. Auf dieser Zahl basierend, kann eine sinnvolle Prioritätenliste erstellt und mit weiterer Software (z. B. LibreOffice Calc) in Form einer Sanierungskostenschätzung dargestellt werden.


Qualifikation und Sicherheit im Sanierungskontext

Die Planung, Durchführung und Bewertung von Sanierungsmaßnahmen erfordern fachlich kompetente und entsprechend geschulte Fachkräfte. Die DWA bietet durch umfassende Lehrgänge und Certifikate-Programme wie das ZKS-Zertifikat, eine sinnvolle Qualifikationsmöglichkeit. Dieses Zertifikat belegt nicht nur die fachliche Kenntnis im Inspektionsbereich, sondern auch technisches Verständnis mit Blick auf wirtschaftliche Sanierungskonzepte – ein Muss für Bauunternehmen, Fachplaner oder Selbstunternehmer.

Zur Erlangung des Zerts sind Bereiche wie Kanalbau, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, Inspektionsverfahren, Zustandsbewertung sowie Sanierungsmaßnahmen im öffentlichen und privaten Bereich zu vermitteln. Die Lehrgangsunterlagen enthalten zudem alle relevanten Normen und Technische Regeln (darunter DWA-A 143 und DIN EN 752), was eine praxisnahe und rechtssichere Planung gewährleistet.

Fortbildung als Handlungsempfehlung

Der DWA-Verband fördert kontinuierlich die Weiterbildung ihrer Mitglieder. In Seminaren, Online-Kursen und Web-Schulungen werden alle relevanten DWA-Regelwerksaspekte gelehrt. Hierbei ist insbesondere hervorzuheben, dass viele der vermittelten Module in die Ki-Pass-Systeme integriert sind – somit wird die Qualifikationspflicht der Ingenieurkammer Bau NRW eingehalten. Vorteilhaft ist die Flexibilität bei Online-Veranstaltungen, die Reisekosten spiegeln und dennoch einen präzisen Austausch ermöglichen.


Technische Regeln und Standards als Rahmen

Das DWA-Regelwerk, in dem seit 1957 Technische Regeln und Merkblätter verfasst werden, ist ein Backbone der professionellen Kanalsanierung. Es wird jährlich erweitert und deckt ein breites Spektrum an Themen ab, vom Hochwasserschutz über Fisch- und Naturverträglichkeit bis hin zu Abfallsystemen und Sanierungsplanung. Die Regeln entstehen durch ein transparentes Stellungnahmeverfahren und werden durch ehrenamtliche Expert*innen aus 300 Arbeitsgruppen erarbeitet.

Besondere Bedeutung haben dabei auch die Normen der Europäischen Norm (DIN EN 752), die in Deutschland oft in Verbindung mit den DWA-Regeln angewendet werden. Zentral sind auch hier die Vorgaben zu Sanierungsverfahren, die über die DWA-A 143-Richtlinien definiert sind. Sie liefern präzise Empfehlungen für:

  • Lining- und Montageverfahren
  • Materialwechsel
  • Veränderung des Außendurchmessers (DN-Wechsel)
  • Einschränkungen durch bauliche Umstände

Diese Vorgaben sind stets darauf ausgerichtet, den Kostennutzen zu maximieren und den Lebenszyklus der Sanierungsmaßnahmen zu verlängern.


Digitale Unterstützung bei der Sanierungsplanung

Die Digitalisierung im Bereich der Sanierungsplanung gewinnt stetig an Bedeutung. Software wie BBSoft® bietet hier ein effizientes Instrumentarium, um die Ergebnisse von Inspektionen, Schadensanalyseten und Beurteilungen schnell in eine Sanierungsmaßnahmenliste und eine Kostenschätzung zu überführen. Besonders vorteilhaft ist die Funktion, übersichtliche Planungsblätter automatisch Erstellen zu können, wobei Punkt- oder linienförmige Darstellungen ausreichend für die Planung geeignet sind.

Neben der visuellen Darstellung bietet die Software die Möglichkeit, Sanierungsmaßnahmen mit Dichtheitsprüfungen zu dokumentieren und in XML-Format für den Export nach ISYBAU 06 weiterzugeben. Zudem ist es in BBSoft® möglich, automatisierte Sanierungspläne zu generieren, anhand von definierten Kriterien, was die Arbeitserleichterungen enorm erhöht.


Fazit

Die Sanierung von Kanalsystemen ist eine Herausforderung, die sowohl technisch als auch rechtlich und wirtschaftlich präzise abzubilden ist. Das DWA-Regelwerk bietet eine solide Grundlage für eine systematische und nachvollziehbare Planung, Beurteilung und Dokumentation von Sanierungsarbeiten – insbesondere durch den Themenband DWA-Themen T1/2025, die auch für Eigentümer und kommunale Betreiber zunehmend in den Fokus rücken.

Es ist entscheidend, dass Sanierungsmaßnahmen nicht isoliert, sondern in der Gesamtheit des Systemzustandes geplant werden. Die Einbeziehung von DWA-Regeln, Kriterien wie die Sanierungsbedarfszahl, fortlaufende Inspektionen und digitale Unterstützung durch Software wie BBSoft® oder zertifizierte Schulungen tragen hierbei wesentlich zur Qualität und Kosteneffizienz bei.


Quellen

  1. Kanalsanierung mit BBSoft®
  2. DWA-Themen T1/2025 – Entwässerungspass
  3. ZKS-Zertifikat im Bereich Kanalinspektion
  4. Sanierungsverfahren im Detail
  5. Kanalinspektion – Schwerpunktthemen
  6. DWA-Regelwerk
  7. DWA-Schulungsangebot für Kanalinspektion

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