Einführung
Die Sanierung und Erweiterung des Ernst-Abbe-Gymnasiums in Jena stellt ein herausragendes Beispiel für die Nachbehandlung von Schulbauten der DDR-Bauphase dar. Errichtet in den Jahren 1989/90 als eine der letzten Schulen in der sogenannten „Typ-Erfurt“-Bauweise, wurde das Gymnasium in den Jahren 2014 bis 2016 generalsaniert und um eine Aula sowie zehn neue Unterrichtsräume erweitert. Die Investitionsumme belief sich auf rund 9,75 Millionen Euro, und das Projekt wurde von der Kommunale Immobilien Jena (KIJ) als Bauherr koordiniert. Die Planung übernahm die Architekten-ARGE Junk & Reich / Hartmann + Helm, Weimar, unterstützt durch Landschaftsarchitekten. Ziel war es, die alten Plattenbausubstanz zu erhalten, gleichzeitig aber die Energieeffizienz zu verbessern, die barrierefreie Zugänglichkeit zu gewährleisten und den pädagogischen Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden. In diesem Artikel wird die Sanierung des Ernst-Abbe-Gymnasiums detailliert analysiert, um Einblicke in die Herausforderungen, Planungsvorstellungen und technischen Umsetzungen zu geben, die für die Sanierung von ähnlichen Objekten relevant sind.
Hintergrund: Das Gymnasium und seine Bauweise
Ursprung des Gebäudes
Das Ernst-Abbe-Gymnasium wurde in den Jahren 1989/90 errichtet und zählt damit zu den letzten Schulgebäuden der DDR-Plattenbauepochen. Es folgt dem sogenannten Schultyp „Erfurt“, der durch zwei bauteilhafte Strukturen gekennzeichnet ist: ein dreigeschossiges Bauteil A und ein viergeschossiges Bauteil B, verbunden durch einen Verbindungsbau. Diese Bauweise war im Rahmen der DDR-Schulbaureihe 80 verbreitet und wurde in vielen Städten im Osten Deutschlands angewendet. Das Gymnasium in Jena-Winzerla war somit ein repräsentatives Beispiel dieser Bauweise, die in den 1980er-Jahren aufgrund der begrenzten Ressourcen und industriellen Fertigungsverfahren weit verbreitet war.
Herausforderungen der alten Baustruktur
Obwohl die ursprüngliche Bauweise für ihre Zeit funktional und wirtschaftlich sinnvoll war, stellten sich im Laufe der Jahre mehrere Defizite heraus. Die energetische Qualität der Gebäudehülle war mangelhaft, was zu hohen Heizkosten und einem hohen Energieverbrauch führte. Zudem war das Gebäude nicht barrierefrei gestaltet, was eine Nutzung für Menschen mit eingeschränkter Mobilität erschwerte. Die Räume entsprachen nicht mehr den heutigen pädagogischen Anforderungen, und der vorhandene Baumbestand und die engen Bebauungsverhältnisse machten eine einfache Erweiterung oder Umnutzung schwierig.
Planung und Entwurf: Kriterien und Zielsetzung
Grundgedanken der Sanierung
Die Sanierung des Ernst-Abbe-Gymnasiums war von Anfang an mit der Zielsetzung verbunden, die bestehende Substanz möglichst weitgehend zu erhalten, aber gleichzeitig die Energieeffizienz, die Zugänglichkeit und die pädagogischen Funktionen zu verbessern. Um den Kostenrahmen einzuhalten, wurde nach Entwurfsansätzen gesucht, die optimierte Raum- und Flächenverhältnisse ohne Verzicht auf gestalterische und funktionelle Aspekte ermöglichen würden. Besonderer Wert wurde auf Kompaktheit, eine minimierte Gebäudehülle und eine optimale Erschließung gelegt. Die Architekten suchten nach einer flächensparenden Lösung, die trotz der beengten baulichen Situation die notwendigen Erweiterungen integrieren konnte.
Funktionsintegration und Erweiterung
Die Sanierung schloss die Errichtung eines Erweiterungsbaus ein, der die Aula und weitere Unterrichtsräume beherbergte. Der Erweiterungsbau wurde so gestaltet, dass er sich harmonisch in das bestehende Ensemble integrierte, ohne die ursprüngliche Struktur der Schule aufzuheben. Die Bauteile A und B blieben in ihrer Struktur und Funktionsverteilung weitgehend erhalten. Der problematische Verbindungsbau, der ursprünglich aus energetischer Sicht unvorteilhaft war, wurde abgerissen und durch einen neuen Zwischenbau ersetzt, der das „Herz“ der Schule bildet. Dieser neue Bauteil vereinte die Eingangs- und Treppenhalle, die Aula sowie die zusätzlichen Klassenräume. Zudem wurde ein Personenaufzug eingebaut, der alle Geschosse verknüpfte und so eine barrierefreie Erschließung ermöglichte.
Energieeffizienz und Nachhaltigkeit
Ein weiteres zentrales Planungskriterium war die Energieeffizienz. Das neue Gebäude erfüllte den Standard eines KfW-Effizienzhauses 85, was bedeutet, dass der Primärenergiebedarf auf unter 85 kWh/m²/Jahr reduziert wurde. Dafür wurde eine Volllüftung installiert, die eine optimale Luftqualität und gleichzeitig Energieeinsparungen ermöglicht. Zudem erfolgte eine umfassende Dämmung der Gebäudehülle, um Wärmeverluste zu minimieren.
Umsetzung: Bauprozess und Technische Details
Bauzeit und Kosten
Die Sanierung und Erweiterung des Ernst-Abbe-Gymnasiums dauerte von April 2014 bis März 2016, also rund zwei Jahre. Die Investitionssumme lag bei 9,75 Millionen Euro. Diese Investition war notwendig, um die alten Plattenbausubstanz zu ersetzen, neue Räume zu schaffen und die Energieeffizienz zu steigern. Die Kosten entfielen nicht nur auf den Neubau des Erweiterungsbaus, sondern auch auf die Sanierung des Bestandsgebaudes, die Anpassungen an der Sporthalle und die Neugestaltung des Außenbereichs.
Sanierung des Bestandsgebaudes
Im Bestandsgebäude wurden alle relevanten Bestandteile generalsaniert. Dazu gehörten die Erneuerung der Fassaden, die Dämmung der Wände und Dächer, die Installation neuer Fenster und Türen sowie die Anpassung der sanitären Anlagen. Die Heizungsanlage wurde durch eine modernere und energieeffizientere Variante ersetzt, und die Elektroinstallation wurde komplett erneuert. Die barrierefreie Erschließung wurde durch den Einbau eines Aufzuges ermöglicht, der alle Stockwerke anbindet.
Sanierung der Sporthalle
Die Sporthalle, die ebenfalls Teil des ursprünglichen Typ-Erfurt-Baus war, wurde modernisiert, ohne ihre Grundstruktur aufzuheben. Dazu gehörte der Einbau eines flächenelastischen Sportbodens, der die Trainingsbedingungen verbesserte. Zudem wurde eine Akustikdecke installiert, um die Schallreflexion im Raum zu reduzieren und so eine bessere Kommunikation und Leistungsfähigkeit der Schüler zu ermöglichen. Eine umlaufende Prallwand wurde errichtet, um Verletzungsrisiken durch Stürze abzusichern.
Neubau der Aula und Erweiterungsbau
Der Erweiterungsbau, in dem sich die Aula befindet, war ein zentraler Bestandteil der Sanierungsmaßnahmen. Er wurde so konzipiert, dass er sich in das bestehende Ensemble integriert, aber gleichzeitig durch moderne Materialien und Formen hervorsticht. Die Aula bietet Platz für bis zu 350 Personen und ist ausgestattet mit moderner Technik wie Beamer, Lautsprecheranlage und Lichtsteuerung. Zudem wurde ein Foyer- und Aufenthaltsbereich eingerichtet, der als Treffpunkt für Schüler und Lehrer dient.
Außenbereich und Landschaftsplanung
Der Außenbereich wurde komplett neu gestaltet. Eine vertiefte Terrasse dient als Atrium für die Aula, Cafeteria, Schulspeisung und als grünes Klassenzimmer. Der Landschaftsplanung lag besonderer Wert auf die Integration in die bestehende Vegetation sowie auf die Schaffung von Lern- und Aufenthaltsflächen im Freien. Die Wege wurden barrierefrei gestaltet, und zusätzliche Sitzgelegenheiten wurden eingerichtet.
Auswirkungen der Sanierung: Nutzen und Erfolgskriterien
Kapazitätssteigerung und pädagogische Vorteile
Die Sanierung führte zu einer deutlichen Erhöhung der Kapazitäten. Mit den zehn neuen Unterrichtsräumen und der Aula konnten bis zu 250 zusätzliche Schüler untergebracht werden, was die Schule für zukünftige Bedarfe fit machte. Die neuen Räume entsprechen den heutigen pädagogischen Anforderungen, da sie flexibel nutzbar sind und modern ausgestattet sind. Die Aula ermöglicht nicht nur kulturelle Veranstaltungen, sondern auch Lehrerfortbildungen oder Elternsprechstunden in größerem Rahmen.
Energetische und ökologische Vorteile
Die Sanierung trug maßgeblich zu einer Verbesserung der Energiebilanz bei. Durch die Dämmung der Gebäudehülle, die Anpassung der Lüftung und die Erneuerung der Heiztechnik sank der Energieverbrauch deutlich. Die Errichtung eines KfW-Effizienzhauses 85 stellte sicher, dass die Schule nachhaltig genutzt werden kann und zukünftige Betriebskosten reduziert werden.
Soziale und funktionale Vorteile
Der Einbau eines Aufzugs und die barrierefreie Gestaltung der Erschließung ermöglichen nun eine Nutzung der Schule durch alle Schüler, unabhängig von deren körperlicher Konstitution. Zudem wird die Schule durch den neuen Zentralbereich in der Aula und dem Foyer stärker als Gemeinschaftsraum wahrgenommen, was zu einem besseren Schulklima beiträgt.
Wirtschaftliche Aspekte
Die Investition von über neun Millionen Euro ist beträchtlich, aber sie sichert die langfristige Nutzung des Gymnasiums. Die Kosteneinsparungen durch die Energieeffizienz, die Reduzierung von Wartungs- und Instandhaltungskosten sowie die Vermeidung von zukünftigen Sanierungen machen den Bau wirtschaftlich sinnvoll.
Fazit
Die Sanierung des Ernst-Abbe-Gymnasiums in Jena ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie auch Gebäude der DDR-Bauphase in die Anforderungen der Gegenwart überführt werden können. Durch eine sorgfältige Planung, die sich an den pädagogischen, energetischen und funktionalen Bedürfnissen orientierte, entstand ein modernes und nachhaltiges Schulgebäude, das nicht nur den heutigen Anforderungen entspricht, sondern auch für die Zukunft bestens gerüstet ist. Die Kombination aus Generalsanierung, Erweiterung und energetischer Optimierung zeigt, dass selbst herausfordernde Bauverhältnisse und limitierte Ressourcen mit kreativen Lösungen überwunden werden können.