Einführung
Fertighäuser, die in den 1960er- und 1970er-Jahren gebaut wurden, können aufgrund der damals verwendeten Materialien heute noch mit erheblichen Schadstoffbelastungen konfrontiert sein. Ein besonders kritischer Schadstoff ist Formaldehyd, der aus Holzwerkstoffen wie Spanplatten freigesetzt wird. In Kombination mit weiteren chemischen Stoffen wie Holzschutzmitteln, Chloranisolen oder organischen Säuren können solche Belastungen die Innenraumluft stark beeinflussen und zu gesundheitlichen Beschwerden führen.
Diese Herausforderung erfordert gezielte Sanierungsmaßnahmen. In diesem Artikel werden die Ursachen, Risiken und verfügbare Sanierungsstrategien im Detail beschrieben. Die Empfehlungen basieren auf Gutachten, Analysen und Beratungen von Experten aus dem Bereich Schadstoffsanierung, Baubiologie und Umwelttechnik.
Ursachen der Schadstoffbelastung in Fertighäusern
1. Bauweise und Materialien
Fertighäuser der 1960er- und 1970er-Jahre folgten oft der Holzständerbauweise, bei der tragende Holzkonstruktionen mit Spanplatten, Gipsplatten oder Pressspanplatten beplankt wurden. Diese Materialien enthielten in vielen Fällen Formaldehyd-basierte Klebstoffe, die über Jahrzehnte in die Innenraumluft abgegeben werden können.
Laut einer Untersuchung der ARGUK-Umweltlabor GmbH wurde in über 200 Fertighäusern festgestellt, dass der Richtwert von 0,1 ppm Formaldehyd vor allem in Häusern aus den Jahren 1960 bis 1980 überschritten wurde. Etwa 40 % der untersuchten Häuser wiesen erhöhte Formaldehydkonzentrationen auf.
2. Holzschutzmittel
Zusätzlich zu Formaldehyd wurden in der Vergangenheit Holzschutzmittel wie Pentachlorphenol (PCP) oder Lindan verwendet, um die Holzkonstruktionen vor Schädlingsbefall zu schützen. Diese Stoffe können über die Jahre in die Raumluft ausgasen und zu gesundheitlichen Beschwerden führen. PCP wurde 1989 verboten, aber in älteren Fertighäusern ist es immer noch nachweisbar.
3. Geruchsstoffe
Geruchliche Beeinträchtigungen in Fertighäusern können ebenfalls auf chemische Verbindungen wie Chloranisole oder Chlornaphthaline zurückgehen. Diese Stoffe verursachen einen muffigen, modrigen Geruch, der sich besonders in Innenräumen bemerkbar macht. Sie können von Holzwerkstoffen, Imprägnierungen oder Schimmelpilzen ausgasen.
4. Schimmelpilzbefall
Aufgrund der Holzständerbauweise und fehlender oder unzureichender Feuchteschutzmaßnahmen sind Fertighäuser oft anfällig für Schimmelpilzbefall. Wasserschäden durch Leitungsleckagen oder falsche Sanierungsmaßnahmen können Schimmelpilze fördern, die ihrerseits Schadstoffe und Allergene freisetzen.
Risiken durch Schadstoffe in Fertighäusern
1. Gesundheitliche Auswirkungen
Formaldehyd ist seit 2014 in der Europäischen Union als krebserzeugend und erbgutverändernd eingestuft. Bei hohen Konzentrationen kann es zu Atemwegsreizungen, Augenreizungen, Schleimhautentzündungen und in manchen Fällen auch zu Allergien führen. Chronische Exposition kann das Risiko für Atemwegserkrankungen erhöhen.
Holzschutzmittel wie PCP und Lindan haben ebenfalls toxische Wirkungen und können bei langer Einwirkung die Leber oder Nieren beeinträchtigen. Chloranisole können Schleimhautreizungen hervorrufen, insbesondere bei empfindlichen Personen.
2. Einfluss auf die Innenraumluft
Die Schadstoffbelastung in Fertighäusern hängt stark von der Dichtigkeit des Gebäudes ab. Nach energetischen Sanierungen, wie Dämmung der Fassade oder Austausch von Fenstern, kann der natürliche Luftwechsel reduziert werden. Dies führt zu einer Anreicherung von Schadstoffen in der Raumluft, was die Gesundheitsrisiken erhöhen kann.
3. Wertminderung
Schadstoffbelastungen in Fertighäusern haben auch finanzielle Auswirkungen. Eine Immobilie mit erheblichen Schadstoffproblemen kann stark an Wert verlieren, insbesondere wenn eine umfangreiche Sanierung erforderlich ist. Beim Kauf solcher Häuser ist es daher wichtig, vorab eine Schadstoff- und Schimmelpilzuntersuchung durchführen zu lassen.
Sanierungsmöglichkeiten bei Formaldehyd- und Schadstoffbelastung
1. Raumluftmessung als Voraussetzung
Eine professionelle Sanierung beginnt immer mit einer detaillierten Raumluftmessung. Dabei werden die Konzentrationen von Formaldehyd, Chloranisolen, Holzschutzmitteln und anderen relevanten Stoffen bestimmt. Die Probenahme erfolgt in der Regel mit speziellen Geräten wie PUF (Polyurethanschaum) oder DNPH-Kartuschen. Die Analyse erfolgt gemäß etablierter VDI-Richtlinien oder DIN-Standards.
2. Sanierungsstrategien
2.1. Austausch schadstoffintensiver Materialien
Bei erhöhten Formaldehydkonzentrationen kann es erforderlich sein, schadstoffintensive Materialien wie Spanplatten oder Pressspanplatten zu ersetzen. Dies ist besonders in Decken- und Innenwandbereichen nötig, wo die Materialien oft nicht ohne weiteres entfernt werden dürfen. In solchen Fällen werden schadstofffreie Holzfasermaterialien oder Gipskartonplatten eingesetzt.
2.2. Abdichtung emissionsintensiver Bereiche
Emissionsintensive Bereiche wie Kanten, Bohrlöcher oder Ausfräsungen können durch Abdichtungsmassen oder Lacken isoliert werden. Dies reduziert die Schadstofffreisetzung und verbessert die Innenraumluftqualität.
2.3. Einsatz von Absorbervliesen
Ein kostengünstiges und effektives Verfahren ist der Einbau von Absorbervliesen, die Schadstoffe wie Formaldehyd binden. Diese Vliese können in Wänden, Decken oder als Wandverkleidung eingesetzt werden. Sie sind umweltfreundlich, recyclebar und langfristig wirksam.
2.4. Technische Lüftung
Eine technische Lüftung mit geplanten Lüftungsanlagen ist bei Schadstoffsanierungen unverzichtbar. Sie sorgt für einen kontrollierten Luftwechsel und verhindert die Anreicherung von Schadstoffen in der Raumluft. Insbesondere nach energetischen Sanierungen, die die Dichtigkeit erhöhen, ist eine technische Lüftung entscheidend.
2.5. Schafwollvliese
Schafwolle hat nachweislich die Fähigkeit, Formaldehyd zu binden. In einigen Fällen kann der Einbau von unbehandelten Schafwollvliesen eine sinnvolle Ergänzung zur Schadstoffreduktion darstellen. Allerdings hängt der Erfolg stark von der baulichen Gegebenheit und der individuellen Schadstoffverteilung ab.
3. Schimmelpilz- und Hausschwammsanierung
Bei Schimmelpilzbefall oder Hausschwammbefall müssen die betroffenen Bereiche fachgerecht gesaniert werden. Die Vorgaben des Schimmelpilz-Leitfadens des Umweltbundesamtes und der WTA (Wissenswertes Technischen Anwendungen) sind hierbei zu beachten. Die Sanierung sollte stets von Fachfirmen durchgeführt und von Sachverständigen begleitet werden.
Praktische Beispiele und Erfolge
1. Sanierungsbeispiel: Formaldehyd im Schlafzimmer
Ein Beispiel für die Erfolge einer Schadstoffsanierung ist die Reduktion von Formaldehydkonzentrationen in einem Schlafzimmer. Vor der Sanierung betrug die Konzentration 136 µg/m³. Nach dem Austausch von Innenplatten sank der Wert auf 35 µg/m³. Der Empfehlung des Bundesgesundheitsamtes (100 µg/m³) und der Baubiologischen Empfehlung (60 µg/m³) wurde somit deutlich entsprochen.
2. Chloranisole und Geruchsbildung
In vielen Fertighäusern ist die Geruchsbildung ein zusätzlicher Aspekt, der auf Chloranisole oder Chlornaphthaline zurückzuführen ist. Diese Stoffe können muffig-modrige Gerüche erzeugen und zu Schleimhautreizungen führen. Eine Sanierung, die diese Geruchsstoffe gezielt bindet, ist in solchen Fällen entscheidend.
Empfehlungen für Eigentümer und Käufer
1. Vor dem Kauf: Schadstoffprüfung
Beim Kauf eines Fertighauses aus den 1960er- oder 1970er-Jahren ist es wichtig, eine Schadstoff- und Schimmelpilzuntersuchung durchführen zu lassen. Dies kann helfen, eventuelle Probleme frühzeitig zu erkennen und die Kaufentscheidung auf fundierter Basis zu treffen.
2. Nach dem Kauf: Sanierung in Zusammenarbeit mit Fachleuten
Eine Sanierung sollte immer in Zusammenarbeit mit Fachfirmen, Schadstoffsachverständigen, Architekten und dem Eigentümer geplant werden. Jede Sanierung ist individuell und hängt von der baulichen Konstruktion, der Schadstoffverteilung und den persönlichen Anforderungen ab.
3. Vorsicht vor unvollständigen Sanierungen
Eine energetische Sanierung allein ersetzt keine nachhaltige Schadstoffsanierung. Bei erhöhter Belastung durch Chloranisole oder Formaldehyd kann eine energetische Sanierung sogar zu einer Verschlechterung der Innenraumluft führen, da der Luftwechsel verringert wird.
4. Vermeidung von neuen Schadstoffquellen
Bei Renovierungsmaßnahmen oder Neukauf von Einrichtung sollte auf formaldehydfreie Produkte geachtet werden. Dies hilft, die Schadstoffbelastung nicht weiter zu erhöhen.
Fazit
Fertighäuser aus den 1960er- und 1970er-Jahren können aufgrund der damals verwendeten Materialien heute noch mit erheblichen Schadstoffbelastungen konfrontiert sein. Formaldehyd, Holzschutzmittel, Chloranisole und Schimmelpilze sind dabei die häufigsten Ursachen. Die Sanierung solcher Häuser erfordert ein fundiertes Verständnis der Schadstoffquellen, eine professionelle Analyse der Raumluft und gezielte Maßnahmen zur Reduktion der Belastung.
Eine Schadstoffsanierung ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die von Schadstoffsanierern, Schadstoffsachverständigen, Architekten und dem Eigentümer gemeinsam geplant und durchgeführt werden muss. Sie bietet jedoch auch Chancen: Neben der Verbesserung der Innenraumluftqualität und der Gesundheit der Bewohner kann sie auch die Wertminderung der Immobilie vermeiden.
Für Eigentümer und Käufer ist es daher wichtig, sich frühzeitig über Schadstoffe in Fertighäusern zu informieren und gegebenenfalls eine Schadstoffmessung durchführen zu lassen. Mit professioneller Unterstützung ist eine sinnvolle und nachhaltige Sanierung möglich.