Einführung
Die Sanierung des Finnlandhauses in Hamburg, eines denkmalgeschützten Hochhauses aus den 1960er Jahren, hat sich als Meilenstein für die Kombination von Denkmalschutz, Nachhaltigkeit und moderner Büroarchitektur erwiesen. Das Gebäude, ursprünglich für das finnische Generalkonsulat und Finnair errichtet, wurde 1966 nach Entwürfen von Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg (Gründungsarchitekten des HPP-Architektenbüros) fertiggestellt. Seine innovative Hängekonstruktion machte es zu einem architektonischen Pionierbauwerk, das sich durch technische Kreativität und ästhetische Eleganz auszeichnet.
Nach mehr als 50 Jahren Nutzung wurde das Finnlandhaus in den Jahren 2016 bis 2017 durch das Architekturbüro HPP und die Becken Development GmbH grundlegend saniert. Dabei standen die Erhaltung des historischen Charakters, die Ertüchtigung der Energieeffizienz sowie die Anpassung an moderne bauliche und technischen Anforderungen im Vordergrund. Ziel war es, das Gebäude für die Zukunft fit zu machen, ohne seine historische Identität zu zerstören.
In diesem Artikel werden die Hintergründe, die konstruktiven Besonderheiten, die Sanierungsmaßnahmen und die Ergebnisse des Projekts detailliert beschrieben. Der Fokus liegt auf der Verbindung von Denkmalschutz, Nachhaltigkeit und Funktionalität im Zuge einer aufwendigen Revitalisierung.
Konstruktive Besonderheit: Die Hängekonstruktion
1. Innovation aus Notwendigkeit
Das Finnlandhaus ist ein architektonisches Unikum, das aus der Hängekonstruktion hervorragt – einer Bauweise, die in Deutschland in dieser Form bis dato nicht üblich war. Der Grund für diese ungewöhnliche Lösung lag in den raumplanerischen Einschränkungen der Esplanade in Hamburg. Die engen Baufluchtlinien hätten es nicht erlaubt, ein Hochhaus mit den geplanten Maßen direkt an die Baulinie zu bauen. Hentrich und Petschnigg entwickelten daher eine kreative Alternative: Statt das Gebäude von unten her aufzubauen, hängten sie es von oben am tragenden Kern ab.
2. Ausführung der Konstruktion
Die Bauphase verlief in einer novativen Reihenfolge: Zunächst wurde ein Stahlbetonkern im Zentrum des Gebäudes errichtet. An diesem Kern wurden anschließend vorgespannte Kragarme befestigt, von denen die zwölf regulären Geschosse herunterhingen. Die Schalungsplattform, die für die Errichtung genutzt wurde, arbeitete von oben nach unten – eine bis dato in der Bundesrepublik unbekannte Methode.
Diese Konstruktion ermöglichte eine freistehende Erdgeschosszone, die als verglaste Halle genutzt wird. Der Erdgeschossbereich ist ein raumhoch verglaster Pavillon, der 370 m² nutzbare Fläche bietet. Der tragende Kern, der das gesamte Gebäude trägt, ist in diesem Bereich sichtbar und fungiert wie ein schlanker „Fuß“, auf dem das Hochhaus steht.
3. Denkmalschutz und Erhaltung
Die Hängekonstruktion ist nicht nur eine technische Besonderheit, sondern auch ein kulturhistorisches Juwel, das unter Denkmalschutz steht. Bei der Sanierung war daher eine präzise Wiederherstellung der ursprünglichen Struktur entscheidend. Der historische Tragwerksplan wurde beibehalten, um die Authentizität des Gebäudes zu wahren. Gleichzeitig wurde das Gebäude energetisch und technisch modernisiert, ohne die ursprüngliche Bauweise zu beeinträchtigen.
Die HPP-Architekten betonten in Interviews, dass die Hängekonstruktion nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein künstlerisches Statement sei: „Das Finnlandhaus hängt nicht nur am Baukran, sondern auch am Gedankenkreis der Architekten, die es in einer Zeit der technischen Revolution entworfen haben.“
Sanierungsmaßnahmen: Von der Fassade bis zur Energieeffizienz
1. Wiederherstellung der Fassade
Die Außenfassade des Finnlandhauses wurde vollständig saniert, um den ursprünglichen Zustand aus dem Jahr 1966 wiederzugeben. Dabei kamen historische Materialien und Formen zum Einsatz, um die Authentizität zu bewahren. Die Fassade, die aus Glas- und Stahlverkleidungen besteht, wurde so restauriert, dass sie optisch kaum von ihrer ursprünglichen Form zu unterscheiden ist.
Die Wiederherstellung erfolgte unter Berücksichtigung moderner Energieeffizienzstandards. Die neuen Materialien spiegeln die historische Erscheinung wider, sind jedoch besser isolierend und somit für den heutigen Energieverbrauch geeignet.
2. Innenräume: Zurück zum Rohbau
Im Zuge der Sanierung wurde das Gebäude bis auf den Rohbau zurückgebaut. Alle Bodenbeläge, Wandbeläge und Deckenverkleidungen wurden entfernt. Nur Natursteinböden und Treppen blieben erhalten. Diese wurden im Anschluss sorgfältig restauriert, um ihre historische Qualität zu bewahren.
Die Natursteinflächen, insbesondere die Marmor- und Granitbeläge, erforderten eine spezialisierte Pflege. So wurden sie mit Diamant- und Keramikbürsten gereinigt und mit Finalit-Polierpulver auf Hochglanz gebracht. Eine anschließende Imprägnierung mit Finalit-Nr. 21S Porenfüller schützte die Materialien vor zukünftigen Verschleiß- und Schadenserscheinungen.
3. Energetische und technische Modernisierung
Die Sanierung umfasste auch umfassende energetische und technische Verbesserungen. Der Wärmedämmstandard wurde angepasst, um den Anforderungen der heutigen Energieverordnung zu entsprechen. Zudem wurde ein modernes Lüftungs- und Beleuchtungskonzept installiert, das die Energieeffizienz steigert und gleichzeitig den Komfort der Nutzer optimiert.
Ein besonderes Augenmerk lag auf der Schallschutzoptimierung. Ein neues Doppelbodensystem wurde eingebaut, das den Anschluss der Arbeitsplätze über den Fußboden erlaubt, ohne die Schallübertragung zu beeinträchtigen. Damit wurde ein hohes Maß an Flexibilität im Inneren geschaffen, das den Anforderungen moderner Bürounternehmen entspricht.
4. Barrierefreiheit und Nutzbarkeit
Die Sanierung war auch eine Gelegenheit, den Gebäudekomplex barrierefrei zu gestalten. Behindertengerechte Aufzüge wurden eingebaut, und alle Zugänge wurden auf ihre Barrierefreiheit überprüft. Die Aufzüge wurden in modernem Weißglas verkleidet, um sich optisch in das Gebäude zu integrieren, ohne den Stil zu zerstören.
Die Erdgeschossfläche wurde erweitert und zu einem multifunktionalen Foyer umgestaltet. Der Raum dient heute als Empfangs- und Aufenthaltsbereich und bietet auch Einzelhandelsflächen an. Diese Anpassung ermöglichte eine vielfältige Nutzung, die sowohl den Bedürfnissen der Mieter als auch der öffentlichen Nutzung entspricht.
Das Ergebnis: Ein modernes Bürogebäude im Kleid eines Klassikers
1. Ästhetik und Funktion in Einklang
Die Sanierung des Finnlandhauses führte zu einem Gebäude, das optisch kaum von seiner ursprünglichen Form zu unterscheiden ist, aber funktional auf modernem Niveau arbeitet. Die Kombination aus historischer Eleganz und moderner Effizienz macht das Finnlandhaus heute zu einem Leuchtturmprojekt im Hamburger Immobilienmarkt.
Die ursprüngliche Modulsystematik des Gebäudes wurde in den Innenräumen fortgeführt. So wurden aufgeständerte Bodenplatten auf einer Holzunterkonstruktion eingesetzt, die exakt die Gliederung der Fassade aufnehmen. Die Inneneinrichtung setzte auf neutralen Materialien wie finnischer Birke, Glas und weißer Taft, wodurch ein surreal-leichtes Ambiente entstand.
2. Nachhaltigkeit und DGNB-Zertifizierung
Die Sanierung wurde im Jahr 2017 mit der DGNB-Auszeichnung in Gold gewürdigt. Das Projekt erfüllte die hohen Anforderungen an Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und ökologische Bauweise. Insbesondere die Denkmalgerechte Sanierung, bei der historische Elemente erhalten und modernisiert wurden, stellte einen Meilenstein dar.
Marc Holzhausen, Mitglied der Geschäftsführung bei Becken Development, betonte: „Das Finnlandhaus zeigt, wie sich Nachhaltigkeit und Denkmalschutz in Einklang bringen lassen. Es ist ein Beispiel für denkmalgerechte Sanierung im 21. Jahrhundert.“
3. Wirtschaftliche und soziale Bedeutung
Die Sanierung trug nicht nur zur ästhetischen und funktionellen Erneuerung des Gebäudes bei, sondern auch zur wirtschaftlichen Entwicklung der Hamburger Innenstadt. Das Gebäude dient heute als Hauptsitz der Becken Development GmbH und wird von mehreren Mietern genutzt. Die Multitenant-Nutzung erlaubte eine optimale Auslastung der Flächen und ermöglichte eine dauerhafte Standortbindung.
Zudem hat die Sanierung das Bild der Esplanade nachhaltig verändert. Die Esplanade, eine historische Prachtstraße, wurde im 19. Jahrhundert als klassizistische Straße angelegt und in der Nachkriegszeit unter der Leitung von Werner Hebebrand modernisiert. Das Finnlandhaus ist heute ein zentrales Element dieses städtebaulichen Ensembles.
Fazit
Die Sanierung des Finnlandhauses in Hamburg ist ein herausragendes Beispiel für die Kombination von Denkmalschutz, Nachhaltigkeit und moderner Nutzung. Das Gebäude, das mit seiner Hängekonstruktion ein architektonisches Unikum darstellt, wurde durch eine gründliche Revitalisierung fit für die Zukunft gemacht.
Die Sanierung erfolgte unter Berücksichtigung der historischen Struktur und der ästhetischen Formen, wodurch die Authentizität des Gebäudes bewahrt blieb. Gleichzeitig wurden moderne Energie- und Technikstandards eingeführt, die das Gebäude für die heutigen Anforderungen fit machen.
Das Projekt unterstreicht, dass denkmalgeschützte Gebäude nicht als statische Relikte betrachtet werden müssen, sondern durch sanfte Modernisierung auch in der Zukunft eine wirtschaftliche und soziale Bedeutung erlangen können. Das Finnlandhaus ist heute ein Leuchtturm für denkmalgerechte Sanierung und ein Beweis dafür, dass Historisches und Modernes zu einer harmonischen Einheit verschmelzen können.
Quellen
- Hardegger Architects – FLH
- Finnlandhaus Sanierung – Finalit München
- Revitalisierung des Finnlandhauses in Hamburg – Baunetz.de
- DGNB-Gold für das Finnlandhaus – HPP
- Referenz: Finnlandhaus – Schüco
- Fallstudie: Finnlandhaus – HPP
- Besichtigung Finnlandhaus – Denkmalverein
- Sanierung Finnlandhaus – BIN Ingenieure