Denkmalgerechte Komplettsanierung des Gasometers Oberhausen: Herausforderungen, Techniken und Erkenntnisse für die Baupraxis

Einleitung

Die denkmalgerechte Sanierung industrieller Kulturdenkmäler stellt Bauherren, Planer und Handwerker vor komplexe technische und organisatorische Herausforderungen. Das Gasometer Oberhausen, ein Wahrzeichen der Industriekultur im Ruhrgebiet, dient hierbei als herausragendes Beispiel für eine umfassende Komplettsanierung, die zwischen 2019 und 2021 durchgeführt wurde. Der 1929 in „MAN-Bauweise“ errichtete ehemalige Gasspeicher wurde nach seiner Stilllegung und einer ersten Sanierung in den 2000er Jahren erneut von massiven Korrosionsschäden an der Stahlhülle und dem Tragwerk betroffen. Ziel der Maßnahme war es, das Industriedenkmal bis mindestens 2050 zu schützen und seinen Status als höchste Ausstellungshalle Europas zu erhalten. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Abläufe, die spezifischen Herausforderungen der Korrosionsschutzarbeiten in extremen Höhen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse, die für vergleichbare Sanierungsprojekte von hoher Relevanz sind.

1. Planung und Finanzierung: Die Basis für eine Komplettsanierung

Die Entscheidung für eine Komplettsanierung fiel im Jahr 2018 durch die Gasometer Oberhausen GmbH aufgrund der stark verschlechterten Bausubstanz. Zahlreiche Stellen der Stahlhülle wiesen massive Korrosionsschäden auf, die eine dauerhafte Sicherung des Bauwerks notwendig machten.

1.1 Auswahl der Planer und konzeptioneller Ansatz

Für die Planung wurde das Büro Lindner Lohse Architekten BDA aus Dortmund im Rahmen eines Verhandlungsverfahrens ausgewählt. Entscheidend für die Wahl war deren interdisziplinäres Sanierungskonzept, das denkmalschutzbezogene Ziele effektiv mit bauphysikalischen Anforderungen integrierte. Ein solcher Ansatz ist für Denkmalsanierungen essenziell, da er sicherstellt, dass technische Verbesserungen nicht die historische Substanz beeinträchtigen.

1.2 Finanzierung durch öffentliche Förderung

Eine Schlüsselvoraussetzung für die Umsetzung der umfangreichen Sanierung war die Sicherung der Finanzierung. Die Gesamtkosten betrugen netto 16,4 Millionen Euro. Diese Summe wurde im Wesentlichen durch Förderzusagen des Bundes, des Landes Nordrhein-Westfalen sowie des Regionalverbands Ruhr getragen. Diese Förderkulisse unterstreicht die kulturelle Bedeutung des Bauwerks und verankert die Sanierung im Kontext der städtebaulichen Entwicklung.

2. Fundament- und Tragwerksinstandsetzung

Jede Sanierung beginnt bei der Basis. Im Falle des Gasometers war das Fundament über die Jahrzehnte an verschiedenen Stellen brüchig geworden.

2.1 Verstärkung des Fundamentsockels

Die Sanierungsarbeiten begannen im Dezember 2019 mit der Freilegung des Fundaments. Auf einer Länge von insgesamt 180 Metern wurde der Fundamentsockel freigelegt. Wo die Substanz dies erforderte, erfolgte eine Verstärkung durch Stahlmatten und neuen Beton. Insgesamt flossen 60 Kubikmeter Beton in diesen Bauabschnitt, um die statische Sicherheit für die kommenden Jahrzehnte wiederherzustellen.

2.2 Herausforderungen am Tragwerk

Der Gasometer besteht aus einer 24-eckigen Stahlzylinderhülle. Im Inneren befand sich ursprünglich eine Gasdruckscheibe, die sich wie ein Kolben bewegte. Heute ist diese fest mit der Außenhülle verbunden. Die Sanierung musste sicherstellen, dass das Tragwerk der Hülle, das den enormen Windlasten und der eigenen Masse standhalten muss, vollständig saniert wurde. Ziel war es, das Tragwerk und die Hülle bis mindestens ins Jahr 2050 vor weiteren Schäden zu schützen.

3. Logistik und Gerüstbau: Die Voraussetzung für Arbeit in der Höhe

Eine der größten logistischen Hürden war die Errichtung einer Arbeitsplattform für die 70.000 Quadratmeter große Außenhülle (inklusive Dach).

3.1 Aufbau des Fassadengerüsts

Für die Korrosionsschutzarbeiten wurde ein gewaltiges Gerüst mit einer Fläche von 30.000 Quadratmetern benötigt. Der vollständige Aufbau dauerte nahezu fünf Monate. Es kamen rund 1.000 Tonnen Material zum Einsatz. Dies verdeutlicht den immensen Aufwand, der notwendig ist, um bei einem 117,5 Meter hohen Bauwerk flächendeckend Arbeiten durchführen zu können.

3.2 Schutz durch Einhausung (Einhausung)

Besonders relevant für die Bauausführung war die Verwendung von weißen Planen, die das Gerüst vollständig umschlossen. Diese erfüllten zwei kritische Funktionen: 1. Witterungsschutz: In der kalten und nassen Jahreszeit garantierten sie trockene und temperaturkonstante Arbeitsbedingungen. Dies ist für die Anwendung von Beschichtungssystemen (Lacke, Grundierungen) zwingend erforderlich, da Feuchtigkeit die Haftung und Härtung negativ beeinflusst. 2. Umweltschutz und Sicherheit: Durch die Einhausung verblieben die beim Abstrahlen der Außenhülle anfallenden Farb- und Metallreste (Altlasten wie Blei oder andere Schwermetalle aus alten Farbschichten) auf der Baustelle. Dies ermöglichte eine fachgerechte Entsorgung und verhinderte die Belastung des umliegenden Geländes.

4. Oberflächenvorbereitung und Korrosionsschutz

Der Kern der Sanierung lag in der Beseitigung der Korrosion und dem Auftrag neuer Schutzschichten.

4.1 Entfernung der Altlasten

Eine Analyse des LVR-Amts für Denkmalpflege im Rheinland ergab, dass der Gasometer im Laufe seiner Geschichte insgesamt vierzehn Farbschichten erhalten hatte. Diese mussten vollständig entfernt werden. Die Vorgehensweise variierte je nach Untergrund und Höhe.

4.1.1 Abstrahlen der Außenwände

Die Außenhülle wurde abgestrahlt, um die alten Farb- und Rostschichten zu entfernen. Dieser Prozess erzeugt Staub und Partikel, die durch die Planeneinhausung zurückgehalten wurden.

4.1.2 Wasserstrahlverfahren auf dem Dach

Das Dach stellte eine besondere Herausforderung dar, da die Tragkraft der Dachkonstruktion begrenzt war. Herkömmliche Gerüste oder schwere Maschinen kamen hier nicht zum Tragen. Stattdessen kamen ferngesteuerte Roboter zum Einsatz, die mittels Wasserstrahlverfahren die alten Farbschichten lösten. Dies ist ein Beispiel für den Einsatz von Spezialtechnologien, um statische Grenzen zu wahren.

4.1.3 Handarbeit in der Höhe

Die Innendecke (Unterseite des Daches) musste komplett per Hand entrostet und beschichtet werden. Dies gelang nur durch eine spezielle, hängende Gerüstkonstruktion, die direkt unter dem Dach in knapp 110 Metern Höhe angebracht wurde. Dies unterstreicht die Notwendigkeit von maßgefertigten Lösungen im Denkmalschutz.

4.2 Auftrag des neuen Korrosionsschutzes

Nach der Vorbehandlung erfolgte der Schichtaufbau nach modernen Korrosionsschutzstandards: 1. Grundierung: Eine Schicht aus Zinkstaub (typisch für metallischen Korrosionsschutz auf Stahl). 2. Zwischenschicht: zur Aufbringung einer gleichmäßigen Basis. 3. Deckschichten: Zwei Deckschichten wurden aufgetragen.

4.2.1 Farbton und technische Verbesserung

Die Farbwahl war ein Balanceakt zwischen Denkmalschutz und Technik. Der neue Farbton (Grauer Grundton mit oxydrötlicher Einfärbung) orientiert sich am Originalfarbton von 1949. Im Gegensatz zur Originalfarbe ist die neue jedoch mit Eisenglimmer versetzt. Eisenglimmer verbessert die Haltbarkeit und den Korrosionsschutz, da er die Barrierewirkung der Farbe erhöht.

4.2.2 Dachbeschichtung

Nach dem Wasserstrahlverfahren wurde das Dach grundiert und mit einer grauen Deckschicht finalisiert.

5. Demontage und Re-Montage von Bauteilen

Um die Korrosionsschutzarbeiten an der gesamten Hülle durchführen zu können, mussten vorab diverse Bauteile demontiert werden.

5.1 Einsatz von Industriekletterern und Spezialkränen

Zu Beginn der Arbeiten (Januar 2020) wurden die Umläufe, Treppen und Ausbläser durch Industriekletterer und einen 120 Meter hohen Spezialkran (Grove GMK 5250L) demontiert. Die Montage erfolgte nach Abschluss der Malerarbeiten im April/Mai 2021 ebenfalls mit Hilfe eines Spezialkrans und Industriekletterern. Hierfür wurden vier Wochen veranschlagt.

5.2 Rekonstruktion des Originalzustands

Die Umläufe erhielten einen Grünton, der an die Farbgebung der 1970er-Jahre anlehnt. Ziel war es, dem Gasometer sein ursprüngliches Aussehen zurückzugeben.

6. Fazit: Übertragbare Erkenntnisse für die Bauwirtschaft

Die Sanierung des Gasometers Oberhausen bietet mehrere übertragbare Erkenntnisse für vergleichbare Projekte an denkmalgeschützten Bauwerken:

  1. Interdisziplinäre Planung: Ein Konzept, das Denkmalschutz und Bauphysik integriert, ist entscheidend. Planer müssen historische Vorbilder (Farbanalysen) technischen Innovationen (Eisenglimmer-Additive) gegenüberstellen.
  2. Sicherheit und Witterungsunabhängigkeit: Großflächige Einhausungen (Gerüstplanen) ermöglichen bei exponierten Lagen sichere und witterungsunabhängige Arbeitsbedingungen. Dies ist essenziell für die Qualität von Beschichtungen.
  3. Spezialisierte Gewerke: Die Einbindung von Industriekletterern und Kranbetrieben für Demontage und Montage ist bei komplexen Bauteilen unerlässlich. Der Einsatz von ferngesteuerten Robotern für Dacharbeiten zeigt zudem den Weg für technisch anspruchsvolle Lösungen bei statischen Einschränkungen.
  4. Materialentscheidungen: Farb- und Materialentscheidungen, die historische Referenzen berücksichtigen, tragen zur Bewahrung des Denkmalscharakters bei und können zugleich technische Verbesserungen bieten.
  5. Finanzierung: Die Sicherung öffentlicher Fördermittel (Bund, Land, Regionalverband) ist oft der Schlüssel zur Realisierung großvolumiger Denkmalsanierungen.

Die Sanierung zeigt, dass technische Präzision, denkmalschutzbezogene Sensibilität und nachhaltige Betriebsführung bei einem außergewöhnlichen Industriemonument erfolgreich zusammengeführt werden können. Für Bauherren und Investoren bedeutet dies: Sanierung von Denkmälern erfordert hohe Investitionen (hier 16,4 Mio. € netto), sichert aber langfristig die Substanz und den Wert von Baudenkmälern.

Quellen

  1. Gasometer Oberhausen - Sanierung 2019 – 2021
  2. Bauhandwerk - Komplettsanierung des denkmalgeschützten Gasometers in Oberhausen
  3. Gasometer Oberhausen - Baustellentagebuch
  4. Austrasse Zürich - Denkmalgerechte Komplettsanierung des Gasometers Oberhausen
  5. DBZ - Sanierung Gasometer Oberhausen
  6. Springer - Denkmalgerechte Sanierung Gasometer Oberhausen

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