Denkmalgerechte Revitalisierung: Die Sanierung und Umwandlung des historischen Gaswerks Augsburg zu einem Kreativquartier

Die Revitalisierung historischer Industrieanlagen stellt eine besondere Herausforderung und Chance für die moderne Stadtentwicklung dar. Das Beispiel des historischen Gaswerks in Augsburg zeigt eindrucksvoll, wie durch umfangreiche Sanierungsmaßnahmen, denkmalgerechte Instandsetzung und innovative Nutzkonzepte aus einer ehemaligen Industriebrache ein pulsierendes Kultur- und Kreativquartier entstehen kann. Die Stadtwerke Augsburg (swa) als Eigentümer haben in den vergangenen Jahren Investitionen in Höhe von über 60 Millionen Euro getätigt, um das rund 70.000 Quadratmeter große Areal im Stadtteil Oberhausen zu einem zentralen Erlebnisort für Bürger, Künstler und Veranstalter zu entwickeln.

Dieser Artikel beleuchtet die technischen und konzeptionellen Aspekte der Sanierung, die Herausforderungen des Denkmalschutzes, die innovative Nutzung von Containern als temporäre und statische Unterstützung sowie die langfristige Strategie zur Schaffung eines lebendigen Kreativquartiers.

Das historische Erbe und die Vision einer Kreativmetropole

Das Augsburger Gaswerk blickt auf eine über 150-jährige Industriegeschichte zurück. Lange Zeit war es ein Ort der industriellen Produktion, bevor es brachfiel. Vor etwa zehn Jahren beschloss die Stadt, das Areal wiederzugewinnen und in einen Ort für Künstler und Kreative umzuwandeln. Ziel der Stadtwerke Augsburg und der Stadt Augsburg ist es, einen belebten und pulsierenden Ort zu schaffen, der weit über die Grenzen Augsburgs hinaus Strahlkraft entfaltet.

Die Vision ist die Schaffung eines Kunst- und Kreativquartiers, das als Treffpunkt für die angrenzenden Stadtteile Oberhausen, Kriegshaber und Bärenkeller dient. Das Konzept umfasst nicht nur Ateliers und Proberäume, sondern auch Gastronomie, Veranstaltungsflächen und Grünflächen, um eine Mischung aus Industriearchitektur und Natur zu ermöglichen.

Sanierung des Ofenhauses: Denkmalpflege und kulturelle Nutzung

Ein zentraler Bestandteil des Gesamtprojekts ist das Ofenhaus. Dieses historische Gebäude wurde denkmalgerecht saniert und mit einem Erweiterungsbau versehen. Bei der Sanierung des Altbaues wurde großer Wert darauf gelegt, die alte Nutzung des Gebäudes zu erhalten und diese für Besucher „ablesbar“ zu machen.

Die Sanierung des Ofenhauses beinhaltete die Integration der Interimsbühne des Schauspiels Augsburg. Während der Sanierung des Großen Hauses des Theaters Augsburg bot das Ofenhaus seit Januar 2019 eine provisorische Spielstätte. Neben den Bühnenräumen entstanden Gastronomieflächen und Nebenräume.

Der an das Ofenhaus angegliederte Erweiterungsbau wurde zwischen 2016 und 2018 geplant und realisiert. Dieser siebengeschossige Bau beherbergt Probebühnen, Werkstätten, Verwaltungsräume sowie Ateliers für freie Künstler. Eine architektonische Besonderheit ist die Fassade aus Cortenstahl, die den industriellen Charakter des Geländes betonen soll. Die Gesamtfläche des Neubaus beläuft sich auf über 5.500 m² Nettofläche, die sich über sieben Geschosse erstrecken und Werkstätten, Lager, Büros und Technikflächen umfassen.

Herausforderungen des Denkmalschutzes: Das Reinigergebäude

Eine besondere Herausforderung stellte das Reinigergebäude dar. Das 115 Jahre alte Gebäude war seit seiner Errichtung nur einmal saniert worden und steht unter Denkmalschutz. Der Zustand des Gebäudes erforderte dringende Maßnahmen, insbesondere im Bereich der Gebäudestatik und der Dachsanierung. Die Stadtwerke Augsburg investieren rund 1,8 Millionen Euro in die Sanierung dieses Gebäudes.

Die Planung und Durchführung von Sanierungen unter Denkmalschutz erfordert eine enge Abstimmung mit den zuständigen Behörden. Im Fall des Gaswerks erfolgt die Abstimmung kontinuierlich mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD), der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Augsburg sowie dem Stadtplanungsamt. Ziel war es, nicht nur einen Teil der Hülle zu sanieren, sondern das Gebäude wieder vollständig nutzbar zu machen.

Innovative Sanierungsmethode: Container als statische und funktionale Elemente

Um das denkmalgeschützte Reinigergebäude zu sichern und nutzbar zu machen, wählten die Planer eine außergewöhnliche Lösung: den Einsatz von Seefrachtcontainern. Diese Entscheidung fiel nach Prüfung verschiedener Varianten.

Die Container werden im Reinigergebäude über mehrere Ebenen aufgestellt. Sie erfüllen eine doppelte Funktion:

  1. Statische Abstützung: Die Container stützen die Decke des historischen Gebäudes ab und sorgen so für die notwendige Stabilität, bis die große Sanierung erfolgen kann.
  2. Raumunterteilung und Nutzung: Durch die Aufstellung der Container wird der große Raum unterteilt. Dies schafft neue Möglichkeiten für eine temporäre Nutzung. Die Räume können als Backstage-Flächen oder Workshop-Räume genutzt werden.

Diese Methode der temporären Nutzung durch Container ermöglicht einen sukzessiven Ausbau. Das Gebäude kann bereits genutzt werden, ohne dass die umfangreiche Sanierung sofort abgeschlossen sein muss. Es handelt sich hierbei um eine sinnvolle Nachnutzung von Material, das zuvor am Augsburger Hauptbahnhof eingesetzt wurde. Während der Bauarbeiten am Hauptbahnhof für den Straßenbahntunnel dienten diese Container als provisorische Einbauten für ein Backwarengeschäft und einen Kiosk. Ab 2025 werden sie als zweigeschossiger Bau im Gaswerk genutzt.

Erweiterung des gastronomischen Angebots

Ein wesentlicher Bestandteil der Aufwertung des Geländes ist die Erweiterung des gastronomischen Angebots. Neben dem bereits existierenden Angebot im Ofenhaus zieht mit der „Bar 54“ ein weiteres Lokal auf das Gelände.

  • Standort: Das Garagengebäude an der Obstwiese.
  • Betreiber: Die Augsburger Gastronomen Stefan Meitinger (genannt „Bob“) und Hannes Ankner.
  • Konzept: Ein Lokal mit angeschlossenem Biergarten.
  • Bauzeitplanung: Baustart voraussichtlich im Mai 2025, Eröffnung im Jahr 2026.

Das Ziel der Erweiterung ist es, eine niedrigschwellige Gastronomie zu schaffen, die Besucher einlädt, die Grünflächen des Geländes zu nutzen und das industriekulturelle Denkmal zu erleben. Gaswerksleiter Stefan Schleifer betonte, dass die Betreiber ein großes kulturelles Verständnis mitbringen, was für die Integration in das bestehende Konzept essenziell ist.

Wirtschaftliche Bilanz und Veranstaltungskonzept

Die Sanierung und Revitalisierung des Geländes zeigt wirtschaftlichen Erfolg. Im Jahr 2024 verzeichnete das Gaswerk 94 Veranstaltungstage mit mehr als 150.000 Besuchenden. Alle vermietbaren Flächen waren vollständig vermietet.

Der Erfolg wird auf die großzügige Freifläche (Kapazität für mehr als 10.000 Besuchende) und das einzigartige Flair zurückgeführt, das aus der Mischung von Industriearchitektur und Grünflächen entsteht. Das Gelände etabliert sich zunehmend als Konzert- und Festivalstandort, der renommierte Veranstalter und weit über die Stadtgrenzen hinausreichendes Publikum anzieht.

Beispiele für Veranstaltungen im Jahr 2025 sind: * „BOBs Sommer am Kiez“ mit der „Reconstruction Tour“ (Ende Mai). * „Modular Festival“ des Augsburger Stadtjugendrings (Juni, Erwartung: ca. 33.000 Besuchende). * Verschiedene Open-Air-Events (z.B. „Mega 90er und Mega 2000er Open Air“). * Die „Sparkscon“, Deutschlands größte Digitalkonferenz (Juli). * Charity-Events wie der „swa Spendenlauf“ (Juli), dessen Erlös gemeinnützigen Zwecken zugutekommt (2024: Kältemobil des SKM Augsburg; 2025: Elterninitiative krebskranker Kinder – Lichtblick e.V.).

Öffentlichkeitsarbeit und Zugang

Um die Öffentlichkeit am Wandel des Geländes teilhaben zu lassen, bieten die Stadtwerke regelmäßig Führungen an. Unter dem Motto „swa erleben“ werden die Führungen „History“ und „Art and Sound“ angeboten, die an jedem dritten Sonntag im Monat stattfinden. Dies unterstreicht den Anspruch, das Gelände als Erlebnisort für die breite Bevölkerung zu öffnen.

Zusammenfassung der Sanierungsstrategie

Die Sanierung des Gaswerks Augsburg folgt einem stufenweisen Ansatz, der Investitionssicherheit mit flexibler Nutzung verbindet. Die Strategie lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Maßnahme Beschreibung Ziel
Sanierung Ofenhaus Denkmalgerechte Instandsetzung, Einbau der Theater-Interimslösung, Neubau Erweiterungsbau (Cortenstahl-Fassade). Kulturelle Nutzung, Ateliers, Bühnen.
Sicherung Reinigergebäude Einsatz von Seefrachtcontainern zur statischen Abstützung und Raumgliederung. Temporäre Nutzung (Workshops, Backstage), Sicherung vor Großsanierung.
Gastronomischer Ausbau Einrichtung der „Bar 54“ im Garagengebäude mit Biergarten. Belebung des Areals, Nutzung der Grünflächen.
Veranstaltungsbetrieb Nutzung der Freiflächen für Konzerte, Festivals und Messen. Etablierung als überregionaler Kulturstandort.

Fazit

Die Sanierung des historischen Gaswerks Augsburg ist ein Musterbeispiel für gelungene Industriedenkmal-Pflege in Verbindung mit moderner Stadtentwicklung. Durch hohe Investitionen der Stadtwerke Augsburg und eine enge Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden wird ein sensibler Bestand nicht nur erhalten, sondern aktiv weiterentwickelt.

Die innovative Nutzung von Containern zur statischen Sicherung und temporären Raumbildung zeigt Wege auf, wie Sanierungsphasen überbrückt und gleichzeitig neue Nutzungen geschaffen werden können. Mit der geplanten Eröffnung der „Bar 54“ im Jahr 2026 und einem dichten Veranstaltungskalender entwickelt sich das Areal zu einem lebendigen Knotenpunkt für Kultur, Kreativität und Gemeinschaft. Für Bauherren und Planer ist dieses Projekt ein inspirierender Beweis dafür, dass Denkmalschutz und moderne Nutzungsansprüche nicht im Widerspruch stehen müssen, sondern sich gegenseitig bereichern können.

Quellen

  1. swr-architekten.de
  2. topmagazin-augsburg.de
  3. b4bschwaben.de
  4. augsburg.de
  5. trendyone.de
  6. augsburger-allgemeine.de

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