Die Stadt Leonberg steht aktuell vor weitreichenden Entscheidungen in ihrer Bau- und Finanzpolitik. Eine Analyse der jüngsten Gemeinderatssitzungen und Haushaltspläne offenbart einen strategischen Schwenk hin zu zentralisierten Verwaltungsbauten, einer aggressiven Sanierung der Verkehrsinfrastruktur und einer soliden, zukunftsgerichteten Finanzplanung. Für Bauinteressenten, Immobilienbesitzer und Handwerksbetriebe sind diese Entwicklungen von hoher Relevanz, da sie den Kurs der Stadt für die kommenden Jahrzehnte definieren.
Der Rathausneubau: Eine Zäsur in der Leonberger Verwaltungsarchitektur
Die wohl gewichtigste Entscheidung mit unmittelbaren Auswirkungen auf das Stadtbild und die städtische Finanzkraft betrifft den Neubau des Rathauses. Nachdem zunächst eine Sanierung des bestehenden Gebäudes erwogen wurde, favorisiert die Stadtspitze nun einen kompletten Neubau.
Sanierung vs. Neubau: Eine Kosten-Nutzen-Analyse
Die Entscheidung für einen Neubau fiel nicht leichter. Eine Voruntersuchung zum Zustand des sogenannten „Neuen Rathauses“ ergab gravierende Mängel. Laut dem vorliegenden Gutachten weist das Gebäude erhebliche Defizite in der Elektronik sowie im Brandschutz auf. Eine umfassende Sanierung dieser Mängel wäre mit einem Kostenaufwand von 14,5 Millionen Euro verbunden gewesen.
Neben der Sanierung wurden zwei alternative Szenarien durchgerechnet: 1. Anbau an den Bestand: Dieser Weg wäre auf einem Grundstück möglich, das eine Mülldeponie-Vergangenheit hat. Die Kosten hierfür wurden auf 19 Millionen Euro veranschlagt. 2. Neubau: Die Variante eines komplett neuen Verwaltungsgebäudes wurde mit 22 Millionen Euro kalkuliert.
Obwohl der Neubau auf den ersten Blick teurer erscheint als eine Sanierung (22 Mio. EUR vs. 14,5 Mio. EUR), sprach der strategische Aspekt der Zentralisierung für den Neubau. Ziel ist es, die vielen bisher verstreuten Einzelstandorte der Verwaltung im Stadtgebiet zusammenzuführen. Diese Konzentration soll langfristig zu erheblichen Kosteneinsparungen führen.
Der Standortwechsel: Von der Post zur Eltinger Straße
Ursprünglich war das Areal der Post als Standort für den Neubau im Rennen. Der Gemeinderat entschied sich jedoch in seiner Sitzung am Dienstagabend (25. Februar) für eine andere Lage: die Eltinger Straße, direkt vor dem jetzigen Verwaltungsgebäude am Belforter Platz. Dieser Beschluss fiel nahezu einstimmig; nur drei Stadträte enthielten sich der Stimme.
Das Projekt ist nun amtlich und auf einem Kostenrahmen von 25 Millionen Euro angesetzt. Kritik gab es im Verlauf der Debatte lediglich an der Nähe zur Straße sowie an fehlender Gastronomie im geplanten Bau. Um eine qualitativ hochwertige Architektur sicherzustellen, haben sich sechs Architektenbüros beworben, deren Modelle bis zum Sommer eingereicht werden sollen. Die endgültige Entscheidung über den Entwurf fällt kurz vor Weihnachten.
Nutzung des historischen Rathauses
Mit dem Neubau in der Eltinger Straße stellt sich zwingend die Frage nach der Zukunft des historischen Rathauses am Marktplatz. Dieses Gebäude muss in den kommenden Jahren saniert werden. Die Stadtverwaltung hat hierfür eine konkrete Nutzungsvariante (Variante 4) ausgearbeitet: * Verbleibende Ämter: Das gesamte Ordnungsamt (inklusive Standes- und Bürgeramt) soll im Alten Rathaus bleiben. * Zuzüge: Das Amt für Kultur, Erwachsenenbildung, Sport und Stadtmarketing würde hinzukommen. * Anbau: Um Platz für diese Nutzungen zu schaffen, ist ein Anbau im Hof vorgesehen. Dieser soll über einen gläsernen Zugang erreichbar sein und im Erdgeschoss Platz für eine Touristeninformation bieten.
Die Gesamtkosten für den Rathaus-Neubau inklusive der Sanierung und des Anbaus am Alten Rathaus wurden mit 23,6 Millionen Euro veranschlagt. Es bleibt abzuwarten, ob diese spezifische Aufteilung im Gemeinderat auf Mehrheitssupport trifft.
Infrastruktur: Aggressive Sanierung der Straßen und Kanäle
Neben den Verwaltungsbauten investiert Leonberg massiv in seine physische Infrastruktur. Der Gemeinderat hat ein umfassendes Programm zur Überprüfung und Sanierung von Straßen initiiert.
Priorisierung nach Ampelsystem
Bürgermeister Johann Burger hat eine umfangreiche Liste vorgelegt, die 24 Gemeindeverbindungsstraßen und 79 Ortsstraßen umfasst. Um den Sanierungsbedarf effizient zu steuern, wurde ein Ampelsystem eingeführt. Die Gemeinderäte bewerten den Zustand der Straßen nach den Farben Grün (geringer Bedarf), Gelb (mittlerer Bedarf) und Rot (dringender Sanierungsbedarf). Ziel ist es, eine Prioritätenliste zu erstellen, die als Grundlage für ein Ausbaukonzept der Verwaltung dient. Die Fertigstellung dieser Liste wird für die September-Sitzung angestrebt.
Fokus auf Qualität und Kanalsanierung
Die Stadt hat klare Vorgaben für den Ausbau: „Wir wollen unsere Straßen vernünftig ausbauen, aber auch nicht zu teuer“, so Burger. Ein wichtiger Aspekt ist die parallele Überprüfung der Kanäle. Wenn eine Straße saniert wird, sollen die darunterliegenden Leitungen gleichzeitig erneuert werden, sofern dies erforderlich ist.
Besonders hervorzuheben sind fünf Straßen, die bereits als höchste Priorität eingestuft wurden. Zudem wurde eine besonders langwierige Strecke identifiziert: die Gemeindeverbindungsstraße von Großensees nach Zirkenreuth, die eine Länge von 2,6 Kilometern aufweist. Als kürzeste Abschnitte gelten zwei Ortsstraßen von jeweils rund 30 Metern Länge (Gieselweg und beim neuen Forsthaus).
Sanierung der Stadthalle
Ein weiteres Infrastrukturprojekt betrifft die Stadthalle. Das Dach der Halle, das aus grün lackiertem Stahlblech besteht, ist in einem bedenklichen Zustand. Stellenweise ist es mit Moos bewachsen, was zu Aufbiegungen des Blechs führt. Diese Beschädigungen machen das Dach undicht und gefährden die Tragkraft der Balken. Neben der Dachsanierung sind auch die Sanitärräume der Halle sanierungsbedürftig und müssen aufgefrischt werden.
Feuerwehr und Kleinere Bauvorhaben
Die Aufrüstung der Sicherheitsinfrastruktur ist ein weiterer Punkt der Agenda. Der Gemeinderat stimmte einstimmig für die Beschaffung eines neuen Wechselladerfahrzeugs (WLF) für die Feuerwehr Leonberg. Das bisherige Fahrzeug aus dem Baujahr 2003 ist technisch überholt und abgenutzt. Das Land Baden-Württemberg unterstützt das Projekt mit einer Zuwendung von 61.000 Euro.
Ein interessantes Beispiel für die Verwaltungsarbeit ist zudem die Genehmigung eines Anbaus an einer Holzlege in Leonberg. Die Voranfrage für einen Anbau von 8 mal 4 Metern wurde eingereicht und wird nun vom Landratsamt geprüft.
Finanzielle Gesamtsituation und Haushaltsplan 2026
Die Umsetzung dieser ambitionierten Bauprojekte erfordert eine solide Finanzbasis. Der Haushaltsplanentwurf 2026 gibt Aufschluss über die wirtschaftliche Lage und die Spielräume der Stadt.
Einnahmenprognose: Gewerbesteuer vs. Einkommenssteuer
Die Stadtverwaltung rechnet mit einer gemischten wirtschaftlichen Entwicklung. Während die Gewerbesteuererträge prognostiziert deutlich sinken werden (von 47,13 Millionen Euro im Jahr 2024 auf ca. 35,5 Millionen Euro im Jahr 2026), steigen die Einnahmen aus der Einkommenssteuer voraussichtlich auf rund 44 Millionen Euro. Die Grundsteuer B bleibt mit ca. 10 Millionen Euro stabil.
Investitionsrahmen und laufende Projekte
Für investive Baumaßnahmen im Jahr 2026 hat die Verwaltung ein Gesamtbudget von 25 Millionen Euro festgelegt. Davon binden laufende Projekte bereits 20,46 Millionen Euro. Für neue Vorhaben verbleiben somit ca. 5 Millionen Euro. Zu den Projekten höchster Priorität zählen neben dem Rathausneubau neue Querungshilfen in Höfingen, Ertüchtigungen der Kläranlage sowie Neubauten und Sanierungen in Kitas und Schulen.
Solide Finanzpolitik und Rücklagenbildung
Die Investitionskraft der Stadt wird durch eine in den letzten Jahren konsequent betriebene Sparpolitik gestützt. Zwischen 2017 und 2024 investierte Leonberg jährlich zwischen 12 und 24 Millionen Euro (Gesamtsumme 143 Millionen Euro). Entscheidend ist der Aufbau von Rücklagen: Diese stiegen von nur 8,84 Millionen Euro im Jahr 2017 auf über 80 Millionen Euro an. Gleichzeitig halbierte sich die Verschuldung von 90,32 Millionen Euro (2017) auf 44,87 Millionen Euro. Dieses finanzielle Polster ermöglicht es der Stadt, die aktuellen Bauprojekte auch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten zu stemmen.
Fazit
Die Stadt Leonberg befindet sich in einer Phase der strategischen Neuorientierung. Der Beschluss zum Rathausneubau markiert das Ende einer Ära des Verwaltens in veralteten, verstreuten Gebäuden und leitet den Übergang zu einer modernen, zentralisierten Verwaltungseinheit ein. Parallel dazu zeigt die aggressive Agenda zur Sanierung von Straßen und Kanälen, dass die Stadt bemüht ist, ihre physische Infrastruktur auf den neuesten Stand zu bringen und Instandhaltungsrückstände abzubauen. Finanziell ist die Stadt durch die Reduzierung der Schulden und den Aufbau massiver Rücklagen gut aufgestellt, um diese Vorhaben zu realisieren. Für die Baubranche und Investoren in der Region bietet dies eine Vielzahl von Aufträgen und eine stabile kommunale Planungsbasis.
Quellen
- Stuttgarter Zeitung - Leonberg: Neubau Rathaus (fertig)
- Nussbaum - Entscheidungen aus dem Gemeinderat Februar 2025
- Stuttgarter Zeitung - Leonberg endgültig: Das neue Rathaus wird kommen
- onetz - Gemeinderat Leonberg nimmt über 100 Straßen ins Visier
- Stuttgarter Zeitung - Leonberg Rathaus: Heute wird entschieden
- Nussbaum - Haushaltsplan 2026: Leonberg investiert verantwortungsvoll in die Zukunft