Die Sanierung und Neugestaltung des Bischöflichen Generalvikariats in Aachen stellt ein herausragendes Beispiel für die denkmalgerechte und zukunftsweisende Modernisierung von Büro- und Verwaltungsgebäuden dar. Dieses Großprojekt, das die zentrale Verwaltung des Bistums Aachen beherbergt, verbindet historische Substanz mit modernster Bautechnik und architektonischer Vision. Der folgende Fachbeitrag beleuchtet die vielschichtigen Aspekte dieses Vorhabens, von der Planung und Investitionssumme über die Materialwahl und Fassadengestaltung bis hin zu den spezifischen handwerklichen Leistungen, die für die Umsetzung notwendig waren.
Ausgangslage und Bedeutung des Projekts
Das Bischöfliche Generalvikariat am Klosterplatz in Aachen ist mehr als nur eine Verwaltungszentrale. Es ist die zentrale Instanz des Bistums Aachen, die neben reinen Verwaltungsaufgaben auch fachliche Unterstützung in pastoralen Fragen und Rechtsangelegenheiten bietet (Quelle 1). Das Gebäudeensemble aus dem Jahr 1959 war dringend sanierungsbedürftig und musste komplett modernisiert werden, um den heutigen Anforderungen an Funktionalität, Energieeffizienz und Arbeitsumgebung gerecht zu werden.
Die Bedeutung des Standorts im direkten Umfeld des Aachener Doms unterstreicht die Notwendigkeit einer sensiblen und wertsteigernden Herangehensweise. Das Gebäude prägt das Stadtbild maßgeblich, und die Neugestaltung zielte darauf ab, das gesamte Domviertel aufzuwerten und den historischen Kontext zu respektieren.
Planung, Wettbewerb und Investition
Der Planungsprozess begann mit einem nichtoffenen Architekturwettbewerb, den das Aachener Büro kadawittfeldarchitektur im Jahr 2015 einstimmig für sich entscheiden konnte (Quelle 2). Ziel war es, ein Architekturbüro mit den Planungs- und Ausführungsleistungen zu beauftragen, das einen Entwurf liefert, der den Charakter des Gebäudes neu definiert, ohne den Bezug zum historischen Kontext zu verlieren.
Für das Großprojekt stand dem Bistum Aachen als Bauherren eine Gesamtinvestitionssumme von 13,4 Millionen Euro zur Verfügung (Quelle 2). Die Detailplanung für die Umbaumaßnahmen startete 2015, und die Fertigstellung war für Mitte 2017 geplant. Die Herausforderung bestand darin, eine Gebäude mit rund 5.200 Quadratmetern Bruttogeschossfläche zu transformieren, das neuen Charakter, ein neues Gesicht und neue Funktionalität erhalten sollte, dabei aber in den historischen Kontext passt.
Architektonisches Konzept: Dialog zwischen Alt und Neu
Das architektonische Konzept von kadawittfeldarchitektur zeichnet sich durch eine klare Strukturierung und eine sensible Einbindung in die Umgebung aus. In der Pufferzone um das UNESCO-Welterbe Aachener Dom wurde ein klar strukturiertes Gebäudeensemble vorgeschlagen, das den ruhigen Raster des Domviertels aufgreift.
Fassadengestaltung und Materialität
Ein zentrales Element ist die Fassade. Um sich optimal in die Gegebenheiten der Aachener Innenstadt einzufügen, wurde eine Fassade aus gestrahltem, regional vorkommendem Sandstein gewählt (Quelle 2). Diese steinerne Ausbildung lehnt sich in Farbe und transformierter Materialität an den Dom an (Quelle 3). Architektonisch wird eine Differenzierung erreicht durch die Füllungen zwischen Sockelbauten und hohem Haus, zwischen steinern und gläsern. Dies ermöglicht es, die Entstehungsgeschichte der 50er und 60er Jahre erlebbar zu halten (Quelle 3).
Laut Quelle 6 wird die neue Fassade als einendes Element beschrieben, das den kirchlichen Charakter unterstreicht. Statt des vormals unscharfen Verhältnisses der Baukörper werden die beiden unteren Etagen durch geschossübergreifende Pilaster zusammengefasst. Heller Sandstein betont die Vertikalen, während die Brüstungsfelder in dunklerem Granit zurückspringen, was einen großzügigen Sockel bildet.
Gestaltung der Außenräume und Höfe
Ein wesentlicher Teil der Aufgabe war die Neugestaltung der Außenräume. Das Konzept sieht vor, dass der Raum vom Klosterplatz in den „Vikariatshof“ ohne emotionale Hemmschwelle fließt (Quelle 3). Es entstehen zwei Höfe, die an die Tradition von Katschhof und Domhof anknüpfen und zum Verweilen einladen (Quelle 2).
- Der offene Eingangshof: Über den „offenen Eingangshof“ ist der Zugang zum Generalvikariat durch die zweigeschossig transparente Sockelzone von Weitem erkennbar. Er bietet ein vorgelagertes Entree mit Aufenthaltsqualität (Quelle 3). Die Hofgestaltung bietet eine Pausenfläche für Mitarbeiter und eine attraktive Wartezone für Besucher unter freiem Himmel (Quelle 2).
- Der Hof mit Baumdach: Der zweite Platz soll als Gegenpart eher geschlossen wirken und erhält ein dichtes, geschnittenes Baumdach über den Stellplätzen (Quelle 3). Dieser „Hof mit Baumdach“ füllt den Raum dreidimensional und nimmt die Stellplätze auf (Quelle 3). Zudem verleiht er dem Zugang zu Haus 5 größere Bedeutung.
Die Gestaltung der Plätze selbst unterscheidet sich deutlich: Der Belag aus Kopfsteinpflaster bleibt dem bestehenden Platz vorbehalten, während der neue Platz großformatige Betonplatten erhält. Diese sind in leichter Neigung verlegt, um den Höhenversatz als durchgehende Ebene barrierefrei zu überbrücken (Quelle 3). An der Kante zum Klosterplatz schaffen verzogene Stufen den Höhenausgleich. Die vorhandenen Bäume werden versetzt und durch umgreifende Einfassungen mit Sitzbänken geschützt. Eine Wasserskulptur setzt ein weiteres räumliches Zeichen (Quelle 3).
Innenarchitektonische Besonderheiten
Das zweigeschossige, in den Hof erweiterte Foyer mit Cafeteria erhält einen angenehmen Außenbereich mit Sitzstufen (Quelle 2). Diese einladende Architektur schafft eine neue Eingangssituation und wertet den Eingang am Klosterplatz zusätzlich auf.
Bauausführung und Technische Spezifikationen
Die Umsetzung des Projekts erforderte umfangreiche Bauarbeiten in verschiedenen Gewerken. Neben der reinen Architektur und den Außenanlagen waren insbesondere die technische Gebäudeausrüstung (TGA) und die Bodenbeläge von zentraler Bedeutung.
Sanierung der Heizzentrale und TGA
Die Firma Schoenbrod aus Aachen führte umfangreiche Sanierungsmaßnahmen in der Heizzentrale durch. Im Rahmen der Baumaßnahme wurden zwei neue Spitzenlastkessel der Fabrik Weishaupt erneuert. Des Weiteren wurde der Hauptverteiler neu aufgebaut. Auch Regelung, Pumpen und Mischer wurden erneuert, und das Abgassystem wurde erneuert sowie der Kamin saniert (Quelle 4). Diese Maßnahmen sind entscheidend für die Energieeffizienz und Betriebssicherheit des Gebäudes.
Bodenbeläge und Innenraumgestaltung
Für die Innenraumgestaltung, insbesondere im Foyer und den Verkehrsflächen, wurde die Firma Freese mit spezifischen Bodenarbeiten beauftragt. Diese umfassten: * Heizestrich: 64 m² Heizestrich für Terrazzo im Bereich der Erweiterung Foyer Erdgeschoss. * Terrazzobeläge: 64 m² Terrazzo schwimmend auf Heizestrich (Erweiterung Foyer EG), 177 m² Terrazzo als Verbundestrich im Foyer und Flurbereich. * Sitz- und Winkelstufen: 12 St. Terrazzo Sitz- und Winkelstufen im Foyer sowie 64 St. Terrazzo Winkelstufen. * Fliesen und Sockelleisten: 29 m² Terrazzofliesen inkl. Sockelleisten und 95 St. Betonwerksteinfliesen inkl. Sockelleisten vom Untergeschoss bis 5. Obergeschoss (Quelle 2).
Diese Materialwahl unterstreicht den Anspruch auf Langlebigkeit und repräsentative Gestaltung, die dem Charakter eines Bischöflichen Generalvikariats entspricht.
Zusammenhalt und Differenzierung
Ein architektonisches Leitmotiv des Projekts ist der Zusammenhalt des Ensembles bei gleichzeitiger Differenzierung (Quelle 3). Durch den Rhythmus der Stützachsen wirkt das Gebäude klassisch, während die Ausbildung in Beton es zeitgemäß gestaltet. Die Füllungen des Sockels sind homogen in Beton vorgesehen, wobei die Struktur auf ein geometrisch oktogonales Ornament zurückgreift und reliefartig angelegt ist (Quelle 3). Die Brüstungen des hohen Hauses sind flächengleich mit den Fenstern in Glas ausgebildet, und das Ornament wiederholt sich hier zweidimensional.
Ein besonderes architektonisches Detail ist die Kolonnade. Ein Band aus Säulen umschließt als Kolonnade das Sockelgeschoss (Quelle 2). Diese Säulen setzten sich in den Außenbereichen fort, wo L-förmige „Tische“ entstehen, die Bezüge zum sanierten Flugdach des Turms und zum Vordach der 2011 erneuerten Dominformation herstellen (Quelle 6). Diese Gestaltung führt die Bauflügel zusammen und schafft eine klare Lesbarkeit der Architektur.
Fazit
Die Sanierung und Neugestaltung des Bischöflichen Generalvikariats in Aachen ist ein Musterbeispiel für eine gelungene Transformation eines Nachkriegsgebäudes im sensiblen historischen Kontext. Durch die konsequente Planung und Umsetzung des Büros kadawittfeldarchitektur sowie die Investition von 13,4 Millionen Euro entstand nicht nur eine moderne und funktionale Verwaltungszentrale, sondern ein architektonisch wertvolles Ensemble, das den Domviertel aufwertet.
Die Verwendung regionaler Materialien wie Sandstein und Granit, die Gestaltung der Höfe mit hohem Aufenthaltscharakter und die technische Sanierung der Heizzentrale zeigen eine ganzheitliche Herangehensweise. Die detaillierte Ausführung von Spezialböden und die Integration von Kunst und Landschaftsarchitektur unterstreichen den hohen Anspruch des Bauherrn. Das Projekt beweist, dass modernes Bauen und historische Wertschätzung keine Gegensätze sein müssen, sondern sich vielmehr sinnvoll ergänzen können, um nachhaltige und ästhetisch ansprechende Gebäude zu schaffen.
Quellen
- Freese Fussbodentechnik - Generalvikariat Aachen
- GTF Freese - Generalvikariat Aachen
- Supergelb Architekten - Sanierung und Neustrukturierung des Bischoflichen Generalvikariates Aachen
- Schoenbrod Aachen - KH Aachen
- Bistum Aachen - Bischofliches Generalvikariat
- Kadawittfeldarchitektur - Bischofliches Generalvikariat