Einleitung
Das Geomatikum der Universität Hamburg ist ein architektonisches und funktionales Wahrzeichen des Stadtteils Rotherbaum. Mit seinen 85 Metern Höhe zählt es zu den zehn höchsten Gebäuden der Hansestadt und prägt seit seiner Fertigstellung im Jahr 1975 die Skyline. Ursprünglich als Hochhaus in Großtafelbauweise für die Institute der Geowissenschaften und Mathematik konzipiert, befindet sich das Gebäude heute in einer tiefgreifenden Transformationsphase. Diese Umwandlung erstreckt sich nicht nur auf die Sanierung und Modernisierung des bestehenden Hochhauses, sondern umfasst vor allem den Neubau des sogenannten „Haus der Erde“, der einen neuen Forschungscampus für die Klima- und Erdsystemforschung entstehen lässt.
Dieser Artikel beleuchtet den Lebenszyklus des Geomatikums – von den planerischen Entscheidungen der 1960er Jahre über die spezifischen Herausforderungen der modernen Sanierung bis hin zu den jüngsten Rückschlägen bei der Fertigstellung des Erweiterungsbaus. Für Bauinteressierte, Immobilienverwalter und Renovierungsexperten bietet die Analyse dieses Projekts wertvolle Einblicke in die Komplexität von Gebäudesanierungen im öffentlichen Hochschulbau, die Bedeutung von PPP-Modellen (Public Private Partnership) und die Risiken bei Großbaustellen.
Historischer Kontext und Architektur des Ursprungsbaus
Planung und Bau in den 1970er Jahren
Die Notwendigkeit für den Bau des Geomatikums entstand aus dem massiven Anstieg der Studentenzahlen an der Universität Hamburg zwischen 1970 und 1980, die von 29.000 auf 45.000 stiegen. Die Planungen begannen offiziell im Jahr 1963, im selben Jahr, in dem der Philosophenturm auf dem Hauptcampus fertiggestellt wurde. Ziel war es, den Raumbestand der Universität um 50 % zu erhöhen und die Studienplätze um ein Drittel auszuweiten.
Besonders bemerkenswert ist die Bauweise, die damals gewählt wurde: die Großtafelbauweise (Plattenbau). Diese wurde bereits in der Vorstudie von 1963 vorgeschlagen, da kostengünstiger Raumzuwachs nur durch weitgehende „Rationalisierung und Typisierung“ als erreichbar galt. Inspiriert vom Hamburger Schulbau, der überwiegend auf Typbauten setzte, unterordnete man auch bei der Universität „individualistisches Denken und Ansprüche einer großen Linie“. Trotz der unterschiedlichen Anforderungen zwischen Universitätseinrichtungen und Schulen wurde dieser Weg konsequent verfolgt.
Am 10. Oktober 1972 wurde in Anwesenheit von Wissenschaftssenator Reinhard Philipp der Grundstein für den 20-geschossigen Neubau gelegt. Der Entwurf stammte von Karl Bopzin, Volker Doose und Joachim Krüger von der Baubehörde. Im Februar 1974 wurde das Richtfest gefeiert, und im Juni 1975 erfolgte die Einweihung. Erstbezieher waren der Fachbereich Mathematik sowie geographische, physikalische und geologische Institute sowie das Meteorologische Institut.
Architektonische Merkmale und Technik
Das Gebäude ist architektonisch in ein Hochhaus und einen angegliederten Flachbau gegliedert. Im Flachbau befinden sich sechs Hörsäle, ein Foyer und die Bibliothek. Das markante Hochhaus ist als Scheibenhochhaus konzipiert, bei dem drei Scheiben am Erschließungskern gegeneinander versetzt sind.
Eine technische Besonderheit sind die Galerien, die vor den Fensterwänden an den Breitseiten verlaufen. Sie dienen als Fluchtweg und ermöglichten eine geringere Dimensionierung der Verkehrsflächen im Inneren. An den Schmalseiten befinden sich je ein geschlossenes Fluchttreppenhaus, das die Galerien vertikal durchstößt.
Die innere Gliederung ist relativ offen gestaltet; die Räume werden nur durch Pfeiler fest gegliedert, während Büroräume durch Trockenbau voneinander abgetrennt sind. Der Erschließungskern ist das Herzstück des Gebäudes und nimmt sieben Aufzüge, Sanitärräume, Technikräume und Versorgungsschächte auf. Eine bemerkenswerte Effizienzmaßnahme der damaligen Zeit war die Aufzugsteilung: Die Aufzüge einer Seite bedienen ausschließlich die geraden Geschosse, die der anderen Seite die ungeraden.
Unter dem Gebäude befanden sich ursprünglich vier Luftschutzräume mit 300 Plätzen, die in den 1990er Jahren aus der Zivilschutzbindung entlassen und seitdem als Lagerräume genutzt werden.
Die Erweiterung: Das „Haus der Erde“
Konzept und Zielsetzung
Um die Forschungsinfrastruktur für die Klima- und Geowissenschaften zu modernisieren und zu bündeln, entsteht auf freien Grundstücksflächen am Geomatikum das „Haus der Erde“. Der Neubau soll die Kapazitäten des alten Geomatikums erweitern und einen neuen Forschungscampus etablieren. Laut der Projektbeschreibung werden in dem Gebäude sieben Institute aus dem Fachbereich Geowissenschaften, die Verwaltung des Fachbereichs sowie eine Einheit der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften untergebracht, die sich mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzt.
Zudem entstehen Räume für die Forschungsstelle für Nachhaltige Umweltentwicklung (FNU), das Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung (ZNF) und das Institut für Hydrobiologie und Fischereiwissenschaft (IHF). Das Projekt profitiert von der unmittelbaren Nähe zum Deutschen Klima Rechenzentrum und dem Max-Planck-Institut für Meteorologie.
Kosten und Finanzierung
Die ursprünglichen Kostenschätzungen für das „Haus der Erde“ lagen bei 120 Millionen Euro. Inzwischen haben sich die Kosten jedoch massiv erhöht. Aktuelle Angaben zufolge belaufen sich die Gesamtkosten auf bis zu 425 Millionen Euro (andere Quellen nennen 373 Millionen Euro). Diese Kostenexplosion ist ein zentrales Thema in der aktuellen Diskussion um den Bau.
Das Projekt begleitet eine PPP-Struktur (Public Private Partnership). Für die Sanierung, Modernisierung und Bewirtschaftung des Geomatikums wurde ein spezielles Coaching des technischen Leistungsteils für die Hochschulbau Dienststelle (HSB) initiiert. Im Zeitraum November 2006 bis September 2007 umfassten die Leistungen hierbei unter anderem die Entwicklung eines Bewertungssystems für die Bestandserfassung, die Definition von Bauqualitäten und die Konzeption von Instrumenten für das Nachtragsmanagement. Ziel war es, speziell auf das Geomatikum abgestimmte Konzepte und Strukturen zu entwickeln.
Aktuelle Herausforderungen: Sanierung und Verzögerungen
Zustandsbewertung der Hochschulgebäude
Die Sanierung des Geomatikums ist Teil eines umfassenderen Modernisierungsprogramms der Freien und Hansestadt Hamburg. Zwischen 2011 und 2021 flossen rund 1,5 Milliarden Euro in die Hochschulgebäude, wobei allein fast 400 Millionen Euro in das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und etwa 120 Millionen Euro in die Sanierung des Philosophenturms gingen.
Eine Überprüfung von rund einer Million Quadratmeter Nettoraumfläche auf 20 Standorten ergab ein gemischtes Bild: Im energetischen Bereich werden die Gebäude oft mit „mangelhaft“ bis „ungenügend“ bewertet. Der Gebäudezustand selbst liegt jedoch meist zwischen „gut“ und „befriedigend“, was einer Gesamtnote von „3 minus“ entspricht. Das Ziel des Landes ist es, diese Note auf „2 plus“ zu heben. Dabei orientiert man sich am Vorbild des Schulbaus, der zentral vom Landesbetrieb Schulbau Hamburg (SBH) gesteuert wird und auf serielles und effektives Bauen setzt. Ein spezifisches Ziel ist die Senkung des Energieverbrauchs bis Anfang der 2030er Jahre um rund ein Drittel.
Der Wasserschaden im „Haus der Erde“
Die größte aktuelle Herausforderung betrifft jedoch nicht das alte Geomatikum, sondern den Neubau „Haus der Erde“. Nach jahrelangem Baustopp durch Planungsfehler war eine Fertigstellung für Anfang 2025 geplant. Diese wurde nun erneut durch einen schweren Wasserschaden verzögert.
Wie die Finanzbehörde bekannt gab, musste die Übergabe des Gebäudes an die Universität Hamburg verschoben werden. Die Ursache lag im untersten Keller: Aus einem Sprinkleranlagen-Tank sind bis zu 40.000 Liter Löschwasser gesickert. Das Wasser wurde erst nach zwei Tagen bemerkt. Versuche, den Betonboden mit Lüftern zu trocknen, scheiterten. Die Folgen sind gravierend: 700 Kubikmeter Beton müssen herausgeschlagen und ersetzt werden.
Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) äußerte sich zu dem Vorfall: „Wir waren wirklich auf der Zielgeraden. Manchmal ist es dann so, dass da noch ein kleiner Rückschlag passiert, aber es ist nicht so, dass uns hier die Puste ausgeht.“ Sie hofft nun auf eine Eröffnung zum Ende des Wintersemesters 2025. Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) bestätigte, dass der Zeitplan erneut durcheinandergeraten sei. Die Schadenskosten sind derzeit unbekannt, sollen jedoch laut aktuellen Informationen von den Baufirmen getragen werden.
Öffentliche Kritik und politische Reaktionen
Die wiederholten Verzögerungen und Kostensteigerungen führen zu politischer Kritik. Der CDU-Bildungspolitiker Carsten O. Pfeiffer bemerkte kritisch, dass man sich „zum Deppen der Nation“ mache. Er monierte, dass bei der Ausschreibung offensichtlich keine Firmen mit dem nötigen Know-how gewählt wurden. Als Konsequenz fordert die Opposition nun eine unabhängige Expertenkommission, um die Baustelle zu überwachen. Finanzsenator Dressel verwies hingegen darauf, dass man mit „Sofortmaßnahmen“ starten wolle und verwies auf ein für das Jahr geplantes 75-Millionen-Euro-Paket, das mehr als 60 Einzelmaßnahmen zur Sicherstellung des Betriebs der Gebäude beinhaltet.
Analyse der Bauqualität und Projektsteuerung
PPP und technische Verdingungsunterlagen
Das Geomatikum-Projekt dient als Beispiel für die Komplexität von PPP-Projekten im Hochschulbau. Die im Jahr 2006/2007 durchgeführten Coaching-Leistungen für die Hochschulbau Dienststelle (HSB) zeigen, wie aufwendig die Vorbereitung ist. Es ging um die Strukturierung technischer Verdingungsunterlagen, die Definition struktureller Anforderungen und die Entwicklung von Vergütungsmechanismen.
Die Herausforderung bei solchen Projekten liegt in der präzisen Leistungsbeschreibung. Die Entwicklung einer Bewertungsmatrix und von Service Level Agreements (SLAs) ist notwendig, um spätere Nachforderungen und Qualitätsmängel zu vermeiden. Das Scheitern der Trocknungsversuche im „Haus der Erde“ und die Notwendigkeit, 700 Kubikmeter Beton zu ersetzen, deuten jedoch darauf hin, dass selbst bei detaillierter Planung Risiken verbleiben, die im Bauablauf zu massiven Verzögerungen führen können.
Energieeffizienz und Modernisierung
Ein zentrales Thema bei der Sanierung alter Gebäude wie des Geomatikums ist die Energieeffizienz. Das Gebäude aus den 1970er Jahren entspricht heutigen Standards naturgemäß nicht. Die Zielsetzung des Senats, den Energieverbrauch bis Anfang der 2030er Jahre um ein Drittel zu senken, stellt eine gewaltige Aufgabe dar. Das Geomatikum steht hier exemplarisch für den Altbau-Bestand der Stadt Hamburg. Die Integration moderner Klimaforschung in ein Gebäude, dessen eigener ökologischer Fußabdruck ursprünglich nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt war, ist ein Paradox, das nur durch massive Sanierung und technische Nachrüstung gelöst werden kann.
Die im „Haus der Erde“ geplanten spezialisierten Räume für die Forschung erfordern zudem hohe technische Standards in Bezug auf Klimatisierung, Luftfeuchtigkeit und Energieversorgung. Der Ausfall durch den Wasserschaden verzögert nicht nur die Nutzung, sondern setzt die betroffenen Bereiche zurück, was die Forschungsarbeit beeinträchtigt.
Fazit
Das Geomatikum und sein Erweiterungsbau „Haus der Erde“ stehen exemplarisch für die Herausforderungen moderner Hochschularchitektur in Deutschland. Der historische Bau von 1975 zeigt die charakteristische Großtafelbauweise der damaligen Zeit, die heute vor allem durch Effizienz in der Raumstruktur, aber auch durch Sanierungsbedarf im Energiebereich auffällt.
Die Transformation zum modernen Forschungscampus ist ambitioniert und finanziell von hohem Risiko geprägt. Die Kostenexplosion von ursprünglich 120 Millionen Euro auf über 400 Millionen Euro für das „Haus der Erde“ sowie die jüngsten Verzögerungen durch den Wasserschaden unterstreichen die Anfälligkeit von Großprojekten. Der Schaden im untersten Keller, der den Austausch von 700 Kubikmetern Beton erfordert, zeigt, dass technische Risiken und Qualitätsmängel in der Bauphase existieren, die selbst bei detaillierter PPP-Planung und Coaching-Prozessen nicht immer ausgeschlossen werden können.
Für Bauherren und Projektverantwortliche in der Immobilien- und Baubranche bietet das Geomatikum-Projekt wichtige Lektionen: Die Bedeutung von robusten technischen Verdingungsunterlagen, die Notwendigkeit von unabhängigen Qualitätskontrollen und die Risikoeinschätzung bei der Sanierung historischer Bausubstanz. Trotz der aktuellen Rückschläge bleibt das Ziel, bis Ende des Wintersemesters 2025 einen neuen Forschungsstandort für die Klimaforschung zu eröffnen – ein Vorhaben, das für die wissenschaftliche Infrastruktur Hamburgs von entscheidender Bedeutung ist.
Quellen
- PSP Consult - PPP-Universitätsprojekt Geomatikum
- Austrasse Zürich - Das Geomatikum in Hamburg
- Bildungsbau Hamburg - Haus der Erde
- Welt.de - Mehr als sechs Milliarden Euro für Hochschulbauten geplant
- Hamburg1 - Wasserschaden: Fertigstellung vom Geomatikum verzögert sich erneut
- NDR - Wasserschaden: Haus der Erde in Hamburg wird noch später fertig