Sanierung und Wiedereröffnung des Historischen Rathauses Goslar: Ein umfassender Fachbericht über Denkmalpflege, Stabilisierung und moderne Nutzungsintegration

Die Sanierung des Historischen Rathauses in Goslar stellt einen Meilenstein in der modernen Denkmalpflege und im Bauwesen dar. Dieser monumentale Gebäudekomplex, der über Jahrhunderte gewachsen ist und maßgeblich zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, wurde nach einer über zehn Jahre dauernden, komplexen Bauphase im Jahr 2022 feierlich wiedereröffnet. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen, finanziellen und konzeptionellen Aspekte dieses Projekts, das als Vorbild für die Sanierung historischer Bausubstanz dienen kann. Er richtet sich an Bauherren, Immobilienbesitzer und Fachhandwerker, die sich für die Herausforderungen und Lösungsstrategien bei der Revitalisierung von Denkmälern interessieren.

Die historische und architektonische Bedeutung des Baukomplexes

Das Historische Rathaus in Goslar ist kein einheitlicher Bau, sondern ein über rund 750 Jahre gewachsener Gebäudekomplex. Seine Entstehungsgeschichte begann im 15. Jahrhundert mit dem Ostflügel, der sich durch eine zweischiffige Arkadenhalle zum Marktplatz hin öffnet. Im Laufe von mehr als vier Jahrhunderten wurde das Gebäude immer wieder durch neue Anbauten erweitert. Besonders erwähnenswert ist der Nordflügel aus dem Jahr 1560, der mit einem aufwändig gestalteten Fachwerkgiebel mit Krüppelwalmdach errichtet wurde.

Die Bausubstanz ist eine Mischung aus verschiedenen Materialien und Bautechniken. Die Fassaden der südlichen und östlichen Gebäudeteile bestehen aus Bruchsteinmauerwerk, während Gewände und Gesimse aus Naturstein gefertigt sind. Diese vielschichtige Struktur macht den Komplex zu einem "kompliziert ineinander verschachtelten Baukörper", wie es in den Planungsunterlagen heißt. Aktuelle Forschungen im Zuge der Sanierung ergaben, dass wesentliche Teile des aufgehenden Baus auf das 13. Jahrhundert zurückgehen – und damit 200 Jahre älter sind als bisher angenommen. Diese Erkenntnis unterstrich die Notwendigkeit einer äußerst sensiblen und wissenschaftlich fundierten Herangehensweise bei der Sanierung.

Die Herausforderung: Eine über 650 Jahre alte Bausubstanz sanieren

Die Sanierung des Rathauses war aufgrund des Alters und des Zustands der Bausubstanz eine immense Herausforderung. Die Gebäude waren über Jahrhunderte verschiedenen Witterungsbedingungen ausgesetzt, und die Bausubstanz wies erhebliche Schäden auf. Ein entscheidender Wendepunkt war im Jahr 2011, als ein Loch im Dach festgestellt wurde. Diese Entdeckung löste die Notwendigkeit einer umfassenden Sanierung aus, die über eine bloße Reparatur hinausging.

Die Komplexität des Vorhabens lag nicht nur im Alter, sondern auch in der gewachsenen Struktur des Bauwerks. Jeder Raum ist ein Unikat und repräsentiert eine andere Zeitschicht. Das Ziel der Sanierung war es daher nicht nur, den Bau zu erhalten, sondern seine Baugeschichte durch die Summe der unterschiedlichen Räume und gezielt gesetzte Blickachsen erlebbar zu machen. Die Räume sollten in der für sie jeweils prägenden Zeitschicht gestärkt werden, um die historische Authentizität zu bewahren.

Technische Sanierungsmaßnahmen und Stabilisierung

Die technische Umsetzung der Sanierung erforderte spezialisierte Fachkenntnisse und innovative Bautechniken. Ein zentraler Aspekt war die Sicherung und Stabilisierung des alten Mauerwerks. Hier kam ein komplexes Verfahren zur Anwendung, um die Substanz zu erhalten und gleichzeitig die Statik des gesamten Bauwerks zu gewährleisten.

Stahlbeton-Strebe-Stützpfeiler zur Stabilisierung

Ein Kernstück der statischen Sicherung war der Einsatz von Stahlbeton-Strebe-Stützpfeilern. Diese wurden errichtet, um abgängige Außenwände zu stabilisieren. Das bis zu 650 Jahre alte Mauerwerk wurde saniert und durch diese Stahlbeton-Elemente, die im Inneren des Baukörpers platziert wurden, verstärkt. Diese Methode ermöglicht es, die historische Fassade zu erhalten, während im Inneren eine moderne, leistungsfähige Tragstruktur eingebaut wird. Die Ausführung dieser Arbeiten oblag einem Unternehmen, das im Jahr 2015 den ersten Bauabschnitt realisierte.

Spezialtiefbau und Verbautechnik

Für die Arbeiten im Untergrund und zur Sicherung der Fundamente wurde ein Spezialtiefbauunternehmen aus Hannover hinzugezogen. Eine der imposantesten Maßnahmen war das Einbohren von bis zu 15 Meter langen Trägern. Zudem kam ein "Berliner Verbau" zum Einsatz, der bis in eine Tiefe von 5,00 Metern reichte. Der Berliner Verbau ist eine bewährte Methode im Tiefbau, bei der eine stabilisierende Struktur aus Holz oder Stahl im Boden errichtet wird, um Grabungen gegen einstürzendes Erdreich zu sichern. Diese Technik war unerlässlich, um die Fundamente des historischen Gebäudes zu sanieren und zu sichern, ohne die darüberliegende, empfindliche Bausubstanz zu gefährden.

Fassadensanierung und Natursteinarbeiten

Die Fassadensanierung begann im Oktober 2015 und war ein eigenständiger, bedeutender Projektteil. Ziel war eine denkmalgerechte Sanierung, die eine Neufassung des restaurierten und verputzten Natursteinmauerwerks sowie der unverputzten Architektur- und Bauzierelemente aus Naturstein umfasste. Besondere Aufmerksamkeit wurde den Strahlengängen am Marktplatz geschenkt, die im Zuge der Sanierung des Marktplatzes korrigiert werden mussten, da sie ursprünglich falsch gepflastert worden waren. Die Sanierung des Marktplatzes selbst war eng mit dem Rathausprojekt verknüpft, da hier auch Einläufe angehoben und Masthülsenschächte ersetzt wurden, um die Wasserableitung zu verbessern.

Dachstuhl und Innenbereiche

Auch der Dachstuhl wurde im Zuge der Sanierung erneuert und gesichert. Die Arbeiten im Inneren des Rathauses waren ebenso komplex. Ein zentrales Element wurde der "Lichthof", ein offener Innenhof mit Aufzug, Sitzmöglichkeiten und einem freischwebenden Wandelgang zum Huldigungssaal. Dieser neue Innenhof, der mit Glasscheiben aufgewertet wurde, bringt Licht in die tiefen, historischen Räume und schafft eine moderne, barrierefreie Erschließung.

Finanzielle Aspekte und Förderung

Die Sanierung des Historischen Rathauses Goslar war ein finanziell immenses Projekt. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 14,1 Millionen Euro. Diese Summe spiegelt den Umfang und die Komplexität der Maßnahmen wider, von der statischen Sicherung über die Fassadenrestaurierung bis hin zur inneren Neuordnung.

Finanziert wurde das Projekt durch eine Mischung aus städtischen Mitteln, Landes- und Bundesförderungen sowie Spenden. Ein entscheidender Posten war eine Förderung in Höhe von sieben Millionen Euro aus Bundesmitteln. Diese Mittel wurden im Rahmen der Sanierung bereitgestellt. Zudem erhielt die Fassadensanierung eine Förderung von fünf Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“. Diese zweckgebundenen Mittel unterstreichen die überregionale Bedeutung des Projekts für das Stadtbild und das UNESCO-Welterbe.

Das Auftragsvolumen für die Sanierung des ersten Bauabschnitts im Jahr 2015 betrug 0,35 Millionen Euro. Diese Aufschlüsselung zeigt, wie groß das Gesamtprojekt im Vergleich zu einzelnen Gewerken war. Für Bauherren und Projektverantwortliche in der Denkmalpflege bietet dieses Beispiel eine realistische Einschätzung der Kosten, die bei vergleichbaren Projekten anfallen können.

Projektmanagement und Ursachen für Verzögerungen

Ein wichtiger Aspekt für die Bauausführung war die Planung und Steuerung des Projekts. Die ursprüngliche Fertigstellung war für das Jahr 2018 vorgesehen. Die tatsächliche Fertigstellung und Wiedereröffnung erfolgten jedoch erst im Jahr 2022, was eine erhebliche Verzögerung von vier Jahren darstellt. Die Stadt Goslar hat die Gründe für diese Verzögerungen transparent kommuniziert, was für zukünftige Projektplanende von Interesse sein kann.

Die Verzögerungen resultierten aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren: 1. Pandemiebedingte Einschränkungen: Die COVID-19-Pandemie führte zu Lieferengpässen und Einschränkungen bei der Arbeitsweise auf der Baustelle. 2. Auslastung der Bauunternehmen: Die gute Auftragslage in der Bauwirtschaft führte zu Terminverschiebungen, da qualifizierte Fachfirmen nicht immer sofort verfügbar waren. 3. Wetterbedingungen: Ein sehr starker Winter verzögerte Arbeiten rund um das Atrium, an den Fassaden und im Außenbereich erheblich. 4. Komplexität des Zusammenspiels: Da bei einem solch komplexen Bau viele verschiedene Gewerke ineinander greifen müssen, kann die Verlangsamung nur eines Handwerksbetriebs zu nachhaltigen Verzögerungen für das gesamte Projekt führen. Am Ende war es die Summe an kleinen und großen Verzögerungsanlässen, die den Zeitplan nach hinten verschob.

Für Bauherren bedeutet dies: Bei Sanierungen von Denkmälern sollten großzügige Zeitpuffer eingeplant und die Abhängigkeiten zwischen den Gewerken detailliert analysiert werden.

Das neue Nutzungskonzept: Ein Haus für drei Funktionen

Nach der Sanierung wurde das Rathaus nicht mehr als reines Verwaltungsgebäude genutzt, sondern als multifunktionales Zentrum für die Stadt Goslar. Die Architekten von Krekeler Architekten Generalplaner entwickelten ein stringentes Nutzungs- und Gestaltungskonzept, das die räumlichen, funktionalen und historischen Zusammenhänge ordnet.

Drei Hauptfunktionen wurden untergebracht, die passend zur historischen Funktion des Gebäudes der Repräsentation der Stadt dienen: 1. Welterbe-Infozentrum: In den gewölbten Kellergewölben des Ratskellers wurde ein modernes, interaktives Infozentrum eingerichtet. Hier können sich Bürger und Touristen über die Welterbestätten im Harz informieren. Dieses Zentrum ist Teil einer Welterberoute, die auch Walkenried und Clausthal-Zellerfeld einbindet. 2. Tourist-Information: Im Erdgeschoss hat die Tourist-Information neue Räumlichkeiten erhalten und ist somit die erste Anlaufstelle für Besucher der Stadt. 3. Stadtrat: Die Repräsentationsräume im Obergeschoss mit ihren eindrucksvollen historischen Befunden dienen dem Stadtrat von Goslar für Sitzungen. Gleichzeitig können diese Räume von Besuchern besichtigt werden, wobei die jahrhundertealte Tradition bewahrt bleibt.

Dieses Konzept der "erlebbaren Geschichte" wird durch die digitale Präsentation der Baugeschichte in einer 3D-Präsentation ergänzt. Dr. Christine Bauer, die Welterbe-Beauftragte der Stadt, hat über viele Jahre alle Informationen zusammengetragen, die im Zuge der Sanierung gewonnen wurden. Diese digitale Aufarbeitung ermöglicht es, die historischen Veränderungen des Gebäudes sichtbar zu machen und Fragen zu beantworten, wie das Rathaus früher aussah und welche Teile im ursprünglichen Zustand belassen wurden.

Wiedereröffnung und gesellschaftliche Bedeutung

Die feierliche Wiedereröffnung des Historischen Rathauses Goslar fand am 24. April 2022 statt. Dieser Termin fiel in das Jahr des 1100-jährigen Stadtjubiläums von Goslar, was die symbolische Bedeutung des Ereignisses unterstrich. Die Eröffnungsfeier begann mit dem Glockenspiel auf dem Goslarer Marktplatz. Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner übergab das Gebäude gemeinsam mit Stiftungsdirektor Gerhard Lenz und Marina Vetter, Geschäftsführerin der Goslar Marketing (GMG), der Öffentlichkeit.

Zu den geladenen Rednern gehörten hochrangige Vertreter aus Politik und Denkmalpflege, darunter der Staatssekretär im Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport sowie die Präsidentin des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege. Dies zeigt die überregionale Aufmerksamkeit, die das Projekt erhielt. Im Rahmenprogramm konnten Bürger und Gäste das historische Rathaus besichtigen, was den Charakter eines offenen Hauses unterstrich.

Ein besonderes Detail zur Wiederinstandsetzung des Marktplatzes: Die Weihnachtsbäume, die traditionell auf dem Platz aufgestellt werden, wurden etwas versetzt von ihrem ursprünglichen Standort wieder aufgestellt, damit der Weihnachtsbaum weiterhin seinen Platz findet, ohne die neue Pflasterung zu beeinträchtigen. Dieses Beispiel zeigt die Sorgfalt, mit der selbst kleinere Details im Zusammenspiel von Stadtbild und Veranstaltungslogistik bedacht wurden.

Fazit

Die Sanierung des Historischen Rathauses Goslar ist ein herausragendes Beispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalpflege, moderner Bautechnik und zukunftsweisender Nutzungskonzeption. Das Projekt demonstriert, wie ein über Jahrhunderte gewachsenes, komplexes Bauwerk durch den Einsatz spezialisierter Verfahren wie Stahlbeton-Strebe-Stützpfeiler, Spezialtiefbau und digitale 3D-Dokumentation erhalten und für die heutigen Bedürfnisse nutzbar gemacht werden kann.

Für Bauherren und Projektverantwortliche in der Immobilienwirtschaft und im Handwerk liefert die Sanierung wichtige Erkenntnisse: * Die Bedeutung einer detaillierten Bestandsaufnahme und wissenschaftlichen Aufarbeitung vor Beginn der Arbeiten. * Die Notwendigkeit, technische Lösungen wie die Versteifung historischen Mauerwerks durch moderne Materialien (Stahlbeton) zu kennen und anzuwenden. * Die Kosten und Zeitrahmen, die bei der Sanierung von Denkmälern realistisch einzuplanen sind, inklusive der Puffer für unvorhergesehene Verzögerungen. * Das Potenzial, historische Gebäude durch multifunktionale Nutzungskonzepte (Infozentrum, Verwaltung, Kultur) wirtschaftlich und gesellschaftlich nachhaltig zu integrieren.

Das Rathaus Goslar steht nun nicht nur der Politik, sondern auch Bürgern und Touristen jederzeit offen. Es ist ein lebendiger Beweis dafür, dass historische Bausubstanz durch kluge Sanierung und sensible Modernisierung eine neue, langfristige Perspektive erhalten kann.

Quellen

  1. Noack Bauunternehmen
  2. Welt
  3. Nuethen
  4. Harzkurier
  5. VGH Stiftung
  6. Goslarsche Zeitung
  7. Regionalheute

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