Die Sanierung historischer Gebäude ist eine komplexe Aufgabe, die eine Balance zwischen Erhalt der denkmalgeschützten Substanz und Anpassung an moderne Nutzungsanforderungen verlangt. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Gelungenheit ist die Rekonstruktion und Umnutzung des ehemaligen Kuhhauses, der Südscheune, auf dem Kultur Gut Hasselburg in Altenkrempe, Schleswig-Holstein. Dieser Baubegleitbericht beleuchtet die architektonischen, technischen und konzeptionellen Aspekte dieses Projekts, das den Abschluss einer zehnjährigen Sanierungsphase der gesamten Gutsanlage markierte. Für Bauherren, Architekten und Investoren im Bereich der Denkmalpflege bietet die Transformation dieses Gebäudes von einem verfallenen Stall zu einem multifunktionalen Kultur- und Wohnkomplex wertvolle Erkenntnisse.
Die Ausgangssituation: Vom Verfall zur Potenzialanalyse
Das Kultur Gut Hasselburg ist ein denkmalgeschützter spätbarocker Landsitz nahe der Neustädter Bucht. Das Ensemble aus Herrenhaus, Kuhhaus, Scheune und Torhaus präsentiert sich heute als architektonisch geschlossene Einheit. Bis Ende des 20. Jahrhunderts diente das Kuhhaus noch der Rinderhaltung; danach verfiel das Gebäude zusehends.
Historisch betrachtet entstand das Gebäude um 1760. Eine Zäsur stellte ein Brand dar, der das Gebäude im frühen 20. Jahrhundert vollständig zerstörte. Der Wiederaufbau erfolgte 1924. Auffällig ist, dass das Gebäude nach diesem Brand nicht mehr wie ursprünglich mit Reet gedeckt wurde, was eine stilistische Veränderung im Vergleich zu anderen Gebäuden der Gutsanlage darstellte. Zudem ist am mittleren Risaliten des Wiederaufbaus von 1924 erkennbar, dass es sich um eine historisch wertvolle, aber letztlich baufällige Substanz handelte.
Die Analyse der Bausubstanz ergab, dass lediglich drei der denkmalgeschützten Außenwände – speziell die Giebel und die Nordseite – intakt genug für eine Konservierung waren. Der Rest des Gebäudes war so beschädigt, dass eine bloße Renovierung nicht ausreichte. Für Bauherren und Planer ist diese Erkenntnis entscheidend: Die Bewertung der vorhandenen Substanz bestimmt den Sanierungsumfang von vornherein.
Konzeption und Architektur: Die Entscheidung für den Totalausbau
Die Sanierung des Kuhhauses wurde von der Stahlberg Stiftung initiiert, die sich der Förderung von Jugend- und Kulturprojekten verschrieben hat. Ziel war es, die Gutsanlage als Ganzes zu erhalten und nutzbar zu machen. Nachdem zuvor die reetgedeckte Scheune, der Schafstall und das Torhaus saniert wurden, stellte das Kuhhaus die letzte Phase zur Wiederherstellung des barocken Bauhofgefüges dar.
Die Architekten von Beissert + Gruss, Hamburg, sahen sich mit einer entscheidenden Herausforderung konfrontiert: Wie kann ein historisches Gebäude denkmalgerecht saniert werden, wenn die Bausubstanz für eine moderne Nutzung nicht ausreicht? Die Lösung war ein radikaler Ansatz. Es wurde lediglich die Fassade der denkmalgeschützten Außenwände erhalten. Diese wurden mit neuen Fundamenten unterfangen – eine klassische Technik zur Stabilisierung von Baudenkmälern, bei der die Lasten umgeleitet werden, ohne die bestehenden Mauern zu belasten. Anschließend wurde das Gebäude von der Sohle an neu errichtet.
Dieses Vorgehen, bei dem das Gebäude innen vollständig entkernt und neu aufgebaut wird, während die historische Hülle bestehen bleibt, ist eine bewährte Methode in der modernen Denkmalpflege. Sie ermöglicht den Einbau moderner Haustechnik, Wärmedämmung und die Erfüllung aktueller Brandschutzvorschriften, ohne das äußere Erscheinungsbild des Kulturdenkmals zu verändern. Die Südseite des Gebäudes konnte dabei als Neubau behandelt und den funktionalen Anforderungen des Inneren vollständig angepasst werden.
Bautechnische Umsetzung: Das Zentrum als Kreuzgewölbe
Das Herzstück der neuen Nutzung ist ein großer Saal im Zentrum des Gebäudes. Mit einer Fläche von 250 m² bietet er Raum für Ausstellungen, Konzerte und kleinere Veranstaltungen. Architektonisch ist dieser Saal das Prunkstück des Hauses. Er ist als ein aufstrebendes Kreuzgewölbe in hellem dänischen Sichtmauerwerk ausgeführt.
Diese Gestaltung ist bemerkenswert, da das Kuhhaus von außen als schlichter Backsteinbau erscheint, sich innen jedoch eine weitläufige, lichte Struktur verbirgt. Das Raumkreuz des Saales fungiert zudem als Wegekreuz, das das Kuhhaus mit den anderen Bauten auf dem Gelände und dem Park verbindet. Für die Praxis bedeutet dies, dass die Konstruktion des Dachstuhls und der Innenwände eine komplexe statische Leistung darstellte, um diesen offenen Raum bei gleichzeitiger Erhaltung der historischen Fassaden zu ermöglichen.
Neben dem Hauptsaal umfassen die Nebenräume Bar, Garderobe sowie zwei Kabinette (Körting-Kabinett und Beurmann-Kabinett). Diese Aufteilung ermöglicht eine flexible Nutzung des Kulturraums, ähnlich wie es auch im sanierten Torhaus realisiert wurde.
Die Nutzungskonzeption: Hybridmodell aus Kultur und Tourismus
Die Sanierung des Kuhhauses folgt einem intelligenten Hybridmodell, das für die Finanzierung und langfristige Wirtschaftlichkeit von Sanierungsprojekten dieser Größenordnung als richtungsweisend angesehen werden kann.
- Kulturelle Nutzung: Der Saal dient der Öffentlichkeit. Konzerte, Ausstellungen und Lesungen finden hier statt. Dies knüpft an die Tradition des Gutes an, das bereits für seine Konzerte in der Reetdachscheune und im Barocksaal des Herrenhauses bekannt ist. Das Kuhhaus erweitert das kulturelle Angebot um einen weiteren zentralen Ort.
- Gästebetrieb: Ein wesentlicher Teil des Gebäudes wurde in Ferienwohnungen und Gästezimmer unterteilt. Insgesamt 16 Apartments und 11 Doppelzimmer sind auf dem Gelände entstanden (verstreut auf die Gebäude). Diese Unterkünfte richten sich an Urlaubsgäste, die den Erholungsort schätzen, aber auch an musikinteressierte Besucher der Veranstaltungen.
- Künstlerresidenzen: Ein spezifisches Ziel der Stahlberg Stiftung ist die Förderung von Künstlern. Die Unterkünfte bieten Raum für Projekte, sodass Künstler sich für eine gewisse Zeit auf dem Gut niederlassen können.
Die Unterkünfte sind – wie im gesamten Ensemble – einheitlich gestaltet. Historische Elemente wie alte Türen, Balken und Wandschränke wurden mit schlichten, modernen Möbeln kombiniert. Die Namen der Wohnungen (nach Komponisten, Dirigenten und Musikinstrumenten) unterstreichen die musikalische Ausrichtung des Hauses.
Herausforderungen bei der Sanierung: Witterung und Logistik
Bauprojekte in Schleswig-Holstein, insbesondere in Küstennähe, sind wetterabhängigen Risiken ausgesetzt. Die Sanierung des Kuhhauses verlief nicht ohne Verzögerungen. Quellen zufolge haben Aufwendige Fundamentarbeiten, Dauerregen und Frost den Zeitplan mächtig durcheinander gewirbelt. Die Fertigstellung verschieb sich um Monate.
Dies unterstreicht einen wichtigen Punkt für Projektmanager: Bei der Planung von Sanierungen an historischen Bausubstanzen, die oft sensibler auf Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen reagieren als Neubauten, müssen Pufferzeiten für Witterungseinflüsse großzügig kalkuliert werden. Besonders die Fundamentarbeiten, die hier zum Unterfangen der alten Mauern notwendig waren, sind stark vom Boden und der Witterung abhängig.
Auszeichnungen und Anerkennung
Die Qualität der architektonischen Leistung wurde überregional gewürdigt. Das Kultur Gut Hasselburg erhielt mehrere renommierte Preise. Dazu gehören der Denkmalpflegepreis der Sparkassenstiftung, der Landespreis für Baukultur in Schleswig-Holstein sowie der BDA Preis Schleswig-Holstein des Bundes Deutscher Architekten in den Jahren 2015 und 2023.
Besonders hervorzuheben ist die Auszeichnung des Torhauses im Jahr 2015 und die erneute Anerkennung für das Gesamtensemble 2023. Für die Planer des Kuhhauses (Beissert + Gruss) bedeutet dies eine Kontinuität: Der Mitarbeiter des Büros Biwer+Mau (Planer des Torhauses) war bereits in die Planung des Torhauses involviert und setzte die dort entwickelte Linie im Kuhhaus fort. Dieser Wissenstransfer zwischen den Projekten ist ein Garant für die architektonische Geschlossenheit der Anlage.
Fazit: Best Practice für die Denkmalpflege
Die Sanierung des Kuhhauses auf Gut Hasselburg ist ein Musterbeispiel für eine gelungene Transformation. Sie zeigt, wie durch den Erhalt der historischen Fassade und einen kompletten Innenausbau ein denkmalgeschütztes Gebäude für die heutige Zeit relevant gemacht werden kann.
Für Bauherren und Investoren lassen sich daraus folgende Schlüsse ziehen:
- Substanzerhalt vs. Funktionalität: Der Erhalt der Fassade ist oft der Schlüssel zur Denkmalförderung, während der Innenausbau die Funktionalität sichert.
- Multifunktionalität: Die Kombination aus Kulturraum (Saal), Gastronomie/Nachtbetrieb (Ferienwohnungen) und Ateliers sichert die Wirtschaftlichkeit.
- Qualität der Planung: Die Verzögerungen durch Witterung zeigen, dass Zeitpläne flexibel sein müssen, die architektonische und handwerkliche Qualität am Ende jedoch überzeugt.
Das Projekt wurde von der Stahlberg Stiftung als Bauherrn getragen und ist ein Beweis dafür, dass privates Engagement im Denkmalschutz, kombiniert mit professioneller Architektur, zu Ergebnissen führt, die der Allgemeinheit dienen und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig sind. Das Kuhhaus ist nun nicht mehr nur ein Überbleibsel der Agrargeschichte, sondern ein lebendiger Ort der Begegnung und Erholung.