Der Hafermarkt in Flensburg: Historischer Knotenpunkt auf dem Weg zu moderner Stadtnutzung

Der Hafermarkt in Flensburg ist mehr als nur ein Name auf einer Stadtkarte. Er repräsentiert einen historischen Knotenpunkt, der seit jeher das Herzstück des Stadtbildes prägt und sich aktuell in einer Phase tiefgreifender Veränderung befindet. Für Immobilieninteressenten, Bauherren und Stadtentwickler ist die Entwicklung dieses Areals von besonderem Interesse, vereint sie doch alte Tradition mit modernen Wohn- und Nutzungsansprüchen. Aktuelle Planungen und Genehmigungen zeichnen das Bild eines Areals, das sich von einem vernachlässigten Komplex zu einem aufgewerteten, modernen Wohn- und Einkaufsstandort entwickeln soll. Doch der Weg dorthin ist gepflastert mit historischer Bedeutung, gewachsenen Strukturen und den Herausforderungen eines langwierigen Genehmigungsprozesses.

Geografische und städtebauliche Einordnung

Der Hafermarkt ist traditionell ein zentraler Kreuzungsbereich in Flensburg. Fünf Straßenzüge treffen hier aufeinander: Angelburger Straße, Johannisstraße, Glücksburger Straße, Kappelner Straße und Heinrichstraße. Diese Konstellation macht den Platz zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt und einer viel frequentierten Fläche im Stadtnetz. Geografisch liegt das Areal am Rande des Johannisviertels, welches zum Stadtteil Jürgensby gehört. Offiziell zählt der Hafermarkt jedoch bereits zum Stadtteil Sandberg. Diese feine Grenzziehung verdeutlicht die eingebettete Lage zwischen verschiedenen historischen Stadtvierteln.

Die Topografie des Geländes ist ebenfalls charakteristisch: Es handelt sich um ein teilweise abschüssiges Gelände, was die städtebauliche Erschließung historisch wie heute herausfordert. Die Bedeutung des Platzes reicht weit zurück. Im Mittelalter war das Gebiet noch unbebaut und lag vor der Stadtbefestigung mit Stadtmauer und Johannistor. Es diente als Knotenpunkt für Wege, die bereits damals existierten. Erst mit der Aufhebung des Bauverbots im Jahr 1796 begann die eigentliche Bebauung des Areals, nachdem zuvor (seit 1777) lediglich landwirtschaftliche Betriebe hatten bauen dürfen, während Handwerks- und Handelsbetriebe zur Konkurrenzvermeidung für die Innenstadt verboten waren.

Historische Entwicklung und wirtschaftliche Bedeutung

Die wirtschaftliche und verkehrstechnische Bedeutung des Hafermarkts manifestierte sich besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ein entscheidender Meilenstein war der Bau der Straßenbahn. Nachdem 1906 die Konzession für die alte Pferdestraßenbahn ausgelaufen war, baute die Stadt Flensburg in Eigenregie den elektrischen Betrieb aus. Am 6. Juli 1907 nahm meterspurig und zweigleisig die Linie 1 ihren Betrieb auf und verband die Apenrader Straße über den Hafermarkt bis zur oberen Angelburger Straße. Diese Linie prägte den öffentlichen Nahverkehr bis ins Jahr 1973.

Zudem veränderte die Einweihung der Marineschule Mürwik im Jahr 1910 die Verkehrsinfrastruktur nachhaltig. Um eine Verbindung zum aufstrebenden Mürwik zu schaffen, entstanden unmittelbar am Hafermarkt die Bismarckstraße (zwischen Johannisstraße und Glücksburger Straße) sowie als Fortführung die Kaiser-Wilhelm-Straße, die heute Mürwiker Straße heißt. Diese Erschließung führte zu einem Anstieg des Verkehrsaufkommens und machte den Hafermarkt zu dem, was er heute ist: eine viel befahrene und genutzte Magistrale.

Neben der Verkehrsfunktion war der Hafermarkt historisch auch ein Marktplatz, dem er seinen Namen verdankt. Hier wurde Korn für das Kirchspiel St. Johannis gehandelt. Diese Tradition spiegelt sich noch heute in der gewachsenen Bebauung wider. Ein prominentes Beispiel für die gewachsene Struktur ist das Gebäude Hafermarkt 19. Hier betreibt die Familie Petersen seit Generationen ein Fahrradgeschäft (bekannt als „Peter Rad“). Die Firmengeschichte beginnt am 6. Februar 1923, als Peter Jessen Petersen eine Schlosserei am Hafermarkt 7 eröffnete. 1927 zog das Geschäft auf die Nummer 19 um. Die Geschichte dieses Hauses zeigt, wie stark Gewerbe und Familienleben miteinander verwoben sind: Die Werkstatt befand sich auf dem Hinterhof, die Familie bewohnte die Wohnung im Vorderhaus. Auch wenn die heutigen Bewohner (Peter III. und sein Sohn Peter IV.) inzwischen in Jürgensby wohnen, ist das Geschäft am Hafermarkt nach wie vor ein fester Bestandteil des Standorts und beschäftigt ein Team von rund 20 Mitarbeitern auf 550 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Aktueller Zustand und Sanierungsbedarf

Der aktuelle Zustand des Hafermarktkomplexes ist von Vernachlässigung geprägt. Das Einkaufszentrum, das einst von Lidl und Aldi genutzt wurde, ist seit etwa zehn Jahren weitgehend leerstehend und wird als „ziemlich heruntergekommen“ beschrieben. Der Hauptnutzer Lidl hatte den Standort vor etwa einem Jahrzehnt verlassen und angekündigt, das gesamte Gelände inklusive der ehemaligen Aldi-Filiale neu zu bebauen. Doch bis heute ist der Abriss des alten Komplexes nicht erfolgt.

Für Eigentümer und potenzielle Investorinnen ist der Status der Genehmigungen entscheidend. Laut Angaben der Stadtverwaltung liegt zwar eine Abbruchgenehmigung seit September 2021 vor, und auch eine Baugenehmigung ist erteilt, die bis Mai 2026 gültig ist. Jedoch handelt es sich um ein privates Vorhaben, weshalb der Start des Abrisses und des Neubaus ungewiss bleibt. Die Stadtverwaltung hat zwar grünes Licht gegeben, kann aber den Zeitplan nicht diktieren.

Dieser Stillstand betrifft nicht nur die eigentlichen Gebäude, sondern auch die angrenzende Infrastruktur. Das Gebäude an der Ecke Heinrichstraße/Hafermarkt, das aktuell von der autonomen Szene genutzt wird, ist ebenfalls im Besitz der Stadt Flensburg. Auch hier plant die Stadt eine langfristige Erbbau-Lösung, was die Komplexität der gesamten Standortentwicklung verdeutlicht.

Die geplanten Neubauten: Ein moderner Mix

Trotz der Verzögerungen sind die Planungen für die Zukunft des Hafermarkts weit fortgeschritten. Es ist ein anspruchsvolles Neubauprojekt geplant, das den gesamten Charakter des Areals aufwerten soll. Das Bauvorhaben befindet sich laut Stadtverwaltung aktuell im Genehmigungsverfahren.

Das Projekt sieht eine Mischung aus verschiedenen Nutzungen vor, die den Standort zu einem lebendigen Zentrum machen soll:

  • Wohnraum: Insgesamt 36 Wohnungen sind geplant. Davon sind mindestens sechs als öffentlich geförderte Wohnungen ausgewiesen, was für die soziale Durchmischung des Viertels relevant ist.
  • Einzelhandel: Als Anchor-Tenants sind ein Lidl-Discounter, ein Drogerie-Markt und ein Bäcker vorgesehen. Diese sorgen für die notwendige Versorgung der Anwohner und der Passanten.
  • Tiefgarage: Im Untergeschoss ist eine Tiefgarage geplant, die bereits in der Vorgängerbebauung existierte. Dies ist für die Verkehrsentlastung des Viertels essenziell.
  • E-Mobilität: Die Firma Lidl plant, im Zuge des Neubaus E-Lademöglichkeiten für zwei Autos und sechs Fahrräder anzubieten. Zudem sind Stellplätze für elf Lastenräder vorgesehen. Diese Maßnahmen zeigen die Anpassung an moderne Mobilitätsanforderungen.

Die Architektur verspricht „schicke und ansehnliche Häuser“, die das Areal visuell aufwerten sollen. Das Ziel ist eine spürbare Aufwertung der Lebensqualität am Hafermarkt. Dies wird von etablierten Anwohnern, wie dem Fahrradgeschäft Peter Petersen, unterstützt, die sich von der Fertigstellung eine positive Entwicklung für das gesamte Viertel versprechen.

Herausforderungen und Chancen für die Stadtentwicklung

Das Projekt am Hafermarkt steht exemplarisch für die Herausforderungen moderner Stadtsanierung. Es handelt sich um einen hochrelevanten Standort, der historisch gewachsen ist und dessen Bebauung teilweise unter Denkmalschutz stehen könnte oder zumindest architektonisch sensibel behandelt werden muss. Die Koexistenz alter Gewerbetriebe (wie das Fahrradgeschäft) und neuer Nutzungen (Discounter, Gastronomie, Wohnen) erfordert ein feines Abwägen.

Eine besondere Rolle spielt die Koordination zwischen privater Investition und städtischer Planung. Da der Abriss und Neubau in privater Hand liegen, ist die Stadt auf die Kooperationsbereitschaft der Eigentümer angewiesen. Die Tatsache, dass die Baugenehmigung bis Mai 2026 befristet ist, setzt den Investoren einen zeitlichen Rahmen, dessen Einhaltung jedoch noch nicht gesichert ist. Für die Stadt Flensburg bedeutet dies, die Entwicklungen im Auge zu behalten und parallel für die anderen Flächen am Hafermarkt (wie das Haus der autonomen Szene) eigene Lösungen wie die Erbbau-Lösung zu suchen.

Die Integration von Ladeinfrastruktur für E-Mobilität und Lastenräder in der Tiefgarage ist ein positiver Aspekt aus Sicht der Nachhaltigkeit und der Verkehrswende. In einer Stadt wie Flensburg, die mit Verkehrsdichte und Parkplatzsuche zu kämpfen hat, ist die Schaffung neuer, intelligenter Park- und Ladekonzepte ein wichtiger Schritt.

Zusammenfassung der Bau- und Sanierungspläne

Nutzungsart Geplante Ausstattung Bemerkungen
Wohnen 36 Wohnungen Mindestens 6 öffentlich gefördert
Einzelhandel Lidl, Drogerie, Bäcker Sicherung der Grundversorgung
Parken Tiefgarage (Fortführung) Erschließung des Untergrunds
E-Mobilität 2 Autostellplätze mit Ladelösung, 6 Fahrrad-Ladestationen, 11 Lastenradstellplätze Nachhaltige Verkehrskonzepte
Abriss Altbau (heruntergekommmener Komplex) Genehmigung seit Sep. 2021 vorhanden

Fazit

Die Entwicklung des Hafermarkts in Flensburg ist ein Paradebeispiel für die Dynamik von Innenentwicklung in deutschen Städten. Einerseits existiert eine tief verwurzelte Geschichte, die von der mittelalterlichen Kreuzung über die Ära der Pferdestraßenbahn bis hin zu traditionsreichen Familienbetrieben reicht. Andererseits stehen die Bauten aus der Nachkriegszeit, die heute als „heruntergekommen“ gelten, einer modernen Nutzung im Weg.

Die Faktenlage für die Zukunft ist klar umrissen: Ein privater Investor (Lidl) hat konkrete Pläne für einen Neubau, der Wohnen, Einzelhandel und moderne Mobilität vereint. Die städtischen Genehmigungen liegen vor, doch der Zeitplan hängt von der Privatwirtschaft ab. Für Bauherren und Käufer von Immobilien in diesem Sektor ist das Areal ein spannender Ort, der in den nächsten Jahren an Attraktivität gewinnen wird, sofern die Bauphase tatsächlich beginnt. Die Aufwertung des Areals wird nicht nur die neue Bebauung betreffen, sondern auch die gewachsenen Strukturen um den Platz herum positiv beeinflussen. Der Hafermarkt bleibt damit, was er immer war: ein zentraler Knotenpunkt Flensburgs mit hoher Verbindungsdichte und Potenzial für die Zukunft.

Quellen

  1. Flensburg Journal
  2. NDR
  3. SHZ

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