Passivhaus-Hallenbad Lindenberg: Eine Detailanalyse des Ersatzneubaus und seiner Energieeffizienzstrategie

Einleitung

Der Ersatzneubau des Hallenbades in Lindenberg im Allgäu stellt ein signifikantes Beispiel für die energetische Sanierung und den Neubau von öffentlichen Gebäudekomplexen dar. Vor dem Hintergrund eines 40 Jahre alten Vorgängerbaus aus den 1970er Jahren entschied sich die Stadt Lindenberg für einen kompletten Abriss und einen Neubau nach modernsten energieeffizienten Standards. Das Projekt, das im April 2023 eröffnet wurde, fokussiert sich nicht nur auf die Erweiterung der Nutzungsangebote, sondern legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Reduzierung von Betriebskosten und die Einhaltung hoher energetischer Vorgaben. Die Planung und Umsetzung umfassten dabei ein komplexes Geflecht aus HLS-Technik, Badewassertechnik, Elektrotechnik sowie einer Optimierung der Gebäudehülle. Dieser Artikel beleuchtet die technischen und wirtschaftlichen Aspekte dieses Projekts, basierend auf den verfügbaren Bauplanungs- und Projektdokumentationen.

Projektziel und strategische Ausrichtung

Das primäre Ziel des Projekts war die Schaffung eines energetisch optimierten Hallenbades, das langfristig Energiekosten senken und den Komfort einer Passiv-Bauweise bietet. Die Stadt Lindenberg verfolgte dabei den Ansatz, das Bad als funktionales Familien- und Schulschwimmbad zu konzipieren, ohne den Charakter eines reinen Erlebnisbades, um eine langfristige Wirtschaftlichkeit zu gewährleisten. Die strategische Entscheidung für einen vollständigen Abriss des Bestands und einen Ersatzneubau wurde getroffen, um Synergieeffekte zu nutzen und von Optimierungen aus Erfahrungswerten aus dem Betrieb vergleichbarer Bäder zu profitieren.

Ein wesentlicher Aspekt war die Stärkung der Stellung Lindenberg als Mittelzentrum im Westallgäu. Das neue Bad soll als modernes Freizeit-, Sport- und Gesundheitszentrum dienen, das den Bedürfnissen der Bürger, Schulen und Vereine gerecht wird. Dazu gehören die Ermöglichung des frühzeitigen Schwimmunterrichts, die Unterstützung des Schulsports und die Bereitstellung eines attraktiven Freizeitangebots. Die Zielsetzung umfasste zudem die Schaffung eines zusätzlichen Kinderbereichs und eines Erlebnisbereichs mit Attraktionen wie einer AquaCross-Anlage und einem Dampfbad.

Bauzeiten und Kostenstruktur

Die Planungs- und Bauphase des Hallenbadneubaus erstreckte sich über mehrere Jahre. Die Planung der HLS-Technik, Badewassertechnik und Elektrotechnik begann im Januar 2019 und wurde im November 2021 abgeschlossen. Die eigentliche Bauzeit dauerte von Juli 2021 bis zur Eröffnung im April 2023.

Die Kostenstruktur des Projekts gliedert sich in spezifische Gewerke und Gesamtkosten. Für die technischen Gewerke – HLS (Heizung, Lüftung, Sanitär), Badewassertechnik und Elektrotechnik – beliefen sich die Kosten auf 3,5 Millionen Euro. Die Gesamtkosten für das Hallenbad wurden mit 11,5 Millionen Euro beziffert. Laut einer Zwischenbilanz der Stadtverwaltung lag die Schlussabrechnung bei „zu 99 Prozent“ und das Projekt wurde den Kostenansatz leicht unterschritten, was als eine finanzielle Punktlandung gewertet wurde.

Während der Bauphase traten jedoch Herausforderungen auf, die eine Neuplanung erforderten. Die ursprünglich beauftragte Firma für bestimmte Gewerke ging in Konkurs, was zur Neuausschreibung und Neudelegation der Arbeiten führte. Trotz dieser Verzögerungen konnte das Projekt erfolgreich abgeschlossen werden.

Gebäudehülle und Passivhausstandard

Ein zentraler Erfolgsfaktor des Projekts ist die konsequente Optimierung der Gebäudehülle, die den Neubau in den Bereich der Passivhausoptimierung versetzt. Die Herausforderung im Schwimmbadbetrieb liegt in der hohen Luftfeuchtigkeit und den daraus resultierenden Anforderungen an die Dichtigkeit und Wärmedämmung. Anstatt spektakulärer Dämmstärken setzte die Planung auf eine präzise Planung und die gezielte Verbesserung aller Anschlussdetails.

Eine luftdichte und wärmebrückenfreie Hülle ist im feuchteintensiven Schwimmbadbetrieb essenziell. Sie sorgt für ein stabiles Innenklima und ermöglicht eine höhere zulässige Luftfeuchte, was den Energiebedarf für Entfeuchtungsprozesse drastisch reduziert. Durch diese Maßnahmen erreicht das Hallenbad Lindenberg Energiekosten von nur 1,20 Euro pro Gast, was deutlich unter dem Durchschnitt moderner Neubauten liegt und es zu einem der energieeffizientesten Bäder Deutschlands macht.

Energieerzeugung und Gebäudetechnik

Die technische Ausstattung des Hallenbades ist darauf ausgelegt, eine innovative und vielfältige Energieerzeugung zu realisieren und den Energiebezug auf ein Minimum zu reduzieren. Die Steuerung dieser komplexen Systeme erfolgt über eine intelligente und übergreifende Gebäudeautomation, die optimale Regelungen mit unterschiedlichen Betriebszuständen ermöglicht.

Wärmeerzeugung

Das Heizungssystem ist modular aufgebaut und kombiniert verschiedene Wärmequellen: * Blockheizkraftwerk (BHKW): Ein BHKW dient der Kraft-Wärme-Kopplung. Hier sind in den Quellen unterschiedliche Leistungsangaben verzeichnet. Eine Quelle nennt eine Wärmeleistung von 81 kW, während eine andere Quelle ein BHKW mit 50 kW elektrischer und 83 kW thermischer Leistung angibt. Diese Diskrepanz lässt darauf schließen, dass entweder unterschiedliche Anlagenkomponenten betrachtet werden oder die Angaben sich auf verschiedene Planungsstände beziehen. * Gas-Kessel: Die Spitzenlastabdeckung erfolgt über Gas-Kessel. Auch hier differieren die Angaben: Eine Quelle nennt eine Leistung von 314 kW, eine andere von 400 kW. Diese Kessel sorgen für eine zuverlässige Wärmeversorgung, insbesondere bei hohen Anforderungen an die Raumtemperatur und die Beckenwassererwärmung. * Sole-Wärmepumpe: Eine Sole-Wärmepumpe mit einer Leistung von 42 kW ist in das System integriert. Sie nutzt die Umweltwärme und arbeitet äußerst effizient, um den Energiebedarf zu decken.

Stromerzeugung und Speicherung

Zur Reduzierung der Strombezugskosten und zur Versorgung der Anlagen wurde eine Photovoltaik-Anlage mit einer Leistung von 30 kWp installiert. Zusätzlich sind drei Pufferspeicher mit je 2.000 Litern Fassungsvermögen verbaut, die die thermische Energie speichern und eine zeitversetzte Nutzung ermöglichen. Diese Speicher sind entscheidend für die Kompensation von Lastspitzen und die effiziente Ausnutzung der BHKW-Wärme.

Gebäudeautomation

Die Steuerung der gesamten Technik erfolgt über einen zentralen Hauptrechner im EDV-System. Diese Gebäudeautomation ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Passivhausstandards. Sie regelt die unterschiedlichen Betriebszustände der Energieerzeuger und sorgt für eine Anpassung an das Nutzerverhalten und die äußeren Randbedingungen. Ziel ist eine möglichst betriebskostengünstige Steuerung, die auch der Vermeidung von Bauschäden durch Feuchtigkeit dient.

Beckentechnik und Wasseraufbereitung

Das Badewasser wird durch eine moderne Badewassertechnik aufbereitet und im optimierten Temperaturbereich gehalten. Die Beckenkonfiguration umfasst: * Ein 25-Meter-Schwimmerbecken * Ein Nichtschwimmerbecken * Ein Kinderbecken

Das Schwimmerbecken fasst rund 518.000 Liter Wasser. Die Planung der Badewassertechnik ist Teil der Gewerke, für die 3,5 Millionen Euro investiert wurden. Neben der Wasseraufbereitung umfasst dies auch Sicherheitssysteme und die hygienische Wasserführung.

Nutzungsangebot und Ausstattung

Neben den klassischen Schwimmbecken bietet das neue Hallenbad zusätzliche Attraktionen zur Erhöhung der Attraktivität: * AquaCross-Anlage: Diese Anlage ist über dem Schwimmerbecken installiert und dient der Bewegung und Freizeitgestaltung für verschiedene Altersgruppen, von Kindern bis hin zu Senioren. * Textil-Dampfbad: Ein Dampfbad mit Erlebnisdusche ist integriert, um den Wellness- und Gesundheitsaspekt zu stärken.

Die Gesamtkonzeption ist darauf ausgelegt, dass sich jeder Bürger in den unterschiedlichen Lebensphasen wiederfinden kann. Die Betriebszeiten werden entsprechend der Nutzergruppen (Schulen, Vereine, Öffentlichkeit) gestaltet.

Fazit

Der Ersatzneubau des Hallenbades in Lindenberg ist ein Musterbeispiel für die energetische Sanierung von öffentlichen Gebäuden durch Neubau. Durch den Abriss des alten, ineffizienten Bades aus den 1970er Jahren und den Neubau nach Passivhausstandard konnte die Stadt Lindenberg eine deutliche Reduzierung der Betriebskosten erreichen. Die Kombination aus optimierter Gebäudehülle, einer vielfältigen Energieerzeugung (BHKW, Wärmepumpe, Photovoltaik, Gas-Kessel) und intelligenter Gebäudeautomation führt zu Energiekosten von nur 1,20 Euro pro Gast.

Das Projekt zeigt, dass eine wirtschaftliche Betriebsführung durchaus mit einem hohen Komfort und einer Erweiterung der Nutzungsangebote (AquaCross, Dampfbad) vereinbar ist. Trotz Herausforderungen wie dem Konkurs eines Planungsunternehmens wurde das Projekt erfolgreich und unter dem Kostenansatz abgeschlossen. Für Bauherren und Planer von öffentlichen oder privaten Bädern liefert der Hallenbadneubau Lindenberg wertvolle Erkenntnisse über die Bedeutung einer luftdichten Gebäudehülle, die Integration verschiedener Energiequellen und die Notwendigkeit einer durchgängigen Gebäudeautomation.

Quellen

  1. Fritz Planung - Ersatzneubau Hallenbad Lindenberg
  2. Alois Müller - Neubau Hallenbad Lindenberg
  3. EZA Allgäu - Passivhaus-Hallenbad Lindenberg
  4. Allgäuer Zeitung - Schlussabrechnung Hallenbad Neubau
  5. FW Lindenberg - Ziel Ersatzneubau Hallenbad
  6. Allgäuer Zeitung - Baustelle Hallenbad Lindenberg
  7. Leo Flachdachbau - Ersatzneubau Hallenbad Lindenberg

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