Die Modernisierung und der Neubau von Schulgebäuden stellen komplexe Herausforderungen für Kommunen dar, die nicht nur finanzielle, sondern auch logistische und pädagogische Aspekte umfassen. Der Ersatzneubau der Grundschule Kamminer Straße im Hamburger Stadtteil Rahlstedt dient als prägnantes Beispiel für die Umsetzung der städtischen Bildungsstrategien unter den Bedingungen steigender Schülerzahlen und moderner Anforderungen an die Lernumgebung. Dieser Artikel beleuchtet auf Basis der vorliegenden Informationen den Planungsprozess, die bauliche Durchführung und die strategische Bedeutung des Projekts für die Entwicklung des Hamburger Schulwesens.
Ausgangslage und Notwendigkeit des Neubaus
Die Grundschule Kamminer Straße, eine offene Ganztagsschule, befand sich in einem Gebäudebestand, der in den 1960er Jahren errichtet wurde. Ursprünglich als Volks- und Realschule konzipiert, bestand die Anlage aus elf maximal zweigeschossigen Gebäudekörpern, die um einen gemeinsamen Schulhof gruppiert und lediglich durch überdachte Laubengänge miteinander verbunden waren. Diese Bauweise war typisch für die Nachkriegsarchitektur, entsprach aber nicht mehr den aktuellen Standards bezüglich Energieeffizienz, Barrierefreiheit und pädagogischer Aufenthaltsqualität.
Ein entscheidender Faktor für die Notwendigkeit eines Neubaus war die demografische Entwicklung in Hamburg. Im Mai 2019 stellte Schulsenator Ties Rabe einen Entwurf eines neuen Schulentwicklungsplans (SEPL) vor, der aufgrund absehbar weiter steigender Schülerzahlen notwendig wurde. Die Prognosen erforderten einen Zubau von Klassenräumen und die Gründung neuer Schulen. Für die Grundschule Kamminer Straße bedeutete dies die Aufstockung von bisher zweieinhalb Zügen auf drei Züge. Diese Erweiterung der Kapazität ließ sich in dem bestehenden, weitläufigen Gebäudekomplex aus Einzelbauten nur schwer oder gar nicht effizient umsetzen. Die räumliche Fragmentierung und die bauliche Substanz der Altbauten machten einen kompletten Neubau unumgänglich.
Strategische Planung und Einbindung der Schulgemeinschaft
Die Planung des Neubaus folgte den Prinzipien, die von Schulbau Hamburg (SBH) als zuständiger Behörde für den Schulbau in der Hansestadt definiert wurden. SBH agiert als zentraler Projektmanager und sorgt für die Umsetzung der jährlichen Investitionen in Höhe von rund 350 Millionen Euro in die Hamburger Schulgebäude. Ein Kernaspekt der SBH-Philosophie ist die Einbindung der Schulöffentlichkeit in den Planungsprozess.
In einer sogenannten „Phase Null“ äußert die Schulgemeinschaft – bestehend aus Lehrkräften, Eltern und Schülern – ihre Bedarfe für das neue Gebäude. Diese partizipative Planung gewährleistet, dass die architektonische Gestaltung eng an den pädagogischen Konzepten der Schule ausgerichtet ist. Bei der Grundschule Kamminer Straße führte dieser Ansatz zu der Entscheidung, dass das neue Gebäude auf der rückseitigen Fläche des Schulgeländes entstehen sollte. Der Zugang wird zukünftig über die Hermann-Balk-Straße erfolgen.
Diese Entscheidung war auch aus logistischer Sicht klug gewählt. Der Neubau sollte auf dem ehemaligen Sportplatzgelände realisiert werden, der vor etwa 20 Jahren zu einem Bolzplatz umfunktioniert worden war. Durch diese Auslagerung der Bauarbeiten auf eine separierte Fläche konnte der laufende Schulbetrieb in den bestehenden Altbauten während der Bauphase weitgehend ohne größere Behinderungen aufrechterhalten werden.
Bauliche und technische Realisierung
Das Bauvorhaben umfasste nicht nur den reinen Neubau des Klassentrakts, sondern auch die Sanierung der bestehenden Sporthalle und die Umgestaltung der Außenanlagen. Der Entwurf sah vor, sämtliche Klassen- und Verwaltungsgebäude durch einen kompakten neuen Baukörper zu ersetzen, während die Altbauten zunächst als Raumreserve vorgehalten werden sollten.
Architektonische Konzeption und Ausstattung
Das fertiggestellte Gebäude bietet der Schule großzügige, entlang des pädagogischen Konzepts ausgestaltete Lern- und Lebensräume. Die Innenarchitektur spielt eine wesentliche Rolle in der Förderung der Lernmotivation. Ein besonderes Merkmal ist das Farbkonzept: Jeder Jahrgangsbereich ist in einer eigenen Farbe (grün, blau, rosa, gelb) gestaltet, was eine visuelle Strukturierung und Identifikation mit den jeweiligen Klassenräumen fördert.
Die Ausstattung umfasst moderne Technologie, darunter Whiteboards in allen Klassenräumen. Weiterhin verfügt der Neubau über eine Bibliothek, ein Musikzimmer und eine Aula mit Bühne. Die Mensa wurde neu integriert und ist Teil der Gemeinschaftsflächen. Ein signifikanter Vorteil des Neubaus war die bereits erfolgte Fertigstellung eines Teils des neuen Schulhofs, der den Kindern schon vor Abschluss aller Arbeiten zur Verfügung stand.
Kapazitätsanpassung und Flächennutzung
Die Umstellung von einer zweieinhalb- auf eine dreizügige Schule erforderte eine Anpassung der Raumprogramme. Laut den Planungsunterlagen musste die Nettoraumfläche gemäß dem Musterflächenprogramm für inklusive allgemeinbildende Schulen mit Ganztagsangeboten realisiert werden. Die konkreten Maße für die Gemeinschaftsflächen und die Mensa wurden im Zuge der Vorplanung festgelegt, um den Anforderungen einer dreizügigen Grundschule gerecht zu werden.
Ein spezifischer Punkt in der Planung betraf die Sporthalle. Es musste geklärt werden, ob die bestehende Einfeld-Sporthalle den Bedarf für eine dreizügige Schule deckt. Die Sanierung dieser Halle war vorgesehen, wobei zu prüfen war, ob zusätzliche Hallenflächen notwendig würden. Die Informationen legen nahe, dass die Sanierung der vorhandenen Halle ausreichte, um den Bedarf zu decken, da kein Abriss, sondern eine Modernisierung erfolgte.
Zeitplanung und Projektsteuerung
Das Projekt befand sich 2019 in der Entwurfsphase. Die ursprüngliche Planung sah einen Baustart im Jahr 2019 und eine Fertigstellung für das Jahr 2020 vor. Diese Zeitschiene wurde jedoch durch die Anforderungen des Schulentwicklungsplans 2019 beeinflusst, der die Erweiterung auf drei Züge vorsah. Diese Erweiterung erforderte eine Anpassung der Neuplanung, was sich auf den Zeitplan auswirkte.
Nach Baubeginn Anfang 2022 (erkennbar an der Verlegung der Zeitkapsel im Beisein der Schulgemeinschaft und von SBH) verschieb sich der Zeitplan deutlich. Die Zeitkapsel, die unter anderem drei aktuelle Tageszeitungen und eine Corona-Maske enthielt, markierte einen symbolischen Meilenstein im Bauprozess. Die realistische Fertigstellung des Gebäudekörpers wurde für den Sommer 2023 prognostiziert, während die Fertigstellung des Außengeländes für 2024 geplant war. Diese Verzögerung gegenüber der ursprünglichen Planung (2020) verdeutlicht die Komplexität von Anpassungsprozessen bei der Erweiterung von Schulstandorten.
Im Sommer 2023 begannen dann die ersten drei Klassen im neuen Gebäude, ergänzt durch drei Vorschulklassen. Die Altbauten wurden zunächst als potenzielle Raumreserve vorgehalten, wobei langfristig der Abriss und der Bau einer Kindertagesstätte (Kita) auf dem Grundstück geplant sind.
Finanzielle Aspekte und Investitionsvolumen
Die Sanierung und der Neubau von Schulen sind mit erheblichen öffentlichen Mitteln verbunden. Die Investitionssumme für den Neubau der Grundschule Kamminer Straße sowie die Sanierung der Außenanlage belief sich auf insgesamt 17,9 Millionen Euro. Dieses Volumen spiegelt den Umfang der Maßnahmen wider, der über einen reinen Gebäudeersatz hinausgeht und die Anpassung an moderne energetische und pädagogische Standards sowie die Sicherung der Infrastruktur (Sporthalle, Außenanlagen) umfasst.
Die Finanzierung erfolgt durch die Stadt Hamburg, repräsentiert durch Schulbau Hamburg. Die jährlichen Investitionen von rund 350 Millionen Euro in den Hamburger Schulbau, die im Zusammenhang mit dem Projekt genannt werden, zeigen die strategische Priorität, die der Modernisierung der Bildungseinrichtungen eingeräumt wird. Projekte wie das in Rahlstedt sind Teil eines umfassenden Programms, das in den vergangenen Jahren bereits zur Entstehung von über 200 Schulkantinen und der Sanierung etlicher Sporthallen führte.
Die Rolle von SBH (Schulbau Hamburg)
Schulbau Hamburg (SBH) fungiert als zentrale Planungs- und Umsetzungsbehörde. SBH steuert die Projekte durch neun regionale Baumanagement-Teams. Ein entscheidender Vorteil dieses dezentralen Ansatzes in Kombination mit der zentralen Steuerung ist die Nähe zum Geschehen und die Expertise in der Projektbegleitung.
SBH begleitet die Schule vom ersten Bedarfsausdruck in der „Phase Null“ über die Planung durch beauftragte Architekturbüros bis hin zur Übergabe des fertigen Gebäudes. Diese Kontinuität gewährleistet, dass die Interessen der Nutzer (Schule) und die städtischen Vorgaben (Kosten, Termine, Qualität) ständig abgeglichen werden. Bei der Grundschule Kamminer Straße wurde ein Architekturbüro beauftragt, dessen Vorplanung die Basis für die spätere Realisierung bildete.
Fazit
Der Ersatzneubau der Grundschule Kamminer Straße in Hamburg-Rahlstedt ist ein Paradebeispiel für die Umsetzung moderner Schulbaupolitik unter dem Dach von Schulbau Hamburg. Das Projekt zeigt eindrücklich, wie demografischer Wandel und steigende Platzansprüche durch eine kluge, konsequente Planung bewältigt werden können.
Wesentliche Erfolgsfaktoren waren: 1. Strategische Vorplanung: Die Integration der Schulentwicklungsplanung (SEPL 2019) zur Anpassung der Zugstärke von 2,5 auf 3 Züge. 2. Logistische Trennung: Die Verlagerung der Baustelle auf den ehemaligen Bolzplatz, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. 3. Partizipation: Die Einbindung der Schulgemeinschaft in den Planungsprozess („Phase Null“), was zu einem auf die pädagogischen Bedürfnisse zugeschnittenen Gebäude führt. 4. Ressourcenorientierung: Die Sanierung der bestehenden Sporthalle und die langfristige Planung der Nutzung der Altbausubstanz als Raumreserve bzw. zukünftiger Standort für eine Kita.
Das Projekt dokumentiert den Wandel von einer funktionalen, in Einzelbauten organisierten Schule der 1960er Jahre hin zu einem kompakten, farblich und räumlich auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichteten Campus. Die Investition von 17,9 Millionen Euro sichert nicht nur die Zukunft des Standorts, sondern leistet einen Beitrag zur Aufwertung des gesamten Stadtteils. Die Fertigstellung im Jahr 2023 markiert das Ende einer mehrjährigen Planungs- und Bauphase und den Beginn einer neuen Ära für die Grundschule, die nun – obwohl weiterhin nach ihrer historischen Adresse benannt – einen neuen, modernen Standort an der Hermann-Balk-Straße hat.
Quellen
- Buschhüter: Schule Kamminer Straße in Oldenfelde wird nahezu komplett neu gebaut
- SPD-Fraktion Hamburg: Kleine Anfrage - Ersatzneubau der Grundschule Kamminer Straße
- Astrid Hennies: Neubau der Grundschule Kamminer Straße - Feierliche Verlegung einer Zeitkapsel
- Astrid Hennies: Neubau der Grundschule Kamminer Straße ist fertig
- Schulbau Hamburg: So bauen und sanieren wir Hamburgs Schulen