Respekt vor dem Alten, Mut zum Neuen: Innovative Sanierungsstrategien für das moderne Wohnen

Die Sanierung und der Umbau von Bestandsimmobilien stellen Eigentümer, Bauherren und Handwerker vor komplexe Herausforderungen, die weit über eine einfache Renovierung hinausgehen. Es geht um den sensiblen Umgang mit baulichem Erbe, die Integration moderner Lebensansprüche und die Wahl von Materialien, die sowohl ästhetisch als auch langlebig sind. Die vorliegenden Informationen, basierend auf einer Analyse aktueller Projekte der Architekten- und Designszene, beleuchten vielfältige Ansätze, wie historische Substanz erhalten und zeitgenössisch interpretiert werden kann. Ein zentraler Trend zeichnet sich dabei ab: Der Respekt vor dem Vorhandenen gepaart mit dem Mut zu neuen Gestaltungen.

Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Sanierungsprojekte, um konkrete Techniken und Designprinzipien für die Praxis abzuleiten. Von der denkmalgeschützten Townhouse-Sanierung in New York bis zur Umwandlung einer Kapelle in der Schweiz – die Beispiele zeigen, wie Architekten und Designer historische Räume neu zum Leben erwecken.

Denkmalgeschützte Substanz und helles Licht: Sanierung in New York

Die Sanierung eines Hauses aus dem 19. Jahrhundert im West Village von Manhattan, das unter Denkmalschutz steht, illustriert die Balance zwischen Erhalt und Modernisierung. Das ursprüngliche Problem war die Dunkelheit des Innenraums, ein typisches Merkmal solcher historischer Gebäude. Die Architekten Jean-Gabriel Neukomm und der Interior-Designer Andre Mellone entwickelten eine Lösung, die darauf abzielte, mehr Tageslicht zu generieren, ohne die historische Fassade zu verletzen.

Eine entscheidende Maßnahme war der Ausbau des Kellers zu einem vollwertigen Stockwerk. Darüber hinaus wurde auf das oberste Geschoss ein Penthouse aufgesetzt, das von der Straße aus nicht sichtbar ist und somit die Skyline nicht verändert. Der architektonische Clou im Erdgeschoss ist ein über zwei Etagen reichendes, extragroßes und extrahohes Fenster zum Garten. Dieses Fenster öffnet den Raum radikal nach außen und lässt massiv Tageslicht einfallen. Ein Galeriegeschoss verbindet die Ebenen und bietet Platz für ein zweites, kleineres Wohnzimmer. Diese Lösung dient nicht nur der Helligkeit, sondern auch der Präsentation von Kunst, die den Auftraggebern (Kunstsammlern) am Herzen lag. Die Architektur tritt dabei bewusst in den Hintergrund, um den Werken der Arte Povera und Minimal Art Raum zu geben.

Im gleichen Kontext steht ein anderes New Yorker Projekt, bei dem ein Haus aus dem 19. Jahrhundert modernisiert wurde, das zuvor bereits eine Modernisierung erfahren hatte. Hier setzten die Designer von Festen auf handwerkliche Kunstfertigkeit, um dem Haus einen zeitlosen Charme zu verleihen. Eine Eisengießerei in Belgien fertigte ein Geländer mit floralen Motiven für die Treppe, und französische Handwerker schufen einen Bronzecoffeetable. Solche maßgefertigten Elemente aus hochwertigen Materialien sind eine Investition in Langlebigkeit. Hugo Sauzay von Festen betont, dass beste Materialien mit der Zeit eine hübsche Patina bilden – ein entscheidendes Kriterium für nachhaltige Gestaltung.

Authentizität durch Rohbau-Zustand und natürliche Materialien

Ein entgegengesetzter, aber ebenso erfolgreicher Ansatz ist die Betonung der "Rohheit" und Authentizität eines Gebäudes. Dieser Stil, oft assoziiert mit dem Berliner Stil, findet sich in einem renovierten Stadthaus, bei dem die Decke unverkleidet blieb. Um die "Rohheit" dennoch aufzulockern, wurden kreuzende Bahnen von Leuchten installiert, die warmes und kühles Licht nach oben und unten strahlen. Dies zeigt, wie technische Elemente genutzt werden können, um Rohbauten bewohnbarer zu gestalten, ohne sie zu verdecken.

Dieses Prinzip der Authentizität wurde auch bei der Sanierung eines ehemaligen Pferdestalls auf einem Gutshof bei Leipzig angewendet. Das Ziel war es, den Stall in seiner ursprünglichen Substanz zu bewahren. Das Dach wurde neu gedeckt und die Fassade mit Holz verschalt, doch im Inneren blieben die alten Balken sichtbar. Die Ziegelwände wurden nur grob verputzt, falls überhaupt. Diese Entscheidung, Strukturen nicht zu verstecken, sondern als gestalterisches Element zu nutzen, verleiht dem Raum Charakter. Die Architekt:innen von Atelier ST verwendeten zudem Materialien wie Hanfkalk und Lehmputz. Diese ökologischen und traditionellen Baustoffe unterstützen die Philosophie "Less is more less but authentic" – also weniger auf Perfektion, mehr auf Echtheit ausgelegt.

Ein weiteres Beispiel für diese Denkweise ist die Umwandlung einer kleinen Kapelle in Zinal im Schweizer Kanton Wallis zu einem Gästehaus. Die Architekten von Gasser Siggen und der Innenarchitekt Antoine Simonin erweiterten die 40 Quadratmeter große Kapelle zu einem "Schmuckstück". Sie integrierten Elemente, die an die sakrale Vergangenheit erinnern: Kreuzverbindungen an den Küchenschränken und Nischen, die früher Heiligenfiguren beherbergten. Auch hier stand die Bewahrung der historischen Identität im Vordergrund, ergänzt durch eine farbenfrohe, moderne Innengestaltung mit prägnanten Farben wie Hellgrün, Türkis und Hellblau sowie karierten Wollstoffen.

Transformationsprinzipien: Proportionen erhalten und Räume neu definieren

Bei der Sanierung von Altbauwohnungen geht es oft darum, veraltete Grundrisse an heutige Bedürfnisse anzupassen, dabei aber den "Altbau-Charakter" zu erhalten. Ein Beispiel aus München zeigt, wie eine 90-Quadratmeter-Wohnung durch clevere Eingriffe großzügiger wirken kann, ohne dass tragende Wände entfernt werden mussten.

Die Architektin Stephanie Thatenhorst behielt den originalen Parkettboden bei. Anstatt ihn zu entfernen, ersetzte sie nur stark ramponierte Stellen durch neue Keramikfliesen in derselben Größe, aber mit einem akzentuierten Farbton. Dieser überraschende Effekt verleiht dem Boden eine moderne Note, ohne den historischen Charakter zu brechen. Auch die hölzernen Portale an den Türen wurden nur neu gestrichen, anstatt sie zu ersetzen.

Ein anderer Ansatz der Transformation wurde in einer 170-Quadratmeter-Altbauwohnung von Patrick Batek realisiert. Er nutzte überlieferte Bauelemente wie Durchgänge, Flure und Glaswände, behielt deren Proportionen bei und transformierte sie zu einer neuen Einheit. Die alten Türen wurden aufgearbeitet und das Parkett dunkel gebeizt. Durch die Kombination von Design-Klassikern und eigenen Möbelentwürfen, den Einsatz von Spiegelwänden und neugeschaffenen "Raum-im-Raum-Architekturen" mit gerundeten Türen entstand ein Ensemble, das Kontraste und Zeitsprünge stilvoll vereint.

Umgang mit dem Erbe: Respekt und Neugestaltung

Ein wiederkehrendes Thema im Bestandsbau ist die Auseinandersetzung mit dem "Erbe" eines Hauses. Ein Projekt beschreibt, wie in einem winzigen Haus Hinweise auf dessen früheres Leben hinterlassen wurden – ein Weg, mit baulichem Erbe umzugehen, der Geschichten bewahrt.

Doch nicht jede Sanierung verläuft ohne Konflikte. Die Sanierung und Erweiterung der Frick Collection in New York durch Annabelle Selldorf zeigt, wie sensibel Denkmalschutz und moderne Architektur zusammenspielen können. Als bekannt wurde, dass das Gebäude saniert und erweitert werden sollte, lagen die Nerven blank. Selldorf entwarf einen Anbau mit großzügigen Schauräumen und brachte Ordnung ins verschachtelte Foyer, ohne ihre Architektur in den Vordergrund zu drängen. Das Ergebnis bewahrt die Liebe der Menschen zum Gebäude.

Ähnlich sensibel war der Umbau des Ateliers des Architekten Hannes Peer. Es befindet sich in einer ehemaligen Druckerei. Während das Äußere unverändert blieb (wie vor fünfzig Jahren), ist das Innere ein Ort steter Verwandlung. Er entkernte den Raum und goss einen Boden aus auberginefarbenem Kunstharz. Dies zeigt, dass selbst in historischen Fassaden radikale innere Veränderungen möglich sind, um einen privaten, experimentellen Raum zu schaffen.

Materialien und Haltbarkeit: Ein Überblick basierend auf den Projekten

Die Wahl der Materialien entscheidet über den langfristigen Erfolg einer Sanierung. Die analysierten Projekte setzen auf Langlebigkeit und Authentizität. Die folgende Tabelle fasst die in den Quellen genannten Materialien und ihre Anwendungen zusammen:

Material / Element Anwendungsbereich / Projekt Eigenschaft / Zweck
Lehmputz & Hanfkalk Sanierung Pferdestall (Leipzig) Ökologisch, authentisch, "Less is more less but authentic".
Alte Balken & Ziegel Sanierung Pferdestall (Leipzig) Bewahrung der Rohsubstanz, historischer Charakter.
Holz (Fassade/Dach) Sanierung Pferdestall (Leipzig) Schutz und traditionelle Verschalung.
Eisen (Geländer) Townhouse New York (Festen) Maßanfertigung, handwerkliche Kunstfertigkeit, zeitloser Charme.
Bronze (Tische) Townhouse New York (Festen) Hochwertig, bildet Patina.
Lack (Kopfende) Townhouse New York (Festen) Künstlerische Ausführung (Lackkünstler aus Kyoto), Raffinesse.
Keramikfliesen Altbauwohnung München (Thatenhorst) Akzentuiert, ersetzt ramponiertes Parkett, erhält Proportionen.
Parkett (alt) Altbauwohnung München (Thatenhorst), Altbauwohnung München (Batek) Erhalten, dunkel gebeizt, aufgearbeitet.
Auberginefarbenes Kunstharz Atelier Hannes Peer Bodenguss, radikale innere Verwandlung.
Glaswände (verspiegelt) Bürokomplex (Berlin) Sichtschutz, dennoch Lichtdurchlässigkeit durch Spiegelung.
Wollstoffe (kariert) Kapelle Zinal (Simonin/Gasser Siggen) Wertstiftend, akzentuiert, bezieht sich auf Dorfgeschichte.

Fazit

Die Analyse der architektonischen und gestalterischen Projekte zeigt, dass erfolgreiche Sanierungen im 21. Jahrhundert von einem fundamentalen Prinzip geleitet sind: der Synthese von Respekt vor der historischen Bausubstanz und dem Mut zu innovativen, zeitgemäßen Lösungen. Egal ob es sich um eine denkmalgeschützte Townhouse, einen umfunktionierten Stall oder eine kleine Kapelle handelt – der Erfolg liegt im sensiblen Eingriff.

Für Bauherren und Planer ergeben sich daraus klare Handlungsmaximen: 1. Analyse vor dem Eingriff: Verstehen Sie die ursprüngliche Struktur und Geschichte des Gebäudes. 2. Licht als Gestaltungselement: Nutzen Sie große Öffnungen, Galerien oder Dachausbauten, um Licht in historische Räume zu bringen. 3. Materialität und Patina: Setzen Sie auf hochwertige, natürliche Materialien wie Holz, Bronze oder Lehm, die im Alter an Wert und Charakter gewinnen. 4. Proportionen respektieren: Veränderte Grundrisse sollten die ursprünglichen Proportionen nicht zerstören, sondern interpretieren.

Die genannten Beispiele belegen, dass Architektur und Innenarchitektur nicht nur der Bewahrung dienen, sondern auch eine Bühne für moderne Kunst, Design und Lebensweise schaffen können.

Quellen

  1. AD Magazin - Renovieren & Umbauen

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