Energetische Sanierung von Bestandsgebäuden: Strategien, Technologien und Förderung im Überblick

Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden stellt eine zentrale Herausforderung und zugleich eine Chance für Eigentümer von Immobilien dar. Angesichts steigender Energiepreise und verschärfter Klimaschutzvorgaben gewinnt die Optimierung des Energieverbrauchs bestehender Bausubstanz stetig an Bedeutung. Insbesondere im ländlichen Raum, wo oft ein Anschluss an zentrale Wärmenetze fehlt, stehen Eigentümer vor der Entscheidung, wie sie ihre Immobilien zukunftsfähig gestalten können. Eine Initiative der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Holzminden zeigt auf, wie eine moderne, effiziente und bezahlbare Wärmewende auch ohne massive Eingriffe in die Bausubstanz gelingen kann.

Die folgende Analyse beleuchtet die verschiedenen Aspekte einer energetischen Sanierung, basierend auf Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Projekten, Fachvorträgen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Fokus liegt dabei auf praktischen Lösungsansätzen für Einfamilienhäuser, die energetische Ertüchtigung von Fachwerkbauten sowie die Bedeutung von Sanierungsfahrplänen und Fördermöglichkeiten.

Die Herausforderung: Altbauten im Fokus der Wärmewende

Deutschland verfügt über einen großen Bestand an Wohngebäuden, die energetisch deutlich unter dem heutigen Standard liegen. Besonders Häuser aus den Baualtersklassen der 1930er und 1960er Jahre weisen oft einen hohen Heizwärmebedarf auf. Die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere das Gebäudeenergiegesetz (GEG), setzen klare Vorgaben. Laut dem GEG sind Eigentümer von Altbauten zu bestimmten baulichen Maßnahmen verpflichtet. Dazu zählen die Dämmung des Daches bzw. der obersten Geschossdecke sowie die Isolierung offener Heizungs- und Warmwasserrohre in unbeheizten Bereichen. Zudem muss eine bestehende Öl- oder Gasheizung ausgetauscht werden, wenn sie älter als 30 Jahre ist; Ausnahmen gelten nur für Niedertemperatur- oder Brennwertkessel.

Diese Vorgaben schaffen einen Handlungsdruck, aber auch Unsicherheit bei den Eigentümern. Wie kann eine Sanierung effizient umgesetzt werden, ohne die finanzielle Belastung exorbitant zu steigern? Eine Studie im Rahmen der HAWK-Veranstaltungsreihe „Wärmewende ohne Heizungshammer“ hat sich genau diesen Fragen angenommen. Masterstudierende des Studiengangs „Energieeffizientes und nachhaltiges Bauen“ untersuchten exemplarisch Einfamilienhäuser aus den genannten Baualtersklassen. Sie analysierten, welcher erste Schritt zur Dekarbonisierung – sei es der Austausch der Heizung oder eine verbesserte Wärmedämmung – die größte Wirkung bei welchen Kosten entfaltet.

Zentrale vs. dezentrale Wärmeversorgung: Eine kritische Betrachtung

Ein Kernthema der Debatte ist die Wahl der Wärmeerzeugung. Grundsätzlich wird zwischen einer zentralen Wärmeerzeugung (z. B. über ein Nahwärmenetz) und dezentralen Lösungen (z. B. einzelne Wärmepumpen pro Haus) unterschieden. Die HAWK-Veranstaltungsreihe beleuchtete das Pro und Contra beider Ansätze.

Eine zentrale Lösung, wie sie in städtischen Gebieten oder großen Siedlungen diskutiert wird, verlagert die kostenintensiven Maßnahmen der Wärmewende auf einen Energiedienstleister. Für den Hausbesitzer entfällt zunächst die Investition in eine eigene Heizanlage. Allerdings ist die Realisierung solcher Projekte oft komplex. Im Raum Holzminden beispielsweise bestehen laut den Vorstellungsergebnissen wenig Hoffnungen auf einen mittelfristigen Anschluss an ein Wasserstoffnetz. Die Durchleitung von Wasserstoff durch bestehende Erdgas-Verteilnetze erfordert massive Investitionen. Auch die Verfügbarkeit von aufbereitetem Biogas ist in vielen Regionen nicht ausreichend.

Die Nutzung der Weser als Wärmequelle für eine zentrale Großwärmepumpe wurde ebenfalls kritisch bewertet. Berechnungen zeigten, dass aufgrund der hohen Vorlauftemperatur im Wärmenetz etwa 28 Prozent mehr grüner Strom erforderlich wären als für dezentrale Wärmepumpen. Diese Ineffizienz stellt eine ökonomische und ökologische Hürde dar.

Im Kontrast dazu steht die dezentrale Lösung mit Wärmepumpen in jedem Haus. Diese erfordert zwar Investitionen seitens der Hausbesitzer, ist in der Betriebsphase jedoch kostengünstiger. Zudem ist die Effizienz von Wärmepumpen deutlich höher als die von Verbrennungskesseln. Prof. Dr. Wessel Gehlker, ehemaliger Dozent der HAWK, gab in seiner Vorlesung eine niederschwellige thermodynamische Begründung, warum Wärmepumpen wesentlich effizienter Wärme bereiten können als Geräte, die Brennstoff verbrennen. Sie nutzen Umweltenergie und benötigen lediglich Strom für den Verdichtungsprozess, wodurch eine deutlich bessere Energiebilanz entsteht.

Praxisbeispiele: Sanierung von Einfamilienhäusern und Fachwerkbauten

Die theoretische Betrachtung muss sich in der Praxis bewähren. Die HAWK-Veranstaltungsreihe bot daher konkrete Einblicke in Fallbeispiele.

Einfamilienhäuser der 50er und 60er Jahre

Ein Schwerpunkt lag auf kleinen Wohnhäusern, die zwischen 1949 und 1968 erbaut wurden. Johannes Backsmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter und ehemaliger Student, präsentierte Ergebnisse seiner Masterarbeit. Er untersuchte anhand einfacher Einfamilienhäuser aus verschiedenen Baualtersklassen, welche Energieeinsparungen mit typischen Sanierungsmaßnahmen (Dach, Fenster etc.) üblicherweise erreicht werden können. Erkenntnisse dieser Art sind entscheidend für Hauseigentümer, da sie bei der Entscheidung über Schritte und Reihenfolge von Sanierungsmaßnahmen helfen.

Ein Beispiel aus der Veranstaltung zeigte, wie selbst ältere Gebäude mit hohem Heizwärmebedarf effizient mit einer Wärmepumpe verbessert werden können. Die Studierenden berichteten nicht nur von der Planung und dem Einholen von Angeboten, sondern auch von der Ausführung und den Veränderungen hinsichtlich Betriebskosten und Nutzungskomfort. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die Dämmung. Werden mehr als ein Drittel der Fenster ausgetauscht oder mehr als ein Drittel der Dachfläche oder der Fassade gedämmt, greift laut GEG die Pflicht zur Erstellung eines Lüftungskonzepts. Dies ist eine wichtige Planungsgröße, die den Komfort und die Energieeffizienz langfristig sichert.

Historisches Fachwerk energetisch sanieren

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Sanierung von Fachwerkhäusern, die unter Denkmalschutz stehen können. Für diese Gebäude gelten Sonderregelungen im GEG. Das Projekt „Fachwerk 4.0“ in Zusammenarbeit mit der Stadt Duderstadt und der Geschäftsstelle Fachwerk5Eck in Northeim zielt darauf ab, den historischen Fachwerkbestand in Niedersachsen zukunftsfähig zu machen. Hierbei werden innovative Technologien in die regionale Praxis übertragen.

Ein zentraler Baustein des Projekts ist die energetische Teilsanierung des historischen Duderstädter Heimatmuseums. Ziel ist es, den Bestand zu erhalten und gleichzeitig den Energiebedarf zu senken, ohne die Bausubstanz zu gefährden. Dies erfordert spezielle Sanierungstechniken, die auf die Materialeigenschaften von Holz und altem Mauerwerk abgestimmt sind.

Das Reallabor: Forschung für die Praxis

Um Sanierungsmaßnahmen wissenschaftlich fundiert zu begleiten und praxistaugliche Lösungen zu entwickeln, wurde an der HAWK ein Reallabor eingerichtet (DigiWoBe – Digitale Werkzeuge für die Wohnumfeldentwicklung). Dieses Labor wird gemeinsam mit der Stadt Duderstadt und dem Fachwerk5Eck betrieben und verbindet Forschung, Lehre und experimentelle Erprobung.

Die Arbeit des Reallabors gliedert sich in drei Schwerpunkte: 1. Forschung und Lehre: Hier wird der thermische Komfort, die Energieeffizienz und die Sanierungsentscheidungen von Eigentümer*innen untersucht. Es geht also nicht nur um Technik, sondern auch um menschliches Verhalten und Akzeptanz. 2. Experimentelle Erprobung: In realitätsnah eingerichteten Räumen (typischen Wohn- und Schlafräumen) finden Probandenexperimente statt. Diese liefern Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Komfort, Kosten und Investitionsbereitschaft. 3. Transfer in die Praxis: Die Ergebnisse fließen in neue Förderkonzepte, Beratungsangebote und digitale Werkzeuge ein, die auch Kommunen und Förderinstitutionen nutzen können.

Die technische Ausstattung ist modern. Ein vernetztes Mess- und Monitoring-System erfasst Daten zu Raumklima, Energieverbrauch und Bausubstanz. Zudem entsteht mit Hilfe von Machine Learning eine Simulationsumgebung – ein „digitaler Zwilling“. Dieses Tool ermöglicht es, Sanierungsszenarien abzubilden und die Wirkung von Maßnahmen überprüfbar zu machen, bevor teure Investitionen getätigt werden.

Der Weg zur Sanierung: Planung und Finanzierung

Für Eigentümer stellt sich oft die Frage nach dem richtigen Vorgehen. Die Expertise der HAWK und die rechtlichen Vorgaben bieten hier einen klaren Wegweiser.

Schritt 1: Individueller Sanierungsfahrplan

Der erste und wichtigste Schritt ist die Erstellung eines individuellen Sanierungsfahrplans. Ein Experte für Energieeffizienz analysiert das Gebäude und legt fest, welche Maßnahmen in welcher Reihenfolge sinnvoll sind. Dieser Fahrplan dient als Grundlage für die weitere Planung. Die HAWK-Veranstaltungsreihe empfiehlt diesen Fahrplan ausdrücklich, kann ihn aber als Informationsveranstaltung nicht ersetzen. Ziel der Vorträge ist es, Betroffenen Informationen zu vermitteln, die sie für ihr weiteres Vorgehen nutzen können.

Schritt 2: Maßnahmen planen und Angebote einholen

Basierend auf dem Fahrplan müssen die konkreten Maßnahmen geplant werden. Je nach Alter, Zustand des Hauses und dem Ausmaß der Bauvorhaben variieren die Kosten erheblich. Es ist ratsam, verschiedene Angebote einzuholen und Preise sowie Leistungen genau zu vergleichen. Dabei muss der Eigentümer entscheiden, was gewünscht und finanziell machbar ist. Eine kleine Sofortmaßnahme, beispielsweise die Dämmung der Kellerdecke, kann schon zu begrenzten Kosten und mit staatlichen Fördermitteln etwa die Hälfte der klimaschädlichen Emissionen vermeiden.

Schritt 3: Finanzierung prüfen und Förderung beantragen

Finanzierung ist ein entscheidender Faktor. Kalkulationen des Eigenkapitals und der zu erwartenden Belastung müssen realistisch sein. Zusätzliche Fördermittel sind ein wichtiger Hebel. Wichtig ist die Reihenfolge: Förderungen müssen beantragt werden, bevor Verträge mit Handwerkern geschlossen oder Kaufverträge unterzeichnet werden. Fördergeber sind unter anderem die KfW, das Bafa (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) oder Länderebene.

Schritt 4: Sanierung ordnungsgemäß umsetzen

Wurde eine Förderung beantragt, ist die Einbindung qualifizierter Handwerksbetriebe essenziell. Die sachgemäße Ausführung der Maßnahmen muss abschließend vom Energieeffizienz-Experten bestätigt werden, um die Förderfähigkeit zu sichern. Dennoch ist es für Hausbesitzer möglich, einzelne Maßnahmen in Eigenleistung durchzuführen, sofern sie über das nötige Know-how verfügen.

Sonderfall Schulgebäude: Skalierbare Lösungen für den öffentlichen Raum

Nicht nur private Wohngebäude stehen im Fokus der energetischen Sanierung. Auch öffentliche Gebäude wie Schulen sind ein wichtener Bestandteil der Wärmewende. Das Projekt „Zukunftsforum Green Building“ der HAWK, des Landkreises Holzminden und der Klimaschutzagentur Weserbergland beschäftigt sich mit der Frage, wie Schulgebäude klimaneutral, wirtschaftlich und mit möglichst geringem Eingriff in den Schulbetrieb saniert werden können.

Im Fokus stehen hier sogenannte Sanierungsschablonen. Das sind vorgefertigte, übertragbare Musterlösungen, die sich an typischen Baualtersklassen orientieren. Ziel ist es, energetische Sanierungen effizient, bezahlbar und in hoher Qualität umzusetzen. Der Ansatz, Lösungen zu standardisieren und auf verschiedene Gebäude zu übertragen, könnte ein Schlüssel sein, um die Sanierungswirtschaft effizienter zu gestalten und Kosten zu senken.

Fazit

Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden ist eine komplexe, aber notwendige Aufgabe. Die Erkenntnisse der HAWK und ihrer Projektpartner zeigen, dass ein pragmatischer, auf das einzelne Gebäude zugeschnittener Ansatz erfolgversprechend ist.

Zentrale Erkenntnisse sind: 1. Dezentrale Lösungen sind oft effizienter: Insbesondere in Regionen ohne Anschluss an zukünftige Wasserstoffnetze oder große Nahwärmeinfrastrukturen sind Wärmepumpen im Einzelhaus oftmals die wirtschaftlichste und energetisch sinnvollste Lösung. 2. Wissenschaftliche Begleitung schafft Sicherheit: Reallabore und digitale Zwillinge helfen, Sanierungsmaßnahmen zu simulieren und Risiken zu minimieren. Sie liefern Daten, die für Investitionsentscheidungen unerlässlich sind. 3. Planung ist alles: Ein individueller Sanierungsfahrplan bildet die Basis. Er zeigt auf, welche Maßnahmen (Dämmung, Fenstertausch, Heizungstausch) in welcher Reihenfolge den größten Effekt bringen. 4. Förderung nutzen: Staatliche Förderprogramme sind ein wichtiger Baustein, um die hohen Investitionskosten zu stemmen. Die richtige Beantragung vor Vertragsabschluss ist dabei entscheidend. 5. Denkmalschutz ist kein Hindernis: Auch historische Fachwerkhäuser können energetisch saniert werden, wenn innovative Technologien und spezielle Sanierungskonzepte zum Einsatz kommen.

Für Eigentümer von Immobilien bleibt die Devise: Handeln ist notwendig, aber es muss mit Köpfchen geschehen. Die Informationen, die durch Initiativen wie die der HAWK bereitgestellt werden, sind ein wertvoller Schritt, um die Wärmewende ohne „Heizungshammer“ – also ohne massive finanzielle oder bauliche Belastungen – zu meistern.

Quellen

  1. HAWK: HAWK informiert am 14. Februar über energetische Sanierung von Wohngebäuden
  2. HAWK: HAWK in Holzminden informiert über energetische Sanierung von Einfamilienhäusern
  3. HAWK: Historisches Fachwerk energetisch sanieren
  4. HAWK: HAWK Veranstaltungsreihe „Wärmewende ohne Heizungshammer“ gestartet
  5. ADAC: Energetische Sanierung
  6. HAWK: HAWK-Veranstaltungsreihe lädt am 13. November zur vierten Auflage ein
  7. Klimaschutzagentur: Neue Wege für die energetische Sanierung von Schulgebäuden
  8. HAWK: Reallabor Fachwerk 4.0

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