Einleitung
Die Sanierung des historischen Stadtschlosses in Wiesbaden, Sitz des Hessischen Landtags, stellt ein komplexes Bauvorhaben dar, das die Schnittmengen von Denkmalschutz, moderner Gebäudetechnik und Schadstoffsanierung aufzeigt. Das Projekt, verwaltet durch den Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen, umfasst die schrittweise Instandsetzung eines Gebäudes aus dem Jahr 1842. Die Maßnahmen zielen darauf ab, die Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig die Anforderungen an einen modernen Parlamentsbetrieb zu erfüllen. Dieser Artikel beleuchtet die technischen, rechtlichen und organisatorischen Aspekte dieser Sanierung, basierend auf den verfügbaren Informationen zu den Bauabschnitten.
Die Ausgangslage: Ein denkmalgeschütztes Ensemble
Das Stadtschloss Wiesbaden, erbaut im Jahr 1842 (nach anderen Quellen 1841), ist ein denkmalgeschütztes Gebäude, das ursprünglich als herzogliche Residenz diente. Heute wird es als Dienstgebäude des Hessischen Landtags genutzt. Das Bauvorhaben ist in mehrere Bauabschnitte unterteilt, um den laufenden Betrieb des Landtags so weit wie möglich aufrechtzuerhalten.
Der erste Bauabschnitt konzentrierte sich auf die Beseitigung von Hausschwamm im Dachstuhl und die brandschutztechnische Ertüchtigung des Gebäudes. Dabei wurde das Dachgeschoss inklusive der Konstruktion überwiegend erneuert. Ein zentrales Problem war das Eindringen von Feuchtigkeit, welches die Holzschädlinge begünstigte. Ziel der Sanierung ist es, die historische Bausubstanz zu sichern und die Nutzungsdauer des Gebäudes nachhaltig zu verlängern.
Bauabschnitt II: Sanierung der Innenräume und Fassaden
Der aktuell durchgeführte zweite Bauabschnitt erweitert die Sanierungsmaßnahmen auf die Innenraumschale im Keller-, Erd- und 1. Obergeschoss sowie auf die Außenfassaden. Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt hierbei auf der aufwändigen Sanierung der wandfesten Ausstattung.
Historische Oberflächen und Materialien
Die Herausforderung bei der Instandsetzung liegt in der Vielzahl der historischen Oberflächen, die erhalten werden müssen. Dazu gehören: - Unterschiedlich aufwändige Parkette - Historische Terrazzoböden - Sandsteinböden - Holzverkleidungen (Lambris) - Wandmalereien - Putze und Verglasungen - Keramische Oberflächen
Die Sanierung dieser Materialien erfordert spezielle Kenntnisse im Umgang mit historischen Baustoffen und muss im Einklang mit den Vorgaben der Denkmalpflege erfolgen.
Technische Gebäudeausrüstung (TGA) und Brandschutz
Eine der größten Herausforderungen moderner Sanierungen in historischen Gebäuden ist die Integration neuer Technik in die alte Bausubstanz. Im Fall des Stadtschlosses umfassen die Planungsleistungen für die Technische Ausrüstung (gem. § 53 HOAI 2021) die Leistungsphasen 1 bis 9.
Heizung, Lüftung und Sanitär
Die technischen Anlagen für Heizung (HKLS), Lüftung und Sanitär müssen im Kellergeschoss angebunden und in die bestehenden Gebäude integriert werden. Besonders relevant ist hierbei die Notwendigkeit, im laufenden Betrieb zu arbeiten. Dies erfordert eine sorgfältige Koordination der Fachplanung (Bauphysik, ELT, Architektur, Restauratorik).
Brandschutzmaßnahmen
Ein wesentlicher Teil der Ertüchtigung betrifft den Brandschutz. Die Maßnahmen umfassen: - Einbau einer flächendeckenden Brandmeldeanlage - Herstellen von Brandabschnitten und Brandschutzabschottungen - Sicherstellung von Rauchdichtigkeit bei Bauteildurchdringungen
Diese Maßnahmen sind essenziell, um die Sicherheit im Parlamentsbetrieb zu gewährleisten, müssen aber unter den Bedingungen eines denkmalgeschützten Gebäudes umgesetzt werden.
Schadstoffe: Das Problem mit Blei
Bei Sanierungsarbeiten im Stadtschloss wurde eine erhöhte Bleibelastung im Hausstaub festgestellt. Solche Funde sind in historischen Gebäuden dieser Epoche nicht ungewöhnlich, da Blei früher in vielen Bauprodukten (z. B. Anstrichen, Dachdeckungen, Rohrleitungen) eingesetzt wurde.
Maßnahmen und Auswirkungen
Die Entdeckung führte zu einer Unterbrechung der Bauarbeiten und der Sperrung bestimmter Bereiche (Kuppelsaal, Musiksaal) sowie des angrenzenden Plenargebäudes für Messungen. Obwohl der Parlamentsbetrieb im Neubau nicht betroffen war, erfordert der Umgang mit bauzeitlichen Schadstoffen ein besonderes Schutzkonzept für die Bauarbeiter und zukünftige Nutzer. Die Sanierung muss daher umfassende Sicherheitsvorkehrungen und ggf. eine spezielle Entsorgung der belasteten Materialien beinhalten.
Organisation und Zeitplan
Die Sanierung wird unter laufendem Betrieb durchgeführt, was eine komplexe Logistik erfordert.
Zeitlicher Ablauf
Laut den vorliegenden Informationen gestaltet sich der Zeitplan wie folgt: - Sommer 2017: Umzug der Verwaltung aus dem Stadtschloss. - Oktober 2017: Aufbau von Containern für die Interimsunterbringung in den Innenhöfen. - Frühjahr 2018: Beginn der Baustelleneinrichtung und Rohbauphase. - Herbst 2026: Geplante Fertigstellung der neuen Büros im ersten Bauabschnitt.
Es ist geplant, dass der zweite Bauabschnitt die Sanierung der Innenräume im Keller-, Erd- und 1. Obergeschoss sowie die Einrichtung eines Besucherzentrums mit Ausstellungskonzept im Erd- und 1. OG umfasst.
Kostenentwicklung
Die Kosten für den ersten Bauabschnitt werden im Frühjahr 2025 auf mindestens 45 Millionen Euro geschätzt. Aufgrund der historischen Bausubstanz sind unvorhergesehene Maßnahmen jederzeit möglich, was zu zusätzlichen Kosten führen kann. Zudem sind die Baupreise seit 2020 sehr unbeständig, was weitere Kostensteigerungen wahrscheinlich macht. Die Notwendigkeit, zusätzliche Raumbereiche zu sanieren, da sich die Schadensausweitung während der Arbeiten zeigte, hat bereits zu einer Erhöhung des Auftragsvolumens geführt.
Logistik und Umgebung
Um die Auswirkungen auf Anwohner und Gewerbetreibende zu minimieren, wird ein Baugerüst an der Marktstraße mit einer Verkleidung versehen. Die Zu- und Abfahrt der Baustelle erfolgt über die Straße "An den Quellen".
Fazit
Die Sanierung des Hessischen Landtags im Wiesbadener Stadtschloss ist ein Musterbeispiel für die Herausforderungen, die bei der Revitalisierung historischer Bausubstanz entstehen. Die Kombination aus Denkmalschutz, der Notwendigkeit zur Schadstoffsanierung (Blei) und der Integration moderner Technik erfordert einen hohen Planungsaufwand und eine flexible Durchführung. Das Projekt zeigt, dass die Erhaltung von Kulturgut mit erheblichen finanziellen Mitteln und einer langfristigen Planung verbunden ist. Für Bauherren und Planer in vergleichbaren Kontexten unterstreicht der Fall die Wichtigkeit von Voruntersuchungen auf Schadstoffe und eine enge Abstimmung mit den Denkmalbehörden von Anfang an.
Quellen
- PKP Ingenieure - Referenz Stadtschloss Wiesbaden
- PTAI - Hessischer Landtag Sanierung
- Ausschreibungen Deutschland - Technische Planungsleistungen
- Frankfurter Rundschau / FNP - Erhöhte Bleibelastung
- Goedeking - Projekte Hessischer Landtag
- Hessischer Landtag - Der Landtag baut
- Hessischer Landtag - Auf einen Blick