Die Sanierung und Restaurierung von historischen Ausstellungsstücken stellt eine der größten Herausforderungen im modernen Denkmalschutz und im Bauwesen dar. Insbesondere wenn es sich um einzigartige, über 100 Jahre alte Konstruktionen handelt, die sowohl kunsthistorischen als auch naturwissenschaftlichen Wert besitzen. Ein herausragendes Beispiel für eine solche komplexe Bau- und Restaurierungsmaßnahme ist die umfangreiche Sanierung der Darmstädter Dioramen im Hessischen Landesmuseum Darmstadt (HLMD).
Dieser Artikel beleuchtet die technischen und organisatorischen Aspekte dieser aufwendigen Restaurierung, die von der Firma Objekt-Gestaltung über einen Zeitraum von 2,5 Jahren realisiert wurde. Er richtet sich an Bauherren, Handwerker und Immobilienbesitzer, die sich für die Konservierung historischer Bausubstanz, die Koordination von Gewerken und die Anwendung spezieller Restaurierungstechniken interessieren.
Das Objekt: Historische und denkmalgeschützte Dioramen
Die Darmstädter Dioramen im Hessischen Landesmuseum Darmstadt zählen zu den wenigen in Europa, deren Aufbau und Ausführung noch dem Originalzustand der Errichtung Anfang des 20. Jahrhunderts entsprechen. Konzipiert wurden sie im Zuge des Museumsbaus von 1897 bis 1906 durch den Architekten Alfred Messel und den damaligen Kustos für Zoologie, Gottlieb von Koch.
Bereits 1898 begann der Präparator Karl Küsthardt mit dem Aufbau der Dioramen, die damals als „Tiergeographische Gruppen“ bezeichnet wurden. Es handelt sich um zehn zoologische Dioramen, die im Erdgeschoss des Messelbaus ausgestellt sind. Besonders bemerkenswert ist die konzeptionelle Einheit: Während die Dioramen europäischer Lebensräume detailliert konstruierte Landschaftselemente aufweisen, sind die vier Dioramen für Südamerika, Afrika, Asien sowie Australien & Neuseeland durch schematisch angedeutete Landschaften charakterisiert. Diese abstrahierte Darstellung, die keinen Anspruch auf eine naturnahe Abbildung des Lebensraums erhob, galt ihrerzeit als revolutionär.
Trotz der Schäden, die im Zweiten Weltkrieg entstanden, sind die Darmstädter Dioramen weitgehend in ihrem Ursprungszustand erhalten und nehmen damit international eine einzigartige Sonderstellung ein. Ihr Erhalt war das zentrale Ziel der Sanierungsmaßnahmen.
Der Kontext: Umfassende Sanierung des Hessischen Landesmuseums
Die Restaurierung der Dioramen fand nicht isoliert statt, sondern war Teil einer der größten Museumssanierungen in der jüngeren deutschen Geschichte. Das HLMD, ein Universalmuseum mit umfangreichen Sammlungen der Kunstgeschichte, Paläontologie, Zoologie und Mineralogie, befand sich in einem historischen Gebäudekomplex, der dringend modernisiert werden musste.
Die Notwendigkeit der Sanierung
Die Situation des Museums war prekär. Die Raumreserven wurden ständig weniger, und die Museumsräume bedurften dringend einer Instandsetzung. Zudem stiegen die Anforderungen an Brandschutz und Arbeitssicherheit, was eine gründliche Erneuerung und Vergrößerung des Museumsbaus immer dringender machte. 2002 entschied das Land Hessen, das HLMD zu sanieren und zu erweitern. Ziel war ein zeitgemäßes und zukunftsfähiges Museum mit ausreichend Platz für Exponate, Sonderausstellungen, Lagerflächen, Museumspädagogik, Shop und Café.
Die Herausforderung des Umzugs
Eine logistische Meisterleistung war der vorbereitende Umzug der Sammlungen. Fast eine Million Ausstellungstücke wurden innerhalb eines Jahres bis Anfang 2009 behutsam verpackt und aus dem Museum gebracht. Dieser Vorgang wurde als einer der größten Museumsumzüge nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Erst anschließend konnten im Juli 2009 die eigentlichen Bauarbeiten beginnen.
Das historische Museumsgebäude (Messelbau) wurde neu strukturiert, denkmalschutzgerecht modernisiert und mit neuen technischen Anlagen ausgestattet. Für Instandsetzung und Erweiterung wurden insgesamt 51,5 Millionen Euro investiert, zusätzlich 12,5 Millionen Euro für die Museumsausstattung.
Projektmanagement und Koordination der Gewerke
Ein zentraler Aspekt bei einer Sanierung dieser Größenordnung ist die Koordination der verschiedenen Gewerke. Die Restaurierung der Dioramen wurde von der Firma Objekt-Gestaltung übernommen, die in diesem Projekt die Rolle des Koordinators übernahm.
Phasen der Restaurierung
Ursprünglich war geplant, die Tierpräparate nur zu säubern und grob zu reparieren – also eine reine Objektsicherung durchzuführen. Das Ziel war, die kompletten Tierpräparate zu dokumentieren, zu säubern, Schadinsekten abzutöten und größere Beschädigungen zu sichern. Im Laufe der Arbeiten wurde jedoch klar, dass die Dioramen nicht in ihrem damaligen Zustand bleiben konnten. Das Alter, die Weltkriege und Umbaumaßnahmen im Gebäude hatten ihre Spuren hinterlassen.
Daher weitete sich das Projekt zu einer Komplettrestaurierung aus, die folgende Arbeitsschritte umfasste:
- Dokumentation: Bevor die Restaurierungsarbeiten in den Dioramen-Landschaften aufgenommen wurden, erfolgte eine ausführliche Dokumentation der Räume in Bild und Schrift. Alle Schäden wurden gesichtet und fotografiert. Diese Bilder dienten als Vorlage für die Instandsetzungsarbeiten, da oft große Flächen rekonstruiert werden mussten.
- Entnahme und Sicherung: Bei der Entnahme der Exponate wurden Standort, Blickrichtung und Montage genau dokumentiert, um eine originalgetreue Wiedereinbringung zu gewährleisten.
- Restaurierung der Präparate: Unter Anleitung erfolgte die Restaurierung der Tierpräparate. Einige Teile, wie trübe Glasaugen, stark verblasste Farben, abstehende Hautschuppen und Hautrisse, wurden mit großem Mehraufwand aufgearbeitet.
Herausforderungen bei der Begehbarkeit
Eine besondere Herausforderung lag in der Begehbarkeit der Landschaften. Die Dioramen wurden damals mit Jute, Zeitung und Gips auf ein Ständerwerk aus Holzbrettern und Maschendraht gebaut. Diese Konstruktion war äußerst fragil. Um neue Schäden beim Bestücken der Dioramen zu vermeiden, wurden zunächst die Präparate gesetzt, die nicht auf dem Boden stehen. Anschließend wurde der Boden koloriert, da man mit Leiterstellungen arbeiten musste.
Die Oberflächen der Landschaften wurden mit neuen Werkstoffen dem Original nachempfunden und entsprechend mit Pigment und Bindemittel koloriert. Die Malereien wurden vorsichtig gereinigt, Risse repariert und große Schäden vom Spezialisten behandelt. Teilweise musste sogar im Mauerwerk verpreßt werden.
Technische und konservatorische Maßnahmen
Die Restaurierung der Darmstädter Dioramen ist ein Paradebeispiel für die Schnittstelle zwischen Handwerk, Kunst und Wissenschaft. Die Arbeiten wurden in enger Absprache mit der Museumsleitung und externen Firmen durchgeführt.
Präventive Konservierung
Das HLMD verfügt über sieben Restauratorinnen, die sich um diverse Objekte kümmern. Zu ihren Hauptaufgaben gehören das Konservieren und Restaurieren sowie Tätigkeiten im Rahmen von Ausstellungen und der präventiven Konservierung. Letztere hat die Verbesserung der Ausstellungs- und Aufbewahrungsbedingungen zum Ziel, um das Kunst- und Kulturgut zu erhalten, ohne unmittelbare Eingriffe am Objekt vorzunehmen. Dazu zählen Konzepte zur Lagerung, alterungsbeständige Verpackung, Kontrolle des Raumklimas und der Beleuchtung sowie Schutz vor Schädlingsbefall. Diese Grundsätze wurden auch bei der Dioramen-Restaurierung berücksichtigt.
Materialien und Techniken
Die ursprünglichen Materialien waren oft preiswert und nicht langlebig. Bei der Restaurierung kamen moderne Werkstoffe zum Einsatz, die den Originalen in Aussehen und Struktur nachempfunden wurden, aber eine längere Haltbarkeit garantieren. Die Oberflächen der Dioramen-Landschaften wurden mit Pigmenten und Bindemitteln koloriert, um den originalen Zustand wiederherzustellen. Die Reinigung der Malereien und die Reparatur von Rissen erforderten ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl, um die historische Substanz nicht zu gefährden.
Koordination zwischen den Gewerken
Das Projekt zeigte, wie wichtig eine zentrale Koordination ist. Auf der Baustelle kamen viele, sich ständig ändernde Umstände zustande. Die Objekt-Gestaltung als Koordinatoren konnten die Realisierung, Planung und Koordination der einzelnen Gewerke zwischen den externen Firmen, dem HLMD und sich selbst erfolgreich umsetzen. Dies umfasste die Zusammenarbeit mit Plastikern, Malern, IT-Leuten und Präparatoren.
Der Wiederaufbau und die Wiedereröffnung
Nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten begann der aufwendige Wiederaufbau der Dioramen. Ein besonderes Projekt war der Neuaufbau und die Neukonzeption des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Polardioramas, der 2016 erfolgreich realisiert und wiedereröffnet wurde.
Die Fertigstellung des Messelbaus erfolgte im Herbst 2011, die Wiedereröffnung Mitte 2012. Die Architektur des Erweiterungsbaus, entworfen von Kleffel Papay Warncke, wurde so gestaltet, dass sie die Gebäudekanten und Kubatur des Messel-Baus übernimmt und eine klare, übersichtliche Einteilung der Ebenen bietet. Die Architektur des Erweiterungsbaus soll ein gleichwertiges Gegenstück zu dem historischen Museumsgebäude werden.
Das Auspacken und Einrichten der Räume ging trotz der notwendigen Vorsicht schneller als das Einpacken. Die Exponate, die teilweise auf weltweiter Museums-Wanderschaft waren oder an andere Museen ausgeliehen wurden, fanden ihren Weg zurück nach Darmstadt.
Fazit
Die Restaurierung der Darmstädter Dioramen im Hessischen Landesmuseum Darmstadt ist ein herausragendes Beispiel für die erfolgreiche Verbindung von Denkmalschutz, moderner Bautechnik und wissenschaftlicher Präzision. Das Projekt verdeutlicht die Notwendigkeit, historische Bausubstanz nicht nur zu erhalten, sondern durch gezielte Restaurierung und Anpassung an moderne Anforderungen (Brandschutz, Arbeitssicherheit) wieder nutzbar zu machen.
Für Bauherren und Immobilienbesitzer ist dieses Projekt eine wichtige Lektion in mehrfacher Hinsicht:
- Frühzeitige Planung und Dokumentation: Umfangreiche Voruntersuchungen und die lückenlose Dokumentation von Schäden sind die Grundlage für jede erfolgreiche Sanierung.
- Koordination der Gewerke: Bei komplexen Projekten ist ein zentraler Koordinator unerlässlich, um die unterschiedlichen Handwerksbetriebe und Spezialisten effizient zu steuern.
- Qualität der Materialien: Die Verwendung von Materialien, die dem Original nachempfunden sind, aber modernen Standards entsprechen, ist entscheidend für die Langlebigkeit von Renovierungen.
- Präventive Maßnahmen: Investitionen in präventive Konservierung (Klimakontrolle, Schutz vor Schädlingsbefall) können teure Restaurierungen in der Zukunft verhindern.
Die Sanierung des HLMD mit den Dioramen zeigt, dass auch unter schwierigsten Bedingungen – wie der Begehung fragiler alter Konstruktionen oder der Koordination während laufender Baustellen – durch professionelles Handeln und interdisziplinäre Zusammenarbeit herausragende Ergebnisse erzielt werden können. Das Ziel, die einzigartigen Dioramen für künftige Generationen zu erhalten, wurde durch die 2,5-jährige Arbeit der Restauratoren und Handwerker erfolgreich erreicht.