Sanierung oder Abriss? Die Entscheidungsschlacht um das Heubergbad in Wesel

Einleitung

Die Stadt Wesel steht vor einer komplexen und emotional besetzten Entscheidung bezüglich der Zukunft des Heubergbads. Ursprünglich 1965 als Stadtbad eröffnet und 1996 tiefgreifend umgestaltet, ist das Bad in die Jahre gekommen. Massive Schäden, insbesondere am Beckenkopf, führen zu Wassereintrag in das Kellergeschoss, was den Beton zersetzt und die Technik gefährdet. Diese Bauschäden sind auf die Kombination aus den ursprünglichen Fundamenten der 1960er Jahre und dem Umbau in den 1990ern zurückzuführen.

Parallel zum Verfall des alten Bades am Heubergpark schreitet der Neubau des Kombibads an der Rheinpromenade voran, dessen Eröffnung für den Sommer 2025 geplant ist. Mit der Fertigstellung des neuen Bades rückt der Abriss des Heubergbads in greifbare Nähe. Die politische und gesellschaftliche Debatte spitzt sich zu: Während die Verwaltung und Teile des Stadtrats den Abriss zur Schaffung von Wohnraum favorisieren, fordern Bürgerinitiativen und politische Gremien eine Sanierung oder eine umfassende Bürgerbeteiligung zur Findung alternativer Nutzungen. Der Konflikt dreht sich um die Frage, ob ein teurer Erhalt wirtschaftlich vertretbar ist und ob öffentliches Grün- und Freizeitgelände dem Gemeinwohl oder dem Wohnungsmarkt dienen soll.

Die Bausubstanz: Technische Defizite und Sanierungskosten

Die Probleme mit dem Heubergbad sind vor allem technischer Natur. Eine Bestandsaufnahme offenbarte massive Schäden an der Bausubstanz. Der Beckenkopf undicht, was dazu führt, dass Wasser in das Kellergeschoss sickert. Dieser Feuchtigkeitseintrag beschädigt nicht nur den Beton der Kellerwände, sondern stellt auch eine unmittelbare Gefahr für die technische Infrastruktur des Bades dar.

Die Ursache für diesen Zustand liegt in der Baugeschichte des Objekts. Als das Bad in den 1990er Jahren umgebaut wurde, geschah dies auf dem alten Kellerfundament aus den 1960er Jahren. Diese Konstruktion ist den heutigen Anforderungen und der Belastung durch das moderne Becken nicht mehr gewachsen.

Eine erste Untersuchung durch ein Fachbüro sah den Einbau eines Edelstahlbeckens vor. Bei weiteren Stichproben wurden jedoch erhebliche Mängel an der Betonkonstruktion festgestellt, die eine umfangreichere Sanierung des Kellers und den Einbau einer Zwangsentlüftung erfordern. Ein umfassendes Gutachten, das Transparenz über den genauen Zustand und die Berechnungsmodelle schaffen soll, liegt mittlerweile vor.

Die Kosten für eine Instandsetzung sind beträchtlich. Bereits im Jahr 2017 wurden Sanierungsarbeiten zur kurzfristigen Sicherung des Bades auf rund 700.000 Euro geschätzt. Eine Komplettsanierung wurde damals mit 10 Millionen Euro veranschlagt. Neuere politische Aussagen beziehen sich auf ein Gutachten, das Kosten zwischen rund fünf Millionen und einem zweistelligen Millionenbetrag prognostiziert. Konkret wird in diesem Zusammenhang von einem "Kostenbrocken" gesprochen. Die Entscheidung zwischen Sanierung und Abriss wird somit maßgeblich von diesen wirtschaftlichen Faktoren bestimmt, wobei die Wirtschaftlichkeitsberechnung für das Kombibad eine Rolle spielt.

Finanzielle Rahmenbedingungen und Verantwortlichkeiten

Ein zentraler Aspekt der Diskussion ist die Frage, wer die Kosten für Sanierung oder Abriss trägt. Grundsätzlich ist die Bädergesellschaft, eine Tochter der Stadtwerke Wesel, für die Finanzen verantwortlich. Diese Gesellschaft muss die Investitionen tätigen, was Auswirkungen auf den Gewinn hat, den die Stadtwerke normalerweise an die Stadt abführen.

Im Falle der Sanierung des Heubergbads winken jedoch Fördermittel aus Düsseldorf. Die Förderquote wird zwischen 50 und 70 Prozent der Gesamtkosten eingeschätzt. Sollten diese Gelder fließen, müsste die Bädergesellschaft deutlich weniger Eigenkapital investieren. Politische Vertreter wie Ludger Hovest (SPD) und Jürgen Linz (CDU) haben betont, dass eine Sanierung angesichts der Fördermöglichkeiten "absolut vertretbar" sei. Der Plan ist, einen Antrag auf Förderung zu stellen, um die Sanierung auf modernen Standard zu bringen und das Bad für die nächsten 25 Jahre fit zu machen.

Anders verhält es sich mit den Kosten für den Neubau des Kombibads. Diese belaufen sich auf 47,2 Millionen Euro, wovon rund 45 Millionen Euro durch die Bädergesellschaft getragen werden müssen. Da der Neubau bereits beschlossen und in Bau ist, sind diese Mittel bereits gebunden. Der Abriss des Heubergbads würde zusätzliche Kosten verursachen, die jedoch im Vergleich zu den Sanierungssummen von 10 Millionen Euro oder mehr wahrscheinlich geringer ausfallen. Die Stadt selbst möchte, wie in der Vergangenheit deutlich gemacht wurde, nicht direkt für die Sanierung zahlen, sondern verlässt sich auf die wirtschaftliche Kraft der Bädergesellschaft.

Politische Debatte: Wohnraum vs. Gemeinwohl

Die politische Landschaft in Wesel ist sich über die Zukunft des Areals uneins. Die Verwaltung und ein Großteil des Stadtrats haben sich bereits auf einen Kurs festgelegt: Der Abriss des Heubergbads soll Platz für neuen Wohnraum schaffen. Ein entsprechender Beschluss liegt vor. Als Begründung werden neben den baulichen Mängeln auch die zu vermeidenden Folgekosten eines Leerstands genannt.

Allerdings mehren sich die Gegenstimmen. Die Fraktion "Wir für Wesel!" (WfW) fordert einen Gestaltungswettbewerb, um die architektonische Qualität der geplanten Wohnbebauung zu steigern und den finanziellen Gewinn zu erhöhen. Obwohl der Bauverein bereits mit dem Projekt betraut scheint, wird durch den Wettbewerb eine Optimierung angestrebt. Der Abriss selbst wird von dieser Fraktion nicht mehr infrage gestellt.

Kritischer positionieren sich die Grünen und die FDP. Bereits 2024 forderten sie in einer Petition eine stärkere Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger in die Planungen – bisher ohne Erfolg. Die Grünen fordern explizit, dass die Fläche weiterhin dem Gemeinwohl dienen muss. Sie argumentieren, dass der Heubergpark die "grüne Lunge" der Stadt sei und die Innenstadt bereits jetzt stark verdichtet sei. Ein vierstöckiger Wohnblock an dieser exklusiven Lage am Parkrand würde nur einem kleinen Kreis der Bevölkerung zugutekommen, während die Allgemeinheit die grüne Fläche verlöre.

Als Alternative schlagen die Grünen vor, das bestehende Gebäude zu sanieren und für kulturelle oder soziale Zwecke zu nutzen. Eine weitere Idee ist, das Areal nach dem Abriss vollständig in den Park einzubeziehen und so die dringend benötigten Grünflächen in der Innenstadt zu vergrößern. Auch der Vorschlag, eine Kita auf dem Gelände zu errichten, wurde diskutiert, scheint aber nicht berücksichtigt zu werden.

Bürgerbeteiligung und Naturschutz

Neben den wirtschaftlichen und städtebaulichen Überlegungen spielt auch die Bürgerbeteiligung eine zunehmende Rolle. Die Grünen fordern die Bürgermeisterin auf, eine Agentur mit einer ergebnisoffenen Bürgerbeteiligung zu beauftragen. Das Ziel ist es, Ideen aus der Bürgerschaft zu sammeln und die Bevölkerung über Vorschläge abstimmen zu lassen. Es geht darum, Lebensqualität in der Innenstadt zu erhalten, öffentliche Treffpunkte zu schaffen und kreative Orte zu ermöglichen, an denen man nicht nur wohnen, sondern auch leben kann.

Ein weiterer Aspekt, der die Planung verzögern oder komplizieren könnte, ist der Naturschutz. In unmittelbarer Nähe des Heubergbads, in den Kasematten des Heubergparks, lebt eine sensible Fledermauspopulation. Der Rat der Stadt Wesel hat die Verwaltung beauftragt, Maßnahmen zu ergreifen, um eine Störung der Tiere zu verhindern. Insbesondere soll ein Abriss während der Winterruhe der Fledermäuse verhindert werden. Zudem soll die Biologische Station Wesel und Krefeld e.V. vor der Genehmigung von Abrissarbeiten einbezogen werden. Dies erfordert eine sorgfältige Terminplanung und eventuell zusätzliche Schutzmaßnahmen, die Kosten und Zeit in Anspruch nehmen.

Zeitplan und Ausblick

Während die Diskussion über die Nachnutzung des Heubergbads tobt, läuft die Zeit davon. Das neue Kombibad an der Rheinpromenade soll im Sommer 2025 eröffnen. Mit der Eröffnung des neuen Bades verliert das alte Heubergbad seine Daseinsberechtigung. Der Stadtrat plant, den Bäder-Aufsichtsrat anzuweisen, den Abriss direkt in die Wege zu leiten, um keine Zeit zu verlieren.

Es steht also eine Phase der Entscheidungen und Umsetzungen an. Die Bädergesellschaft muss wirtschaftlich kalkulieren, die Politik muss städtebauliche und soziale Interessen abwägen und die Bürgerschaft fordert ihre Mitsprache ein. Ob das Heubergbad als saniertes Kultur- und Freizeitangebot, als neue Wohnanlage oder als erweiterter Stadtpark weiterlebt, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden. Fest steht, dass die Zeiten des alten Hallenbades im Heubergpark gezählt sind.

Fazit

Die Zukunft des Heubergbads in Wesel ist ein komplexes Zusammenspiel aus technischen Notwendigkeiten, finanziellen Zwängen und städtebaulichen Visionen. Die Bausubstanz ist so stark geschädigt, dass ein Verbleib in der jetzigen Form unwahrscheinlich ist. Die Kosten für eine Sanierung sind hoch, aber durch Fördermittel potentiell abfedern. Dem gegenüber steht der Plan der Stadt und der Bädergesellschaft, den Weg für den Neubau des Kombibads frei zu machen und Wohnraum am Heubergpark zu schaffen.

Die Entscheidung ist politisch und gesellschaftlich brisant. Sie berührt Fragen der Daseinsvorsorge, des Denkmalschutzes (obwohl das Gebäude nicht als schützenswert eingestuft ist, ist es ein Teil der Stadtgeschichte), der Naherholung und der sozialen Gerechtigkeit. Während die Verwaltung auf Effizienz und wirtschaftliche Verwertbarkeit setzt, plädieren Bürgerinitiativen und Oppositionsparteien für den Erhalt öffentlicher Flächen und eine nutzerorientierte, gemeinwohlorientierte Nachnutzung. Der Zeitdruck durch die Fertigstellung des Kombibads zwingt alle Beteiligten zu schnellen und mutigen Entscheidungen, die das Stadtbild Wesels nachhaltig prägen werden.

Quellen

  1. Moderne Regional
  2. Grüne Wesel
  3. RP Online
  4. Grüne Wesel
  5. RP Online
  6. NRZ

Ähnliche Beiträge