Denkmalgerechte Generalsanierung: Das Hexagon der TU Darmstadt als Modellprojekt für Nachkriegsmoderne

Einleitung

Die denkmalgerechte Generalsanierung von Gebäuden der Nachkriegsmoderne stellt Architekten und Bauingenieure vor besondere Herausforderungen. Ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Verbindung von Denkmalschutz, moderner Funktionalität und technischer Innovation ist die Sanierung des Hörsaalgebäudes „Hexagon“ an der Technischen Universität Darmstadt. Das 1957 bis 1959 bzw. 1962 errichtete Gebäude gilt als architektonisches Zeugnis der Nachkriegsmoderne und wurde bis 2023 umfassend saniert. Der Fokus des Projekts lag auf der Bewahrung des bauzeitlichen Charakters bei gleichzeitiger Erfüllung modernster Anforderungen an Barrierefreiheit, Medientechnik und Energieeffizienz. Dieser Artikel beleuchtet die technischen und gestalterischen Aspekte dieses komplexen Sanierungsvorhabens, das als Leuchtturmprojekt für die Bestandsmodernisierung von Hochbauten dient.

Architektonische und denkmalpflegerische Bedeutung des Hexagons

Das Hexagon der Technischen Universität Darmstadt ist ein markantes Gebäude mit einer ikonischen sechseckigen Form. Es wurde in den Jahren 1957 bis 1959 erbaut und gilt als herausragendes Beispiel der Nachkriegsmoderne. Mit seiner zentralen Lage prägt es das Stadtbild sowie den Campus der Universität. Architektonisch ist das Gebäude durch ein sachliches, funktionales Erscheinungsbild geprägt, charakteristisch für die Bauweise der 1950er und frühen 1960er Jahre. Das Bauwerk unterliegt unter Denkmalschutz, was bei der Sanierung eine enge Abstimmung mit der Denkmalpflege erforderte, um den Gebäudecharakter zu wahren.

Das Gebäude beherbergt drei unterschiedlich große Hörsäle, die durch einen rundum laufenden Erschließungsflur miteinander verbunden sind. Die pavillonartige, flache Konzeption wurde bewusst gewählt, um einen großzügigen Abstand zum gegenüberliegenden Residenzschloss zu wahren. Trotz der Sanierung und Modernisierung blieb die Struktur des Baus, der bis zum Sanierungsstart weitgehend unverändert erhalten war, bestehen.

Sanierungskonzept: Verbindung von Historie und Moderne

Das zentrale Ziel des Sanierungskonzepts war es, den Erhalt eines bedeutenden architektonischen Erbes mit zeitgemäßer Funktionalität zu verbinden. Dabei mussten aktuelle Bauvorschriften beachtet werden, ohne den Charme des historischen Gebäudes zu verlieren. Die Herausforderung bestand darin, Fälligkeiten von Erneuerungen – von der Glas- und Metallfassade über die Bestuhlung bis hin zur Lüftungs-, Heizungs-, Sanitär- und Medientechnik – so vorzunehmen, dass sie dem Charakter des historischen Gebäudes entsprechen.

Erhalt historischer Substanz

Ein wesentlicher Schwerpunkt der Sanierung war die sorgfältige Restaurierung und In-Szene-Setzung historischer Elemente, um die Atmosphäre der 1950er Jahre zu erhalten. Zu diesen Elementen gehörten: * Terrazzoböden (hochwertige helle Terrazzofußböden in Foyers und Fluren) * Kieselputze * Wandvertäfelungen (hölzerne Wandverkleidung in einem Hörsaal) * Hörsaalpulte (insbesondere Pulte für elektrotechnische Versuche) * Innentreppen und -geländer * Handwerklich gefertigte Heizkörperbänder hinter den Glasfassaden

Diese Bestandselemente wurden erhalten und integriert, während gleichzeitig nachhaltige Materialien und aktuelle Technik ergänzt wurden.

Technische Modernisierung

Die technische Ausstattung wurde vollständig erneuert, um modernste Anforderungen zu erfüllen. Im Vordergrund stand die Integration moderner Medientechnik und ergonomisch optimierter Bestuhlung. Diese wurden behutsam integriert, ohne das äußere Erscheinungsbild zu beeinträchtigen. Das Ziel war es, moderne Funktion mit historischer Konstruktion und Erscheinungsbild zu kombinieren.

Herausforderungen bei der Bausubstanz und Ingenieurlösungen

Bei der Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes aus den 1950er Jahren stößt man oft auf technische Anforderungen, die mit den ursprünglichen Baumaterialien und -methoden nur schwer in Einklang zu bringen sind. Ein konkretes Beispiel für eine solche Herausforderung war die Erneuerung der Treppenstufen im Außenbereich.

Problemstellung: Treppenstufen im Außenbereich

Die Treppenstufen zum Haupteingang und im südlichen Bereich des Gebäudes mussten ersetzt werden. Der Denkmalschutz forderte, dass die äußere Erscheinung inklusive der Abmessungen gegenüber dem Original nicht verändert werden durften. Die ursprünglichen Bauteile waren nur 75 mm dick. Nach aktuellen Normen lassen sich solche dünnen Bauteile nicht mit klassischem Stahlbeton nachweisen. Dies stellte die Planung vor ein Problem.

Lösung: Spezialfertigteile aus DUCON

Die Lösung fand man durch den Einsatz von Fertigteilen aus DUCON. Dieses spezielle Material ermöglichte die Herstellung von Treppenstufen mit einer Bauteildicke von 75 mm, die den denkmalpflegerischen Vorgaben entsprachen und gleichzeitig die statischen Anforderungen nach modernen Normen erfüllten.

Die Ausführung der Treppen erfolgte in zwei Abschnitten: 1. 2019: Sanierung des Treppenlaufs zum Haupteingang. Zur optimalen Nachbildung der Waschbetonoberfläche des Bestands wurden mehrere Oberflächenmuster hergestellt. Anschließend wurden die eigentlichen Stufen produziert und eingebaut. Diese Stufen erhielten eine Waschbeton-Vorsatz. 2. 2023: Kurz vor Abschluss des gesamten Sanierungsprojekts wurden weitere Elemente im südlichen Bereich ergänzt. Hier kamen Bauteile in klassischem Betongrau mit gesäuerter Oberfläche zur Rutschhemmung zum Einsatz.

Insgesamt wurden 37 Bauteile verbaut, die nun einen wichtigen Teil der Gesamterscheinung bilden und täglich Studierende und Mitarbeiter in das Gebäude führen.

Erhalt des Dachtragwerks

Ein weiterer technischer Schwerpunkt war die Erhaltung des komplexen Dachtragwerks. Hier wurden innovative Verfahren wie Heißbemessungen eingesetzt, um die Statik des Gebäudes zu sichern und den Erhalt der originalen Dachkonstruktion zu gewährleisten.

Barrierefreiheit und Nutzerfreundlichkeit

Ein zentrales Ziel der Sanierung war es, das Gebäude für alle Nutzergruppen zugänglich und nutzbar zu machen. Die Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn hob hervor, dass ein klares Augenmerk auf Studierende in besonderen Situationen – sei es mit Behinderungen oder weil sie mit Kindern unterwegs sind – gelegt wurde.

Maßnahmen zur Barrierefreiheit

  • Barrierefreie Geschosse: Alle Geschosse sind barrierefrei erreichbar.
  • Rampen: Zwei neu und stilvoll angebaute Rampen machen die Nachbargebäude des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik ebenfalls barrierefrei zugänglich.
  • Familienplätze: In den beiden Hörsälen mit den größten Kapazitäten (467 Plätze und 247 Plätze) befinden sich in der letzten Reihe je zwei „Familienplätze“ für Eltern mit Kinderwagen.
  • Rollstuhlplätze: Diese werden jeweils im vorderen Bereich der Hörsäle vorgehalten.

Moderne Ausstattung

Die Hörsäle wurden mit modernster Medientechnik ausgestattet. Die Bestuhlung wurde ergonomisch optimiert. Diese Maßnahmen sorgen dafür, dass das Gebäude seinen Zweck als zentrales Element für Studium und Lehre weiterhin optimal erfüllen kann. Für das Sommersemester 2023 sind in dem Gebäude bereits 580 Veranstaltungen mit insgesamt rund 50.000 teilnehmenden Personen geplant.

Finanzierung und Projektmanagement

Die Sanierung des Hexagons war ein umfangreiches Projekt, das eine Investitionssumme von rund 15,5 Millionen Euro beanspruchte. Den Großteil der Finanzierung übernahm das Land Hessen. Die Mittel wurden aus dem Programm „Hochschulpakt 2020-INVEST Phase III“ sowie weiteren Mitteln des Landes bereitgestellt. Die Technische Universität Darmstadt selbst stellte den Restbetrag bereit.

Das Projektteam der Architekten Christl + Bruchhäuser GmbH (Freie Architekten BDA, Frankfurt am Main) war verantwortlich für die Planung und Umsetzung. Die enge Abstimmung mit der Denkmalpflege war ein integraler Bestandteil des Projektmanagements.

Wiedereröffnung und Künstlerische Integration

Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten wurde das Hexagon 2023 wiedereröffnet. Anlässlich der Wiedereröffnung wurde am Gebäude eine neue Kunstwerk aufgestellt: Die Skulptur „Ausrichtung Zukunft“ des Künstlers Tobias Kammerer. Das Kunstwerk ist ein großformatiges Werk aus Glas und befindet sich gegenüber dem Darmstadtium und entlang der Erich-Ollenhauer-Promenade. Die Aufstellung des Kunstwerks geht auf eine Initiative des ehemaligen TU-Kanzlers Manfred Efinger zurück und unterstreicht die Bedeutung des Gebäudes als kulturellen und architektonischen Treffpunkt.

Fazit

Die Sanierung des Hexagons an der TU Darmstadt ist ein vorbildliches Beispiel für die denkmalgerechte Modernisierung von Bauten der Nachkriegsmoderne. Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie historische Bausubstanz durch den Einsatz innovativer Baustoffe und intelligenter Ingenieurlösungen erhalten und gleichzeitig auf ein modernes, barrierefreies und technologisch hochwertiges Niveau gehoben werden kann. Der sorgfältige Umgang mit historischen Materialien wie Terrazzoböden und Wandvertäfelungen bewahrt den Charakter der 1950er Jahre, während die Integration moderner Medientechnik und ergonomischer Ausstattung das Gebäude zukunftsfähig macht. Besonders die Lösung des Problems mit den zu dünnen Treppenstufen durch DUCON-Fertigteile demonstriert die Kreativität und Kompetenz der beteiligten Planer und Ingenieure. Das Hexagon steht nun symbolisch für Tradition und Innovation und erfüllt als zentraler Ort für Studium und Lehre wieder seine ursprüngliche Bestimmung im Stadtbild von Darmstadt.

Quellen

  1. CBA Architekten - Projekte: Hörsaalgebäude Hexagon Darmstadt
  2. AKH - Umbau und Sanierung Hörsaalgebäude Hexagon S3/11
  3. DUCON - Erneuerung der Treppenstufen im Außenbereich des "Hexagon" der TU Darmstadt
  4. TU Darmstadt etit - Sanierung Hexagon

Ähnliche Beiträge