Die Sanierung eines städtebaulichen Gebietes ist ein komplexer Prozess, der weit über die reine Gebäudesanierung hinausgeht. Er umfasst die Aufwertung der gesamten Infrastruktur, die Sicherung sozialer Strukturen und die Schaffung neuer wirtschaftlicher Perspektiven. Ein herausragendes Beispiel für eine solche integrierte Stadterneuerung in Berlin ist das Sanierungsgebiet "Südliche Friedrichstadt" im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dieser Artikel beleuchtet auf Basis der vorliegenden offiziellen Dokumentationen die Ziele, die rechtlichen Grundlagen und die konkreten Umsetzungsmaßnahmen, die für Eigentümer, Investoren und Bewohner von hoher Relevanz sind.
Geografische und historische Einordnung des Sanierungsgebiets
Das Sanierungsgebiet "Südliche Friedrichstadt" erstreckt sich im südlichen Teil des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Historisch betrachtet handelt es sich um einen Stadtteil mit einer gewichtigen Vergangenheit. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Friedrichstadt als Stadterweiterung Berlins unter der Herrschaft Friedrich Wilhelms I. angelegt. Die Friedrichstraße bildete dabei die zentrale Achse, die im "Rondell", dem heutigen Mehringplatz, endete.
Im 18. und 19. Jahrhundert war das Viertel ein Wohnort für bedeutende Literaten, Verleger und Journalisten. Später, Ende des 19. Jahrhunderts, entwickelte es sich zum Zentrum des Druck- und Verlagswesens, dem sogenannten "Berliner Zeitungsviertel". Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Quartier schwere Zerstörungen durch Bombenangriffe. Durch die Teilung Berlins geriet das Areal in eine innerstädtische Randlage, die von zahlreichen Brachen geprägt war. Erst mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden erste Schritte zur Wiederbelebung unternommen. Heute ist das Gebiet durch vielfältige kulturelle und wirtschaftliche Nutzungen sowie eine starke Wohnfunktion geprägt.
Rechtlicher Rahmen und Dauer der Sanierung
Die förmliche Festlegung des Sanierungsgebietes erfolgte mit der 12. Rechtsverordnung vom 15. März 2011 für einen Zeitraum von 10 Jahren. Ziel der Sanierung ist die Beseitigung städtebaulicher Missstände gemäß § 136 BauGB (Baugesetzbuch).
Aufgrund der anhaltenden Notwendigkeit der städtebaulichen Aufwertung wurde die Laufzeit der Sanierungsmaßnahme bereits einmal verlängert. Ein Senatsbeschluss vom 13. April 2021 dehnte die Frist bis zum 31. März 2026 aus. Aktuell wird nun eine weitere Verlängerung um fünf Jahre bis zum 31. März 2031 beantragt. Diese Entscheidung wurde vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg beschlossen, da die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen (SenStadtBauWohn) ursprünglich mitgeteilt hatte, das Sanierungs- und Fördergebiet zum 31. März 2026 zu beenden. Die Verlängerung ist notwendig, da noch nicht alle zentralen Maßnahmen realisiert werden konnten.
Für Eigentümer und Bauherren bedeutet der Status als Sanierungsgebiet besondere Rechte und Pflichten. Zuständig für sanierungsrechtliche Genehmigungen ist das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Abteilung Planen, Bauen, Umwelt und Immobilien, Fachbereich Stadtplanung. Als Gebietsbeauftragter fungiert die Stadtkontor Gesellschaft für behutsame Stadtentwicklung mbH, die als zentrale Anlaufstelle für Fragen zur Sanierung dient.
Sanierungsziele: Eine strategische Aufwertung
Die Sanierungsziele sind in der Rechtsverordnung festgeschrieben und in verschiedene Handlungsfelder unterteilt. Das zentrale Handlungsfeld A umfasst die städtebauliche und funktionale Aufwertung unter besonderer Berücksichtigung der historischen Bedeutung des Ortes.
Städtebauliche und funktionale Aufwertung
Ein Kernziel ist es, die Bedeutung des Raumes als Zugang zur Berliner Mitte sowohl baulich-räumlich als auch gestalterisch-funktional wieder lesbar zu machen. Dazu gehört die Entwicklung einer eigenen Marke für die Südliche Friedrichstadt, um die Identität des Quartiers zu stärken.
Im Hinblick auf den Baubestand gilt das Prinzip des Respektierens. Bestehende Gestaltungsqualitäten sollen gesichert und als Grundlage für die weitere Entwicklung genutzt werden. Gleichzeitig sollen Potenziale für bauliche Ergänzung und Verdichtung genutzt werden, um die Funktionalität des Gebietes zu erhöhen.
Nutzungsentwicklung und kulturelle Aufwertung
Spezifische Flächen sind für besondere Nutzungen vorgesehen. Der Standort des ehemaligen Blumengroßmarktes soll für eine öffentlichkeitswirksame Nutzung entwickelt werden. Die Erweiterung des Jüdischen Museums soll als Katalysator für weitere öffentlichkeitswirksame Nutzungen dienen.
Für das Amerika-Gedenkbibliothek (AGB)-Gebäude ist die Sicherung der Bibliotheksnutzung, mindestens aber eine öffentlichkeitswirksame Nutzung, ein zentrales Ziel. Dies unterstreicht die Bedeutung des Standortes als kultureller und bildungsbezogener Knotenpunkt.
Wohnen und soziale Infrastruktur
Die notwendige Sanierung der Wohngebäude ist ein dringliches Ziel, um den Bestand zu sichern und die Wohnqualität zu verbessern. Parallel dazu muss die soziale Infrastrukturversorgung für alle Bevölkerungsgruppen quantitativ und qualitativ sichert und ausgebaut werden.
Ein konkretes Projekt in diesem Bereich ist der Neubau der ehemaligen Carl-Friedrich-Zelter-Schule zu einer Kindertagesstätte mit integriertem Familienzentrum. Zudem wurde ein Sonderprogramm für die Asbestsanierung der betroffenen Schulstandorte auferlegt, was gesundheitliche Risiken beseitigt.
Wirtschaftsförderung und Gewerbe
Die wirtschaftliche Vitalität des Gebietes ist ein Dauerthema. Die Gewerbesituation wird als unzureichend wahrgenommen, was sich in fehlendem Einzelhandelsangebot und Leerständen, insbesondere rund um den Mehringplatz, äußert. Als Reaktion darauf arbeiten die Büros asum (Mieterberatung) und Stadtkontor im Auftrag des Bezirks an der Erstellung und Umsetzung einer Gewerbe- und Standortstrategie. Ziel ist es, die Erdgeschosse der Zukunft zu gestalten und alte sowie neue Herausforderungen der Gewerbeentwicklung zu meistern.
Konkrete Umsetzungsmaßnahmen und Projekte
Die Sanierung ist kein abstraktes Konzept, sondern wird durch konkrete Bauprojekte und Maßnahmen sichtbar. Im Folgenden werden die wichtigsten Projekte dargestellt, die bereits realisiert wurden oder in Planung sind.
Umgestaltung des Mehringplatzes
Der Mehringplatz, historisch das "Rondell", ist ein Gartendenkmal aus dem 18. Jahrhundert. Seine Neugestaltung war ein zentrales Projekt der Sanierung. Ziel war es, den Platz, der in den 1970er Jahren umgestaltet wurde, zu einem innerstädtischen Platz mit hoher Aufenthaltsqualität für unterschiedliche Nutzergruppen zu entwickeln. Die Arbeiten umfassten die Restaurierung der denkmalgeschützten Friedenssäule und der Statuen am Platzrand sowie die Erneuerung des historischen Brunnens. Die Neugestaltung wurde 2022 fertiggestellt. Finanziert wurde das Projekt mit insgesamt 7,6 Millionen Euro aus der Städtebauförderung.
Interkulturelles Familienzentrum und Kita in der Wilhelmstraße
Die ehemalige Carl-Friedrich-Zelter-Hauptschule in der Wilhelmstraße 116/117 wurde einer kompletten Transformation unterzogen. Der Betreiber, Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e.V., nutzt das Gebäude nun als interkulturelles Familienzentrum mit einer Kita für 100 Kinder sowie einer Sozial- und Familienberatung. Die Sanierung erfolgte unter strikter Beachtung des Denkmalschutzes und passte das Gebäude an die technischen und energetischen Erfordernisse der neuen Nutzung an. Die Freiflächen wurden 2016 neu gestaltet. Die Förderung betrug 1,79 Millionen Euro für die Gebäudesanierung und 595.000 Euro für die Freiflächen.
Freiflächen am Gitschiner Ufer
Die Aufwertung der öffentlichen Räume rund um den Mehringplatz schließt die Grünflächen am Gitschiner und Halleschen Ufer ein. Basierend auf Beteiligungsergebnissen aus dem Jahr 2015 wurde ein Beteiligungsverfahren zur Konkretisierung der Planung durchgeführt. Aktuell wird die Ausführungsplanung für diese Maßnahme erarbeitet.
Bildungscampus Puttkamer-/Wilhelm-/Kochstraße
Eine Machbarkeitsstudie der Stadtkontor GmbH hat Wege zur Entwicklung eines Bildungscampus aufgezeigt. Anlass waren bestehende Abhängigkeiten und Zielkonflikte, die den Bedarfen der Kurt-Schumacher-Grundschule, der Kita und des Oberstufenzentrums Bekleidung und Mode (OSZ) nicht mehr gerecht werden. Insgesamt sechs Szenarien wurden ausgelotet, wobei eine Vorzugsvariante gemeinsam mit den Nutzern erarbeitet wurde.
Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB)
Eine wichtige Weichenstellung für das Quartier war der Senatsbeschluss vom 19. Juni 2018, den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek Berlin am Standort der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) am Blücherplatz zu errichten. Dies stärkt die Funktion des Areals als zentraler Bildungsstandort.
Theodor-Wolff-Park
Im Rahmen der IBA 1987 erhielt die südliche Friedrichstadt mit dem Theodor-Wolff-Park eine wichtige Grün- und Erholungsfläche, die bis heute die Aufenthaltsqualität im Viertel prägt.
Beteiligung und Kommunikation
Die Sanierung der Südlichen Friedrichstadt ist ein partizipativer Prozess. Die Bewohner, Gewerbetreibenden und Nutzer werden aktiv eingebunden.
Informationsangebote
Die "Sanierungszeitung Südseite" dient als regelmäßiges Medium, um über Neuigkeiten und Entwicklungen im Gebiet zu berichten. Das neue Redaktionsteam sammelt Geschichten aus dem Gebiet und verteilt die Zeitung in vielen öffentlichen Einrichtungen.
Sprechstunden
Für direkte Anfragen bietet das Stadtkontor regelmäßig Sprechstunden an. Nach einer Pause aufgrund der Corona-Pandemie finden diese wieder jeden Mittwoch von 14:00 bis 17:00 Uhr in der Kiezstube am Mehringplatz statt. Zusätzlich bietet die asum GmbH (Mieterberatung) jeden Dienstag Sprechstunden an (15:00 bis 16:00 Uhr in der Kiezstube, 16:00 bis 17:00 Uhr im Stadtteilzentrum F1).
Öffentliche Rundgänge und Befragungen
Um die Gewerbesituation zu analysieren, werden Passant:innenbefragungen durchgeführt. Zudem finden Gewerberundgänge statt, bei denen alte und neue Herausforderungen erkundet werden. Ein solcher Rundgang zum Tag der Städtebauförderung führte über den Mehringplatz, die Friedrichstraße bis zum Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz und ermöglichte den Austausch mit Gewerbetreibenden, Eigentümern und der Verwaltung.
Quartiersrat
Der Quartiersrat am Mehringplatz engagiert sich aktiv für die Belange des Viertels. Ein Beispiel dafür ist der offene Brief zur Rettung der Friedrichstraße 1-3 (F1-3), der an Senat und Bezirk gerichtet wurde, um die Dringlichkeit der Sanierung dieses Gebäudes aufgrund seiner problematischen baulichen Situation zu verdeutlichen.
Herausforderungen und aktueller Stand
Trotz der Fortschritte gibt es weiterhin Herausforderungen, die den Prozess begleiten.
Finanzierung
Ein wiederkehrendes Thema ist die Finanzierung von Gesamtmaßnahmen. Für die Erstellung der Bauplanungsunterlage im Förderprogramm "Lebendige Zentren und Quartiere" wurden zwar Mittel beantragt, die Gesamtfinanzierung einzelner Bauvorhaben ist jedoch oft noch ungeklärt.
Infrastruktur und Baustellen
Die Baustelleneinrichtung im Bereich der Fußgängerzone wurde Mitte September 2018 abgebaut, sodass die Zone wieder begehbar ist. Dennoch gibt es temporäre Einschränkungen. Beispielsweise ist für die Kurt-Schumacher-Grundschule eine zweiwöchige vollständige Schließung in den Sommerferien 2025 geplant, um notwendige Arbeiten durchführen zu können.
Leerstand und Baulücken
Insbesondere rund um den Mehringplatz ist der Leerstand im Gewerbebereich ein Problem. Die Neu- und Umgestaltung von Erdgeschossen ist ein zentrales Element der Strategie, um Attraktivität zu schaffen und die Nahversorgung zu sichern. Auch das Gebäude Friedrichstraße 1-3 steht im Fokus, da seine bauliche Situation eine Sanierung dringlich macht.
Grünflächenentwicklung
Die Gestaltung der Freiflächen am Gitschiner Ufer ist noch in der Planungsphase. Auch der Ausbau der Fitnessgeräte im Bereich der neuen Grünflächen (Calisthenics) wurde erwähnt; diese Flächen sind jedoch noch als Baustellen gekennzeichnet, deren Betreten nicht erlaubt ist, bis die offizielle Freigabe erfolgt.
Fazit
Das Sanierungsgebiet "Südliche Friedrichstadt" befindet sich in einem dynamischen Transformationsprozess. Die Maßnahmen reichen von der Sanierung historischer Plätze über den Bau neuer Bildungs- und Familienzentren bis hin zur strategischen Neuausrichtung der Gewerbestrukturen. Die Verlängerung der Sanierungsmaßnahme bis mindestens 2031 unterstreicht den langfristigen Anspruch, das Quartier nachhaltig aufzuwerten.
Für Eigentümer, Investoren und Bewohner bedeuten die Sanierung und die damit verbundenen Förderprogramme Chancen, aber auch Pflichten. Die enge Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden und den Gebietsbeauftragten sowie die aktive Teilnahme an den Informations- und Beteiligungsformaten sind entscheidend für den Erfolg der Stadterneuerung. Die Südliche Friedrichstadt entwickelt sich damit kontinuierlich zu einem lebendigen, modernen und dennoch historisch verwurzelten Stadtteil Berlins.