Serielle Sanierung in Hattingen: Industrielle Vorfertigung als Schlüssel für klimaneutrale Wohngebäude

Die energetische Modernisierung von Bestandsgebäuden stellt die Bau- und Wohnungswirtschaft vor immense Herausforderungen. Klassische Sanierungsmethoden sind oft zeitintensiv, teuer und führen zu langen Beeinträchtigungen für die Mieter. In Hattingen, einer ehemaligen Stahlstadt im Ennepe-Ruhr-Kreis, setzt die Wohnungsgenossenschaft hwg e.G. auf einen innovativen Ansatz, der diese Probleme adressiert: die serielle Sanierung. Als erstes Wohnungsunternehmen in der Region wendet die hwg dieses Verfahren an, um mehrere Mehrfamilienhäuser energieeffizient und schnell auf einen Net-Zero-Standard zu heben. Dieser Artikel beleuchtet die Technologie, die konkreten Projekte in Hattingen und die wirtschaftlichen sowie ökologischen Implikationen dieses zukunftsweisenden Ansatzes.

Das Konzept der seriellen Sanierung

Die serielle Sanierung unterscheidet sich grundlegend von traditionellen Sanierungsansätzen. Statt die Bauleistungen ausschließlich auf der Baustelle durchzuführen, werden benötigte Bauelemente – insbesondere Fassadenelemente – abseits des Gebäudes in industrieller Serie vorgefertigt.

Vorfertigung und Montage

Im Kern des Verfahrens steht die digitale Erfassung des Bestandsgebäudes. Wie in den Quellen beschrieben, werden notwendige Vermessungsarbeiten mittels 3D-Scan durchgeführt. Dabei digitalisieren Experten die Gegebenheiten der Wohnhäuser. Dieser digitale Gebäudezwilling dient als Grundlage für die präzise Fertigung der Bauteile.

Die vorgefertigten Elemente, die pro Stück laut Angaben bis zu zwei Tonnen wiegen, werden anschließend angeliefert und mithilfe von Kränen direkt an die vorbereiteten Gebäudestrukturen montiert. Dieser Prozess erfordert eine präzise Planung und Koordination, ermöglicht aber eine erhebliche Beschleunigung der Bauarbeiten im Vergleich zu herkömmlichen Methoden, bei denen Materialien einzeln auf der Baustelle verarbeitet werden.

Energieeffizienz: Vom Worst Performing Building zum Net-Zero-Standard

Das Ziel der seriellen Sanierung in Hattingen ist es, Gebäude, die aktuell als sogenannte „Worst Performing Buildings“ mit niedrigem energetischem Standard gelten, auf einen Net-Zero-Standard zu heben. Dies bedeutet, dass die Gebäude im Jahresdurchschnitt genauso viel Energie erzeugen, wie sie verbrauchen.

Dies wird durch zwei wesentliche Maßnahmen erreicht: 1. Gute Außendämmung: Durch die montage der vorgefertigten Fassadenelemente wird die thermische Hülle des Gebäudes deutlich verbessert. 2. Integration erneuerbarer Energien: Die Modernisierung beinhaltet den Einbau von Wärmepumpen und Photovoltaik-Anlagen.

Durch diese Kombination aus effizienter Dämmung und Eigenenergieerzeugung können die Energiebedarfe der Gebäude massiv gesenkt werden. Während die Energiebilanz vor der Sanierung bei einem der Projekte beispielsweise bei 146 kWh/(m²a) lag, wird sie danach auf 21,6 kWh/(m²a) reduziert.

Die Projekte der hwg e.G. in Hattingen

Die hwg e.G. realisiert die serielle Sanierung an zwei Standorten in Hattingen, jeweils in Kooperation mit spezialisierten Unternehmen.

Bauabschnitt Goethestraße (B&O Bau GmbH)

  • Standort: Goethestraße 1-15, 45525 Hattingen
  • Objekt: 4 Mehrfamilienhäuser mit 42 Wohnungen
  • Gebäudetyp: 3 Vollgeschosse
  • Baujahr: 1955
  • Bruttogrundfläche (BGF): ca. 2.509 m²
  • Sanierungsstart: Juli 2024
  • Energiebilanz: Vorher 146 kWh/(m²a) → Nachher 21,6 kWh/(m²a)
  • Investitionsvolumen: 6,5 Mio. Euro
  • Förderung: RL Mod NRW, KfW

An diesem Standort arbeitet die Firma B&O Bau GmbH. Quellen berichten von einer erheblichen Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit. Während anfänglich noch 150 Quadratmeter Fassade pro Tag saniert wurden, sind mittlerweile bis zu 500 Quadratmeter möglich. Dies entspricht einer fast zehnfachen Beschleunigung im Vergleich zu herkömmlichen Dämmmethoden.

Bauabschnitt ecoworks (Karl-Roth-Weg)

  • Standort: Karl-Roth-Weg 1-11, 45525 Hattingen
  • Objekt: 3 Mehrfamilienhäuser mit 24 Wohnungen
  • Gebäudetyp: 2 Vollgeschosse
  • Baujahr: 1956
  • Bruttogrundfläche (BGF): ca. 1.219 m²
  • Sanierungsstart: November 2024
  • Energiebilanz: Vorher 160 kWh/(m²a) → Nachher < 24,9 kWh/(m²a)
  • Investitionsvolumen: 4,7 Mio. Euro
  • Förderung: RL Mod NRW, KfW

Hier ist das Berliner Start-Up ecoworks als Gesamtlösungsanbieter tätig. Ein besonderes Merkmal der ecoworks-Baustelle sind die sogenannten „Fliegenden Fassaden“. Dies beschreibt vermutlich den Prozess, bei dem die großen, vorgefertigten Fassadenmodule direkt am Gebäude angehoben und montiert werden.

Technische Durchführung und Geschwindigkeit

Ein entscheidender Vorteil der seriellen Sanierung ist die massive Beschleunigung des Sanierungsprozesses. Die Quellen aus Hattingen belegen dies eindrucksvoll.

Die Geschwindigkeitssteigerung

Die Firma B&O Bau GmbH demonstrierte an den Projekten in Hattingen, wie sich die Geschwindigkeit der seriellen Sanierung im Laufe der Projekte gesteigert hat: * Anfängliche Leistung: 150 m² Fassadenfläche pro Tag * Leistung in Hattingen (Goethestraße): Start mit 250 m² pro Tag * Aktuelle Leistung: Bis zu 500 m² pro Tag

Diese Steigerung zeigt, dass mit zunehmender Erfahrung und Optimierung der Prozesse eine industrielle Fertigungsgeschwindigkeit erreicht werden kann. Zum Vergleich: Eine konventionelle Dämmung mit einem klassischen Wärmeverbundsystem ist fast zehnmal langsamer.

Planung durch Digitalisierung

Die Geschwindigkeit auf der Baustelle wird durch eine intensive Vorbereitung ermöglicht. Wie in den Quellen erwähnt, werden die Gebäude mittels 3D-Scan erfasst. Dieser digitale Zwilling ermöglicht es, Bauelemente passgenau zu fertigen. Fehler auf der Baustelle werden minimiert, da die Teile exakt auf die örtlichen Gegebenheiten zugeschnitten sind. Die Montage erfolgt dann „schnell und effizient“.

Wirtschaftliche Aspekte und Förderung

Die energetische Sanierung ist mit erheblichen Investitionen verbunden. Die Projekte in Hattingen zeigen jedoch, dass diese durch Förderprogramme wirtschaftlich attraktiv gestaltet werden können.

Investitionen und Fördermittel

Die beiden Bauabschnitte weisen folgende Investitionsvolumina auf: * Goethestraße: 6,5 Mio. Euro * Karl-Roth-Weg: 4,7 Mio. Euro

Finanziert werden die Maßnahmen durch Fördermittel der „RL Mod NRW“ (Richtlinie zur Modernisierung von Wohngebäuden im Land Nordrhein-Westfalen) sowie der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau).

Zusätzlich wird auf eine aktuelle Fördermöglichkeit hingewiesen, die im Kontext der Infomesse „Energiesprong on Tour“ in Hattingen diskutiert wurde: Pro Wohneinheit können bis zu 150.000 Euro Zuschuss beantragt werden. Davon müssen jedoch 60.000 Euro zurückgezahlt werden. Es wird jedoch angemerkt, dass unter zukünftigen politischen Rahmenbedingungen ungewiss ist, ob diese Fördermöglichkeiten Bestand haben.

Bezahlbarkeit der Wohnungen

Ein Kernanliegen der hwg e.G. ist die Bezahlbarkeit des Wohnraums auch nach der Sanierung. Da die Gebäude innerhalb der öffentlichen Wohnraumförderung modernisiert werden, bleibt die Miete für die Mieter bezahlbar. Dies ist ein wichtiger sozialer Aspekt, der zeigt, dass energetische Aufwertung und soziale Verantwortung nicht im Widerspruch stehen müssen.

Ökologische und gesellschaftliche Bedeutung

Die Projekte in Hattingen sind nicht nur lokal relevant, sondern tragen zur Erreichung übergeordneter Klimaziele bei.

Klimaneutralität bis 2045

Der Projektleiter der hwg, Marcus Kibilka, betont, dass innovative Projekte wie die serielle Sanierung von enormer Bedeutung sind, um eine Klimaneutralität im Bestand bis 2045 zu erreichen. Da ein Großteil des heutigen Gebäudebestands auch in den nächsten Jahrzehnten genutzt wird, ist die Sanierung unverzichtbar.

Impuls für die Wohnungswirtschaft

Die hwg e.G. hat sich mit den Projekten als Vorreiter in der Region positioniert. Das Engagement wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und dient als Vorbild. Bei der Infomesse „Energiesprong on Tour“ in Hattingen, die rund 130 Fachleute aus der Bau- und Wohnungswirtschaft anzog, wurde deutlich, dass viele andere Wohnungsbaugesellschaften in Zukunft ebenfalls auf serielle Sanierung setzen wollen. Hattingen hat hier einen wichtigen Impuls für die gesamte Branche gegeben.

Herausforderungen und Risiken

Obwohl die serielle Sanierung viele Vorteile bietet, nehmen die Quellen auch Aspekte der Herausforderung und des Risikos auf.

Planungsaufwand und Koordination

Die Anlieferung und Installation der vorgefertigten Elemente erfordert eine präzise Planung. Die Elemente sind schwer (bis zu 2 Tonnen) und müssen exakt passen. Die Koordination zwischen dem Vermesser, dem digitalen Zwilling, der Fertigung und der Baustelle ist komplex.

Politische Unsicherheiten

Wie bereits erwähnt, ist die Verfügbarkeit von hohen Fördermitteln (wie 150.000 Euro Zuschuss) politischen Rahmenbedingungen unterworfen. Die Quelle weist explizit darauf hin, dass ungewiss ist, ob diese Förderungen unter zukünftigen Regierungen Bestand haben. Dies stellt ein wirtschaftliches Risiko für zukünftige Projekte dar.

Fazit

Die serielle Sanierung, wie sie von der hwg e.G. in Hattingen in Zusammenarbeit mit B&O Bau GmbH und ecoworks umgesetzt wird, stellt einen Paradigmenwechsel in der energetischen Modernisierung von Bestandsgebäuden dar. Durch die industrielle Vorfertigung von Bauelementen, die digitale Planung mittels 3D-Scan und die schnelle Montage vor Ort, können Gebäude in Rekordzeit von energieintensiven „Worst Performing Buildings“ in hocheffiziente Net-Zero-Standardgebäude transformiert werden.

Die konkreten Zahlen aus den Bauabschnitten Goethestraße und Karl-Roth-Weg belegen eine Reduzierung des Energiebedarfs um über 80 Prozent. Gleichzeitig ermöglichen Förderprogramme die wirtschaftliche Umsetzung, ohne die Mieter mit untragbaren Mietsteigerungen zu belasten. Die Erfolge in Hattingen zeigen, dass disruptive Konzepte notwendig sind, um die Klimaziele bis 2045 zu erreichen. Die Wohnungsgenossenschaft hwg e.G. hat bewiesen, dass industrielle Sanierungsmethoden nicht nur theoretisch funktionieren, sondern in der Praxis eine effiziente Lösung für die dringend benötigte energetische Aufwertung des Wohnungsbestands sind.

Quellen

  1. Modular-Seriell: Energiesprong on Tour Hattingen
  2. HWG: Modernisierung von Bestandsgebäuden
  3. Ruhrkanal News: HWG Modernisierung
  4. Ruhrkanal News: Hattingen als Vorreiter
  5. Energiesprong: Projekte in Deutschland - Stahlstadt Hattingen
  6. HWG: Serielle Sanierung in Hattingen

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