Die Sanierung von historischen Gebäuden stellt Architekten, Bauingenieure und Handwerker stets vor einzigartige Herausforderungen. Dies gilt in besonderem Maße für den Hölderlinturm in Tübingen, eines der bedeutendsten Literaturdenkmale Deutschlands. Der Turm, der Dichter Friedrich Hölderlin von 1807 bis zu seinem Tod 1843 als Wohnstatt diente, wurde nach umfangreichen Sanierungsarbeiten im Februar 2020 wiedereröffnet. Der folgende Artikel beleuchtet die baulichen Maßnahmen, die denkmalpflegerischen Aspekte und die technischen Innovationen, die im Zuge dieser Renovierung zum Einsatz kamen.
Historischer Kontext und Baugeschichte
Um die Komplexität der Sanierung zu verstehen, ist ein Blick auf die Baugeschichte des Gebäudes unerlässlich. Die Substanz des heutigen Hölderlinturms geht auf Teile der mittelalterlichen Stadtbefestigung zurück. Die ältesten Bauteile, darunter die Stadt- und Zwingermauer als nördliche und südliche Begrenzung sowie der Sockel eines Befestigungsturms mit noch sichtbaren Schießscharten, stammen vermutlich aus dem 13. Jahrhundert.
Eine entscheidende Veränderung erfolgte 1778. Damals wurde mit Sondergenehmigung der Raum zwischen den Mauern unter Einbeziehung des Turmsockels vollständig überbaut. Der Bauherr erhielt laut Magistratsbeschluss die Erlaubnis, auf den Turmsockel „ein achteckiges Kämmerlein“ zu setzen und das neue Turmdach mit dem Hausdach zu verbinden. Diese Maßnahme prägte die charakteristische Silhouette des Gebäudes.
Anfang 1807 erwarb Schreinermeister Ernst Friedrich Zimmer das Haus. Während das Erdgeschoss als Werkstatt diente, wohnte die Familie im ersten Stock. Im Mai 1807 zog Friedrich Hölderlin in das Turmzimmer ein. Da die Familie Zimmer wuchs und studentische Untermieter aufgenommen wurden, ließ Zimmer das Haus in den folgenden Jahren mehrfach aus- und umbauen, wobei der letzte Umbau 1828 nach Aufgabe der Werkstatt erfolgte. Dabei entsprach die Raumaufteilung weitgehend der heutigen Struktur mit drei Räumen und einem langen Gang.
Ein schwerer Brand im Jahr 1875 beschädigte das Haus erheblich. Der Wiederaufbau erfolgte in veränderter Form, wobei der Turm seine heutige runde Gestalt erhielt. Im Laufe der Zeit wechselte die Nutzung: Nach Hölderlins Tod wurde das Gebäude unter anderem als Badeanstalt genutzt, wovon eine historische Abflussrinne zeugt, die bei der jüngsten Sanierung in den Fußboden integriert wurde. Bis 2012 war zudem eine Wohnung im zweiten Obergeschoss mit separatem Eingang vermietet.
Erwerb durch die Stadt und frühere Sanierungen
Die Stadt Tübingen erwarb das Haus 1921 mit finanzieller Unterstützung der Vorläufer-Organisation der Hölderlin-Gesellschaft, der „Vereinigung zur Erhaltung und Erwerbung des Hölderlinturmes“. 1923 wurde diese Vereinigung mit der Einrichtung eines Gedenkortes im Haus beauftragt. 1954 übergab die mittlerweile gegründete Hölderlin-Gesellschaft das Erdgeschoss und den ersten Stock und richtete eine erste Hölderlin-Ausstellung ein; 1978 wurde das Turmzimmer zugänglich gemacht.
Eine erste grundlegende Renovierung fand 1983/84 statt. Ziel war es, die baulichen Verhältnisse zur Zeit Hölderlins möglichst wiederherzustellen. 1985 wurde das Haus mit einer neuen Dauerausstellung wiedereröffnet. Diese Sanierung markierte einen wichtigen Meilenstein in der musealen Aufarbeitung des Ortes, doch die Substanz des Gebäudes war weiterhin den Witterungsbedingungen und dem Zahn der Zeit ausgesetzt.
Die Sanierung ab 2017: Konzept und Ziele
Ab 2017 begannen die umfangreichen Sanierungsarbeiten, die bis ins Jahr 2020 andauerten. Die Erste Bürgermeisterin, Dr. Christine Arbogast, betonte beim Baubeginn die überregionale Bedeutung des Projekts: „Der Hölderlinturm ist einer der zentralen Erinnerungsorte der Weltliteratur. Er besitzt weit über Tübingen hinaus eine helle Strahlkraft. Dem werden wir mit der Sanierung und dem neuen Ausstellungskonzept gerecht.“
Die Sanierung verfolgte zwei Hauptziele: die denkmalpflegerische Sicherung und die bauliche Modernisierung unter Einbeziehung eines weiteren Stockwerks sowie eine Neukonzeption der Ausstellung. Die Architekten legten großen Wert auf eine behutsame Sanierung in enger Abstimmung mit dem Denkmalamt. Eine Kernanforderung war es, die Räume im Turm nur geringfügig zu verändern, um die Bezüge zur Lebenssituation Hölderlins im mehrfach umgebauten Turm wiederherzustellen.
Strukturelle und energetische Maßnahmen
Ein zentraler Aspekt der Sanierung war die Erneuerung der Böden und Fenster. Im Flur des Erdgeschosses wurden die modernen Bodenfliesen durch einen Sandsteinbelag ersetzt. Diese Entscheidung diente nicht nur der ästhetischen Aufwertung, sondern auch der historischen Authentizität. Eine indirekte Beleuchtung wurde installiert, um die Situation Hölderlins aufzugreifen, der hier ab vier oder fünf Uhr morgens auf und ab ging und Verse skandierte.
Die Fenster wurden aus energetischen Gründen neu verglast. Dies ist bei einem denkmalgeschützten Gebäude eine besondere Herausforderung, da die energetischen Anforderungen moderner Standards mit dem Erhalt des historischen Erscheinungsbildes in Einklang gebracht werden müssen.
Ein besonderes Augenmerk lag auf der Wiederentdeckung und Integration bisher nicht öffentlich zugänglicher Bereiche. Das obere Turmzimmer wurde in den Museumsrundgang einbezogen und der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht. Zudem wurden die Räume im zweiten Obergeschoss, die bis 2012 als Wohnung genutzt wurden, als Büros des Museums und der Hölderlin-Gesellschaft adaptiert.
Die neue Ausstellungskonzeption
Parallel zu den baulichen Maßnahmen erfolgte eine komplette Neukonzeption der Dauerausstellung. Die Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten (alim) am Deutschen Literaturarchiv in Marbach kuratierte die Ausstellung unter der Leitung von Dr. Thomas Schmidt. Das Ziel war es, Hölderlin „mit allen Sinnen“ erfahrbar zu machen.
Die Ausstellung ist biografisch an den beiden Aufenthalten Hölderlins in Tübingen orientiert: 1. Studienzeit: Von 1788 bis 1793 studierte er Theologie am Tübinger Stift gemeinsam mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 2. Zeit im Turm: Von 1807 bis 1843 lebte er unter Obhut der Familie Zimmer im Turm.
Die Konzeption beinhaltet multimediale Elemente, um Hölderlins Gedichte erfahrbar zu machen. Neben zeitgenössischen Darstellungen der Stadt und der Lebenswelt Hölderlins werden persönliche Dokumente und Briefe des Dichters gezeigt. Die Ausstellungsmacher betonen, dass der Besucher die Möglichkeit hat, sich ein Bild vom Innenleben des Turms zu machen, das jahrelang der Öffentlichkeit entzogen war.
Finanzielle Aspekte und Bedeutung
Die Sanierung und Neugestaltung kosteten 2,15 Millionen Euro. Die Badische Zeitung bezeichnet den sanierten Hölderlinturm als „Juwel“ und stellt heraus, dass der Turm nun ein für alle Besucher kostenfreies kommunales Museum ist. Diese Entscheidung unterstreicht das Bestreben der Stadt, den kulturellen Erbe des Ortes einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die Wiedereröffnung fiel in ein besonderes Jahr: Am 20. März 2020 jährte sich der Geburtstag von Friedrich Hölderlin zum 250. Mal. Tübingen und acht weitere Städte feierten dies mit der Veranstaltungsreihe „Hölderlin 2020“, koordiniert vom Deutschen Literaturarchiv Marbach mit über 600 Terminen. Der Hölderlinturm war hierbei der Auftakt.
Technische Herausforderungen und denkmalpflegerische Abwägungen
Die Sanierung eines Gebäudes mit Fundamenten aus dem 13. Jahrhundert und einer komplexen Baugeschichte erfordert höchste Sorgfalt. Die Abstimmung mit dem Denkmalamt war entscheidend, um die Originalsubstanz zu bewahren und gleichzeitig moderne Nutzungsanforderungen zu erfüllen.
Umgang mit historischen Bausubstanz
Die Herausforderung lag darin, die Balance zwischen Erhalt und Modernisierung zu finden. Die Entscheidung, historische Spuren wie die Abflussrinne der ehemaligen Badeanstalt in den neuen Fußboden zu integrieren, ist ein Beispiel für diese Philosophie. Sie bewahrt die Schichtung der Baugeschichte sichtbar.
Integration neuer Nutzungen
Die Umwandlung der ehemaligen Wohnung im zweiten Obergeschoss in Büroräume für Museum und Hölderlin-Gesellschaft sowie die Öffnung des oberen Turmzimmers erforderten strukturelle Anpassungen. Diese mussten so erfolgen, dass sie die historische Raumwirkung nicht nachhaltig verändern.
Zeitplan und Abschluss der Arbeiten
Die Sanierungsarbeiten zogen sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren hin. Besucher mussten den Zugang zum Gebäude ab 2017 verwehrt lassen. Der Abschluss der Sanierung erfolgte am 16. Februar 2020 mit der offiziellen Wiedereröffnung durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Oberbürgermeister Boris Palmer. Ab dem 17. Februar 2020 war der Turm wieder regulär für das Publikum geöffnet (Montag, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag 11 bis 17 Uhr, Mittwoch 11 bis 19 Uhr, Dienstag geschlossen).
Fazit
Die Sanierung des Hölderlinturms in Tübingen ist ein Musterbeispiel für gelungene Denkmalpflege im Spannungsfeld von historischer Authentizität, energetischer Modernisierung und zeitgemäßer musealer Präsentation. Die Maßnahmen umfassten nicht nur die Sicherung der baulichen Substanz, sondern auch die innovative Einbindung neuer Nutzungsflächen und die Konzeption einer multimedialen Ausstellung.
Für Bauherren und Projektverantwortliche in der Denkmalpflege bietet das Projekt wichtige Erkenntnisse: * Die enge Zusammenarbeit mit Denkmalämtern ist unerlässlich, um die Balance zwischen Erhalt und Modernisierung zu finden. * Die Integration historischer Spuren (wie die Abflussrinne) kann die Geschichte eines Gebäudes erlebbar machen. * Die energetische Optimierung (Fensterverglasung) ist auch bei denkmalgeschützten Gebäuden möglich, erfordert aber spezielle Lösungen. * Die Erweiterung des Nutzungskonzepts (Büros, öffentliches Museum) kann die Lebensdauer und Bedeutung eines historischen Ortes sichern.
Mit einem Investitionsvolumen von 2,15 Millionen Euro und einer sorgfältigen Planung über mehrere Jahre wurde ein kulturelles Juwel erhalten und für die Zukunft gerüstet. Der Hölderlinturm bleibt somit nicht nur ein Ort der Literaturgeschichte, sondern auch ein lebendiges Beispiel für die Kunst des behutsamen Bauens und Sanierens.