Einleitung
Die Sanierung von Hochschulgebäuden stellt eine der komplexesten Aufgaben im modernen Baugewerbe dar. Insbesondere wenn es sich, wie beim Hörsaalzentrum auf der Morgenstelle der Universität Tübingen, um ein zentrales Herzstück eines wissenschaftlichen Campus handelt, das zudem eine wechselvolle Bauhistorie und eine hohe technische Belastung aufweist. Das Gebäude, erbaut in den späten 1960er Jahren, ist nicht nur architektonisch ein Zeugnis seiner Zeit, sondern erfüllt bis heute eine unverzichtbare Funktion als Bindeglied der verschiedenen Institutshochhäuser. Die vorliegende Analyse beleuchtet die umfangreichen Sanierungsmaßnahmen, die in einem zweiten Bauabschnitt realisiert wurden, und setzt einen Schwerpunkt auf die technische Modernisierung, die energetische Effizienzsteigerung sowie die besonderen Herausforderungen des Bestands.
Das Projekt dient als praxisnahes Fallbeispiel für Bauherren, Planer und Investoren, die sich mit der Revitalisierung von Bauten aus der Nachkriegszeit auseinandersetzen. Die Quellenlage, die uns vorliegt, stammt aus Ausschreibungen, Projektdokumentationen und offiziellen Verlautbarungen der Universität sowie des Bauherrn Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Diese Daten erlauben einen detaillierten Blick in die Planung und Durchführung einer Modernisierung, die weit über eine rein optische Auffrischung hinausgeht.
Charakteristik und Ausgangslage des Gebäudes
Das Hörsaalzentrum, oft einfach als HZ bezeichnet, wurde im Jahr 1968 fertiggestellt. Es handelt sich um einen Bau in Sichtbetonbauweise, der den typischen „rauen Charme“ der 70er Jahre mit den Materialien Beton, Holz und Glas ausstrahlt. Mit einer Gesamtfläche von ca. 21.000 m² Bruttoraumfläche (BGF) und 17.200 m² Nutzraumfläche (NGF) ist das Gebäude gewaltig.
Seine Bedeutung für den Campus ist enorm. Es dient als zentrale Erschließungsachse. Ein entscheidender Vorteil des Originalentwurfs war und ist die Möglichkeit, trockenen Fußes von den umliegenden Gebäuden in das Zentrum und weiter zu den anderen Instituten zu gelangen. Diese Funktion als überdachter Campusplatz muss bei jeder Sanierung erhalten bleiben.
Die Nutzungsintensität ist hoch. Neben den Hauptfunktionen – neun Hörsälen und mehreren Seminarräumen – beherbergt das Gebäude eine Vielzahl sensibler Bereiche: * Labor- und Experimentierräume (unter anderem für Kernspinresonanzversuche und chemische Experimente). * Bibliotheken (darunter eine zweigeschossige). * Büros für Campusverwaltung, technisches Betriebsamt und studentische Einrichtungen. * Eine Cafeteria und Werkstätten.
Besonders relevant für die Sanierungsplanung ist die Tatsache, dass das Gebäude bereits in einem ersten Bauabschnitt zwischen 2009 und 2011 Teilmaßnahmen erfuhr. Diese waren jedoch abgeschlossen und bildeten nicht den Kern der hier untersuchten zweiten Bauphase, die als umfangreiche Generalsanierung konzipiert wurde.
Die Herausforderung: Energetische und Technische Sanierung (TGA)
Ein zentraler Punkt der Modernisierung war die energetische und technische Sanierung der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA). Gebäude aus den 60er und 70er Jahren entsprechen heutigen Energiestandards in der Regel nicht. Die Quellen geben hierzu präzise Einblicke in die Planung der Fachfirmen.
Ertüchtigung der Lüftungs- und Klimatechnik
Ein Kernstück der Sanierung war die Erneuerung aller raumlufttechnischen Anlagen. Ziel war es, eine effiziente zentrale Wärmerückgewinnungsanlage zu installieren. Diese Anlage ist für einen gewaltigen Gesamt-Luftvolumenstrom von 180.000 m³/h ausgelegt. Dieser Wert verdeutlicht die Dimension des Gebäudes und die Notwendigkeit einer hochleistungsfähigen, aber gleichzeitig sparsamen Technik.
Folgende konkrete Maßnahmen wurden durchgeführt: * Austausch der Zentralgeräte: Vorhandene zweistufige Zentralgeräte und Prozessabluftventilatoren wurden durch stufenlos regelbare Anlagen ersetzt. Dies ermöglicht eine bedarfsgerechte Steuerung und spart erheblich Energie. * Gebäudeautomation: Die bis dahin pneumatische Regelung wurde komplett erneuert. Eingesetzt wird nun eine Gebäudeautomation in DDC-Technik (Direct Digital Control). Die Datenpunkte sind direkt auf die Leitwarte der Universität aufgeschaltet, was eine zentrale Überwachung und Steuerung erlaubt. * Hygiene und Sicherheit: Die Sanierung erfolgte nach den hygienischen Grundsätzen der VDI 6022. Zudem wurden die Anlagen brandschutztechnisch ertüchtigt.
Spezifische Laboranforderungen
Da das Gebäude auch als Forschungsstandort dient, reichte eine Standardlüftung nicht aus. Besonders hervorzuheben sind die Laborabzüge in den Chemie- und Pharmaziebereichen. Diese wurden mit einer bedarfsabhängigen Abluftvolumenstromregelung ausgerüstet. Diese Technik gewährleistet Sicherheit, indem sie die Abluftmenge exakt an den Bedarf des jeweiligen Vorgangs anpasst, Energie spart und die Raumluftqualität stabil hält.
Kosten und Gewerke
Die Dimension des Projekts spiegelt sich in den Kosten wider. Die Gesamtkosten für die Bau- und Technikmaßnahmen werden auf ca. 7 Mio. € geschätzt. Davon entfielen allein 4,5 Mio. € auf die Technikkosten. Die Sanierung umfasste ein breites Spektrum an Gewerken: Heizungs-, Lüftungs-, Kälte-, Klima-, Sanitär- und Labortechnik sowie MSR-Technik (Mess-, Steuer- und Regelungstechnik).
Bauphysikalische und konstruktive Maßnahmen
Neben der technischen Ausrüstung mussten auch die Gebäudehülle und die Substanz selbst saniert werden.
Dach und Fassade
Die Dachsanierung war ein zwingender Bestandteil des Projekts. Ebenso gehörte die Sanierung der Betonbauteile der Außenhaut dazu. Ziel war es, die Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig energetisch zu ertüchtigen. Die Quellen erwähnen explizit die Neueindeckung von Dachflächen.
Ein signifikanter Eingriff war der Rückbau von komplexen und zeitkritischen Bestandsbauteilen. Dies war notwendig, um Platz für einen neuen Aufzug, neue Technikbereiche und Veränderungen an der Fassade zu schaffen. Solche Eingriffe in den Bestand erfordern eine präzise statische Planung, da das Tragwerk des Gebäudes aus der Erbauungszeit stammt.
Schadstoffsanierung
Ein nicht zu unterschätzender Aspekt bei Sanierungen von Gebäuden dieser Ära ist die Gefahr durch Schadstoffe. Die Projektdokumentation nennt explizit eine Sanierung von ca. 5.500 m² KMF (Künstliche Mineralfasern). Diese Fasern wurden früher häufig als Dämmstoffe verbaut und stellen bei unsachgemäßer Bearbeitung ein Gesundheitsrisiko dar. Die Durchführung einer solchen Sanierung erfordert spezielle Sicherheitsvorkehrungen und Fachfirmen.
Gerüstbau
Für die Arbeiten in den Hörsälen wurden insgesamt 10.350 m³ Sondergerüste benötigt. Diese Zahl unterstreicht den Umfang der Renovierung im Inneren des Gebäudes, um die ca. 2.700 Sitzplätze in den Hörsälen und die umliegenden Bereiche zu erreichen.
Metallbau und Ausschreibungspraxis
Ein Teil der Arbeiten wurde im Rahmen eines offenen Vergabeverfahrens ausgeschrieben. Es handelte sich hierbei um Metallbauarbeiten. Die Ausschreibung durch den Beschaffer, Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Tübingen, folgt den strengen Regeln des öffentlichen Beschaffungswesens.
Interessant für Bauunternehmen ist die Vorgabe zur Präqualifikation. Es wurde verlangt, dass präqualifizierte Unternehmen den Nachweis der Eignung durch Eintrag in das Verzeichnis des Vereins für die Präqualifikation von Bauunternehmen e.V. führen. Dies dient der Qualitätssicherung und Beschleunigung des Verfahrens.
Die Bauausführung der Metallarbeiten war zeitlich eng gesteckt: Der Beginn war für den 04.08.2025 vorgesehen, das Enddatum der Laufzeit war der 04.09.2025. Als Zuschlagskriterium galt ausschließlich der Preis. Die Baustelle selbst befindet sich in einem Innenhof des Hörsaalzentrums und ist als schwer zugänglich eingestuft worden, was die Logistik und den Gerüstbau erschwert.
Funktionalität und Campus-Integration
Die Sanierung zielte nicht nur auf Technik und Substanz ab, sondern auch auf die Verbesserung der Nutzungsmöglichkeiten. Das Hörsaalzentrum dient als zentraler Treffpunkt. Die Maßnahmen umfassten auch die Erneuerung der Sicherheitsbeleuchtung und die Optimierung der Erschließung.
Nach Abschluss der Sanierung bieten Foyer und Hörsaalzentrum die Möglichkeit, kleine Veranstaltungen für bis zu 100 Personen oder Catering auszurichten. Dies unterstreicht die Funktion als Veranstaltungszentrum über den reinen Lehrbetrieb hinaus.
Die Verwaltung und der Betrieb des Gebäudes erfolgen durch die Hausmeisterdienstleistungszentren (HDLZ). Das HDLZ Morgenstelle ist zuständig für den Naturwissenschaftlichen Campus. Diese Strukturierung der Hausverwaltung ist entscheidend für den reibungslosen Betrieb eines so komplexen Gebäudes. Sie kümmern sich um Medientechnik, Raumvergabe, Schließanlagen und Parkberechtigungen. Die Integration der neuen Technik (Gebäudeautomation) in die bestehenden Verwaltungsstrukturen war somit ein organisatorischer Teil des Projekts.
Zusammenfassung der Projektdaten
Um die Dimensionen des Vorhabens übersichtlich darzustellen, folgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Kennzahlen aus den vorliegenden Quellen:
| Parameter | Wert / Beschreibung |
|---|---|
| Gebäude | Hörsaalzentrum (HZ), Campus Morgenstelle, Universität Tübingen |
| Baujahr | 1968 (ursprünglich), Sanierung ca. 2025 |
| Gesamtfläche | ca. 21.000 m² BGF / 17.200 m² NGF |
| Bauherr | Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Tübingen |
| Gesamtkosten (ca.) | 7 Mio. € |
| Technikkosten (ca.) | 4,5 Mio. € (für TGA-Sanierung) |
| Luftvolumenstrom RLT | 180.000 m³/h |
| Schadstoffsanierung | ca. 5.500 m² KMF |
| Gerüstbau (intern) | 10.350 m³ |
| Sitzplätze (Hörsäle) | ca. 2.700 |
| Architekten (Planung) | ZSP Architekten Peter Vorbeck, Stuttgart (lt. Projektbeschreibung) |
Fazit
Die Sanierung des Hörsaalzentrums auf der Morgenstelle der Universität Tübingen ist ein Musterbeispiel für die Revitalisierung von Bauten der Nachkriegsmoderne. Es handelt sich um ein Vorhaben, das weit über eine einfache Renovierung hinausgeht. Der Fokus lag auf einer tiefgreifenden energetischen und technischen Modernisierung, die notwendig war, um den hohen Standard einer modernen Forschungs- und Lehrstätte zu gewährleisten.
Die Analyse der Quellen zeigt, dass die Planer und der Bauherr Wert auf eine ganzheitliche Betrachtung gelegt haben. Energetische Effizienz durch moderne Wärmerückgewinnung und Gebäudeautomation traf auf die Erhaltung der architektonischen Substanz und die spezifischen Anforderungen von Labor- und Forschungsbereichen. Die Integration von Schadstoffsanierung und der Erschließung neuer Funktionsbereiche (z.B. durch Aufzugseinbau) rundet das Projekt ab.
Für Bauinteressierte und Fachleute zeigt das Projekt die Wichtigkeit von: 1. Detaillierten Bestandsaufnahmen: Umfangreiche Flächen (über 20.000 m²) und komplexe Nutzungen erfordern eine präzise Planung. 2. Spezialisierter Gewerke: Die Notwendigkeit von Labortechnik und spezieller Lüftungstechnik (VDI 6022) erfordert Fachfirmen. 3. Strukturierter Vergabe: Die Nutzung von Präqualifikation und offenen Verfahren im öffentlichen Bauwesen ist ein etablierter Standard. 4. Sicherheitsaspekten: Der Umgang mit Schadstoffen im Bestand darf nicht unterschätzt werden.
Das Hörsaalzentrum Tübingen bleibt nach der Sanierung das Herzstück des Campus – nun energetisch auf dem neuesten Stand und technisch für die Anforderungen der Zukunft gerüstet.
Quellen
- Mercell Ausschreibung: Universität Tübingen Sanierung Hörsaalzentrum
- TPI Online: Projekte Öffentliche Bauten
- PASD: Sanierung Hörsaalzentrum
- Roggatz: NWI Campus Tübingen Hörsaalzentrum
- Ausschreibungen Deutschland: Metallbauarbeiten Tübingen Universität NWI
- Universität Tübingen: Hausmeisterdienstleistungszentren
- Universität Tübingen: Lageplan Morgenstelle