Einleitung
Das IG-Farben-Haus, ein architektonisches Meisterwerk von Hans Poelzig und heute ein zentraler Teil des Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt, steht seit Jahren im Fokus von Sanierungsdebatten. Ursprünglich zwischen 1928 und 1931 als Zentrale für den Chemiekonzern I.G. Farben errichtet, prägt der 250 Meter lange und 35 Meter hohe Baukomplex aus Stahlskelettbauweise mit Muschelkalkverkleidung das Stadtbild. Die Notwendigkeit einer Sanierung ergab sich aus sichtbaren Schäden: Stücke der Natursteinverkleidung brachen heraus, da der Travertin im Laufe der Zeit porös wurde. Diese Entwicklungen haben eine komplexe Planung ausgelöst, die nicht nur die Fassade, sondern die gesamte Gebäudehülle betrifft.
Dieser Artikel beleuchtet den Status quo der Sanierung, die technischen Herausforderungen, die historische Bedeutung des Gebäudes und die strategischen Entscheidungen, die im Zusammenhang mit der Instandhaltung eines denkmalgeschützten Hochbaus getroffen werden müssen.
Der bauliche Zustand und die Ursachen der Schäden
Die Problematik, die zur aktuellen Sanierungsnotwendigkeit führt, ist primär im Materialverschleiß der originalen Fassadenverkleidung zu sehen. Laut Informationen aus dem Jahr 2015 bröckelte am IG-Farben-Haus der Putz. Genauer gesagt handelte es sich um die Natursteinverkleidung, aus der Stücke herausbrachen. Die Ursache liegt in der Materialbeschaffenheit des verwendeten Travertins, der über die Jahrzehnte seine strukturelle Integrität verloren hat und porös geworden ist.
Die Auswirkungen dieser Materialdegradation waren unmittelbar spürbar. Um die Sicherheit der Nutzer – Studierende, Dozenten und Angestellte der Goethe-Universität – zu gewährleisten, wurde das Gebäude eingezäunt. Gerüste wurden vor den Eingängen aufgebaut. Diese Maßnahmen waren zunächst als temporäre Sicherung gedacht, entwickelten sich jedoch aufgrund der Komplexität der Gesamtsanierung zu einer jahrelangen Begleiterscheinung.
Eine im Jahr 2016 geplante Fassadensanierung, die in der 11. Kalenderwoche (ca. Mitte März) beginnen sollte, sah eine schnelle Abfolge vor: * Baustelleneinrichtung: Aufbau der Gerüste am Portikus und der Rotunde. * Bauabschnitte: Eine Einteilung in drei Abschnitte (Portikus, Rotunde, Übergang zum Nebengebäude).
Trotz dieser konkreten Pläne im Jahr 2016, die eine Fertigstellung für August 2016 vorsahen, zeigte sich schnell, dass diese Planungen unrealistisch waren. Die Sanierung des Natursteins war nur ein Teil des Problems, der im Kontext einer umfassenderen Gebäudehüllesanierung gesehen werden musste.
Strategische Neuausrichtung: Die Gesamtsanierung der Gebäudehülle
Die ursprüngliche Idee, lediglich die bröckelnde Fassade zu reparieren, wurde verworfen. Die Goethe-Universität verfolgt nun einen weit umfassenderen Ansatz. Wie aus einer Antwort der hessischen Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) auf eine Anfrage im Landtag hervorging, ist eine isolierte Fassadensanierung unwirtschaftlich. Stattdessen plant die Universität eine Gesamtsanierung der Gebäudehülle.
Diese Strategie basiert auf dem Prinzip der wirtschaftlichen Vernunft. Die Sanierung der Fassade wird mit zwei weiteren dringenden Baumaßnahmen verbunden: 1. Sanierung der Fenster: Der Austausch bzw. die Sanierung von 2.400 Fenstern. 2. Sanierung des Dachs: Die Instandsetzung der Dachkonstruktion.
Der Plan sieht eine Unterteilung in vier Bauabschnitte vor. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, die Arbeiten zu koordinieren und Ressourcen effizienter zu nutzen. Die Sanierung der Fassade ist somit nicht mehr nur ein Sicherheitsprojekt, sondern Teil einer nachhaltigen Modernisierung, die Energieeffizienz und thermische Behaglichkeit wiederherstellen soll.
Herausforderung: Sanierung im laufenden Betrieb
Ein entscheidender Aspekt dieser Planung ist, dass die Sanierung im laufenden Betrieb einer Universität erfolgen muss. Der Vorlesungs- und Arbeitsbetrieb darf nicht durch monatelange Pausen unterbrochen werden. Die Herausforderung, 2.400 Fenster auszutauschen und eine massive Fassadensanierung durchzuführen, während das Gebäude genutzt wird, erfordert ein hohes Maß an Planung und Kommunikation.
Experten betonen, dass dies nur durch ein intranetgestütztes Kommunikationskonzept und eine raumgruppenweise Abwicklung des Projekts möglich ist. Ziel ist es, Ausfallzeiten zu minimieren und ständig mit dem Amt für Denkmalpflege, vereidigten Sachverständigen und den Nutzern abzustimmen. Besonders sensibel ist dabei die Behandlung des historischen Erscheinungsbildes, das gewahrt bleiben muss.
Historischer Kontext und Denkmalschutz
Das Verständnis für die Sanierungsmaßnahmen ist untrennbar mit der Geschichte des Gebäudes verbunden. Das IG-Farben-Haus ist nicht nur ein Bürokomplex, sondern ein Denkmal mit einer wechselhaften Vergangenheit.
Architektur und Bauweise
Entworfen von Hans Poelzig, diente das Gebäude als Vorbild das General Motors Building in Detroit. Es wurde in fortschrittlicher Stahlskelettbauweise errichtet und mit Muschelkalk verkleidet. Mit einer Höhe von 35 Metern und einer Länge von 250 Metern war es eines der größten Bürogebäude der damaligen Zeit und galt bis in die 1950er Jahre als hochmodern. Der Baustil ist dem frühen Neoklassizismus zuzuordnen, was den Anspruch des Chemiekartells auf Macht und Repräsentation widerspiegelt.
Nutzungsgeschichte
Die Nutzungsgeschichte des Hauses ist außergewöhnlich: * 1931–1945: Zentrale der I.G. Farben. * 1945–1995: Hauptquartier der US-Armee (unter anderem unter General Dwight D. Eisenhower). Das Gebäude wurde im Krieg unversehrt erhalten. Nach dem Krieg diente es als Hauptquartier der amerikanischen Besatzungszone und wurde später in „General Greighton W. Abrams Building“ umbenannt. * Seit 2001: Nutzung durch die Goethe-Universität Frankfurt (Campus Westend).
Diese wechselvolle Geschichte macht die Sanierung zu einer sensiblen Aufgabe. Besonders hervorzuheben sind architektonische Details wie die Eisenhower-Rotunde und die beeindruckende Eingangshalle, die den besonderen Charakter des Ortes ausmachen. Auch die sogenannten Paternoster-Aufzüge, die bis heute in Betrieb sind (und keine Türen haben), sind ein historisches Merkmal, das bei Sanierungen Berücksichtigung finden muss.
Finanzielle Aspekte und Zeitplan
Die Sanierung eines denkmalgeschützten Großbaus ist mit erheblichen Kosten verbunden. Die Planungen und Verzögerungen der letzten Jahre haben zu einer deutlichen Kostensteigerung geführt.
Kostenentwicklung
Ursprünglich wurde im Jahr 2016 noch von deutlich geringeren Summen gesprochen. Mittlerweile belaufen sich die Schätzungen für eine umfängliche Sanierung der Gebäudehülle (inklusive Natursteinfassade, Fenster und Dach) auf rund 22,9 Millionen Euro (Stand Dezember 2018). Diese Summe spiegelt den Umfang der geplanten Maßnahmen wider.
Es gibt jedoch auch Kostenpunkte, die bereits angefallen sind, ohne dass die eigentliche Großsanierung begonnen hat: * Ad-hoc-Sicherung: Da der Bauzaun allein nicht ausreichte, wurden 2016 Sicherungsmaßnahmen an Portikus, Rotunde und Übergang zum Nebengebäude durchgeführt. Diese kosteten rund 0,5 Millionen Euro.
Finanzierung
Die Goethe-Universität beabsichtigt, die hohen Kosten über das Hochschulbauinvestitionsprogramm des Landes HEUREKA zu finanzieren, zumindest teilweise. Ob und in welcher Höhe die Mittel bewilligt werden, ist jedoch Teil der politischen Haushaltsplanung.
Zeitplan und Verzögerungen
Der Zeitplan für die Sanierung ist unklar und hat sich massiv verzögert. * 2015/2016: Erste Meldungen über notwendige Sanierungen und konkrete Pläne für einen Start im März 2016. * 2022: Laut einer Auskunft der Wissenschaftsministerin im Jahr 2019 wurde damit gerechnet, dass die baulichen Sanierungsmaßnahmen voraussichtlich im Jahr 2022 beginnen können. * Heute: Es liegen bis heute (nach den vorliegenden Informationen) keine endgültigen Terminpläne vor. Die Verzögerungen werden von der Opposition (AfD) kritisiert, die moniert, dass keine signifikanten Baumaßnahmen erkennbar seien.
Die Ministerin begründete die Verzögerung mit der Notwendigkeit der Gesamtsanierung. Aus wirtschaftlichen Gründen sei eine zeitgleiche Durchführung von Fassade, Fenstern und Dach sinnvoller als eine schrittweise Vorgehensweise.
Der Bauzaun: Symbol für ein Sanierungsdesaster?
Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Bauzaun, der seit mittlerweile vielen Jahren das Gebäude umgibt. Laut Informationen aus dem Jahr 2013 stand der Zaun bereits, nachdem erste Steinbrocken aus der Wand gefallen waren. Der Zaun hat eine Länge von etwa 1.500 Metern und hält einen Abstand von etwa 10 Metern zur Fassade ein.
Kritisch zu betrachten ist die Kostenfrage: Der Zaun kostet angeblich „fast nichts“, da er der Universität gehört (vermutlich aus Beständen aus Zeiten der Studentenproteste). Diese Tatsache wird von Beobachtern als möglicher Grund für das schleppende Tempo der Sanierung gesehen. Da der Zaun keine zusätzlichen Mietkosten verursacht, fehlt möglicherweise der Druck, die Sanierung schnell abzuschließen.
Der Bauzaun steht im Kontrast zur hohen Bedeutung des Gebäudes. Er ist ein sichtbares Zeichen des Verfalls und der Planungsunfähigkeit, das seit über einem Jahrzehnt das Stadtbild beeinträchtigt.
Technische Spezifikationen und Besonderheiten des IG-Farben-Hauses
Für Bauexperten und Architekten bietet das Gebäude spezifische technische Herausforderungen:
| Merkmal | Beschreibung |
|---|---|
| Bauweise | Stahlskelettbauweise (fortschrittlich für die späten 1920er Jahre) |
| Fassadenmaterial | Muschelkalk / Travertin (porös geworden, bröckelnd) |
| Abmessungen | 250 m Länge, 35 m Höhe |
| Fenster | 2.400 Fenster (Sanierung/Austausch erforderlich) |
| Historische Details | Paternoster-Aufzüge (ohne Türen), Eisenhower-Rotunde, Portikus |
| Nutzung | Universitätsbetrieb (Forschung und Lehre) |
Die Sanierung der Fenster ist hierbei ein eigenes Kapitel. Wie in den Quellen dargestellt, ging es nicht nur um einen reinen Austausch, sondern um eine aufwändige Sanierung der Rahmen, Lackierung, Austausch der Beschläge und Anpassung der Laibungen, alles unter Wahrung des denkmalschutzrechtlichen Erscheinungsbildes.
Fazit
Die Sanierung des IG-Farben-Hauses ist ein Paradebeispiel für die Komplexität von Denkmalsanierungen im 21. Jahrhundert. Der sichtbare Verfall der Travertin-Fassade war nur der Auslöser für eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Bausubstanz. Die Entscheidung der Goethe-Universität, nicht nur die Fassade, sondern die gesamte Gebäudehülle inklusive Fenster und Dach zu sanieren, ist wirtschaftlich sinnvoll, führt aber zu langen Planungs- und Ausführungszeiträumen.
Die Herausforderungen sind vielschichtig: Die Sicherheit im laufenden Betrieb gewährleisten, die historische Substanz (von der Eisenhower-Rotunde bis zu den Paternostern) erhalten, hohe Kosten (geschätzt knapp 23 Mio. €) stemmen und dabei die städtische Ästhetik verbessern. Der lange stehengebliebene Bauzaun ist dabei mehr als nur eine Absicherung – er ist ein Mahnmal für die Schwierigkeiten, historische Bausubstanz in modernen Universitätsbetrieb zu integrieren. Für Bauherren und Investoren, die sich mit Sanierungen von Baudenkmälern befassen, liefert der Fall IG-Farben-Haus wertvolle Erkenntnisse über die Notwendigkeit frühzeitiger Bestandsaufnahmen, den Stellenwert von Ad-hoc-Sicherungen und die Bedeutung langfristiger Finanzplanung.
Quellen
- Campus Westend: Fassadensanierung am IG-Farben-Haus
- Frankfurter Rundschau: Bauzaun bleibt noch lange stehen
- Regiopia: IG-Farben Haus
- PA+ Portfolio: IG-Farben-Haus Frankfurt
- Harald Reportagen: IG-Farben-Haus
- Kulturothek: I.G. Farben – Der Poelzigbau und seine Geschichte
- Campus Location Frankfurt: Infos zum Gebäude IG-Farben-Haus
- DBZ: IG-Farben-Haus bröckelt. Bauzaun kostet nichts