Das Einkaufszentrum Jenfeld, gelegen an der Ecke Öjendorfer Damm/Rodigallee im Hamburger Stadtteil Jenfeld, ist ein Beispiel für die Herausforderungen, die städtische Infrastruktur aus den 1970er Jahren im 21. Jahrhundert darstellt. Das 1975 im Rahmen des Bebauungsplans Jenfeld 2 fertiggestellte Bauwerk dient nicht nur als Einkaufspassage, sondern beherbergt in integrierten, bis zu elfgeschossigen Punkthäusern rund 350 Wohneinheiten, die einst als Sozialwohnungen für ältere Menschen konzipiert wurden. In den letzten Jahren hat das Objekt erheblichen Substanzverlust erlitten, was eine intensive Debatte über Abriss, Sanierung und die Sicherung bezahlbaren Wohnraums ausgelöst hat.
Dieser Artikel beleuchtet den aktuellen Zustand des Komplexes, die politischen Initiativen zu seiner Umgestaltung und die städtebaulichen Maßnahmen, die das Umfeld des Zentrums bereits betreffen.
Baulicher Zustand und Defizite
Die Notwendigkeit einer Intervention in den Bestand des Einkaufszentrums Jenfeld ergibt sich aus einer jahrelangen Vernachlässigung der Substanz. Verschiedene Berichterstattungen und Stellungnahmen belegen, dass es sich um ein „Problemfall“ handelt. Das Gebäude wird als „teilweise leer stehend“, „heruntergekommen“ und „zur Ruine verkommt“ beschrieben. Besucher und Anwohner bemängeln nicht nur die starke Baufälligkeit des eigentlichen Zentrums, sondern auch die des angrenzenden Parkhauses. Zusätzlich werden „unangenehme Gerüche“ als Störfaktor genannt, die die Aufenthaltsqualität massiv beeinträchtigen.
In bundesweiten Rankings landete das Einkaufszentrum Jenfeld auf dem „vorletzten Platz“, was seine Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität im regionalen Vergleich drastisch unterstreicht. Die Fassaden und die Innengestaltung entsprechen nicht mehr aktuellen Standards, und der Leerstand in den Gewerbeeinheiten verstärkt den Eindruck des Verfalls.
Politische Debatte: Forderung nach Abriss und Neubau
Die prekäre Situation hat im politischen Raum Hamburgs eine kontroverse Diskussion über die Zukunft des Areals ausgelöst. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) hat sich in diesem Kontext besonders profiliert. Der Bürgerschaftsabgeordnete Cem Berk (SPD) forderte in einem öffentlichen Video-Statement den vollständigen Abriss und Neubau des Komplexes. Er bezeichnete das Vorhaben als wichtiges Thema des Wahlkampfes und sprach davon, der erste Abgeordnete zu sein, der diese Forderung ausspricht. Die SPD sieht im Abriss die einzige Möglichkeit, das Areal „ins Positive zu entwickeln“.
Konkret setzt sich die Partei für die Einrichtung einer Vorkaufsrechtsverordnung ein. Ziel ist es, der Stadt Hamburg die Möglichkeit zu geben, das Grundstück und das Gebäude zu erwerben, um selbst steuernd in die Entwicklung einzugreifen. Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) bestätigte im Gespräch mit dem „Hamburger Abendblatt“, dass die Stadt prüfe, ob sie die Immobilie erwerben kann. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der aktuelle Eigentümer, das Immobilienunternehmen Grand City Properties mit Sitz in Berlin und Luxemburg, zum Verkauf bereit ist. Dressel gab an, hierzu keine Informationen zu haben.
Soziale Implikationen: Der Verlust bezahlbaren Wohnraums
Die Forderung nach einem Abriss stößt jedoch auf massive Kritik, insbesondere im Hinblick auf die soziale Komponente des Bauwerks. Die Christlich Demokratische Union (CDU) warnt eindringlich vor den Folgen eines reinen Abriss-Vorhabens. Der Wandsbeker Wahlkreisabgeordnete Ralf Niedmers (CDU) betont, dass es sich bei den rund 350 Wohneinheiten um kleinere Wohnungen handelt, die einst speziell als Sozialwohnungen für ältere Menschen mit kurzen Wegen geplant wurden.
Ein Abriss des gesamten Bauwerks würde laut CDU dazu führen, dass „ca. 350 Wohneinheiten gleichzeitig verloren gehen“ und Hunderte Mieter den Verlust ihrer bezahlbaren Wohnung droht. Die CDU kritisiert die SPD-Pläne als „populistischen Anstrich“, da die Schicksale der langansässigen Mieter in den Planungen keinen Platz fänden. Besonders problematisch ist die Situation, da in unmittelbarer Nähe, nur rund 1.400 Meter entfernt, das neue Einkaufszentrum am Berliner Platz geplant ist. Die Planungen für dieses Vorhaben sind jedoch laut Quellenlage „still“ oder noch nicht absehbar. Es bleibt unklar, ob und wo die Mieter des alten Zentrums Ersatz in bezahlbaren Preissegmenten finden würden.
Städtebauliche Aufwertung des Umfelds: Der Quartiersplatz
Während die Zukunft des Hauptgebäudes diskutiert wird, sind am nördlichen Ausgang des Einkaufszentrums (bei den Höfen) bereits erste Veränderungen sichtbar. Im Rahmen der Integrierten Stadtteilentwicklung im RISE-Fördergebiet Jenfeld-Zentrum wurde der sogenannte Quartiersplatz schrittweise aufgewertet. Seit September wurden marode Einbauten entfernt, Beete neu bepflanzt und neue, farbige Sitzmöglichkeiten aufgestellt. Zudem erhielt der Platz eine temporäre farbige Bodenbemalung, und die Schaufensterfront des Einkaufszentrums wurde gestalterisch angepasst.
Diese Maßnahmen dienen dazu, mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen. Es handelt sich dabei um temporäre Lösungen, die für eine Testphase von zwei bis drei Jahren konzipiert sind. Ziel ist es, zu erproben, welche Nutzungs- und Gestaltungsformen sich langfristig bewähren. Die Erfahrungen aus dieser Phase bilden die Grundlage für eine dauerhafte Gestaltung. Die Finanzierung erfolgt durch Mittel der Städtebauförderung und der Eigentümerin des Einkaufszentrums.
Beteiligung der Öffentlichkeit
Ein wesentlicher Bestandteil dieses Ansatzes ist die Einbindung der Anwohner. Bei der Gestaltung der temporären Aufwertung wurden Schülerinnen und Schüler einer 8. Klasse der Otto-Hahn-Schule sowie Gewerbetreibende und Anwohnende einbezogen. Um den Bürgern die Möglichkeit zu geben, Feedback zu geben und Ideen einzubringen, lädt die Stadt am 3. Dezember 2025 zwischen 15:30 und 17:30 Uhr zu einer Weihnachtsveranstaltung auf dem Quartiersplatz ein. Ein Infostand des RISE-Teams, Vertreterinnen des EKZ Jenfeld und des Projekts LokalAktiv wird vor Ort sein.
Städtebaulicher Kontext: Die Entwicklung im Jenfelder Norden
Die Diskussion um das Einkaufszentrum Jenfeld ist Teil einer größeren Transformation im Norden des Stadtteils. Während das Areal am Berliner Platz noch in der Planungsphase verharrt, schreitet der Ausbau der Siedlung Jenfelder Au auf dem ehemaligen Kasernengelände voran. Dieses „Vorzeigeprojekt“ mit rund 1.200 Wohneinheiten verändert die Infrastruktur der Region nachhaltig.
Das neue Nahversorgungszentrum am Berliner Platz ist für die Bewohner der Jenfelder Au ein zentraler Bezugspunkt. Bereits jetzt hat das Ende des alten Einkaufszentrums am Berliner Platz (nicht zu verwechseln mit dem hier diskutierten Jenfeld-Zentrum an der Rodigallee) zu Veränderungen geführt, wie etwa den Umzug der Postfiliale in die Jenfelder Au. Diese Entwicklungen zeigen, dass die Stadtentwicklung in Jenfeld dynamisch ist und eine Umstrukturierung des Handels- und Wohnungsbestandes unumgänglich scheint.
Zusammenfassung der Planungen und Herausforderungen
Die Zukunft des Einkaufszentrums Jenfeld an der Rodigallee ruht auf mehreren Säulen: der Willensbekundung der Politik, der Verhandlungsbereitschaft des Eigentümers und der Akzeptanz in der Bevölkerung.
- Technischer Zustand: Das Gebäude ist sanierungsbedürftig und weist gravierende Mängel auf, die eine Aufenthaltsqualität stark einschränken.
- Politische Ziele: Die SPD strebt eine städtische Übernahme und einen Neubau an, um das Areal zu revitalisieren.
- Soziale Verantwortung: Die Sicherung von ca. 350 Wohnungen für einkommensschwache und ältere Mieter ist eine zentrale Hürde. Ein Abriss ohne adäquaten Wohnersatz ist sozial nicht vertretbar.
- Temporäre Lösungen: Bis zu einer finalen Entscheidung investiert die Stadt in die Aufwertung des öffentlichen Raumes (Quartiersplatz), um die Lebensqualität vor Ort kurzfristig zu steigern.
Fazit
Das Einkaufszentrum Jenfeld steht symbolisch für den Wandel einer Trabantenstadt, die in den 1970er Jahren entstand und heute vor neuen städtebaulichen Herausforderungen steht. Die Substanz ist schlecht, der Bedarf an Modernisierung hoch. Gleichzeitig darf der soziale Auftrag, bezahlbaren Wohnraum zu erhalten, nicht aus dem Blick geraten. Die politischen Forderungen nach einem radikalen Schnitt stehen im Konflikt mit der Notwendigkeit, bestehende Mietverhältnisse zu sichern. Es bleibt abzuwarten, ob die Stadt Hamburg das Vorkaufsrecht nutzt und wie der Eigentümer Grand City Properties auf die Dringlichkeit der Sanierung reagiert. Bis dahin setzen die temporären Maßnahmen am Quartiersplatz zumindest ein Zeichen für das Bemühen um eine aufgewertete Lebensqualität im Jenfelder Zentrum.
Quellen
- Ralf Niedmers - Anfragen
- t-online - Hamburg: Jenfeld wird ein Einkaufszentrum mit Wohnungen abgerissen?
- CDU Hamburg - Niedmers: Abriss Jenfelder Einkaufszentrum - Wohnungslos durch SPD Wahlkampfmanöver?
- Hamburg.de - Umgestaltung Quartiersplatz Jenfeld
- MOPO - Inakzeptable Situation: Stadt will Trostlos-Center von Jenfeld umkrempeln
- BV-HH - Wie geht es weiter im Jenfelder Norden?