Sanierung historischer Schulgebäude: Ein umfassender Fallbericht zur Julius-Leber-Schule in Lübeck

Die Sanierung von denkmalgeschützten Schulgebäuden stellt Bauherren, Planer und Handwerker vor besondere Herausforderungen. Neben der Notwendigkeit, moderne technische Standards wie Brandschutz und digitale Infrastruktur zu integrieren, müssen oft historische Bausubstanz und architektonische Besonderheiten erhalten bleiben. Der Sanierungsprozess der Julius-Leber-Schule in Lübeck, einem Gebäude aus dem Jahr 1904, dient als praxisnahes Beispiel für die Komplexität solcher Großprojekte. Dieser Artikel beleuchtet den Ablauf, die Kosten, die technischen Maßnahmen und die zukünftige Strategie dieses Vorhabens, um Einblicke in die Planung und Durchführung von Baumaßnahmen im öffentlichen Sektor zu geben.

Historischer Hintergrund und Ausgangslage

Die Julius-Leber-Schule am Marquardplatz in Lübeck-St. Lorenz Nord wurde im Jahr 1904 errichtet. Aufgrund ihrer bauhistorischen Bedeutung wurde das Gebäude bereits im Jahr 2007 unter Denkmalschutz gestellt. Über Jahrzehnte hinweg sammelten sich jedoch bauliche Mängel an, die eine umfassende Sanierung unvermeidlich machten.

Vor Beginn der eigentlichen Sanierungsarbeiten stand eine Fusionierung der Schule im Fokus der Entwicklung. Im Jahr 2010 wurden die Grundschule in der Brockesstraße und die ehemalige Bernt-Notke-Realschule am Marquardplatz zur heutigen Julius-Leber-Schule zusammengelegt. Diese organisatorische Änderung führte zu einem erhöhten Bedarf an Räumlichkeiten und einer Neubewertung der Nutzung des historischen Gebäudes.

Ein entscheidender Schritt in der Vorbereitung der Sanierung war der Umzug eines Großteils der Gemeinschaftsschule in eine Containerschule in der Brockesstraße im Jahr 2017. Diese Interimslösung war notwendig, um das Gebäude am Marquardplatz vollständig entladen und für die anstehenden Arbeiten zugänglich zu machen. Die Gebäudehülle wurde im Sommer 2017 bereits eingestellt, was den offiziellen Start der Sanierungsphase markierte.

Projektmanagement und Kostenstruktur

Die Sanierung der Julius-Leber-Schule war ein finanziell bedeutendes Vorhaben für die Hansestadt Lübeck. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 12,1 Millionen Euro. Ursprünglich wurden die Kosten im Jahr 2020 mit 11.230.000 Euro veranschlagt. Im Verlauf des Projekts kam es zu einer Kostensteigerung von 870.000 Euro. Laut den vorliegenden Informationen waren diese Mehrkosten maßgeblich auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie und den Ukraine-Konflikt zurückzuführen, welche die Bauwirtschaft allgemein belasteten und Preise für Materialien sowie Personal in die Höhe trieben.

Für die Finanzierung nutzte die Hansestadt Lübeck verschiedene Förderprogramme. Eine wichtige Säule bildeten Fördermittel des Landes Schleswig-Holstein über das IMPULS-Förderprogramm. Hier wurden 3.619.964 Euro akquiriert. Zusätzlich wurden Mittel aus dem DigitalPakt Schule (2019-2024) in Anspruch genommen. Der Bund stellte über das Land Fördergelder für die digitale Ausstattung bereit. Konkret wurden mindestens 143.768,51 Euro für die Installation von 22 interaktiven Displays und einen lokalen Schulserver genehmigt. Für drei weitere Displays wurden eventuell Restmittel in Höhe von rund 20.000,00 Euro bereitgestellt.

Die Koordination des Projekts oblag dem Gebäudemanagement der Hansestadt Lübeck. Als Projektleitung fungierten die Architektin Dipl.-Ing. Birgit Jannsen und der Architekt Dipl.-Ing. Holger Kluth. Die hochbauliche Planung und Bauleitung wurde an den Architekten Dipl.-Ing. Axel Prüser aus Lübeck vergeben. Für die haustechnischen Anlagen (HLK, Sanitär, Elektro) zeigte das Ingenieurbüro Hartmann aus Rostock Planung und Bauleitung. Die Außenanlagen wurden durch das Ingenieurbüro für Garten- und Landschaftsarchitektur Andreas Knoll aus Cronskamp geplant. Vor Ort stand der Schulhausmeister Kay-Uwe Kiaupat-Dohse als Ansprechpartner für die über 30 beteiligten Firmen zur Verfügung.

Vergabe und Ausführung von Teilgewerken

Die Vergabe von Aufträgen erfolgte im Rahmen eines offenen Verfahrens nach VOB/A. Ein Beispiel für die Auftragsvergabe ist der Auftrag an die Firma H. O. Schlüter GmbH aus Hanerau-Hademarschen. Dieser Auftrag wurde am 29.01.2021 vergeben. Die Auftragssumme betrug 214.445,00 EUR. Der Zuschlag erfolgte nach einem Verfahren, bei dem vier Angebote eingereicht wurden. Die Ausführungsfrist für dieses Gewerk war vom 15.03.2021 bis zum 31.08.2021. Solche Einzelaufträge zeigen die Detailliertheit der Planung und die Notwendigkeit, verschiedene Gewerke getrennt zu vergeben, um die Qualität und Spezialisierung der Handwerker sicherzustellen.

Technische und bauliche Maßnahmen

Die Sanierung umfasste eine Vielzahl von Gewerken, die nahezu alle Bereiche des Gebäudes betrafen.

Gebäudehülle und Denkmalschutz

Das denkmalgeschützte Gebäude erforderte eine sensiblere Herangehensweise bei der Erneuerung der Fassade und des Daches. Ziel war es, den historischen Charakter zu wahren, gleichzeitig aber den aktuellen energetischen und technischen Standards zu entsprechen. Die Sanierung des Flugdaches und der Dachterrasse war ein zentraler Bestandteil der Instandsetzung, um die Gebäudehülle dauerhaft zu schützen.

Innenraumsanierung und Fachräume

Im Innenbereich wurden nahezu sämtliche Fachräume saniert. Der Fokus lag hier auf der Modernisierung der Lehr- und Lernumgebung. Die Klassen-, Fach-, Gruppen- und Verwaltungsräume wurden teilweise mit neuem Mobiliar ausgestattet. Besonders hervorzuheben ist die technische Ausstattung: In insgesamt fünf Fachräumen und 20 Klassenräumen wurden interaktive Displays als digitale Tafeln installiert. Diese Maßnahme dient der modernen Unterrichtsgestaltung und wurde maßgeblich durch den DigitalPakt finanziert. Zusätzlich wurden die Toilettenanlagen erneuert.

Haustechnik und Brandschutz

Ein wesentlicher Treiber für die Sanierung waren brandschutztechnische Anforderungen sowie die Notwendigkeit zur Schadstoffsanierung. Da es sich um ein Gebäude aus dem Jahr 1904 handelt, war mit dem Vorhandensein von Schadstoffen zu rechnen. Die Sanierung umfasste daher auch die Beseitigung von Schadstoffen in den jeweils leerstehenden und abgeschirmten Etagen. Die Planung der Haustechnik wurde durch ein spezialisiertes Ingenieurbüro sichergestellt, um eine funktionierende Heizungs-, Lüftungs- und Elektroinstallation zu gewährleisten.

Außenanlagen

Neben dem Gebäude selbst wurden auch die Außenflächen neu gestaltet. Der Schulhof wurde in ein "Spiel-, Sport- und Freizeitparadies" umgewandelt. Ziel war eine attraktive und bewegungsfreundliche Gestaltung, die den Schülern neue Möglichkeiten für Pausen und Freizeit bietet. Die Planung und Bauleitung hierfür oblag, wie erwähnt, einem spezialisierten Garten- und Landschaftsarchitekten.

Zeitlicher Ablauf und Fertigstellung

Die Bauzeit für die Sanierung am Marquardplatz dauerte knapp drei Jahre. Die Arbeiten begannen Mitte Juni 2020 und wurden Ende April 2023 abgeschlossen. Am 31. Mai 2023 fand die feierliche Wiedereröffnung in der Aula der Schule statt.

Während der Sanierungsphase fand der Unterricht in der Containerschule in der Brockesstraße statt. Nach Abschluss der Arbeiten erfolgte in den Osterferien 2023 der Rückumzug der 386 Schülerinnen und Schüler an den Standort Marquardplatz.

Organisatorische Trennung und neue Struktur

Ein strategisches Ziel der Sanierung war die organisatorische Neuausrichtung. Zum 1. August 2023 wurde die Julius-Leber-Schule getrennt. Die Grundschule und die Gemeinschaftsschule werden nun eigenständig weitergeführt. Die Gemeinschaftsschule umfasst nun die Klassenstufen 5 bis 10. Diese Entscheidung legte den Grundstein für eine klare Struktur und eine bessere Auslastung der sanierten Räumlichkeiten.

Aktuelle Herausforderungen: Brandschutz und Schadstoffsanierung in der Seilerstraße 32

Obwohl der Sanierungszustand am Marquardplatz weit fortgeschritten ist, gibt es am Standort Seilerstraße 32, der ebenfalls zur Julius-Leber-Schule gehört, noch erheblichen Sanierungsbedarf. Hier stehen umfangreiche Maßnahmen im Bereich Schad- und Brandschutz an.

Laut Informationen des Schulleiters Oliver Schulz aus dem Jahr 2024 plant die Schule, eine Schad- und Brandschutzsanierung durchzuführen, die auf drei bis vier Jahre ausgelegt ist. Das Gebäude in der Seilerstraße 32 ist mittlerweile vollständig eingerüstet. Geplant sind unter anderem die Sanierung des Flugdaches mit Dachterrasse sowie die Erneuerung der Toilettenanlagen. Zudem muss der Brandschutz hergestellt werden.

Besonders relevant für die Bauausführung ist die Schadstoffsanierung. Es wird davon ausgegangen, dass Asbest und weitere Schadstoffe in den Wänden und Decken des Gebäudes vorhanden sind. Das für die Sanierung verantwortliche Amt für Bau und Immobilien hat zugesagt, die Schulgemeinde über das Vorhandensein von Schadstoffen und die geplanten Schutzmaßnahmen schriftlich aufzuklären.

Verzögerungen und Interimslosungen

Die Sanierung in der Seilerstraße 32 ist nicht ohne Komplikationen. Im Jahr 2024 wurde eine Außenstelle in Fechenheim bezogen. Pläne für eine vollständige Auslagerung der Schule in die "Neue Börse" wurden diskutiert. Aktuelle Informationen aus dem August 2025 besagen, dass der Unterricht im Schuljahr 2025/2026 weiterhin an den Standorten Seilerstraße 32 und in der Außenstelle Jakobsbrunnenstraße 1 stattfinden wird.

Eine vollständige Auslagerung ist nun für das Schuljahr 2026/2027 geplant. Erst dann soll die Sanierung in der Seilerstraße 32 starten. Bis zum Umzug im Jahr 2026 sind die Arbeiten in der Seilerstraße 32 gestoppt. Dieser Zeitplan verschiebt das Projekt erheblich.

Die Gründe für die Verzögerungen sind vielfältig. Ein Bericht aus dem Juni 2024 listet eine Vielzahl von Mängeln auf, die in den vorhandenen Räumlichkeiten noch bestehen. Dazu gehören offene Decken, überlaufende Waschbecken, eine unfertige Küche, geplatzte Leitungen mit Schimmelbildung, defekte Heizungsanlagen, ein Fluchttreppenhaus mit klemmenden Türen sowie Klassenräume, die aufgrund von Geruchsentwicklung unklarer Herkunft gesperrt werden mussten. Diese Mängel belegen, dass die Bausubstanz in der Seilerstraße 32 stark gefährdet ist und dringend saniert werden muss.

Fazit

Die Sanierung der Julius-Leber-Schule in Lübeck verdeutlicht die Dimensionen von Baumaßnahmen an historischen Gebäuden. Mit einem Investitionsvolumen von 12,1 Millionen Euro am Standort Marquardplatz wurde eine moderne Lernumgebung geschaffen, die denkmalgeschützte Substanz mit aktueller Technik verbindet. Die Integration digitaler Medien, die Optimierung der Raumkonzepte und die Schaffung attraktiver Außenanlagen stehen hier im Vordergrund.

Gleichzeitig zeigt der Fall aber auch die anhaltenden Herausforderungen im öffentlichen Schulbau. Der Standort Seilerstraße 32 benötigt eine dringende Schad- und Brandschutzsanierung, die jedoch aufgrund von Planungs- und Finanzierungsfragen sowie der Notwendigkeit einer vollständigen Auslagerung erst in den kommenden Jahren umgesetzt werden kann. Für Bauherren und Planer bleibt die Erkenntnis, dass eine detaillierte Bestandsaufnahme, eine realistische Kostenplanung (inklusive Puffer für externe Faktoren) und eine klare Strategie zur Bewältigung von Schadstoffen essenziell für den Erfolg solcher Projekte sind.

Quellen

  1. LN-Online: Lübeck: Julius-Leber-Schule ist saniert und wird in zwei Schulen geteilt
  2. Pressedienst Öffentliches Beschaffungswesen: Sanierung der Julius-Leber-Schule, Marquardplatz, Lübeck
  3. LN-Online: Julius-Leber-Schule in Lübeck ist komplett saniert
  4. Lübeck.de: Pressemeldungen
  5. Julius-Leber-Schule: Informationen zur Brandschutzsanierung und zur Außenstelle

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