Die Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden stellt die Bauwirtschaft vor besondere Herausforderungen. Dies gilt insbesondere für Schulgebäude, die sowohl historischen Wert besitzen als auch modernen pädagogischen und technischen Anforderungen genügen müssen. Ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Verbindung von Denkmalschutz, Modernisierung und Nachhaltigkeit ist die Sanierung der Kaland-Schule in Lübeck. Dieser Fallstudie lassen sich wertvolle Erkennisse über Planung, Durchführung und Finanzierung komplexer Bauprojekte entnehmen, die für Eigentümer, Bauherren und Fachplaner gleichermaßen relevant sind.
Ausgangslage und Bedarfsermittlung
Die Kaland-Schule, eine vierzügige Stadtteilgrundschule in Lübeck, befand sich vor Beginn der Sanierungsmaßnahmen in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand. Der Bedarf an einer umfassenden Instandsetzung wurde bereits 2018 offensichtlich, als aufgrund mangelnder Verkehrssicherheit sofortige bautechnische Sicherungsmaßnahmen ergriffen und das zweite Obergeschoss geräumt werden musste. Diese Zwangsmaßnahmen unterstrichen die Dringlichkeit einer umfassenden Sanierung.
In einer vorbereitenden Machbarkeitsstudie wurden vier zentrale Sanierungsfelder identifiziert, die den Handlungsbedarf strukturierten: 1. Die vollständige Erneuerung der technischen Gebäudeausrüstung (TGA). 2. Die räumliche Erweiterung des Gebäudekörpers. 3. Die brandschutztechnische Ertüchtigung. 4. Die Tragwerkserneuerung des Dachgeschosses.
Diese Themenbereiche bildeten die Grundlage für die Planung der Sanierung, die darauf abzielte, das Gebäude für die nächsten Jahrzehnte und Schülergenerationen zu erhalten. Das Projekt wurde von der Hansestadt Lübeck, vertreten durch das Gebäudemanagement (GMHL), als Bauherrn getragen.
Planung und Interimslösung: Die Modulschule
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg einer Schulsanierung ist die Organisation des laufenden Schulbetriebs während der Bauzeit. Da ein vollständiger Leerstand des Gebäudes nicht ohne Weiteres möglich war, suchte die Hansestadt Lübeck nach einer Ausweichlösung. Die Entscheidung fiel auf den Bau einer sogenannten Modulschule auf der Hüxwiese (Falkenstraße).
Bauweise und Logistik der Modulschule
Die Interimsschule wurde in Holzrahmenbauweise errichtet. Sie besteht aus einzelnen, vorgefertigten Modulen mit den Abmessungen ca. 3,0 × 7,5 × 3,5 Metern. Die Montage vor Ort erfolgte per Mobilkran in knapp drei Wochen. Ein wesentlicher Vorteil dieser Bauweise war der hohe Vorfertigungsgrad: Die Module wurden bereits mit Fußböden, Fassade, Fenstern, Heizkörpern und Elektrik ausgeliefert. Vor Ort mussten lediglich die Infrastruktur fertiggestellt und die stählernen Fluchttreppenhäuser aufgebaut werden.
Das Gebäude präsentiert sich als „ehrlicher Holzbau“ mit sichtbaren Vollholzunterzügen und -Stützen im Inneren und einer grau lasierten Holzfassade im Äußeren. Nach der Nutzung als Interimsschule für die Kaland-Schule war ursprünglich geplant, die Module an den Geniner Ufer zu versetzen, um dort als neue Schule zu dienen. Aufgrund veränderter Bedarfe und innerstädtischer Sanierungen (Utkiek und Roter Hahn) wurde diese Planung jedoch angepasst; die Modulschule soll nun auf dem Standort Utkiek genutzt werden.
Umfang der Sanierung der Kaland-Schule
Die Sanierung der denkmalgeschützten Kaland-Schule in der Kalandstraße 8 war ein umfassendes Vorhaben, das von Sommer 2021 bis Sommer 2025 andauerte. Die Gesamtkosten beliefen sich auf knapp zwölf Millionen Euro. Ziel war es, das historische Gebäude denkmalgerecht zu rekonstruieren und gleichzeitig für den modernen Schulbetrieb zu ertüchtigen.
Denkmalpflegerische Rekonstruktion
Ein Kernaspekt der Sanierung war die Rekonstruktion der Fassade. Bei historischen Gebäuden ist es oft notwendig, originale Substanz zu erhalten und Schäden denkmalgerecht zu reparieren. Die Sanierung zielte darauf ab, den historischen Charakter des Gebäudes von 1886 (damals Sankt Jürgen-Knaben-und-Mädchenschule) zu wahren, ohne auf moderne Standards verzichten zu müssen.
Dachgeschossausbau und Tragwerk
Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts war der Ausbau des Dachgeschosses zur Schulnutzung. Dies erforderte eine Tragwerkserneuerung. Das Dachgeschoss wurde so umgebaut, dass es den Anforderungen einer Schule entspricht, was eine statische Sicherung und Anpassung der Dachkonstruktion notwendig machte.
Barrierefreiheit und Erschließung
Um die Schule für alle Nutzer zugänglich zu machen, wurde der Umbau zur barrierefreien Nutzung durchgeführt. Dies beinhaltete unter anderem den Einbau einer Aufzugsanlage. Diese Maßnahme ist nicht nur für die Inklusion von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen essenziell, sondern erhöht auch die allgemeine Nutzbarkeit des Gebäudes.
Technische Modernisierung (TGA)
Die Modernisierung der Haustechnik war ein zentraler Punkt der Sanierung. Laut den Planungsunterlagen und Presseberichten wurden folgende Bereiche umfassend erneuert:
- Heizung, Lüftung, Sanitär (HLS): Die komplette Heizungs-, Lüftungs- und Sanitärtechnik wurde modernisiert. In der Ausschreibung wurde explizit die Installation von Lüftungsanlagen (Gewerk Lüftungsanlagen) aufgeführt, was auf den Einbau einer mechanischen Lüftung zur Sicherung des Raumklimas und der Luftqualität hindeutet.
- Elektrotechnik: Die Elektrotechnik wurde vollständig erneuert. Dies umfasst die Beleuchtung, die Stromversorgung und die Datenverkabelung.
- Brandschutz: Die brandschutztechnische Ertüchtigung war ein prioritäres Ziel der Machbarkeitsstudie. Die Erneuerung der Brandmeldetechnik und die Sicherstellung von Rettungswegen waren zentrale Bausteine. Zudem wurde die Vorstatik durch ein Ingenieurbüro geprüft.
Außenanlagen und Sporthalle
Die Sanierung beschränkte sich nicht auf das Hauptgebäude. Auch die Außenanlagen wurden komplett überplant. Die Schulhofflächen wurden neu gestaltet, um vielfältige Angebote für die motorische Entwicklung der Kinder zu schaffen. Zudem wurde die freistehende Turnhalle saniert. Die Fertigstellung der Außenanlagen und der Sporthalle erfolgte zeitlich versetzt zum Hauptgebäude, voraussichtlich bis Dezember 2025.
Projektmanagement und Bauausführung
Die Planung der Sanierung wurde vom Architektenbüro SSO Schünemann Soltau Architekten BDA aus Lübeck übernommen (Leistungsphase 6-8). Als Generalunternehmer für die Errichtung der Modulschule fungierte die SAINT-GOBAIN Brüggemann Holzbau GmbH. Weiste beteiligte Planer waren Ingenieurbüro Cornelius Back (Brandschutz/Vorstatik) und Dipl.-Ing. Andreas Knoll (Außenanlagen).
Die Finanzierung erfolgte durch die Hansestadt Lübeck. Die politischen Gremien mussten die notwendigen Mittel bewilligen, wobei die schwierige Haushaltslage der Stadt im Kontext der Presseberichte erwähnt wurde. Die Bedeutung der Investition wurde von Bürgermeister Jan Lindenau hervorgehoben, der Investitionen in Schulen als Investitionen in die Zukunft der Stadt bezeichnete.
Zeitplan und Fertigstellung
Das Projekt folgte einem straffen Zeitplan: * Sommer 2021: Auszug der Schule in die Modulschule Hüxwiese. * 2021 bis Sommer 2025: Bauzeit für die Sanierung der Kaland-Schule. * 24. September 2025: Feierliche Einweihung des Hauptgebäudes durch Bürgermeister Jan Lindenau und die Senatorinnen Joanna Hagen und Monika Frank. * Dezember 2025: Geplante Fertigstellung der Sporthalle und Außenanlagen. * Schuljahresbeginn 2025/26: Rückzug der Schule in das sanierte Gebäude.
Trotz kleiner Verzögerungen, beispielsweise bei der Fertigstellung der Außenanlagen, konnte das Kernziel – die Rückkehr der Schule in das sanierte Gebäude zum Schuljahresbeginn – erreicht werden.
Fazit
Die Sanierung der Kaland-Schule in Lübeck dient als vorbildhaftes Beispiel für die Revitalisierung von denkmalgeschützten Bildungsbauten. Das Projekt verdeutlicht, wie wichtig eine frühzeitige Planung, eine funktionierende Interimslösung und eine klare Priorisierung der Sanierungsziele sind.
Zentrale Erkenntnisse für Bauherren und Planer sind: 1. Interimslösungen sind unverzichtbar: Der Bau einer Modulschule in Holzrahmenbauweise ermöglichte den laufenden Schulbetrieb und bewies, dass solche temporären Gebäude auch architektonischen Ansprüchen genügen können. 2. Ganzheitlicher Ansatz: Die Sanierung umfasste nicht nur die Gebäudehülle, sondern auch die Technik, die Statik, die Barrierefreiheit und die Außenanlagen. Nur ein solch umfassender Ansatz gewährleistet eine zukunftsfähige Immobilie. 3. Denkmalschutz und Modernisierung: Es ist möglich, historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig modernste Technik (z.B. Lüftungsanlagen, Brandschutz) zu integrieren. 4. Kommunikation: Die Zusammenarbeit zwischen Bauherr, Planern, Ausführenden und Nutzern (Schule) war entscheidend für den reibungslosen Ablauf.
Für Eigentümer von älteren Immobilien zeigt dieser Fall, dass Sanierungen, auch wenn sie aufwendig und kostenintensiv sind, eine lohnende Investition in die Substanz und die Nutzbarkeit darstellen. Durch die Sanierung wurde ein Schulgebäude erhalten, das nun für Jahrzehnte seinen Zweck erfüllen kann.
Quellen
- Kay Urban - Referenzen: Kaland-Schule Sanierung und Ausbau
- NDR - Kaland-Schule in Lübeck wiedereröffnet
- tdai.aik-sh.de - Kaland-Interimsschule Lübeck
- LN-Online - Lübeck: Sanierungen der Kaland-Schule, Parkhaus und Behnhaus abgeschlossen
- Lübeck.de - Schulsanierung
- Ausschreibungen Deutschland - Kaland-Schule Sanierung und Dachgeschoss-Ausbau
- LN-Online - Lübecker Kaland-Schule wird saniert: Erste Einblicke
- Lübeck.de - Pressemitteilung: Kaland-Schule nach Sanierung eingeweiht