Die Bauwirtschaft ist eine der Hauptverursacher von CO2-Emissionen. Vor diesem Hintergrund gewinnen nachhaltige Sanierungsmethoden, die auf Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft setzen, zunehmend an Bedeutung. Ein herausragendes Beispiel für diesen Paradigmenwechsel bietet die Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel. In einem der größten städtebaulichen Projekte Schleswig-Holsteins wird der UniversitätsCampus nicht nur energetisch und funktional modernisiert, sondern dabei konsequent auf das Prinzip des „Urban Mining“ gesetzt. Dieser Ansatz, bei dem bestehende Bausubstanz als wertvoller Rohstoff betrachtet und wiederverwendet wird, steht im Zentrum der umfassenden Sanierungsmaßnahmen, die bis ins Jahr 2035 reichen. Der vorliegende Artikel beleuchtet die technischen, finanziellen und ökologischen Aspekte dieser Baumaßnahmen, die als Vorbild für zukünftige Großsanierungen dienen können.
Das Konzept des Urban Mining in der Praxis
Urban Mining beschreibt den Prozess, in dem Städte als „Lagerstätte“ für Sekundärrohstoffe genutzt werden. Anstatt Abbruchmassen zu entsorgen, werden Baustoffe zurückgewonnen, aufgearbeitet und erneut verbaut. Die Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH) setzt dieses Verfahren erstmals in großem Umfang um.
Im Zentrum des Interesses stehen die Fakultätenblöcke der Geisteswissenschaften in der Leibnizstraße (Nr. 4 bis 10). Diese Gebäude aus den 1970er-Jahren werden in vier Bauabschnitten bis 2035 saniert. Das Ziel der CAU und der GMSH ist es, so viel wie möglich von der vorhandenen Bausubstanz zu erhalten. Eine Analyse zeigte, dass diverse Materialien sich für eine Wiederverwendung eignen.
Konkrete Maßnahmen des Urban Mining umfassen: * Kalksandsteine: Alte Steine werden einzeln demontiert, gereinigt und anschließend erneut verbaut. * Massivholztüren: Anstatt neue Türen zu kaufen, werden bestehende Türelemente aus Massivholz aufgearbeitet und überarbeitet. * Betonteile: Auch Betonteile werden sorgfältig zurückgebaut und wiederverwendet.
Dieser Ansatz reduziert nicht nur den Bedarf an neuen Primärrohstoffen, sondern senkt auch den Energieaufwand für die Herstellung und den Transport neuer Baumaterialien deutlich.
Sanierung der Fakultätenblöcke: Ein Langzeitprojekt
Die Sanierung der Fakultätenblöcke ist ein komplexes Vorhaben, das die Struktur des Campus grundlegend verändern wird. Der erste Bauabschnitt, die Sanierung der Leibnizstraße 6, ist bereits angelaufen und beinhaltet eine besondere architektonische Innovation: die Errichtung der „Agora“.
Die Agora als neues Zentrum
Im Sockelbereich des Gebäudeensembles entsteht ein neuer, zentraler Veranstaltungsbereich. Um Platz für diese offene Begegnungsstätte zu schaffen, werden drei Verbindungsbauten zurückgebaut. Die Agora soll Offenheit und Austausch fördern und dient gleichzeitig als Eingangsbereich für einen neuen Bibliotheksverbund, der im Sockelbereich ebenfalls entsteht. Neben der Agora werden die Büros, Seminarräume und Sanitäranlagen des ersten Abschnitts vollständig saniert.
Finanzielle und technische Rahmenbedingungen
Die Investitionssumme für die gesamten Baumaßnahmen an der CAU beläuft sich auf rund eine halbe Milliarde Euro. Speziell für den ersten Bauabschnitt der Fakultätenblöcke (Leibnizstraße 6) investiert das Land Schleswig-Holstein rund 98 Millionen Euro, wovon 69,5 Millionen Euro aus dem Infrastrukturprogramm IMPULS stammen. Die Bauarbeiten an den Fakultätsblöcken sollen laut CAU bis 2035 vollständig abgeschlossen sein; der erste Bauabschnitt soll im Frühjahr 2028 fertiggestellt werden.
Nachhaltige Fenster modernisierung
Ein wesentlicher Aspekt der energetischen Sanierung ist der Austausch der Fenster. Hier wird ein spezielles Materialkonzept gewählt: Holz-Alu-Fenster ersetzen die bisherigen Aluminiumfenster. Diese Entscheidung ist technisch begründet, da Holz-Alu-Fenster den CO2-Ausstoß im Vergleich zu reinen Aluminiumprofilen deutlich senken und gleichzeitig eine hohe Langlebigkeit und Wärmedämmung gewährleisten.
Die Kunsthalle Kiel: Denkmalschutz und funktionale Zukunftssicherung
Neben den Fakultätenblöcken ist die Sanierung der Kunsthalle zu Kiel ein weiteres Großprojekt. Das Ensemble steht unter Denkmalschutz, was spezielle Anforderungen an die Planung stellt. Eine umfassende Sanierung ist notwendig geworden, um das Gebäude in baulicher und funktioneller Hinsicht zukunftsfähig zu machen.
Zielsetzung der Sanierung
Die Maßnahmen zielen auf mehr als nur energetische Effizienz ab. Zu den Kernzielen gehören: * Sicherheit: Gewährleistung des Brand- und Arbeitsschutzes. * Barrierefreiheit: Verbesserung der Zugänglichkeit für alle Besucher. * Klimastabilität: Herstellung eines stabilen Ausstellungsklimas durch den Einsatz nachhaltiger Haustechnik.
Zeitplan und Kosten
Die Sanierung der Kunsthalle ist ein finanziell hochrelevantes Projekt. Die Gesamtkosten für förderfähige und nicht förderfähige Maßnahmen belaufen sich auf rund 60 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgt durch einen Mix aus Bundes- und Landesmitteln sowie Eigenanteilen: * Land Schleswig-Holstein: 30 Mio. Euro (IMPULS-Förderung). * Bund: 19,49 Mio. Euro (in Aussicht gestellt). * CAU (Eigenanteil): 10,26 Mio. Euro.
Das Gebäude wird voraussichtlich im dritten Quartal 2023 geschlossen, die Freiziehung erfolgt bis zum vierten Quartal 2024. Die eigentliche Sanierung dauert bis voraussichtlich Ende 2028. Während der Schließzeit zeigt die Kunsthalle ihr Programm gemeinsam mit Partnern wie dem Literaturhaus Schleswig-Holstein oder dem Kommunalen Kino in der Pumpe und nutzt Pop-up-Formate im städtischen Raum.
Das Mercator-Hochhaus: Sanierung und energetische Ertüchtigung
Ein markantes Wahrzeichen des Kieler Stadtbildes ist das Mercator-Hochhaus (auch Olympia-Hochhaus genannt) im Stadtteil Wik. Der Komplex aus fünf Gebäuden aus den späten 1960er Jahren ist stark sanierungsbedürftig. Das Land plant hier eine umfassende Erneuerung mit dem Ziel, einen modernen, offenen und nachhaltigen Campus zu entwickeln.
Erhalt und Ergänzung
Das Konzept für das Behördenzentrum Mercator setzt auf Erhalt statt Abbruch. Die vorhandenen Baukörper sollen soweit wie möglich erhalten und energetisch saniert werden. Gezielte Neubauten auf bereits versiegelten Flächen sowie Aufstockungen sind vorgesehen, um Arbeits- und Behördenflächen effizienter zu bündeln.
Grüner Campus und Mobilität
Im Fokus der Planung steht die Gestaltung eines grünen, lebendigen Campus. Der vorhandene Baumbestand soll erhalten bleiben, und durch neue Pflanzeninseln mit Sitzgelegenheiten soll die Aufenthaltsqualität steigen. Auch Dach- und Fassadenbegrünungen sind geplant, um das Mikroklima positiv zu beeinflussen. Die Planung integriert zukünftige Mobilitätsangebote wie die geplante Stadtbahnhaltestelle an der Holtenauer Straße. Die Planung erfolgt in einem kooperativen Werkstattverfahren durch vier Planungsteams aus Lübeck, Kiel, Hamburg und Berlin.
Steuerung und Koordination der Baumaßnahmen
Die Umsetzung der umfangreichen Sanierungen und Neubauten erfordert eine professionelle Projektsteuerung. Alle Bauprojekte werden von der Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH) geplant, koordiniert und in enger Zusammenarbeit mit dem Gebäudemanagement der CAU umgesetzt.
Transparente Kommunikation
Um die Beeinträchtigungen im laufenden Betrieb so gering wie möglich zu halten, setzt die CAU auf transparente Informationen. Eine Intranetplattform informiert über Detailplanungen und Baufortschritt. Ziel ist es, den Campus der Kieler Universität in den kommenden 10 bis 15 Jahren grundlegend neu zu entwickeln. Alle Maßnahmen werden den strategischen Zielen der Universität entsprechend weitreichend barrierefrei und nachhaltig realisiert.
Fazit: Vorbildfunktion für nachhaltiges Bauen
Die Baumaßnahmen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zeigen eindrucksvoll, wie eine Großsanierung unter den Bedingungen des Klimawandels und knapper Ressourcen erfolgen kann. Der konsequente Einsatz von Urban Mining, wie er bei den Fakultätenblöcken praktiziert wird, stellt einen Paradigmenwechsel in der Bauwirtschaft dar. Es geht nicht mehr nur um den Ersatz des Alten durch das Neue, sondern um die Kreislaufführung von Materialien.
Die Vielschichtigkeit der Projekte – von der denkmalgeschützten Kunsthalle über das Mercator-Hochhaus bis hin zu den modernen Forschungsneubauten – belegt, dass Erhalt und Modernisierung keine Gegensätze sein müssen. Durch die Integration von Holz-Alu-Fenstern, der Schaffung von begrünten Campusflächen und der Nutzung von Fördermitteln des Bundes und des Landes wird ein wirtschaftlicher wie ökologischer Standard gesetzt, der weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung finden sollte. Für Bauherren, Planer und Investoren in der Region Kiel und Schleswig-Holstein bietet dieser Komplex an Maßnahmen wertvolle Einblicke in die Zukunft des ressourcenschonenden Bauens.
Quellen
- NDR: Urban Mining – Uni Kiel will Gebäude umweltfreundlich umbauen
- Uni Kiel: Sanierung der Kunsthalle zu Kiel – Programm während der Schließzeit
- Uni Kiel: Bauportal
- GMSH: Ressourcenschonende Sanierung der Fakultätenblöcke Uni Kiel
- GMSH: Umgestaltung Behördenzentrum Mercator Kiel-Wik
- Abt6 UV Uni Kiel: Baumaßnahmen und Campusentwicklung