Die Geburtskirche in Bethlehem, eines der ältesten und heiligsten Gebäude der Christenheit, stand vor einer existenziellen Bedrohung. Das über 1.500 Jahre alte Gotteshaus, das nach Überlieferung über der Geburtsgrotte Jesu errichtet wurde, litt unter schweren Bauschäden, insbesondere an seinem Dach. Ein jahrzehntelanger Verfall, verschärft durch politische Komplexität und verwaltungstechnische Hürden, führte das Bauwerk an den Rand des Einsturzes. Doch eine aufwendige Restaurierung, die zwischen 2013 und 2020 durchgeführt wurde, hat das Bauwerk gerettet. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Herausforderungen, die spezifischen Baumaterialien und die organisatorischen Maßnahmen, die für diese außergewöhnliche Sanierung notwendig waren.
Die Ausgangslage: Ein gefährdetes Weltkulturerbe
Die heutige Basilika stammt in ihrem Kern aus dem 6. Jahrhundert n. Chr., wurde aber im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erweitert und verändert. Seit 1852 regelt der sogenannte „Status quo“ die Nutzungsrechte zwischen den drei Konfessionen, die Ansprüche auf das Heiligtum erheben: der römisch-katholischen, der griechisch-orthodoxen und der armenischen apostolischen Kirche. Diese komplexe Eigentümerschaft war jahrzehntelang ein Hinderungsgrund für dringend notwendige Instandsetzungen.
Der Zustand des Daches war 2008 so verheerend, dass die UNESCO die Geburtskirche auf die Liste der 100 weltweit gefährdetsten Bauwerke setzte. Experten warnten wiederholt vor Einsturzgefahr, da die Holzbalken des Dachstuhls bedenklich morsch waren. Die alten Bleiplatten hielten den zunehmenden, winterlichen Niederschlägen nicht stand, sodass Wasser in den Innenraum eindrang und die wertvollen Mosaiken und Fresken zu schädigen drohte.
Die Herausforderung: Organisation und Finanzierung
Bevor die eigentlichen Handwerksarbeiten beginnen konnten, musste eine immense organisatorische Hürde genommen werden. Da die drei christlichen Konfessionen das Gebäude gemeinsam nutzen, mussten alle Parteien einem Sanierungsplan zustimmen. Erst nach langen Verhandlungen, die von der palästinensischen Autonomiebehörde unter der Führung von Präsident Mahmud Abbas initiiert wurden, konnte ein Maßnahmenplan erstellt und umgesetzt werden.
Auch die Finanzierung stellte eine Herausforderung dar. Neben weltweiten Fördermitteln spielten auch staatliche Unterstützung eine Rolle. So stellte der Vatikan im Januar 2013 100.000 Euro für die Restaurierungsarbeiten am Dach zur Verfügung. Diese Mittel waren dringend notwendig, da das Ausmaß der Schäden enorm war.
Die technische Sanierung: Materialien und Methoden
Der Kern der Sanierung war die Erneuerung des Daches. Da es sich um ein historisches Bauwerk von höchster Bedeutung handelte, wurden hochwertige und bewährte Materialien gewählt.
Das Dachmaterial: Walzblei
Ein Bleidach ist an der Geburtskirche bereits für das 15. Jahrhundert dokumentiert, die letzte Instandsetzung fand Mitte des 19. Jahrhunderts statt. Für die moderne Restaurierung entschied man sich erneut für eine Bleieindeckung, da dieses Material traditionell verwendet wird und sich für historische Bauten eignet.
Für die Sanierung wurden insgesamt 80 Tonnen walzblankes Blei vom Krefelder Hersteller Röhr + Stolberg verarbeitet. Das Blei wurde in Form von rund 2200 Blechen geliefert. Der Transport erfolgte über eine komplexe Logistikkette: Vom Werk in Krefeld über den Seehafen Antwerpen nach Ashdod in Israel und schließlich per LKW nach Bethlehem. Die Lieferung verzögerte sich im Sommer 2014 aufgrund der angespannten politischen Lage um mehrere Wochen, da die Ware am israelischen Hafen durch den Zoll freigegeben werden musste.
Die Unterkonstruktion
Eine wesentliche Innovation im Vergleich zu früheren Epochen war die Gestaltung der Unterkonstruktion. Um das Eindringen von Feuchtigkeit zu verhindern und eine Haltbarkeit zu gewährleisten, wählten die Verantwortlichen eine doppelte Holzschalung. Zwischen diesen Schichten wurde eine Belüftungsebene integriert, die dafür sorgt, dass Feuchtigkeit abgeführt werden kann.
Als Trennlage zwischen der Holzschalung und dem Blei wurde ein spezielles Produkt gewählt: eine 1 cm dicke Matte aus 100 Prozent Schafswolle. Dieses Material ist besonders haltbar und feuchtigkeitsabsorbierend und schützt das Holz unter dem Bleidach vor Feuchtigkeit.
Die Verlege Technik
Bei der Verlegung des Bleis wurde auf eine traditionelle, aber robuste Technik zurückgegriffen. Es kam die sogenannte Holzwulsttechnik zum Einsatz. Diese Methode, bei der ein innenliegender Holzkern verwendet wird, zeichnet sich durch eine besonders hohe Stabilität aus und hält thermischen sowie mechanischen Belastungen besonders gut stand. Diese Wahl war entscheidend, um das Dach den extremen Wetterbedingungen in der Region standzuhalten.
Die Innenrestaurierung: Sicherung der Kunstschätze
Während das Dach geschützt wurde, begannen gleichzeitig Arbeiten im Inneren der Kirche. Die italienischen und palästinensischen Restauratoren machten sich daran, die Wand-Mosaiken aus der Kreuzfahrerzeit (12. Jahrhundert) von Schmutz und Ruß zu befreien. Diese Mosaiken, die Strahlendes Gold, Silber und sattes Grün zeigen, sind ikonographisch einzigartig. So ist es beispielsweise auffällig, dass die Engel hier – anders als sonst üblich – ihre Füße auf dem Boden haben, was symbolisch dafür steht, dass Gottes Sohn an diesem Ort auf die Welt hinabgestiegen ist.
Die Arbeiten an den Mosaiken und Fresken zogen sich bis ins Jahr 2017 hin. Das Ziel war es, den gesamten Kirchenraum vom Höhlensystem bis zum Dach wieder in seinen ursprünglichen Glanz zu versetzen.
Organisatorische Hürden vor Ort
Während der Bauphase musste darauf geachtet werden, den laufenden Kirchenbetrieb nicht zu stark zu beeinträchtigen. Da die Geburtskirche ein zentraler Ort für Pilger und Gläubige ist, wurde ein zurückhaltendes Gerüst installiert, das die Andacht nur minimal störte. Dennoch war die Koordination kompliziert, da jeder Winkel des Gebäudes exakt zugewiesen ist und Grenzübertretungen in der Vergangenheit zu Konflikten zwischen den Konfessionen führten.
Die Fertigstellung und die Folgen
Im Januar 2015 waren die Arbeiten am Dach weitestgehend abgeschlossen. Die Christmette 2014 konnten die Gläubigen bereits mit einem intakten Dach über dem Kopf feiern. Die Sanierung dauerte insgesamt von September 2013 bis 2020 an.
Die Erfolge der Maßnahmen waren messbar: * Schutz vor Feuchtigkeit: Die schädlichen Feuchtigkeitseinbrüche wurden gestoppt, wodurch die Bausubstanz und die Kunstschätze im Inneren dauerhaft geschützt sind. * Entfernung von der Roten Liste: Aufgrund der erfolgreichen Renovierungsarbeiten nahm das UNESCO-Welterbekomitee die Geburtskirche 2019/2020 von der Liste der gefährdeten Welterben. Voraussetzungen waren neben der Dachrestaurierung auch die Sanierung der Außenfassaden, der Türen und die Erstellung eines Managementplans für die Zukunft. * Wirtschaftliche Impulse: Experte Sergio Tobia äußerte die Hoffnung, dass die Restaurierung den Tourismus und die Ökonomie in der Region vorantreibt.
Zusammenfassung der Sanierungsmaßnahmen
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten technischen Daten der Dachsanierung zusammen:
| Maßnahme | Spezifikation / Material | Verantwortliches Unternehmen / Hersteller |
|---|---|---|
| Dacheindeckung | Walzblei (80 Tonnen, ca. 2200 Bleche) | Röhr + Stolberg GmbH, Krefeld |
| Ausführendes Unternehmen | Restaurierung historischer Kunstwerke | Piacenti S.p.A., Prato (Italien) |
| Subunternehmer Dach | Architektur & Restaurierung | VASARI Architectures & Restoration LLC, Huntsville (USA) |
| Unterkonstruktion | Doppelte Holzschalung mit Belüftungsebene | (Nicht explizit im Quelltext benannt) |
| Trennlage | Matte aus 100% Schafswolle (1 cm dick) | (Nicht explizit im Quelltext benannt) |
| Verlege Technik | Holzwulsttechnik (mit innenliegendem Holzkern) | (Nicht explizit im Quelltext benannt) |
Fazit
Die Sanierung des Bleidaches der Geburtskirche in Bethlehem ist ein herausragendes Beispiel für die Restaurierung historischer Bausubstanz unter schwierigsten Bedingungen. Es wurde nicht nur ein reines Schadensmanagement betrieben, sondern eine nachhaltige Sicherung des Bauwerks für die Zukunft geschaffen. Die Verwendung traditioneller Materialien wie Walzblei in Kombination mit modernen Techniken wie einer belüfteten Doppelschalung und Schafswolle als Trennlage zeigt einen respektvollen Umgang mit dem historischen Erbe. Der Erfolg der Maßnahmen beweist, dass selbst bei extremen politischen und organisatorischen Hürden durch professionelles Projektmanagement und technisches Know-how denkmalgeschützte Bauwerke effektiv saniert werden können. Das Bauwerk steht nun wieder als stabiler und geschützter Ort der Verehrung und des Weltkulturerbes zur Verfügung.
Quellen
- Röhr + Stolberg - Wo Jesus in der Krippe lag
- Dach & Holzbau - Blechdach der 1500 Jahre alten Geburtskirche in Bethlehem saniert
- kath.ch - Vatikan unterstützt Restaurierung der Bethlehemer Geburtskirche
- Jesus.de - Geburtskirche Jesu ist nicht mehr gefährdetes Welterbe
- Deutschlandfunk Kultur - Restauration der Geburtskirche: Mosaiken aus der 100
- Köln-Bethlehem - Bethlehem Reborn in Cologne
- Restauro - Geburtskirche Bethlehem
- Stadt Köln - Ausstellung über die Geburtskirche in Bethlehem