Die Sicherheit und das Wohlergehen von Patienten stehen im Mittelpunkt der medizinischen Versorgung. Eine der größten Gefährdungen in diesem Kontext stellen Infektionen dar, die Patienten während ihres Krankenhausaufenthaltes erwerben. Diese sogenannten nosokomialen Infektionen sind oft vermeidbar und stellen ein erhebliches Risiko für die Patientensicherheit dar. Um diese Infektionen systematisch zu reduzieren, etablierte sich in Deutschland vor über zwei Jahrzehnten ein standardisiertes Überwachungssystem: das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System, kurz KISS. Dieses System dient als fundamentales Instrument der internen Qualitätssicherung und ermöglicht es Krankenhäusern, ihre Hygienestandards kontinuierlich zu überprüfen und zu verbessern. Der vorliegende Artikel beleuchtet die Funktionsweise, die verschiedenen Module und die Bedeutung des KISS-Systems für die moderne Krankenhygiene.
Das Prinzip der Surveillance: Erfassung und Analyse
Das Kernziel des KISS-Systems ist die Reduzierung nosokomialer Infektionen durch eine konsequente Überwachung. Das System basiert auf dem Prinzip der Surveillance, das als die fortlaufende, systematische Erfassung, Analyse und Interpretation relevanter Daten definiert ist. Durch die Rückmeldung dieser Daten an das ärztliche und pflegerische Personal können konkrete Maßnahmen abgeleitet werden, die nachweislich zur Senkung der Infektionsraten beitragen. Die Effektivität dieses Ansatzes steigt, wenn die erhobenen Daten mit denen anderer medizinischer Einrichtungen verglichen werden. Ein solcher Vergleich ist nur möglich, wenn einheitliche Methoden und feste Definitionen für die Diagnostik angewendet werden. Genau hier setzt KISS an, indem es ein einheitliches methodisches Vorgehen für die Datenerhebung und -auswertung bereitstellt.
Die Daten, die im Rahmen von KISS erhoben werden, werden an das Nationale Referenzzentrum (NRZ) für Surveillance von nosokomialen Infektionen an der Charité in Berlin gesendet. Dort erfolgt die zentrale Auswertung und der Vergleich mit den Daten anderer Krankenhäuser. Diese externe Benchmarking-Funktion ermöglicht es den teilnehmenden Krankenhäusern, ihre eigene Position im nationalen Kontext einzuschätzen und eventuelle Schwachstellen in den eigenen Prozessen zu identifizieren. Die Ergebnisse werden im Krankenhaus interdisziplinär mit Ärzten, Pflegekräften und Hygienefachkräften besprochen, um konkrete Optimierungsmaßnahmen abzuleiten. Diese Form der internen Qualitätssicherung wird durch das Infektionsschutzgesetz gefordert und durch die Teilnahme an KISS effektiv unterstützt.
Module des KISS-Systems: Spezialisierung auf Risikobereiche
Da die Risiken für Infektionen in verschiedenen Bereichen eines Krankenhauses variieren, besteht KISS aus mehreren spezialisierten Modulen. Ein Krankenhaus kann sich entscheiden, an nur einem Modul teilzunehmen oder mehrere Module auszuwählen, je nach den individuellen Bedürfnissen und Risikoprofilen der Abteilungen. Voraussetzung für die Teilnahme an jedem Modul ist die Absolvierung eines Einführungskurses, in dem die Methodik der Datenerfassung und die festgelegten Definitionen geschult werden.
Folgende Risikobereiche werden durch die einzelnen Module abgedeckt:
- ITS-KISS: Surveillance von Patienten auf Intensivstationen.
- OP-KISS: Surveillance von operierten Patienten.
- NEO-KISS: Surveillance von Frühgeborenen auf neonatologischen Intensivstationen.
- ONKO-KISS: Surveillance von Patienten nach Knochenmarktransplantation.
- STATIONS-KISS: Surveillance von Patienten auf Nicht-Intensivstationen mit Zentral-Venen-Katheter, Harnwegkatheter oder maschineller Beatmung.
- MRSA-KISS: Surveillance von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus.
Diese modularisierte Struktur ermöglicht eine fokussierte Überwachung von Patientenkollektiven mit hohem Infektionsrisiko und liefert spezifische Daten, die für die gezielte Verbesserung der Hygienemaßnahmen in den jeweiligen Bereichen unerlässlich sind.
OP-KISS: Überwachung postoperativer Wundinfektionen
Ein besonders wichtiges Modul ist das OP-KISS, das sich auf die Surveillance von postoperativen Wundinfektionen konzentriert. Das Surveillance-Prinzip ist hier patientenbezogen für chirurgische Abteilungen. Erfasst werden stationäre Patienten, bei denen eine Indikator-Operation durchgeführt wurde. Ziel ist es, die Häufigkeit von Wundinfektionen nach häufigen oder besonders wichtigen Operationen zu überwachen.
Das Modul bietet eine strukturierte Methode, die über Einrichtungen hinweg einheitlich ist. Neben Wundinfektionen können optional auch postoperative untere Atemweginfektionen erfasst werden. Die Beurteilung, ob eine Infektion vorliegt, erfolgt anhand der festgelegten KISS-Definitionen und methodischen Festlegungen in den OP-KISS-Protokollen.
Um die Vergleichbarkeit der Infektionsraten zwischen verschiedenen Abteilungen zu gewährleisten, werden die Raten für unterschiedliche Operationsarten getrennt analysiert. Das Modul konzentriert sich auf ausgewählte Operationen, die entweder häufig durchgeführt werden oder bei denen Wundinfektionen eine besondere Relevanz haben. Diese werden als Indikator-Operationen bezeichnet und sind über OPS-Prozeduren-Codes und teilweise ICD-Diagnose-Codes definiert. Der Katalog umfasst über 30 Indikator-Operationen aus unterschiedlichen operativen Fachgebieten, wie beispielsweise Appendektomie, Cholezystektomie und Kolonoperationen. Für einige dieser Operationen werden zudem getrennte Wundinfektionsraten für laparoskopisch und offen-chirurgisch durchgeführte Eingriffe berechnet.
Jeder Patient, der einer Indikator-Operation unterzogen wurde, wird postoperativ über einen festgelegten Zeitraum weiterverfolgt. Die Surveillance-Dauer beträgt je nach Operation 30 oder 90 Tage. Die Erfassung umfasst sowohl Wundinfektionen, die während des stationären Aufenthalts auftreten, als auch solche, die nach der Krankenhausentlassung auftreten. Reoperationen oder der Tod des Patienten beenden die Surveillance vorzeitig.
Risiko-Stratifizierung und Datenmanagement
Um die unterschiedliche Zusammensetzung des Patientengutes verschiedener Kliniken zu berücksichtigen und das individuelle Risiko eines Patienten zu bestimmen, erfolgt eine Risiko-Stratifizierung. Hierfür wird der international gebräuchliche NNIS-Risikoscore (National Nosocomial Infections Surveillance System) angewandt. Dieser Score berücksichtigt drei Faktoren: 1. Die Operationsdauer. 2. Den ASA-Score (American Society of Anesthesiologists) des Patienten, der den allgemeinen Gesundheitszustand bewertet. 3. Den Kontaminationsgrad der Operationswunde.
Diese Daten werden für jede eingeschlossene Operation erhoben und ermöglichen eine risikoadjustierte Bewertung der Infektionsraten.
Für die Dokumentation dieser komplexen Daten stellt das Nationale Referenzzentrum den Teilnehmern ein elektronisches System zur Verfügung, das als webKess bezeichnet wird. Die Daten können manuell über die Benutzeroberfläche eingegeben oder, falls vorhanden, aus den klinikinternen Systemen importiert werden. Die technischen Spezifikationen für einen solchen Datenimport werden vom NRZ bereitgestellt. Diese digitale Infrastruktur ist essenziell für eine effiziente und fehlerarme Datenerfassung.
Weitere relevante Module im Überblick
Neben dem OP-KISS sind weitere Module von hoher Bedeutung für die Krankenhaushygiene.
MRSA-KISS
Das Modul MRSA-KISS befasst sich mit dem Erwerb von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus, einer gefürchteten Krankenhauskeim-Gruppe. Die Surveillance zielt darauf ab, die Häufigkeit des Auftretens und die Verbreitung dieser resistenten Erreger zu monitorieren und Gegenmaßnahmen zu evaluieren.
HAND-KISS
Ein zentraler Bestandteil der Hygienemaßnahmen ist die Handhygiene. Das Modul HAND-KISS, oft im Rahmen der „Aktion Saubere Hände“ oder „Aktion Sauber Hände“ umgesetzt, überwacht die Qualität und Konformität der Handhygiene-Maßnahmen des Personals. Da die Hände der häufigste Übertragungsweg für Krankheitserreger sind, ist die Beobachtung und Verbesserung der Handhygiene ein fundamentaler Baustein der Infektionsprävention.
CDAD-KISS
Dieses Modul erfasst den Erwerb von bakteriellen Durchfallerkrankungen im Zusammenhang mit antibiotischer Therapie, insbesondere die Clostridium difficile-assoziierte Diarrhö (CDAD). Die Überwachung ist wichtig, um den Einfluss des Antibiotikaeinsatzes auf die Darmflora der Patienten zu steuern und Ausbrüche zu verhindern.
Die Rolle des Nationalen Referenzzentrums (NRZ)
Das Nationale Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen (NRZ) ist die zentrale Instanz im KISS-System. Es stellt mit KISS einheitliche Methoden für die Surveillance nosokomialer Infektionen und anderer relevanter Parameter für Gesundheitseinrichtungen zur Verfügung. Die vom NRZ zusammengeführte nationale Referenzdatenbank ermöglicht eine Orientierung an etablierten Standards und die Identifikation eigener Problembereiche. Das NRZ organisiert zudem die notwendigen Einführungskurse und Erfahrungsaustausch-Veranstaltungen für die teilnehmenden Krankenhäuser. Diese Fortbildungen sind oft mit Punkten der Ärztekammer oder der Registrierung beruflich Pflegender anrechenbar, was die professionelle Weiterbildung im Bereich Hygiene fördert. Aktuelle Informationen zu Terminen und Veranstaltungen werden auf der Homepage des NRZ veröffentlicht.
Fazit
Das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) ist ein unverzichtbares Instrument zur Qualitätssicherung und Risikominimierung im Gesundheitswesen. Durch die systematische Erfassung und den Vergleich von Daten zu nosokomialen Infektionen ermöglicht es Krankenhäusern, einen objektiven Blick auf ihre Leistung im Bereich der Hygiene zu werfen. Die Diversität der Module – von der Überwachung postoperativer Wundinfektionen (OP-KISS) über die Kontrolle von Krankenhauskeimen (MRSA-KISS) bis hin zur Überwachung der Handhygiene (HAND-KISS) – bietet eine maßgeschneiderte Lösung für die unterschiedlichen Risikobereiche eines Krankenhauses. Die verbindliche Schulung durch Einführungskurse und die Nutzung einheitlicher Methoden und Definitionen stellen sicher, dass die erhobenen Daten vergleichbar und aussagekräftig sind. Letztendlich dient KISS dem obersten Ziel: dem Schutz der Patienten vor vermeidbaren Infektionen und damit einer Steigerung der Patientensicherheit und der Versorgungsqualität.