Die energetische Sanierung von Gebäudebeständen gewinnt angesichts der nationalen und europäischen Klimaschutzziele erheblich an Bedeutung. In der politischen Diskussion, insbesondere im sogenannten Klimakabinett der Bundesregierung, wird die Gebäudesanierung als zentraler Hebel zur Reduzierung von CO2-Emissionen diskutiert. Der Fokus liegt dabei auf steuerlichen Anreizen, der Anpassung von Förderprogrammen und der Notwendigkeit, die Sanierungsquote im Bestand signifikant zu erhöhen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Forderungen von Politik, Wirtschaft und Umweltverbänden sowie die technischen und wirtschaftlichen Aspekte der Sanierung.
Die politische Initiative: Seehofer und das Klimakabinett
Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat angekündigt, das Thema energetische Gebäudesanierung am Mittwoch in die Sitzung des Klimakabinetts einzubringen. Seehofer betont das riesige Potenzial von Altbauten zur CO2-Minderung. Er erkennt an, dass Hausbesitzer teure Sanierungen nur dann vornehmen, wenn sie steuerliche Vorteile daraus ziehen. Eine steuerliche Absetzbarkeit der energetischen Gebäudesanierung würde nach seinen Angaben eine Milliarde Euro pro Jahr kosten. Dieser Schritt wird als "kraftvoll" bezeichnet, um den CO2-Ausstoß bei Altgebäuden spürbar zu verringern, etwa durch den Austausch alter Heizungen, Fassaden und Dachstühle. Dabei positioniert sich Seehofer mit dem Ziel, Bezahlbarkeit von Wohnen und Klimaschutz gleichwertig zu behandeln.
Das Klimakabinett selbst hat die Aufgabe, Vorschläge zu erarbeiten, wie Deutschland seine Klimaziele bis 2030 erreichen kann, da aktuell sowohl nationale als auch europäische Ziele verpasst werden.
Wirtschaftliche Aspekte und Forderungen des Baugewerbes
Das Baugewerbe, vertreten durch den Zentralverband Deutsches Baugewerbe, appelliert an das Klimakabinett, den Wohnungsneubau nicht unnötig zu verteuern, gleichzeitig aber die energetische Sanierung steuerlich zu fördern. Eine Studie des Verbands in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE) beleuchtet die Auswirkungen energetischer Standards auf die Bauwerkskosten.
Kosten-Nutzen-Analyse höherer Standards
Die Studie zeigt, dass eine Anhebung der Standards von derzeit geltender EnEV 2016 auf Effizienzhaus 40 die Bauwerkskosten um 260 EUR/qm steigen lässt. Bei einer Wohnfläche von 100 m² entspricht das einer Kostensteigerung von 26.000 EUR. Demgegenüber steht ein Energieeinsparpotenzial von lediglich 18 kWh/m² pro Jahr, was als vergleichsweise gering eingestuft wird. Die Kosten und Verbräuche entwickeln sich laut Studie nicht linear.
Forderungen an die Förderpolitik
Der Verbandspräsident Reinhard Quast fordert einen Förderschwerpunkt auf die energetische Gebäudesanierung, um den CO2-Ausstoß drastisch zu senken. Dabei sollen Einzelmaßnahmen im Fokus stehen, um die Investitionsschwelle niedrig zu halten.
Aktuelle und geforderte Förderung für Einzelmaßnahmen: * Status Quo: Einzelmaßnahmen werden derzeit mit Zuschüssen von 10 % der Kosten und maximal 5.000 Euro gefördert. * Forderung: Eine Verdopplung der Bemessung auf 20 % und eine Erhöhung des maximalen Zuschusses auf 10.000 Euro wird als investitionsanreizend erachtet.
Zudem wird eine steuerliche Förderung bei Einzelmaßnahmen gefordert, die bis zu einer Höhe von 10.000 Euro direkt von der Steuerschuld abgezogen werden können. Für komplexere Maßnahmen oder komplette Ertüchtigungen sollen kumulative Bemessungen vorgesehen werden.
Umweltverbände und ordnungsrechtliche Vorgaben
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisiert, dass der Klimaschutz im Gebäudebereich ein "stiefmütterliches Dasein" fristet. Die Sanierungsraten im Bestand seien weit von dem entfernt, was zur Erreichung der Klimaschutzziele notwendig ist.
Individuelle Sanierungsfahrpläne
Ein zentrales Instrument der DUH sind individuelle Sanierungsfahrpläne. Diese integrieren aufeinander abgestimmte Einzelmaßnahmen in ein langfristiges Gesamtkonzept und erlauben eine schrittweise Modernisierung. Die DUH fordert, dass diese Fahrpläne bei Verkauf oder Neuvermietung von Bestandsgebäuden verpflichtend werden, um eine Breitenwirkung zu entfalten. Zudem sollen sie stärker mit staatlicher Förderung bezuschusst und die vorgeschlagenen Einzelmaßnahmen steuerlich gefördert werden.
Niedriginvestive Maßnahmen
Neben umfassenden Sanierungen betont die DUH die Bedeutung von Maßnahmen mit geringem Investitionsaufwand, die sich oft nach wenigen Jahren amortisieren. Dazu gehören: * Dämmung der Geschossdecke * Einblasdämmung * Heizungsoptimierungen (hydraulischer Abgleich, Pumpentausch)
Diese Maßnahmen reduzieren Heizkosten und leisten einen Beitrag zur Wohnqualität und zum Klimaschutz.
Forderung nach ordnungsrechtlichen Vorgaben
Architekt und Sanierungsfahrplan-Experte Burkhard Schulze Darup beschreibt die energetische Sanierung im Bestand als auf "dramatischem Tiefstand". Er kritisiert, dass die Bundesregierung in den letzten Jahren versäumt hat, wirkungsvolle Instrumente auf den Weg zu bringen. Die DUH fordert vom Klimakabinett, entscheidende ordnungsrechtliche Vorgaben einzuleiten, um die Sanierung voranzutreiben. Ziel ist ein klimaneutraler Gebäudebestand bis 2050, was eine lange Investitionsplanung erfordert.
Technische Aspekte der Sanierung: Klimatechnik im Bestand
Die Sanierung der Klimatechnik in Nichtwohngebäuden gewinnt an Bedeutung, da Anforderungen an die Energieeffizienz steigen. Ziel ist die Senkung von Betriebskosten und CO2-Emissionen. Viele Lüftungs- und Klimaanlagen sind veraltet und arbeiten ineffizient.
Herausforderungen und Lösungsansätze
Sanierungen scheitern oft an hohem baulichen Aufwand und der Notwendigkeit von Öffnungen, um Bauteile ins Gebäude zu bringen. Der Hersteller SEW GmbH hat mit der GSWT-Technologie (Gebäude-Sanierungs-Wärmetausch-Technologie) eine Lösung entwickelt, die modular aufgebaute, hocheffiziente Wärmetauscher nutzt. Diese können auch in schwer zugänglichen Bereichen problemlos eingebaut werden, was die Nachrüstung von effizienten Kreislaufverbundsystemen im Bestand ermöglicht.
Sanierungsbedarf in Nichtwohngebäuden
Laut dem Dena-Gebäudereport 2023 gibt es in Deutschland rund 21 Mio. Nichtwohngebäude (Werkstätten, Industriegebäude, Büros, Hotel- und Gastronomiegebäude). Lediglich 2 Mio. unterliegen vollständig den Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG). Dies zeigt ein enormes Nachrüstpotenzial.
Fazit
Die Diskussion im Klimakabinett zeigt einen deutlichen Fokus auf die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden als Mittel zur Erreichung der Klimaziele. Politische Initiativen, angeführt von Horst Seehofer, zielen auf steuerliche Förderungen, um Hausbesitzer zu Investitionen zu bewegen. Gleichzeitig fordert das Baugewerbe eine Balance zwischen Klimaschutz und Bezahlbarkeit von Wohnraum, wobei insbesondere Einzelmaßnahmen gefördert werden sollen, um die Investitionsschwelle niedrig zu halten.
Umweltverbände wie die Deutsche Umwelthilfe sehen die Notwendigkeit ordnungsrechtlicher Vorgaben, wie verpflichtende Sanierungsfahrpläne, um die Sanierungsquote signifikant zu erhöhen. Technologisch eröffnen Innovationen in der Klimatechnik Möglichkeiten zur effizienten Nachrüstung, insbesondere in Nichtwohngebäuden.
Die Erreichung der Klimaziele im Gebäudebereich bis 2050 erfordert ein Bündel aus steuerlichen Anreizen, Förderprogrammen, verpflichtenden Planungsinstrumenten und technologischen Lösungen, das sowohl den Neubau als auch den Bestand adressiert.
Quellen
- Zfk.de - Seehofer bringt Förderung von Gebäudesanierung ins Klimakabinett ein
- Bauenplus.de - Baugewerbe appelliert an Klimakabinett
- Duh.de - Auch kleine Maßnahmen im Gebäudebestand haben große Wirkung
- Tagesspiegel.de - Seehofer setzt im Klimakabinett auf Gebäudesanierung
- Presseportal.de - Baugewerbe appelliert an Klimakabinett
- Industrietreff.de - Baugewerbe appelliert an Klimakabinett
- Ikz.de - Sanierung der Klimatechnik im Bestand