Die Reaktivierung stillgelegter oder nur im Güterverkehr genutzter Bahnstrecken stellt eine wesentliche Maßnahme zur Verbesserung der regionalen Infrastruktur und zur Förderung des Umweltschutzes dar. Im Landkreis Grafschaft Bentheim stehen mehrere Projekte im Fokus der Öffentlichkeit und der politischen Förderung. Insbesondere die Sanierung und Wiederinbetriebnahme der Strecken nach Neuenhaus und Gildehaus sowie die Verbindung in die Niederlande nach Coevorden sind von großer Bedeutung für die Anbindung der Region. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Entwicklungen, die finanziellen Rahmenbedingungen und die technischen Aspekte der Sanierungsmaßnahmen basierend auf den vorliegenden Informationen.
Aktuelle Förderung und Finanzierungsmodelle
Die Finanzierung von Infrastrukturprojekten im Schienenverkehr ist ein komplexes Geflecht aus Mitteln des Bundes, des Landes Niedersachsen und der beteiligten Verkehrsgesellschaften. Für die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Neuenhaus und Coevorden wurden konkrete Zusage veröffentlicht, die den Fortschritt des Projekts manifestieren.
Das Land Niedersachsen hat eine Förderung in Höhe von 2,2 Millionen Euro zugesagt. Diese Mittel sind spezifisch für die Ertüchtigung der Gleise für den Personenverkehr vorgesehen. Ein weiterer Teil der Summe ist für die Modernisierung von drei Bahnhöfen reserviert, um den multimodalen Umstieg zwischen Fahrrad, Bus und Auto zu erleichtern. Die Gesamtkosten für die Reaktivierung der 28 Kilometer langen Strecke werden auf insgesamt 54 Millionen Euro geschätzt. Davon entfallen 34 Millionen Euro auf die deutsche Seite. Der Bund beteiligt sich mit einem sehr hohen Anteil von 90 Prozent an den deutschen Baukosten, was rund 22,7 Millionen Euro entspricht. Diese hohe Bundesbeteiligung unterstreicht die verkehrspolitische Priorität des Projekts. Die Bentheimer Eisenbahn plant, die Strecke Ende 2026 in den Fahrplan aufzunehmen.
Eine gesonderte Betrachtung erfordert die Bahnstrecke Bad Bentheim–Gildehaus. Diese Strecke hat es in die letzte Stufe des niedersächsischen Reaktivierungsprogramms geschafft. Sie ist eine von sechs Strecken in Niedersachsen, die aktuell in der engeren Auswahl für eine potenzielle Reaktivierung stehen. In den vergangenen Monaten wurden die Kosten für den Infrastrukturausbau, inklusive Planungsleistungen, sowie die zusätzlich entstehenden Betriebskosten ermittelt. Ziel der aktuellen vierten Stufe des Verfahrens ist es, eine Investitionsförderung nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) des Bundes zu erhalten. Dieser Prozess wird sich voraussichtlich über einen Zeitraum von zwei Jahren erstrecken. Sollte die Förderung bewilligt werden, sind konkrete Planungen und letztlich die Umsetzung der Sanierung zu erwarten.
Technischer Umfang der Sanierung
Die Sanierung einer Bahnstrecke umfasst weit mehr als nur das Erneuern der Schienen. Es ist ein komplexes Bauvorhaben, das verschiedene Gewerke berührt und eine hohe technische Präzision erfordert. Die vorliegenden Daten zu einem bereits abgeschlossenen Projekt im Raum Bentheim geben Aufschluss über den typischen Umfang solcher Maßnahmen.
Für die Reaktivierung des ersten Teilabschnitts (Neuenhaus – Bad Bentheim) wurde ein Realisierungs- und Finanzierungsvertrag (RuFV) über 21,04 Millionen Euro unterzeichnet. Die Aufschlüsselung der Kosten zeigt die Hauptbereiche der Infrastrukturerneuerung:
- Gleisbau: 6,5 Millionen Euro. Dieser Posten umfasst die Erneuerung der Schienen, Schwellen und des Schotterbetts, um eine sichere und langlebige Trasse zu gewährleisten.
- Signaltechnik: 6,3 Millionen Euro. Die Modernisierung der Signalanlagen ist für den sicheren Betrieb unerlässlich. Dies beinhaltet die Installation von Lichtsignalen, Sicherungstechnik und ggf. Zugbeeinflussungssystemen.
- Bahnsteige: 1,2 Millionen Euro. Die Errichtung oder Sanierung von Bahnsteigen muss den aktuellen Standards für Barrierefreiheit und die Bahnsteighöhe entsprechen, um einen einfachen Zugang zu den Zügen zu ermöglichen.
- Entwässerung und Kabeltiefbau: 1,56 Millionen Euro. Eine funktionierende Entwässerung schützt die Bahninfrastruktur vor Wasserschäden und erhöht die Betriebssicherheit, insbesondere bei Starkregen. Der Kabeltiefbau sichert die Energieversorgung und die Datenübertragung für die Bahnanlagen.
Neben der reinen Strecke umfasst das Projekt auch die Modernisierung der Bahnhofsgebäude in Neuenhaus, Nordhorn und Bad Bentheim sowie deren Umfeld. Diese Maßnahmen sind entscheidend für die Akzeptanz und die Nutzbarkeit des Angebots bei den Fahrgästen.
Bedeutung für die Region und Umwelt
Die Reaktivierung der Bahnstrecken hat eine weitreichende Bedeutung für die Grafschaft Bentheim. Nordhorn, die Kreisstadt, würde mit über 50.000 Einwohnern nach Abschluss der Arbeiten wieder an das Schienennetz angeschlossen werden. Dies stellt eine entscheidende Verbesserung der Mobilität und der Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen, Bildungseinrichtungen und Dienstleistungen dar. Die Anbindung an das überregionale Schienennetz über Bad Bentheim bietet zudem Anschluss an den Fernverkehr.
Die Investitionen in die Schieneninfrastruktur sind zudem ein wichtiger Baustein für den Klimaschutz. Der Schienenverkehr ist umweltfreundlicher als der motorisierte Individualverkehr. Durch ein attraktives Nahverkehrsangebot können Menschen motiviert werden, auf das Auto zu verzichten. Dies entlastet die Straßen und reduziert die CO2-Emissionen. Die Modernisierung der Bahnhöfe mit verbesserten Umstiegsbedingungen für Fahrräder und Busse fördert zudem die intermodale Mobilität, also die Kombination verschiedener Verkehrsmittel für eine Strecke.
Zusammenarbeit der Akteure
Das Gelingen solcher Projekte hängt von einer engen Abstimmung zwischen den beteiligten Akteuren ab. Im Fall der Bentheimer Eisenbahn sind dies das Niedersächsische Verkehrsministerium, die Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG), der Landkreis Grafschaft Bentheim, die Stadt Bad Bentheim und die Bentheimer Eisenbahn AG (BE) selbst. Die Gespräche über die Kosten und die Planung verlaufen auf Augenhöhe. Die positive Einschätzung der Dezernentin des Landkreises, Dr. Elke Bertke, die von einer sehr guten Grundlage und einer optimistischen Haltung spricht, zeugt von der funktionierenden Zusammenarbeit. Die Bentheimer Eisenbahn AG ist eine etablierte Gesellschaft, die die Strecken betreiben soll. Die Tatsache, dass der Bund bereit ist, 90 Prozent der Kosten zu tragen, signalisiert eine hohe Verlässlichkeit der Planungen und die verkehrspolitische Notwendigkeit des Projekts.
Ausblick
Die Bahnstrecke Bad Bentheim–Gildehaus befindet sich aktuell in einer entscheidenden Phase. Die Ermittlung der Kosten für Infrastrukturausbau und Betrieb ist abgeschlossen. Nun geht es darum, die nötige Investitionsförderung nach dem GVFG zu sichern. Sollte dieser Schritt erfolgreich sein, was aufgrund der aktuellen politischen Unterstützung und der bereits erfolgten Selektion in das letzte Programmstufe spricht, ist mit einer baldigen Umsetzung zu rechnen. Parallel dazu ist die Reaktivierung der Strecke nach Coevorden für Ende 2026 geplant.
Fazit
Die Sanierung und Reaktivierung der Bahnstrecken im Landkreis Grafschaft Bentheim stellt ein zentrales Infrastrukturprojekt der Region dar. Die Finanzierung für den Streckenabschnitt nach Neuenhaus ist gesichert und beläuft sich auf rund 21 Millionen Euro, während die Strecke nach Coevorden mit 54 Millionen Euro veranschlagt ist, wobei der Bund den Großteil der deutschen Kosten trägt. Die technische Sanierung umfasst Gleisbau, Signaltechnik, Bahnsteige und notwendige Entwässerungssysteme. Die Bahnstrecke nach Gildehaus hat die letzte Stufe des Reaktivierungsprogramms erreicht und befindet sich in der Vorbereitung einer Förderantrags nach dem GVFG. Diese Maßnahmen sind entscheidend für die Verbesserung der Verkehrsanbindung, die Stärkung der Wirtschaftsraums und den Umweltschutz in der Grafschaft Bentheim.