Sanierung des Landtagsgebäudes Baden-Württemberg: Innovative Techniken und Herausforderungen bei der energetischen und denkmalgerechten Modernisierung

Die energetische Sanierung und denkmalgerechte Modernisierung von historischen und architektonisch bedeutsamen Gebäuden stellt die Bauindustrie vor immense Herausforderungen. Ein herausragendes Beispiel für eine solche Komplexität ist die Generalsanierung des Landtagsgebäudes in Stuttgart, Baden-Württemberg. Dieses Projekt, das zwischen 2013 und 2016 durchgeführt wurde, dient als Leuchtturmprojekt für die Transformation von Bauten der Nachkriegsmoderne, die unter Denkmalschutz stehen. Der Umbau zielte darauf ab, den energetischen Standard zu verbessern, Barrierefreiheit zu gewährleisten und die Arbeitsbedingungen für die Abgeordneten und das Verwaltungspersonal zu optimieren, während gleichzeitig die architektonische Integrität des 1961 fertiggestellten Klassikers gewahrt wurde.

Dieser Artikel beleuchtet die technischen Maßnahmen, die während der Sanierung angewandt wurden, die temporären Lösungen für den laufenden Betrieb und die spezifischen architektonischen Veränderungen, die den Charakter des Gebäudes nachhaltig prägten.

Das Bauwerk: Ein Denkmal der Moderne

Das Haus des Landtags in Stuttgart, errichtet im Jahr 1961, ist ein bedeutendes Baudenkmal des Internationalen Stils. Es gilt als der erste Parlamentsneubau in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Entworfen wurde das Gebäude von den Architekten Kurt Viertel, Erwin Heinle und Horst Linde. Der Bau präsentiert sich als klar geschnittener Kubus im Akademiegarten, zwischen dem Neuen Schloss und der Staatsoper. Charakteristisch ist die elegante Curtain-Wall-Fassade, eine Vorhangfassade aus braunen Glasscheiben und Metallpaneelen, die an Entwürfe von Mies van der Rohe erinnert und in Tombak ausgeführt ist. Der Grundriss ist konsequent modern und U-förmig angelegt, wobei die Abgeordnetenbüros und Sitzungssäle entlang der Fassaden angeordnet sind, während die frei fließenden Foyerflächen das Zentrum bilden. Das Herzstück des Gebäudes ist der neuneckige, holzverkleidete Plenarsaal. Nach über fünf Jahrzehnten intensiver Nutzung war eine grundlegende Sanierung unvermeidlich geworden, um moderne Anforderungen an Brandschutz, Barrierefreiheit und Energieeffizienz zu erfüllen.

Die Generalsanierung: Öffnung und Erleuchtung

Von 2013 bis 2016 wurde das Gebäude generalsaniert. Das Ziel der Sanierung, die auf Entwürfen der Berliner Architekten Staab Architekten basierte, war nicht nur die technische Aufrüstung, sondern vor allem die qualitative Aufwertung der Innenräume. Der Fokus lag dabei insbesondere auf dem Plenarsaal. Dieser war bislang introvertiert und von der Außenwelt abgeschirmt, was eine ausschließlich künstliche Beleuchtung erforderlich machte. Die Sanierung sollte den Saal für Tageslicht öffnen und ihn visuell durchlässiger zum Foyer hin gestalten.

Eine zentrale Maßnahme war die Umgestaltung der Raumhülle. Um den Charakter des Gebäudes nicht zu stark zu verändern, setzten die Architekten auf subtile, aber wirkungsvolle Eingriffe. Bis an die Unterkante der Besuchertribüne reichende, verglaste Öffnungen in den Saalwänden ermöglichen nun die visuelle Verbindung zum Foyer und Ausblicke in den umliegenden Park. Dennoch fließt Tageslicht größtenteils über eine neue, transluzente Lichtdecke in den Saal. Wo vorher eine abgehängte Decke aus Holzpaneelen den Raum abschloss, ersetzt nun eine durchscheinende Decke als helles, schwebendes Lichtvolumen die alte Struktur und sorgt für eine gleichmäßige, natürliche Beleuchtung. Diese Neuerung verleiht dem Saal einen neuen Charakter, ohne die originale Substanz zu überformen.

Herausforderungen der Tragwerksanierung und des Denkmalschutzes

Die Umsetzung der Sanierungspläne stellte die ausführenden Bauunternehmen vor komplexe technische Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf die Tragstruktur. Das Flachdach des denkmalgeschützten Gebäudes wurde im Zuge der Sanierung mit 35 kreisrund angeordneten Öffnungen und zwölf sich nach oben erweiternden Lichtkegeln "transparent" gemacht. Diese massive Veränderung der Dachstruktur, die den Einbau von Tageslichtöffnungen ermöglichte, erforderte eine vollständige Erneuerung und Verstärkung der gesamten Tragstruktur des Gebäudes.

Um die Bausubstanz während dieser intensiven Eingriffe zu sichern, war der Einsatz einer etwa 100 Tonnen schweren temporären Gebäudeabstützung erforderlich. Diese Stützkonstruktion wurde installiert, um die zu erhaltenden und denkmalgeschützten Bereiche zu entlasten. Erst nach der Ertüchtigung der tragenden Elemente konnte die temporäre Abstützung wieder demontiert werden. Dieses Vorgehen unterstreicht die Sorgfalt, mit der bei Sanierungen von Denkmälern vorgegangen werden muss, um Substanzverlust zu vermeiden.

Neben den tragenden Elementen wurden auch zahlreiche unsichtbare Modernisierungen vorgenommen. Dazu gehörten umfangreiche Maßnahmen im Bereich des Brandschutzes, der Barrierefreiheit und der Raumakustik. Zudem wurde die gesamte Gebäudetechnik auf den neuesten Stand gebracht. Ein besonderer technischer Kniff war der Einbau eines neu installierten, gläsernen Aufzugs, der auf einer kreisförmigen Mikropfahlgründung läuft – eine Ingenieursleistung, die unter Denkmalschutzbedingungen oft kompliziert ist.

Die temporäre Lösung: Der Übergangsplenarsaal

Während die Arbeiten am Haus des Landtags aufwendig durchgeführt wurden, musste der parlamentarische Betrieb aufrechterhalten werden. Dafür wurde ein temporärer Sitzungsort eingerichtet. Der Landtag bezog einen "schicken" Übergangsplenarsaal im nahegelegenen Kunstgebäude am Schlossplatz, nur etwa 100 Meter entfernt.

Die Einrichtung dieses Provisoriums kostete das Land drei Millionen Euro und dauerte fünf Monate. Der Saal im Kunstgebäude ist ein runder Raum, der in eine Kuppel mit Fenstern mündet. Um die Akustik in diesem historischen Raum zu verbessern – der sonst stark hallen würde –, hängt in der Kuppel eine überdimensionierte weiße Konstruktion, die an eine "Schultüte" erinnert. Diese Maßnahme dämpft den Schall, beeinträchtigt aber auch die Lichteinflüsse.

Trotz der Funktionstüchtigkeit gab es Einschränkungen. Der Raum ist etwa ein Viertel kleiner als der originale Plenarsaal, was zu einer beengteren Atmosphäre führte. Die Sitzplatzkapazität reduzierte sich von 140 auf 130 Plätze für Abgeordnete. Dies zwang zu organisatorischen Änderungen: Regierungsmitglieder, die gleichzeitig Abgeordnete sind (wie beispielsweise Ministerpräsident Winfried Kretschmann), mussten künftig von ihren Plätzen auf der Regierungsbank aus abstimmen. Auch die Zuschauerkapazität sank drastisch von 230 auf nur noch rund 90 Plätze, was die Transparenz des politischen Geschehens vor Ort einschränkte.

Sicherheitstechnisch musste ebenfalls improvisiert werden. Ursprünglich plante die Polizei eine zwei Meter hohe Glaswand zur Trennung von Zuhörerbereich und Abgeordneten. Man einigte sich jedoch auf eine niedrigere Plastikwand in Treppengeländerhöhe. Insgesamt zeigte sich die Landtagsführung mit der Lösung zufrieden, da man "aus den Rahmenbedingungen etwas Gutes gemacht" hatte, auch wenn der Betrieb im Provisorium als stickig empfunden wurde, da in Teilen des Gebäudes auf den Einbau einer Lüftung verzichtet wurde.

Logistik und Infrastruktur während der Sanierung

Eine Sanierung dieser Größenordnung erfordert nicht nur handwerkliche Arbeit, sondern auch eine komplexe Logistik. Da das Hauptgebäude saniert wurde, mussten große Teile der Verwaltung und des Personals ausgelagert werden.

  • Arbeitsplätze für die Verwaltung: Die Landtagsverwaltung mit 75 Mitarbeitern fand Unterschlupf im Königin-Olga-Bau an der Königstraße. Dieses Gebäude aus den Jahren 1950/1951 bietet großzügige Büros mit Holzfußböden und Stuckelementen an den Decken.
  • Besuchergruppen: Auch Besuchergruppen des Landtags werden zukünftig den Königin-Olga-Bau besuchen können. Allerdings fehlen hier größere Räumlichkeiten für Gruppen, weshalb diese weiterhin im Kunstgebäude betreut werden müssen.
  • Wegezeiten: Die Aufteilung auf mehrere Häuser führte zu verlängerten Wegen für die Mitarbeiter. Der Fußweg vom Königin-Olga-Bau zum Haus der Abgeordneten beträgt gut fünf Minuten, was den Arbeitsalltag logistisch erschwerte.

Ein weiterer Aspekt der Modernisierung war die Errichtung eines unterirdischen Technikgebäudes, das den Betrieb des Hauses effizienter machte, aber von außen nicht sichtbar ist.

Die Fassade und das Äußere

Ein entscheidendes Kriterium bei der Sanierung war der Erhalt der originalen Fassade. Die Vorhangfassade aus Tombak ist ein prägendes Merkmal des Internationalen Stils und musste aus Gründen des Denkmalschutzes nahezu unverändert bleiben. Lediglich die Fenster und die Dachkonstruktion wurden modernisiert, um den Energiebedarf zu senken. Die Kosten für den ursprünglichen Bau im Jahr 1961 betrugen rund 18 Millionen Mark. Für die Sanierung 2013 bis 2016 veranschlagte man zunächst 47,4 Millionen Euro, wobei die Kosten für das temporäre Provisorium (3 Mio. Euro) und die Umbauten am Technikgebäude separat zu betrachten sind.

Zusätzlich entstand 2017 ein weiterer Baukomplex: das Bürger- und Medienzentrum, entworfen von der Henning Larsen GmbH. Dieser Erweiterungsbau schafft eine moderne Schnittstelle zur Öffentlichkeit und entlastet das historische Hauptgebäude von repräsentativen Aufgaben.

Fazit

Die Sanierung des Landtagsgebäudes in Stuttgart ist ein Musterbeispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz, modernen technischen Anforderungen und architektonischer Innovation. Durch den Einsatz von transluzenten Lichtdecken, dem Einbau großer Glasfronten und der Nutzung temporärer Abstützungssysteme wurde ein jahrzehntealter, introvertierter Parlamentsbau in einen hellen, zeitgemäßen Arbeitsort transformiert. Die Herausforderungen, die sich durch die Reduzierung der Raumgröße im Plenarsaal und die notwendige Auslagerung der Verwaltung zeigen, verdeutlichen jedoch auch die Kompromisse, die bei solchen Großprojekten notwendig sind. Das Projekt beweist, dass selbst hochsensibles Regierungsgut energetisch und funktional optimiert werden kann, ohne seinen architektonischen Wert zu verlieren.

Quellen

  1. Schwäbische Zeitung
  2. Gottlob Rommel
  3. Bauhandwerk
  4. Landtag Baden-Württemberg

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