Das grüne Denkmal: Nachhaltige Sanierung und Zukunftsstrategie des Braunschweigischen Landesmuseums

Einleitung

Die Sanierung des Braunschweigischen Landesmuseums, untergebracht im historischen Vieweghaus am Burgplatz, stellt einen Meilenstein in der modernen Denkmalpflege und nachhaltigen Bauwirtschaft dar. Dieser umfassende Umbau, der von 2021 bis 2027 andauern soll, ist nicht nur eine technische Notwendigkeit, sondern ein strategisches Projekt, das weit über die reine Instandsetzung eines Kulturdenkmals hinausgeht. Mit einem Gesamtvolumen von insgesamt 71,1 Millionen Euro – aufgeteilt in einen ersten Bauabschnitt von 3,7 Millionen Euro und einen zweiten von 67,4 Millionen Euro – investiert das Land Niedersachsen erhebliche Mittel, um das traditionsreiche Museum zukunftsfähig aufzustellen.

Das Projekt dient als Musterbeispiel dafür, wie historische Bausubstanz unter strengen denkmalrechtlichen Vorgaben mit modernsten Anforderungen an Energieeffizienz, Klimaschutz und Ressourcenschonung in Einklang gebracht werden kann. Der folgende Artikel beleuchtet die technischen, logistischen und strategischen Aspekte dieser Baumaßnahme, die unter dem Leitbild des „grünen Museums“ steht.

Das Vieweghaus: Historische Bedeutung und Ausgangslage

Das Vieweghaus, 1804 vom Verleger Friedrich Vieweg errichtet, gilt als eines der bedeutendsten Bauwerkt des Klassizismus in Deutschland. Das Gebäude ist nicht nur architektonisch wertvoll, sondern beherbergt als Kernstück des Braunschweigischen Landesmuseums eine Fülle historischer Objekte.

Die Notwendigkeit der Sanierung ergab sich aus dem Zustand der Bausubstanz und der veralteten technischen Infrastruktur. Insbesondere die Überdachung des Innenhofs, eine Glaskonstruktion aus den 1980er Jahren, war stark sanierungsbedürftig. Laut den vorliegenden Informationen entsprach diese alte Kuppel nicht mehr den aktuellen Brandschutzanforderungen, was eine unmittelbare Gefährdung für Besucher und die wertvolle Museumssubstanz darstellte. Zudem wies das Gebäude Defizite in der Energiebilanz auf, die mit den heutigen klimapolitischen Zielen des Landes nicht vereinbar waren.

Logistische Herausforderungen: Sicherung von 300.000 Objekten

Bevor die eigentlichen Bauarbeiten beginnen konnten, stand eine logistische Mammutaufgabe an: die Sicherung der Sammlung. Die Vorbereitungsphase der Sanierung dauerte fast zwei Jahre. In dieser Zeit mussten rund 300.000 Objekte begutachtet, verpackt und in Depots ausgelagert werden.

Dieser Prozess erforderte eine enorme körperliche Anstrengung und professionelles Handling, da die Sammlung schwere und unhandliche Exponate umfasst. Zu den besonderen Herausforderungen gehörten: * Ein 400 Kilogramm schwerer Trabant (Trabi). * Eine 850 Kilogramm schwere und 2,5 Meter große Atomuhr der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. * Die 3,90 Meter hohe Holzskulptur „Heinrich der Löwe in Eisen“.

Diese Skulptur ist besonders interessant, da ihr Beiname „in Eisen“ auf einen Brauch aus dem Ersten Weltkrieg zurückgeht. Dabei konnten Bürger gegen eine finanzielle Spende einen Nagel in die Skulptur schlagen, um so die Kriegsführung finanziell zu unterstützen. Die Auslagerung dieser Objekte war zwingend notwendig, um sie vor Schäden durch die Baustelle zu schützen und denkmalgerecht zu konservieren.

Erster Bauabschnitt: Die neue Glaskuppel und Brandschutz

Der erste Bauabschnitt wurde mit einem „Fest unter der Museumskuppel“ öffentlich gewürdigt. Hierbei handelte es sich um die Erneuerung der Überdachung des Innenhofs, die nun als neue Glasdachkonstruktion realisiert wurde. Die Baukosten für diesen Abschnitt beliefen sich auf rund 3,7 Millionen Euro.

Die Maßnahmen umfassten mehr als nur den Austausch der Dachkonstruktion: 1. Erneuerung des Daches: Die alte, marode Konstruktion wurde durch ein modernes Glasdach ersetzt. 2. Sanierung der Kelleraußenwand: Auch die Bausubstanz im unteren Bereich des Gebäudes wurde saniert. 3. Ertüchtigung des Blitzschutzes: Der Blitzschutz wurde den aktuellen technischen Standards angepasst.

Die neue Glasdachkonstruktion erfüllt eine doppelte Funktion. Einerseits stellt sie die Sicherheit und die Einhaltung der Brandschutzvorschriften sicher, andererseits verleiht sie dem Gebäude einen neuen Charakter. Wie von der Museumsdirektorin Dr. Heike Pöppelmann hervorgehoben, schafft die Glaskuppel ein offenes Atrium, das dem klassizistischen Denkmal seinen ursprünglichen Charakter zurückgibt und gleichzeitig ein zeitgemäßes Erscheinungsbild ermöglicht.

Zweiter Bauabschnitt: Grundsanierung und Finanzierung

Der zweite Bauabschnitt stellt das wirtschaftliche und technische Kernstück der Sanierung dar. Hierfür hat das Land Niedersachsen eine Summe von 67,4 Millionen Euro zugesagt, die im Haushalt 2024 veranschlagt wurde. Ziel dieses Abschnitts ist die grundlegende Sanierung des gesamten Gebäudes bis Ende 2027.

Im Anschluss daran ist bis voraussichtlich Ende 2028 die Neukonzeption der Ausstellung geplant. Die Sanierung zielt darauf ab, das Gebäude „von Grund auf“ zu erneuern, was die Instandsetzung von Fundament, Wänden, Decken und der gesamten Haustechnik umfasst. Die Investition wird politisch als „riesiger Erfolg“ für Braunschweig gewertet, da sie die Attraktivität der Innenstadt als kulturellen Ankerpunkt stärkt.

Nachhaltigkeitsstrategie: Auf dem Weg zum „grünen Museum“

Ein zentrales Leitmotiv des Projekts ist die Umsetzung einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsstrategie. Das Ziel ist es, das Museum zu einem „grünen Museum“ zu transformieren. Dieser Ansatz geht weit über die bloße energetische Sanierung hinaus und folgt einem modernen Ingenieurs- und Planungsverständnis.

Die Strategie basiert auf mehreren Säulen, die im Folgenden dargestellt werden.

Energieeffizienz und Klimaschutz

Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Reduzierung des CO2-Fußabdrucks und der Gesamtenergiebilanz des Gebäudes. Durch den Einsatz regenerativer Energien und die Optimierung der Gebäudehülle soll der Energieverbrauch drastisch gesenkt werden. Ziel ist es, klimapolitische Vorgaben des Landes zu erfüllen, was die Sanierung auch aus gesellschaftlicher Verantwortung rechtfertigt.

Ressourcenschonung und Materialien

Die Wahl der Baumaterialien folgt dem Prinzip der Ressourcenschonung. Es werden Materialien eingesetzt, die möglichst umweltfreundlich und ressourcenschonend sind. Ein entscheidender Aspekt ist hierbei die Berücksichtigung der Recyclingfähigkeit der verwendeten Baustoffe.

Reversibilität und Cradle-to-Cradle

Ein technisch besonders anspruchsvolles Konzept ist die Forderung nach Reversibilität und Nachrüstmöglichkeiten der Gebäudetechnik. Das bedeutet, dass technische Anlagen so geplant werden, dass sie in Zukunft wieder rückgebaut oder ausgetauscht werden können, ohne die Bausubstanz zu beschädigen oder wertvolle Ressourcen zu verschwenden. Das Konzept „Cradle-to-Cradle“ (von der Wiege zur Wiege) zielt darauf ab, Abfall komplett zu vermeiden, indem Produkte am Ende ihres Lebenszyklus wieder zu Rohstoffen werden.

Intelligentes Haustechnik- und Energiekonzept

Die Sanierung beinhaltet die Entwicklung eines intelligenten Haustechnikkonzepts. Dieses muss zwei widersprüchliche Anforderungen unter einen Hut bringen: 1. Denkmalschutz: Das historische Erscheinungsbild des Vieweghauses darf nicht durch sichtbare technische Anlagen verändert werden. 2. Klimatisierung der Ausstellungen: Die wertvollen Museumsobjekte benötigen ein spezielles, stabiles Klima, um ihre Substanz zu erhalten.

Die Herausforderung besteht darin, eine hohe Luftwechselrate und präzise Klimasteuerung in einem denkmalgeschützten Gebäude zu realisieren, ohne die energetischen Gewinne durch undichte Fassaden oder ungedämmte Bauteile zu kompensieren.

Wirtschaftliche und städtebauliche Bedeutung

Die Sanierung des Landesmuseums wird nicht nur als kulturelle, sondern auch als wirtschaftliche Notwendigkeit für Braunschweig gesehen. Der Oberbürgermeister Dr. Thorsten Kornblum betont, dass die Maßnahme die Attraktivität der Braunschweiger Innenstadt weiter erhöhen wird.

Trotz der vollständigen Schließung des Hauptstandorts am Burgplatz bis 2027 sind die Besucherzahlen des Museums gestiegen. Dies liegt an temporären Ausstellungen an anderen Standorten: * Standort Hinter Aegidien: Hier finden Sonderausstellungen statt, wie beispielsweise „Göttinnen des Jugendstils“, die außerordentliche Besucherzahlen erzielten. * St. Ulrici-Brüdern: In dieser Kirche ist das Mit-Mach-Museum zum Thema Mittelalter untergebracht, das bei Kindergärten, Schulen und Familien sehr beliebt ist. * Aegidienkloster: Hier ist seit Dezember 2021 die Dauerausstellung „Ein Teil von uns. Deutsch-jüdische Geschichten aus Niedersachsen“ zu sehen.

Diese räumliche Verteilung zeigt, dass das Museum trotz der Bauphase präsent bleibt und die kulturelle Infrastruktur der Stadt stabilisiert. Die Investition von 71,1 Millionen Euro stärkt zudem die Bauwirtschaft und setzt Signale für zukunftsorientiertes Bauen im Denkmalbereich.

Technische Zusammenfassung der Sanierungsmaßnahmen

Um die Komplexität des Projekts zu veranschaulichen, fasst die folgende Tabelle die wichtigsten technischen Aspekte zusammen, die sich aus den Quellen ergeben:

Maßnahme Beschreibung Zielsetzung
Dachsanierung Austausch der 1980er-Jahre-Konstruktion durch eine neue Glasdachkonstruktion. Brandschutz, Sicherheit, ästhetische Aufwertung (Atrium).
Kellersanierung Sanierung der Kelleraußenwand. Standsicherheit, Dämmung, Feuchtigkeitsschutz.
Blitzschutz Komplette Erneuerung und Ertüchtigung der Anlage. Sicherheit für Besucher und Exponate.
Gebäudetechnik Entwicklung eines intelligenten Haustechnikkonzepts. Energieeffizienz, Klimakontrolle für Ausstellungen.
Materialnutzung Einsatz ressourcenschonender Materialien. Nachhaltigkeit, Recyclingfähigkeit.
Planungsmethode BIM (Building Information Modeling) im Einsatz. Ganzheitliche Planung, Reversibilität.

Besonders hervorzuheben ist der Einsatz von BIM (Building Information Modeling), der in diesem Projekt durch die MP-Gruppe (Engineering-Team) unterstützt wird. BIM ermöglicht es, alle Planungsdaten digital zu bündeln, was die Koordination zwischen Denkmalpflegern, Ingenieuren und Bauunternehmen verbessert und Fehler reduziert.

Fazit

Die Sanierung des Braunschweigischen Landesmuseums ist ein Vorreiterprojekt für die moderne Denkmalpflege in Niedersachsen. Es verbindet die Bewahrung historischer Bausubstanz mit dem unverzichtbaren Ziel der Nachhaltigkeit. Die Investition von 71,1 Millionen Euro ist nicht nur eine Instandhaltung, sondern eine strategische Weichenstellung für die Zukunft.

Die technischen Lösungen – von der neuen Glasdachkonstruktion bis zum reversiblen Haustechnikkonzept – zeigen, dass ökologisches Bauen und Denkmalschutz kein Widerspruch sein müssen. Durch die konsequente Umsetzung einer Cradle-to-Cradle-Philosophie und die Nutzung von BIM-Technologie dient das Vieweghaus als Leuchtturmprojekt für eine verantwortungsvolle und zukunftsweisende Baukultur.

Für Bauherren, Architekten und Investoren bietet das Projekt wertvolle Erkenntnisse darüber, wie komplexe Sanierungen in historischem Kontext wirtschaftlich, ökologisch und technisch erfolgreich umgesetzt werden können. Die Tatsache, dass das Museum durch temporäre Ausstellungen seine kulturelle Funktion erfüllen kann, unterstreicht zudem die Bedeutung agiler Konzepte in der kulturellen Stadtentwicklung.

Quellen

  1. Braunschweigisches Landesmuseum: Sanierung bis 2027
  2. Braunschweiger Landesmuseum: Weiterer Zuschuss vom Land Braunschweig
  3. Braunschweig.de: Braunschweigisches Landesmuseum
  4. Fest unter der Museumskuppel – erster Bauabschnitt am Braunschweigischen Landesmuseum abgeschlossen
  5. MP-Gruppe: Neuer Raum für Utopien

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