Die Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden stellt Architekten, Ingenieure und Handwerker vor eine besondere Herausforderung. Es gilt, historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig moderne Anforderungen an Funktionalität, Sicherheit und Energieeffizienz zu erfüllen. Ein herausragendes Beispiel für eine solche komplexe Baumaßnahme ist die Generalsanierung des Landgerichts Magdeburg. Dieser imposante Bau, einst als Justizpalast konzipiert, unterlag zwischen 2015 und 2020 einer detaillierten Restaurierung, die den historischen Glanz wiederherstellte und das Gebäude auf den aktuellen Stand der Technik brachte.
Dieser Artikel beleuchtet die Baugeschichte, die technischen Herausforderungen und die durchgeführten Maßnahmen dieses bedeutenden Projekts in der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt.
Baugeschichte und Ausgangslage
Das Landgericht Magdeburg entstand zwischen 1900 und 1906 im Magdeburger Stadtteil Sudenburg. Ursprünglich als repräsentativer Justizpalast geplant, wurde der Bau im Stil des Historismus errichtet. Die Entwürfe stammten von Regierungsbaurat Hermann Angelroth (1853-1901) und Geheimem Oberbaurat Paul Thoemer (1852-1918), die dem Preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten in Berlin angehörten.
Das Gebäudeensemble bestand ursprünglich aus zwei viergeschossigen Gebäudeflügeln, die durch einen zentralen Mittelbau verbunden waren. Der symmetrische Grundriss und die repräsentative Gestaltung der Südfassade mit dem Haupteingangsbereich prägten das Erscheinungsbild. Charakteristisch waren zwei 50 Meter hohe Türme, die den Mittelteil einfassen sowie Eckrisaliten. Während die Südfassade des Hauptgebäudes aus Werkstein bestand, wiesen die nach Norden auslaufenden Flügel sowie der nördliche Flügel partiell verputzte Backsteinfassaden auf.
Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude schwere Beschädigungen. Besonders betroffen waren der repräsentative Mittelteil und der Nordflügel, die vollständig zerstört wurden. Während der DDR-Zeit erfolgte lediglich eine grobe Beräumung der Fläche. Erst im Jahr 2001 entstand ein moderner Neubautrakt anstelle der zerstörten Gebäudeteile. Die Generalsanierung der verbliebenen, denkmalgeschützten Originalbereiche stand jedoch noch aus und wurde schließlich zwischen September 2016 und dem Sommer 2020 realisiert.
Planung und Koordination
Für die umfangreichen Planungsarbeiten gewann das Architektenbüro Tchoban Voss im Februar 2015 das ausgelobte VOF-Verfahren. Die Herausforderung bestand darin, das denkmalgeschützte Gebäude an die hohen Anforderungen der modernen Daten- und Sicherheitstechnik anzupassen, ohne den restauratorischen Aufgaben gerecht zu werden. In enger Zusammenarbeit mit der Unteren Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt Magdeburg und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt erfolgten die Planungen bis 2020.
Die Bauherrschaft vertrat das Bau- und Liegenschaftsmanagement Sachsen-Anhalt (BLSA), Technisches Büro Magdeburg. Die Planung umfasste die Leistungsphasen 2 bis 9. Als assoziierter Partner fungierte Jörg Rudloff, Projektleiterin war Bettina Kempe-Gebert. Neben den Architekten waren zahlreiche Ingenieurbüros und Fachplaner beteiligt, darunter R&P Ruffert Ingenieurgesellschaft mbH für die Statik, IB Albrecht für Haustechnik und Bischoff und Bischoff Ingenieur-Sachverständigenbüro für Brandschutzplanung.
Umfang und Kosten der Sanierung
Die Sanierungsmaßnahmen betrafen die denkmalgeschützten Gebäudeflügeln inklusive Büroräumen, Verhandlungssälen, Verwaltungsbereichen, Fluren und Sozialbereichen sowie die Fassaden und die Neugestaltung der Außenanlagen. Die Bruttogrundfläche (BGF) des sanierten Altbaus beträgt 19.635 m², andere Quellen nennen eine Bruttogrundfläche von knapp 20.000 m².
Die Gesamtkosten der Baumaßnahme beliefen sich auf ca. 38,1 Millionen Euro. Andere Quellen geben eine Investitionssumme von 36,7 Millionen Euro an. Diese Schwankungen sind bei Großbaustellen nicht ungewöhnlich und können auf spätere Anpassungen oder detailliertere Kalkulationen zurückzuführen sein.
Technische Herausforderungen und Modernisierung
Ein Kernziel der Sanierung war die Harmonisierung von Denkmalschutz und moderner Nutzung.
Daten-, Kommunikations- und Sicherheitstechnik
Ein wesentlicher Aspekt war die Anpassung an die Anforderungen eines modernen Gerichtsgebäudes. Dazu gehörte die Installation aktueller Daten- und Kommunikationstechnik. Besondere Aufmerksamkeit galt der Sicherheitstechnik. Für die Bereiche der Gefangenenverwahrung und Gefangenenzuführung zu den Gerichtsverhandlungen mussten besondere Sicherheitseinrichtungen geschaffen werden. Diese Anforderungen sind spezifisch für Justizgebäude und erfordern eine sorgfältige Integration in die bestehende Bausubstanz.
Energieeffizienz und Lüftung
Ein zeitgemäßer energetischer Ausbau war ein weiteres Ziel. Die Lüftungsanlagen wurden modernisiert. Anbindungs- und Schnittstellenbereiche, vorwiegend für die technische Medienversorgung zwischen Altbau und dem 2001 errichteten Neubau, wurden angepasst. Diese Maßnahmen tragen zur Energieeinsparung und zur Verbesserung des Raumklimas bei.
Schallschutz und Akustik
Die Anforderungen an Schallschutz und Raumakustik wurden im Zuge der Generalsanierung berücksichtigt. Ein Schallschutzgutachten wurde von Eco Akustik – Ingenieurbüro für Schallschutz, Barleben, erstellt. Dies ist besonders in Gerichtsgebäuden relevant, um die Akustik in Verhandlungssälen und Büros zu optimieren.
Barrierefreiheit
Die Bauherren legten großen Wert darauf, in den historischen Gemäuern Barrierefreiheit zu schaffen. Das Gerichtsgebäude wurde entsprechend umgebaut, um den Zugang für alle Besucher und Nutzer zu gewährleisten.
Denkmalgerechte Sanierung der Bausubstanz
Die Erhaltung der historischen Substanz stand im Mittelpunkt der Maßnahmen. Besonders hervorzuheben ist die Sanierung der Fassaden.
Natursteinsanierung
Die Hauptfassaden sind teilweise oder vollständig mit Granit und Sandstein verblendet. Nach einer detaillierten Schadens- und Maßnahmenkartierung wurde ein Plan zum Erhalt des Materials erstellt. Grundsätzlich wurde auf einen Austausch von Natursteinelementen, wie zum Beispiel Gewänden, verzichtet. Stattdessen kamen Methoden wie der Einsatz von Vierungen und Steinersatz zum Einsatz. Die Steinrestaurierung Ellwart GmbH & Co. KG aus Berlin war für diese sensiblen Arbeiten verantwortlich. Die Firma Paul Schuster LB Bau- und Natursteinbetrieb GmbH aus Magdeburg war ebenfalls in den Natursteinarbeiten involviert.
Klinker und Backstein
An Nebenfassaden wurde Klinker als Sockelausbildung oder für Fenstergewände eingesetzt. Für den Teilersatz der Klinker wurden passende Steine bemustert, um die historische Optik zu wahren.
Dach und Mauerwerk
Die Dach- und Fassadensanierung war ein zentraler Bestandteil des Projekts. Auf dem Programm standen unter anderem die Neueindeckung der Dächer und Reparatur der Dachstühle. Zudem musste die Trockenlegung der Grundmauern sichergestellt werden. Die Firma Busse Bau GmbH aus Magdeburg leistete umfangreiche Rohbauarbeiten, darunter den Abbruch von 500 m² Mauerwerkswänden und die Herstellung von ca. 590 m² neuen Decken. Die Holzbauarbeiten übernahm Pampelbau Dachtechnik Holzbau GmbH aus Zwickau.
Innenausbau und Restaurierung
Der Innenausbau umfasste die Bereiche Büros, Verhandlungssäle und Sozialräume. Die Raumausstattung Mewes GmbH & Co. KG aus Havelberg war hier tätig. Spezialisierte Restaurierungsfirmen wie NÜTHEN Restaurierungen GmbH + Co. KG aus Erfurt sorgten für die fachgerechte Wiederherstellung historischer Innenelemente. Die Metallbauarbeiten wurden von ER+TE Stahl- und Metallbau GmbH aus Zerbst durchgeführt.
Die beteiligten Unternehmen
Ein Großprojekt dieser Größe erfordert die Zusammenarbeit zahlreicher Fachfirmen. Neben dem Architektenbüro Tchoban Voss und der Bauherrschaft BLSA waren folgende Unternehmen maßgeblich an der Umsetzung beteiligt:
- Rohbau: Busse Bau GmbH, Magdeburg
- Holzbau: Pampelbau Dachtechnik Holzbau GmbH, Zwickau
- Naturstein: Paul Schuster LB Bau- und Natursteinbetrieb GmbH, Magdeburg
- Brandschutz: Armbrust GmbH, Mühlheim an der Ruhr
- Steinrestauration: Steinrestaurierung Ellwart GmbH & Co. KG, Berlin
- Restaurierung: NÜTHEN Restaurierungen GmbH + Co. KG, Erfurt
- Innenausbau: Raumausstattung Mewes GmbH & Co. KG, Havelberg
- Metallbau: ER+TE Stahl- und Metallbau GmbH, Zerbst
Weitere beteiligte Planungsbüros waren R&P Ruffert Ingenieurgesellschaft mbH (Statik), IB Albrecht (Haustechnik), Ihr Freiraumplaner (Landschaftsplanung), Bischoff und Bischoff (Brandschutz), Wessling GmbH (Bausubstanzuntersuchung) und Eco Akustik (Schallschutz).
Bedeutung für die Justiz in Magdeburg
Die Sanierung des historischen Flügels des Landgerichts Magdeburg sichert nicht nur die Bausubstanz für die Zukunft, sondern verbessert auch die Arbeitsbedingungen für Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Verwaltungspersonal. Durch die Integration moderner Technik und die Schaffung von Barrierefreiheit wird das Gebäude den heutigen Anforderungen gerecht. Zudem sollen im Gebäudekomplex neben den Räumlichkeiten des Landgerichts weitere Einrichtungen der Justiz Platz finden, die bislang an anderen Standorten angesiedelt waren. Dies bündelt die Justizstandorte und optimiert die Abläufe.
Fazit
Die Generalsanierung des Landgerichts Magdeburg ist ein Musterbeispiel für die gelungene Verbindung von Denkmalschutz und moderner Bauweise. Durch die substanzerhaltenden Maßnahmen unter Einhaltung hoher denkmalpflegerischer und restauratorischer Anforderungen wurde das historische Erscheinungsbild des ehemaligen Justizpalasts wiederhergestellt. Gleichzeitig wurde das Gebäude durch die Installation moderner Daten-, Kommunikations- und Sicherheitstechnik sowie durch Maßnahmen zur Energieeffizienz und Barrierefreiheit auf einen zukunftsfähigen Stand gebracht. Die Zusammenarbeit der Architekten, Ingenieure und Handwerker unter Federführung des Büros Tchoban Voss hat eine bedeutende historische Bausubstanz für die Justiz in Sachsen-Anhalt erhalten.