Strategische Kanalnetzsanierung in München: Einsatz moderner Vortriebstechnik an der Landsberger Straße

Die Modernisierung kritischer Infrastruktur in Ballungsräumen stellt Architekten, Bauingenieure und Stadtplaner vor immense Herausforderungen. Insbesondere in historisch gewachsenen Metropolen wie München, wo Verkehrsdichte und Bebauungsdichte extrem hoch sind, erfordert die Erneuerung von Abwassersystemen innovative Lösungen, die Störungen des Alltags minimieren. Der im Zeitraum von 2018 bis 2021 durchgeführte Ausbau der Kanalisation an der Landsberger Straße in München dient hierbei als prägnantes Beispiel für eine zukunftsweisende Bauausführung. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Hintergründe, die Notwendigkeit der Maßnahme und die gewählte Bauweise, die einen vollständigen Ausfall einer der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt verhinderte.

Die Notwendigkeit der Sanierung: Urbaner Druck und Klimawandel

Die Kanalnetzsanierung Landsberger Straße war keine willkürliche Maßnahme, sondern eine dringende Reaktion auf die veränderten hydrologischen Bedingungen in der bayerischen Landeshauptstadt. Wie in den vorliegenden Quellen dargelegt, führen eine zunehmende Flächenversiegelung und häufiger auftretende Starkregenereignisse zu enormen Abwassermengen, die die bestehenden Kanalsysteme an ihre Leistungsgrenzen bringen.

Das Bauvorhaben zielte darauf ab, das bestehende, oft überlastete Kanalsystem im Stadtteilbereich Pasing und Laim zu entlasten. Dieses stammt teilweise noch aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und ist den heutigen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Ziel war es, kritische Mischwasserströme im Münchner Westen und Südwesten effektiver abzuleiten. Konkret wurde ein neuer Abwasserkanal mit einem Durchmesser von 3 Metern (DN 3000) realisiert, der das anfallende Mischwasser über das Regenrückhaltebecken Hirschgarten ableitet. Dieser Lückenschluss zwischen den bereits 2012 und 2016 fertiggestellten Bauabschnitten gewährleistet eine durchgängige und leistungsfähige Entwässerung.

Die Herausforderung: Infrastruktur und Verkehr

Die Landsberger Straße ist eine der wichtigsten Verkehrsadern Münchens. Eine Sanierung im herkömmlichen offenen Bauweise hätte verheerende Folgen für den Stadtverkehr gehabt. Eine Analyse der Bauherren ergab, dass bei einer offenen Bauweise eine einseitige Sperrung der Straße unvermeidbar gewesen wäre.

Für die Herstellung des Sammelkanals wären große linienförmige Baugruben mit einer erheblichen Längsausdehnung notwendig gewesen. Da der Kanal in einer Tiefe von bis zu 9 Metern verlegt werden musste, hätte dies massive Eingriffe in die Verkehrsinfrastruktur bedeutet. Die Folgen wären gewesen: * Erhebliche Verkehrseinschränkungen. * Hohe Belastungen durch Schmutz und Lärm für die Anwohner. * Das Blockieren von Zuwegungen zu Gewerbebetrieben und Wohneinheiten. * Die notwendige Verlegung von Bushaltestellen und Ampelanlagen. * Ein massiver Eingriff in den Baumbestand: Man rechnete mit dem Fällen von etwa 180 Bäumen entlang der Strecke.

Diese Faktoren machten eine alternative Bauweise zwingend erforderlich, um die Stadtteilverbindung offen zu halten und die Umweltbelastung zu minimieren.

Die Lösung: Geschlossene Bauweise und Rohrvortrieb

Die Entscheidung fiel frühzeitig auf das Vortriebsverfahren, eine geschlossene Bauweise. Diese Technik bietet entscheidende Vorteile bei hohem Verkehrsaufkommen, beengten Platzverhältnissen und in unmittelbarer Nähe zu bestehenden Gebäuden.

Funktionsweise des Rohrvortriebs

Anstelle einer offenen Baugrube werden die Stahlbetonrohre von einem Startschacht aus unterirdisch in den Boden gedrückt. Die hierfür benötigten Elemente wurden von BERDING BETON geliefert. Es handelte sich um 2,2 km Stahlbetonvortriebsrohre DN 3000. Bei dieser Methode wird die Erdoberfläche nur an wenigen Punkten unterbrochen. Für dieses Projekt waren lediglich eine Startgrube und zwei Zielgruben (bzw. ein Zwischenschacht) notwendig.

Diese örtlich stark begrenzten Bauaktivitäten ermöglichten es, den Verkehr auf der Landsberger Straße größtenteils aufrechtzuerhalten. Die Bauarbeiten fanden konzentriert an diesen Schächten statt, während darunter die Rohre verlegt wurden. Dieses Verfahren minimierte nicht nur die Verkehrsbehinderungen, sondern schonte auch die umliegende Bebauung und den wertvollen Baumbestand erheblich.

Projektrealisierung und Beteiligte

Das komplexe Bauvorhaben wurde von der Münchner Stadtentwässerung geplant und durchgeführt. Der Bau des 2,2 Kilometer langen Kanals, der vom Kreisverkehr in Laim bis „Am Knie“ in Pasing reicht, erfolgte im Auftrag der Stadt durch spezialisierte Firmen. Wayss & Freytag Ingenieurbau, Bereich Tunnelbau, war für die technische Umsetzung des Vortriebs verantwortlich.

Neben der reinen Bauausführung spielte die technische Überwachung und das Projektmanagement eine wesentliche Rolle. Die BERNARD Gruppe wurde beispielsweise mit dem Nachtragsmanagement und der Örtlichen Bauüberwachung beauftragt. Zu den Leistungen gehörten die Überprüfung der Ausführungsplanung, Beratung im technischen Vertragsmanagement und die Prüfung von Preisermittlungsgrundlagen. Auch die boley Geotechnik war in die Erkundungsarbeiten und die baugrundgutachterliche Begleitung involviert. Diese enge Zusammenarbeit von Planern, Bauausführern und Überwachungsgremien war entscheidend für den Erfolg des Projekts, das nach dreijähriger Bauzeit im Oktober 2021 erfolgreich an das bestehende Netz angeschlossen wurde.

Einfluss auf die angrenzende Infrastruktur

Obwohl der Vortrieb unterirdisch stattfand, waren Begleitmaßnahmen an der Oberfläche notwendig. Wie in den Quellen erwähnt, wird die Landsberger Straße nicht nur saniert, um die Kanalisation zu erneuern, sondern auch, um die gesamte Verkehrsinfrastruktur zu modernisieren. Dazu gehören die Sanierung der Fahrbahn, der Gleise (wahrscheinlich Straßenbahn) sowie der Trink- und Abwasserleitungen.

Die Stadt München hat frühzeitig versucht, die Anwohner und Gewerbetreibenden durch Informationsveranstaltungen, teilweise per Livestream, in den Prozess einzubinden, um die Bauabläufe und notwendigen Umleitungen transparent zu kommunizieren. Dies unterstreicht die Bedeutung der sozialen Komponente bei Großbaustellen in dicht besiedelten Gebieten.

Fazit

Die Sanierung des Kanalnetzes an der Landsberger Straße in München ist ein Paradebeispiel für modernen Tunnelbau in der Stadtentwicklung. Durch den Einsatz der geschlossenen Bauweise mittels Rohrvortrieb konnte eine kritische Verkehrsader für den motorisierten Individualverkehr, die Straßenbahn und den Fußgänger- und Radverkehr während der gesamten Bauzeit weitgehend offen gehalten werden. Der Einsatz von 2,2 Kilometern Stahlbetonvortriebsrohren DN 3000 sorgt langfristig für eine entlastete und klimaresiliente Abwasserentsorgung im Münchner Westen. Das Projekt zeigt, dass durch kluge Technikwahl und intensive Planung selbst tiefgreifende Infrastrukturmaßnahmen in der Innenstadt möglich sind, ohne die Stadt übermäßig zu belasten.

Quellen

  1. Berding Beton - Kanalnetzsanierung
  2. WF IB - Tunnelbau Landsberger Straße
  3. Boley Geotechnik - Projekt Kanalnetzsanierung
  4. Bernard Gruppe - Kanalnetzsanierung
  5. Radio Leipzig - Großbaustelle Landsberger Straße
  6. Baumagazin Online - Berding Beton Vortriebsrohre

Ähnliche Beiträge